22.06.1950

FREIMAURER / INTERNATIONALESDie Hand zum Bunde

Tausend Bruderhände bildeten die Kette. Dann taten die fünfhundert Würdenträger der Vereinigten Großloge der Freimaurer von Deutschland einen in ihrer jahrhundertealten Geschichte noch nicht dagewesenen Schritt: den Schritt an die Oeffentlichkeit.
Offen bekannte sich die deutsche Freimaurerei zum deutschen Schicksal. Aber auch zu den traditionellen Idealen der "Königlichen Kunst": Brüderlichkeit, Toleranz und Humamität.
Großmeister Dr. Theodor Vogel zog letzte Woche in Hannovers Stadthalle die Bilanz eines Jahres - seit dem Wiedererstehen der Vereinigten Großloge in der Frankfurter Paulskirche: "Die Stagnation nach fünfzehnjährigem Interregnum ist überwunden, die Gefahr der biologischen und geistigen Ueberalterung besteht nicht mehr, die deutsche Freimaurerei lebt."
Sie lebt und wirkt, - wenn auch erst mit einem Zehntel der alten Kraft. Von 80000 vor-33er Logenbrüdern blieben 8000 übrig, in knapp 200 Logen. "Wenn wir deutschen Freimaurer unser Vermögen von 200 Millionen Goldmark noch hätten, das uns die Nationalsozialisten 1933 nahmen und von dem wir erst etwa 200000 DM zurückbekamen, könnten wir weit wirksamere Hilfe leisten."
Als 1933/34 der NS-Staat die Freimaurerei als erste der "überstaatlichen Mächte" auf die Hörner nahm, wurde mit den reichen und teilweise einzigartigen Logenbibliotheken auch unersetzliche wissenschaftliche und weltanschauliche Substanz in alle Winde zerstreut. Wenig fand sich wieder vor. Einer Arbeit von Generationen wird es bedürfen, den deutschen Logen die geistige Führerrolle zurückzugewinnen, die sie einst innerhalb des Weltfreimaurertums besaßen.
Die Verbindung zu den ausländischen Bauhütten, Logen und Bruderschaften ist längst wiederhergestellt. In Einzelbegegnungen zunächst, denen die offizielle Anerkennung folgen soll. In Hannover sangen Vertreter der Großlogen von Belgien, Dänemark, Frankreich, Oesterreich, Italien, USA, Mexiko, Exil-Spanien und zahlreichen südamerikanischen Staaten das "Brüder, reicht die Hand zum Bunde" mit.
Der einzige Auslandsgast in Uniform vertrat fast vier Millionen Logenbrüder: Colonel Egner-USA. Dreiviertel aller Freimaurer der Welt, wenn man die sogenannten "Seitenorden" mitrechnet, leben in Nordamerika. Nirgends ist die Freimaurerei so sehr Bestandteil des öffentlichen Lebens wie dort.
FM. unter Mordverdacht. Das war nicht immer so. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es eine gefährliche Krise, herbeigeführt durch den Morgan-Skandal.
Ein ehemaliger Freimaurer, William Morgan in Batavia im Staate New York, hatte gedroht, die Geheimnisse seiner Loge zu veröffentlichen. Einige Tage später wurde er wegen eines unbewiesenen Betruges verhaftet, und wieder einige Tage später entführten ihn maskierte Männer aus dem kleinen Stadtgefängnis des Ortes. Später fischte man seine verweste Leiche aus dem Ontario-See.
Obwohl die Logenbrüder von Batavia jede Verantwortung für den Menschenraub und den Mord ablehnten, machte man sie doch dafür verantwortlich. Einen Augenblick lang sah es so aus, als werde der "Fall Morgan" das Ende der Freimaurerei in den USA mit sich bringen. Doch nichts geschah, der Verdacht war zu unsinnig. Bald wuchsen die Bruderschaften in den Staaten wieder weiter. Heute blühen sie farbenfreudiger als je zuvor.
Zwar gab es während der Wirtschaftskrise Ende der 20er Jahre dieses Jahrhunderts einen Rückschlag. Aber seither nahm die Mitgliederzahl Jahr um Jahr zu. 1934 - als die letzten offiziellen Zahlen bekanntgegeben wurden - gab es in Nordamerika 2988134 "Meister" in 16515 anerkannten Logen. Heute dürfte die Zahl der US-Freimaurer nach maßgeblichen Schätzungen 3,5 bis 4 Millionen betragen.
