11.05.1950

PROJEKT DAWIDOWUms Leben kommen

Die TASS-Meldung saß: kein deutscher Kriegsgefangener, außer 14 Kranken, wird mehr aus der Sowjetunion zurückkehren. Westliche Kommentatoren machen düstere Prophezeiungen über das Schicksal von anderthalb Millionen Menschen.
Ungefähr gleichzeitig berichtet der englische "Intelligence Digest", der seinerzeit als erstes Blatt vorhersagte, Stalin habe die Atombombe, von dem Beginn eines Riesenprojektes in der Sowjetunion: die Russen fangen an, ein Sibirisches Meer, so groß wie die deutsche Bundesrepublik, hinter dem Ural aufzustauen.
Der Brüsseler "Tschassowoj" ("Wachtposten"), das Organ der russischen Nationalbewegung in der Emigration, schreibt: "Naive haben keine Ahnung, wie der Bau von solchen Großobjekten in der Sowjetunion vor sich geht. Die Sowjets verwenden dabei fast ausschließlich das Heer der Strafgefangenen. Wieviel Menschen dabei ums Leben kommen, spielt keine Rolle."
Ein Eisenbahnersohn aus Taschkent, der Wasserbauingenieur Mitrofan Mihailowitsch Dawidow, ist daran gegangen, mit Arbeitssklaven und Atomenergie den lieben Gott zu korrigieren. Nach seinem Plan, dem Dawidow-Plan,
* wird die Sowjetunion neue elektrische Energiequellen bekommen, die das Plansoll der ganzen UdSSR für 1950 (82 Milliarden Kilowatt) verdoppeln werden
* wird in Zentralasien ein Gebiet sechsmal so groß wie Aegypten auf Mittelmeerklima umgestellt und Platz für 20 Millionen Menschen bieten
* wird Sibirien mit mitteleuropäischen Temperaturen beglückt.
Außenminister Wyschinskij deutete das Projekt am 16. November 1949 vor dem Politischen Ausschuß der UNO an: "Wir tragen mittels der Atomenergie Berge ab, bewässern Wüsten und bahnen uns einen Weg durch Urwälder. Wir überwinden alle Arten von Hindernissen und tragen die Zivilisation in Gegenden, wo seit Tausenden von Jahren kein Mensch seinen Fuß hingesetzt hat."
Mitrofan Mihailowitsch Dawidow war dabei, als im Spätsommer 1949 Atomexplosionen in Rußland die Welt nervös machten. Es handelte sich damals um eine Probesprengung, um 1. die gelenkte Anwendung von Atomenergie studieren zu können und 2. Erfahrungen darüber zu sammeln, was es mit der radioaktiven Verseuchung des Sprengungsbereiches auf sich hat. (Amerikanische Forscher glauben heute, sie sei nicht so anhaltend, wie man ursprünglich dachte.)
Im großen Hörsaal des Energetischen Instituts in Moskau hat Ingenieur Dawidow an Hand riesiger Landkarten der Sowjetunion sein Projekt vor der sowietischen Oeffentlichkeit erläutert:
"Die Aufgabe, die wir uns stellen und die wir in der nächsten Zeit lösen wollen, besteht darin, die großen Wasserläufe aus den vereisten Tundren des Nordens zu den Ländern der brütenden Hitze, nach Zentralasien, abzulenken. Ich schlage vor, am Ob, vor seinem Zusammenfluß mit dem Irtysch, ein Stauwerk zu errichten, das den Wasserspiegel des Ob um 60 Meter heben soll. Das Wasser des Ob wird dann durch Nebenflüsse nach Süden zurückfließen.
"Es wird bis zu den Turgai-Höhen gelangen, die im Durchschnitt 26 Meter über dem Spiegel des ankommenden Wassers liegen. Wir müssen einen Kanal hindurchgraben, damit das Wasser des Ob zum Aral-See fließen kann, einen in der Geschichte der Hydrotechnik noch nicht dagewesenen Kanal von 930 km Länge." (Hier an den Turgai-Höhen wurde vermutlich atomprobegesprengt.)
Vor dem ersten Weltkrieg erzeugte Rußland knapp 2 Milliarden Kilowatt. 1940 war es schon 25 mal mehr als 1913. Planziffer für Ende 1950: 82 Milliarden Kilowatt. Erzeugung der zukünftigen Kraftanlagen des Dawidow-Projektes allein: 15 Milliarden Kilowatt. Falls der Jenessei mit zur Auffüllung des Sibirischen Meeres herangezogen wird: 82 Milliarden. Eine Leninsche Definition von 1920. "Kommunismus: das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes."
Sein Leben lang hat Mitrofan Mihailowitsch Dawidow mit Sowjet-Wasser und Elektrizität zu tun gehabt, ehe er sich an das Sibirien-Meer-Projekt machte. Von 1922 bis 1933 war er Spezialist in der Organisation für die Wiederherstellung des Bewässerungssystems in Zentralasien, später leitender Ingenieur der Wolgadirektion und stellvertretender Direktor des "Hydroenergieprojekts". Eine ganze Reihe von Kraftwerken ist in dieser Zeit an der Wolga entstanden. Nördlich Moskau hat der Stausee "Moskauer Meer" die halbe Größe des Bodensees.
Vollkommen neu sind Ingenieur Dawidows Pläne indessen nicht das sibirische Meer, das er schaffen will, hat an der gleichen Stelle schon einmal bestanden, in der Tertiärzeit, in der sich die Alpen auffalteten und die deutschen Mittelgebirge tätige Vulkane waren
Zu dieser Zeit erhoben sich auch die Turgai-Höhen und drängten die sibirischen Flüsse nach Norden. Eine Kette kleinerer Seen südlich der Turgai-Höhen weist noch heute den ursprünglichen Lauf. Längs dieser Wasserstraße soll Dawidows Kanal via Aral-See im Kaspischen Meer enden.
Zehn Milliarden Kubikmeter Erde müßten freilich erst noch bewegt werden, ehe es so weit ist, denn der Kanal durch die Turgai-Höhen wird 250 bis 330 Meter breit sein müssen. Und bis das sibirische Meer durch die Wassermassen des Ob aufgefüllt sein wird und überschüssiges Wasser nach Süden abfließen kann, werden zehn bis zwanzig Jahre vergehen.
"Der großartige Plan spiegelt die unbegrenzten Möglichkeiten der Wissenschaft und Sowjettechnik wider, welche unter der weisen Führung Stalins der Sache des Fortschritts und des Glückes der Menschen dient", heißt es im Dawidow-Plan-Vorspruch.
Die Menschen werden Josef Stalin vielleicht nicht mehr persönlich danken können, wenn Ob-Wasser in die Kirgisensteppe fließen wird. Die nicht, die vom Projekt Dawidow dann profitieren, und die nicht, Deutsche und Russen, die zugrunde gingen, als sie zehn Milliarden Kubikmeter Erde bewegten. Der Alte im Kreml ist schon heute 70 Jahre alt.

DER SPIEGEL 19/1950
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