Einige Vermutungen greifen noch höher. In Zeiten der Prosperität vermehren sich die Freimaurer in den USA meist rapid. Von 1910 bis 1928 verdoppelte sich ihre Zahl. Seit 1939 geht Amerika wieder durch eine Periode wachsenden Wohlstandes. Manche meinen, daß sich die Zahl der Brüder seit 1934 abermals verdoppelt hat.
Allerdings würde nicht einmal der enragierteste Freimaurerfeind den Logenbrüdern des Jahres 1950 so etwas wie Entführung und Mord zumuten. In den USA machen manche Logen zur Zeit einen ähnlichen Prozeß der Verweltlichung durch wie manche Kirchengemeinschaften. "Sie haben den alten Freimaurergeist verloren", klagen diejenigen Veteranen der Königlichen Kunst, die den alten Disziplinen treu bleiben. "Sie können keine Geheimnisse bei sich behalten. Es geht ihnen um unsere Dollars, nicht um unsere Seelen."
Zu deutsch: Vergnügen. Mehr und mehr Freimaurerlogen in Amerika entarteten zu einem Gemisch von Herrenpartie, Skatabend und Geschäftsvereinigung. Die Orden und Uniformen, die Titel und die seltsamen Kopfbedeckungen sind vielfach ihrer rituellen Bedeutung entkleidet. Die "Schreiner", die "Elche", die "Adler", die Mitglieder des "Verbesserten Orden des roten Mannes" nehmen sich selbst nicht recht ernst, wenn sie zu ihrem jährlichen Landestreffen zusammenkommen.
Treffen sich diese Brüder abends in ihren Logen, so freut es sie, sich edlen Gedanken und hilfreichen Taten zu widmen. Aber in vielen USA-Logen geht man dann gern zur weiteren Tagesordnung über. Sie trägt den in keinem Freimaurerritual enthaltenen Titel "Fun". Zu deutsch: Vergnügen.
Es ist darum für amerikanische Verhältnisse auch nicht verwunderlich, daß zum "Imperial Potentate" der "Shriners" im vergangenen Sommer Harold Lloyd, der hornbebrillte Filmkomiker ferner Jugendtage, gewählt wurde. Als solcher steht er zur Zeit im Range über einem anderen "Shriner": Harry S. Truman.
Der ließ es sich nicht nehmen, bei der Konvention, die Lloyd wählte, selbst zu sprechen. Allerdings weigerte er sich, für die Photographen den roten Fez aufzusetzen. Vorher hatte er es oft genug getan. Der "Publicity" zuliebe.
Die "Shriners" - wie der umständlichere Titel "Alter Arabischer Orden der Edlen des Mystischen Schreines" meist abgekürzt wird - nehmen nur Freimaurer auf, die bereits den 32. Grad erreicht haben. Außer Harry Truman, der ehrenhalber den 33. Grad erhielt, sind eine ganze Reihe führender Persönlichkeiten von der zeitgenössischen politischen Szene in den USA Freimaurer mit dem 33. Grad. Etwa: Die Generale McArthur, Mark Clark (früher Kommandant der Besatzungsarmee in Oesterreich), Fliegergeneral Doolittle, Senator Vandenberg, Oberster Richter Burton, Verleger Howard.
Schon diese Auswahl zeigt, daß der amerikanischen Freimaurerei keine ausgesprochene politische Tendenz zuzuschreiben ist. McArthur beispielsweise ist ein ziemlich nach der extremen Rechten neigender Mann, der in fast jedem politischen Problem in Opposition zu Harry Truman steht.
Im Jahre 1832 war infolge des "Falles Morgan" in den USA die Stimmung gegen die Freimaurer so stark, daß ein Mann deutscher Abstammung namens William Wirt zum Anti-Freimaurer-Kandidaten gegen den Freimaurer Andrew Jackson aufgestellt werden konnte. Aber Jackson gewann die Wahl, und nach ihm sind - wie vor ihm schon der erste USA-Präsident George Washington - noch zahlreiche andere amerikanische Präsidenten Freimaurer gewesen. Unter ihnen Johnson, McKinley, Theodore Roosevelt, Taft, Harding und Franklin D. Roosevelt.
Sie machten aus ihrer Zugehörigkeit zu einer der 49 amerikanischen Großlogen nie ein Geheimnis und ließen sich sogar im Freimaurerschurz photographieren.
Freimaurersymbole finden sich in zahlreichen amerikanischen Staatswappen. Obwohl täglich Millionen Eindollarscheine von Hand zu Hand gehen, wissen die wenigsten Benützer, daß auf jeder Dollarnote das Freimaurerzeichen steht. Und die Parole der Hoffnung: "Neue Ordnung der Jahrhunderte".
Hände weg von Politik. Die amerikanischen Freimaurer hatten bis vor dem Kriege wenig internationale Beziehungen. Schon während der Unabhängigkeitskriege lösten sie sich von ihren englischen Gründern und verkündeten die seither berühmt gewordene Theorie der "territorialen Exklusivität". Derzufolge darf keine Loge im Territorium der andern intervenieren. Tut sie es dennoch, so macht sie sich der Verletzung des brüderlichen Friedens schuldig.
Als vor dem ersten Weltkriege Frankreichs wichtigste Großloge, der "Grand Orient", prononciert politische Positionen bezog, rissen alte Freundschaftsfäden ab. Die amerikanische Freimaurerei betonte noch einmal, daß sie Einmischung in die Politik grundsätzlich ablehne.
Nicht einmal auf die Rassengesetzgebung versuchten die Logen in den USA Einfluß zu nehmen. Sie erkennen - entgegen den Grundlehren der Freimaurerei - Logen, die von Negern gegründet werden, nicht an. Mit Ausnahme zweier Logen. Die etwa eine Million anderer Neger-Freimaurer gelten als "illegal".
Trotz des Versuchs, sich von Verflechtungen mit dem Ausland freizuhalten, wurden die amerikanischen Freimaurer allein durch ihre zahlenmäßige Bedeutung gezwungen, sich der ausländischen Logen anzunehmen. Wenigstens finanziell. Das geschieht vor allem in Form von Wohltätigkeitssammlungen für Waisen und Kriegsopfer.
Aber auch diese Auslandsleistungen stellen nur einen Bruchteil der philantropischen Betätigung der Freimaurer in den USA dar. Die "Eagles" beispielsweise waren die Pioniere der Sozialversicherung in den USA. Als Roosevelt sein Social Security Programm im Jahre 1935 begann, übergab er dieser Organisation den Federhalter, mit dem er das Gesetz unterschrieben, und die Fahne, die am Tage der endgültigen Abstimmung über dem Kapitol geweht hatte. Heute hat jede Loge eigene Krankenhäuser, Alters- und Jugendheime und vergibt Stipendien für junge Leute.
Soziale Fürsorge ist auch in England eines der wesentlichen Anliegen der Freimaurerei. Allerdings bringen die britischen Brüder für die in die Breite gehenden und damit naturnotwendig verflachenden, geselligen Abarten amerikanischer Freimaurerei nur wenig Verständnis auf.
Bruder König. England betrachtet sich als die Heimat der modernen Freimaurerei. Zwar ist die Vorgeschichte der "Königlichen Kunst" auf der britischen Insel genau so umstritten wie anderswo. Aber zu einer Zeit, als die Freimaurerei in anderen Ländern verfallen war, wurde die englische Großloge gegründet (1717). Innerhalb zweier Jahrzehnte folgten ihr die Großlogen von Schottland und Irland. Alle anderen Logen der Neuzeit gehen auf diese drei Großlogen zurück, brüsten sich die britischen Brüder.*)
Innerhalb des britischen Weltreichs kamen noch sechzehn andere Großlogen hinzu: für jede der neun Provinzen Kanadas, für die sechs Bundesstaaten Australiens und für Neuseeland. Logen in Indien, Pakistan, Südafrika und anderen Teilen des Empire sind einer der drei Großlogen des Mutterlandes angeschlossen.
Seit Kriegsende stieg die Zahl der Brüder stärker als gewöhnlich. Viele Kriegsteilnehmer glaubten, in den Logen den sittlichen Halt zu finden, nach dem sie suchten. Genaue Statistiken sind nicht bekannt. Die englische Großloge zählt rund 500000 Brüder, die schottische 250000 bis 300000, die irische 50000 bis 100000.
Englands Freimaurer rühmen sich zwar, daß sich ihre Mitgliedschaft aus allen Schichten und Parteien zusammensetzt. Aber seit ihrem Bestehen hat der Hochadel
sie gefördert: Einer der ersten englischen Großmeister war der Herzog von Norfolk, höchster katholischer Aristokrat des Landes.
Seit 1717 gehörten über zwanzig englische Prinzen der Bruderkette als Glieder an. Unter den Königen von England gab es vier Großmeister bzw. Altgroßmeister. Der jetzige King, Georg VI., wurde 1936 Großmeister von Schottland. Er legte diese Würde traditionsgemäß bei der Thronbesteigung nieder, nahm aber danach den Titel eines Altgroßmeisters von England an.
Sein Großvater, König Eduard VII., war als Prinz von Wales volle 27 Jahre Großmeister von England. Eduard VIII. war und ist prominenter Freimaurer, und des jetzigen Königs Bruder, der Herzog von Kent, war ab 1939 Großmeister von England, bis er 1942 bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam. Gegenwärtig tragen den Titel eines Altgroßmeisters von England: Georg VI., der Herzog von Windsor, und König Gustav V. von Schweden.
Seit 1947 ist der Herzog von Devonshire englischer Großmeister. Zu seiner Großloge gehört Winston Churchill, der vor vielen Jahrzehnten Freimaurer wurde, sich allerdings aktiv in dem Bruderbund kaum betätigt. Hohe Grade in der Freimaurerei bekleiden Arbeitsminister George Isaacs und Lord Alexander. Attlees früherer Verteidigungsminister, jetzt Kanzler des Herzogstums Lancaster.
Zu den Grundsätzen der englischen Freimaurerei gehören der Glaube an ein "Oberstes Wesen", die Ausschaltung der Frauen und das absolute Verbot, politische oder religiöse Dinge bei der Tempelarbeit auch nur zu erörtern. Einmischung in politische Fragen ist tabu. Man nimmt es kontinentalen Freimaurern übel, daß sie sich manchmal nicht so strikt an diese Regel halten und damit überflüssig viel Widerstand - beispielsweise seitens der katholischen Kirche - hervorrufen.
Der Widerstand gegen jegliche politische Meinungsäußerung seitens der Freimaurer als Organisation geht so weit, daß sich alle drei britischen Großlogen nach dem Kriege und bis auf den heutigen Tag konstant weigerten, offiziell gegen den Kommunismus oder gegen die Politik der Sowjetunion Stellung zu nehmen, obwohl viele Brüder darauf drängten. Man fürchtete, sich mit einer solchen Erklärung auf die schiefe Bahn zu begeben.
Dabei können Kommunisten in England praktisch nicht Freimaurer werden, da Glaube an das "Oberste Wesen" Voraussetzung für Zulassung ist und der Eid auf Bibel. Talmud, Koran oder ein anderes heiliges Buch geschworen werden muß.
Wegen Verstoßes gegen die Grundregeln hat die englische Freimaurerei niemals Frankreichs "Grand Orient" anerkannt, der von einem Obersten Wesen nichts wissen will. Die Freimaurer Italiens und Exil-Spaniens werden von den Engländern überhaupt nicht als Freimaurer anerkannt. Wegen politischer Betätigung.
Der Vatikan dementiert. Seit einiger Zeit erwägen Britanniens drei Großlogen, ob die deutsche Freimaurerei anerkannt werden soll. Die Entscheidung dürfte noch auf sich warten lassen. Man will sich in der prächtigen Freemasons' Hall in London, der Zentrale der englischen Freimaurerei, erst vergewissern, ob die deutsche Organisation auch wirklich Aussicht auf Bestand hat und die alten Gesetze einzuhalten gedenkt. Auch als Freimaurer übereilen sich Engländer nicht gern. Es wäre ihnen peinlich, wenn sie eines Tages eine Anerkennung zurücknehmen müßten.
Das Prestige der englischen Großloge ist groß. Insgesamt hat sie bis jetzt rund 6800 Logen eine Konstitution erteilt. Von diesen fallen etwa 1000 nicht mehr unter ihre Jurisdiktion: Sie stellten ihre Tätigkeit ein oder wurden von neuen überseeischen Großlogen übernommen. Der Rest untersteht weiter der Großloge in London.
Zwischen den Großlogen des Empire besteht enger Kontakt. Im Gegensatz zu den 49 amerikanischen Großlogen gehen die des Britischen Weltreiches in grundsätzlichen Fragen - bei der Anerkennung fremder Logen beispielsweise - meist parallel vor.
Dabei ist die englische Großloge tonangebend. Wenn diese also später einmal die deutsche Freimaurerei anerkennt, werden die übrigen achtzehn Großlogen bald folgen.
Wesentlich komplizierter liegen die Dinge in Italien. Nirgendwo ist die Freimaurerei so zerrissen wie dort. In Rom sieht man im Fehlen eines einheitlichen Freimaurertums, das als Verhandlungspartner dienen könnte, den Hauptgrund für das Scheitern der Annäherungsversuche, die von optimistischen italienischen Freimaurern in Richtung Vatikan gemacht wurden.
Seit der "Osservatore Romano" im letzten März hochoffiziell auf der ersten Seite dementierte, ist dieser Traum der "katholischen Freimaurer" zu Ende. Erneut erklärte damit der Vatikan die Unvereinbarkeit von Freimaurertum und Katholizismus.
Zum ersten Male verurteilte Papst Klemens XII. am 4. März 1738 mit der Enzyklika "In eminenti" die Freimaurerei. Kaum fünf Jahre vorher war in Florenz die erste italienische Loge gegründet worden. Sieben weitere Enzykliken, mehrere päpstliche Bullen und Breves folgten in den nächsten Jahrhunderten.
Durch die Artikel 684 und 2335 des Codex Juris Canonici sind Freimaurer jeglicher Richtung automatisch exkommuniziert Die katholische Kirche versteht hier, wo es um ihre Fundamente geht, keinen Spaß. Der "Osservatore Romano" nennt die annäherungsfreudige These von einem Einvernehmen zwischen Freimaurerei und katholischer Kirche einen "schreienden Widerspruch".
Offene Tür. Das Vatikan-Dementi erfolgte als Antwort auf ein Presse-Interview des "Souveränen Großmeisters" Terzani. Der hatte erklärt, er habe ausgezeichnete Beziehungen zur katholischen Kirche. Die Zeit der antiklerikalen Haltung der Freimaurer sei vorbei. Mit einer abfälligen Handbewegung tat er die Exkommunizierungsdekrete ab.
Trotz der Dementis ist es in Rom kein Geheimnis, daß es Jesuiten gibt, die das Tor zur Freimaurerei einen Spalt breit offenhalten möchten. Großmeister Terzani zeigte dem Journalisten den Brief eines Paters, in dem von der Bereitwilligkeit der Kirche die Rede war, die Freimaurer öffentlich zu rehabilitieren. Aber offiziell und nach außen hin bleibt die Haltung der Kirche unversöhnlich.
Die Aufspaltung der italienischen Freimaurerei geht soweit, daß selbst Eingeweihte sich kaum noch zurechtfinden.
Sie begann schon 1860. Bis 1908 ließen sich die Gegensätze einigermaßen überbrücken. Aber dann wurde die Trennung in Logen des "schottischen" und solche des "symbolischen" Ritus endgültig. 1912, in Washington, wurden die "Schotten" international anerkannt.
Von 1922 bis 1925 unterstützten beide Gruppen aktiv den Faschismus. Zum Dank löste Mussolini sie gemeinsam auf. Der letzte "Souveräne Großmeister" des schottischen Ritus, Palermi, bekam einen Posten im Ministerium. Im Herbst 1943, nach Mussolinis Sturz, machte er sich wieder an die Arbeit. Aber das taten auch andere.
Sieben Gruppen. 1948 gab es nicht weniger als zwölf italienische Freimaurergruppen. Jede hatte ihren "Souveränen Großmeister" und forderte allgemeine und internationale Anerkennung. Heute sind noch sieben übrig geblieben. Fünf mit schottischem Ritus und je eine mit symbolischem und Yorker Ritus (auch "vom königlichen Bogen" genannt).
Wieviel Freimaurer es heute in Italien gibt, ist der Oeffentlichkeit nicht genau bekannt. Zählt man zusammen, was die einzelnen Gruppen selbst als Mitgliederbestand angeben, so kommt man ziemlich genau auf 80000.
Der Einfluß der italienischen Freimaurer im öffentlichen Leben des Landes ist schwer zu messen. Fest steht, daß die Liberale Partei und die Linkssozialisten Nennis stark maurerisch beeinflußt sind.
Am stärksten aber sind die Freimaurer in der Republikanischen Partei, die durch Außenminister Sforza und Verteidigungsminister Pacciardi in der Regierung vertreten ist. Selbst im niederen Klerus und bei den Christlichen Demokraten gibt es Maurer.
Trotzdem: Eine entscheidende politische Macht ist die Freimaurerei heute in Italien nicht, obwohl ihr führende Köpfe des öffentlichen Lebens angehören. Die Zeiten sind vorbei, als sie mit Mazzini und Garibaldi Italien einigte, als der "Souveräne Großmeister" Palermi auf fast gleichem Fuß mit Mussolini und dem König verhandelte.
Gerade Palermi versetzte dem italienischen Freimaurertum einen starken Stoß. Nach dem Kriege wurde lange gerüchtet, er sei ein Spitzel der OVRA, der italienischen Gestapo, gewesen.
Kurz vor seinem Tod schwor er dem Maurertum ab. Er wurde kirchlich bestattet, und der "Osservatore Romano" widmete ihm einen freundlichen Nachruf.
Nur den Namen gemeinsam. Wie in Italien, so gibt es auch in Frankreich eine ganze Anzahl verschieden ausgerichteter Freimaurerorden. Sie stehen zueinander in engen, losen oder gar keinen Beziehungen. Gemeinsam sind ihnen nur der Name "Freimaurer" und die alten Symbole.
Die beiden größten Logengemeinschaften sind die "Groß-Loge von Frankreich" in der Rue Puteaux zu Paris und der an Mitgliederzahl doppelt so starke "Groß-Orient von Frankreich" in der Rue Cadet. Während sich die "Groß-Loge von Frankreich" mehr mit philosophischen Fragen befaßt, übt der "Groß-Orient" eine mehr soziale und politische Aktivität aus. Beide Orden nehmen nur Männer auf. Aber es gibt auch einen Frauenorden und einen, dem sowohl Männer als auch Frauen angehören.
Das Ritual auch der französischen Freimaurer ist eine Zusammenstellung von Dialogen, die den Anwesenden vor, während und nach der "Arbeit" die Grundgedanken ihres Ordens nahebringen sollen. Die "Arbeit" selbst ist ein Vortrag.
Der kann sich sowohl mit moderner Malerei als auch mit der Bedeutung der freimaurischen Symbole, sowohl mit der französischen Kolonialpolitik als auch mit der Anwendung des Penicillin in der modernen Medizin befassen.
Im Gegensatz zu dem jedoch, was der Freimaurer als "profan" bezeichnet, gibt es keine wilden Diskussionen. Jeder "Bruder" äußert seine Meinung in gesetzten Formen: Leidenschaft oder gar Haß sind aus den Tempeln verbannt.
Schon bald nach dem Kriege kam es zu brüderlichem Einvernehmen zwischen französischen und deutschen Maurern. Offizielle Beziehungen zwischen den Großlogen diesseits und jenseits der Grenze existieren jedoch bis jetzt noch nicht. Viele französische Freimaurer wurden mit der Erinnerung an Gestapo-Verfolgungen noch nicht fertig.
Immerhin: der Sprecher der Freimaurer des Auslandes auf dem zweiten Großlogentag der deutschen Freimaurer war ein Franzose: Dr. Theodor Pontzen, Meister vom Stuhl einer Pariser Loge. - Deren Name ist "Goethe".
*) Die erste deutsche Loge entstand 1737 in Hamburg. Ein Jahr später bekam sie durch die Aufnahme des preußischen Kronprinzen, des späteren Königs Friedrich II., starken Auftrieb. Logengründungen in Dresden (1738), Berlin (1740), Bayreuth. Leipzig, Meiningen, Breslau, Frankfurt/Oder usw. folgten.

DER SPIEGEL 25/1950
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