01.06.1950

LÜNEBURGER HEIDE / DEUTS CHLANDSchindluder gespielt

Niedersachsens Kommunisten halten es neuerdings mit Hermann Löns. Der schrieb 1903 in seinem niedersächsischen Skizzenbuch: "Die halbe Heide sieht aus, als habe der Teufel damit Schindluder gespielt. Um und um ist sie gewühlt, daß Sand und Ortstein, Blüten und Machangeln kreuz und quer durcheinanderliegen."
Das war auf die "zweckmäßigen Meyer"*) gemünzt, die damals zum ersten Male einen Dampfpflug zur Kultivierung von Heideland ansetzten. Heute aber pflügen britische Panzer die Heide im Raum Reinsehlen, Soltau, Bispingen und Wilsede.
Die KP-Landtagsfraktion verlangte vergeblich die Einstellung der "Manöver ausländischer Truppen in der Heide". Eine Delegation von Landtagsabgeordneten solle ausgeschickt werden, um das Ausmaß der angerichteten Schäden zu überprüfen und festzusetzen.
Alles Demagogie, lehnten die Bürger und Sozialdemokraten den Antrag ab. Die Russen haben im Spreewald und auf dem Darß noch ganz anders gehaust. Freilich, was die Tommies in der Heide anrichteten, sei nicht gut, aber vielleicht nicht zu umgehen gewesen, wenn sie als Mithüter des europäischen Flurschutzes fit bleiben wollen und wenn in einigen Jahren nicht sowjetische T 34 am Lönsgrab bei Fallingbostel stehen sollen.
Dann würde sich nämlich alles wiederholen, was der Heidedichter innerhalb von drei schöpferischen Wochen, todkrank von blutigen Visionen, in seinem "Werwolf" beschrieb: Mord, Brand und plündernde Marodebrüder
Hellweges DP-Abgeordnete plädierten deshalb für Intervention von Hinrich Kopfs Landesregierung. "Sie möge im Verwaltungsweg Sorge tragen, daß die militärischen Uebungen auf die 30 ha großen Truppenübungsplätze beschränkt bleiben." Dieser Antrag wurde angenommen
Das Naturschutz-Triumvirat des Heideheiligtums am Wilseder Berg verspricht sich von diesem Verwaltungsweg jedoch nicht viel. Die beiden Vorsitzenden des Vereines "Naturschutzpark", Hans Domitzlaff und Professor Wagner, und der Leiter der Reichsstelle für Naturschutz, Dr. Hans Klose, haben ihn seit 45 oft genug in derselben Sache vergeblich beschritten. Sie sind fast müde darüber geworden.
Am aktivsten auf Abwehrstellung blieb noch der industrieverbundene Werbeberater von Reemtsma und Siemens, Hans Domitzlaff, dem die Heide eine Naturnotwendigkeit, eine "Kraftquelle der Seele" ist. Den 52jährigen durchgeistigten Natur- und Kunstfreund verfolgt seit Jahren die Zwangsvorstellung wie ein zweites Gesicht, daß es eines Tages auch mit dem letzten Ursprünglichkeitsreservat am Wilseder Berg zu Ende ist.
Mit Mühe und Not wehrte Domitzlaff während des Krieges bedrohliche Luftwaffen-Pläne in der Lüneburger Heide ab. 1944 wollte Göring den Wilseder Berg in eine Festung mit massiven Bauten zur Luftabwehr verwandeln. Domitzlaff packte den Reichsmarschall bei der Reichsforstmeisterehre und setzte seinen Willen durch. An Stelle des Wilseder Berges wurde das Hamburger Heiligegeistfeld Luftabwehrfestung.
"Wenn große Städte verwüstet werden, unersetzbare Kunstwerke verloren gehen und ein großer Teil der Kulturdokumente eines Volkes von der Erde verschwindet, so ist das ungeheuer beklagenswert. Sie
sind wie die Blüten eines Baumes. Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß ein neues Jahr neue Blüten und Früchte bringen kann. Wenn aber das Wurzelwerk verdorrt, dann gibt es keinen Frühling mehr und das Volk stirbt geistig ab. "So verteidigte Hans Domitzlaff seine Naturschutz-Stellung.
Das Wurzelwerk, seinen Wilseder Naturschutzpark, schonten darob selbst alle deutschen Uebungspanzer.
Domitzlaff triumphierte, obwohl er zu Zeiten des NS-Gauleiters von Ost-Hannover, Pg. Telschow, nicht gerade persona grata war. Mit bürgerlichen Moralbegriffen hatte der Naturfreund ebensowenig im Sinn wie sein 1914 bei Reims gefallener literarischer Präzeptor Hermann Löns und dessen naturwissenschaftlicher Lehrmeister Professor Landois aus Münster.
Wegen solcher Großzügigkeiten bleibt die Mütze auf den meisten Bauernschädeln, wenn Domitzlaff in seinem Wohnort Egestorf vorübergeht Man ist hier in moralischer Beziehung sehr konservativ.
Nicht weniger konträr lief seine "entartete" Auffassung von Kunst. Er ist nun mal nicht für den formalen Strich, verehrte den Ernst-Nolde-, George-Groß- und Ernst-Barlach-Kreis und bemalte selbst manchen Leinwandmeter sehr modern Pg. Hans Hinkel von der Reichskulturkammer war nahe daran, ihn ins KZ zu stecken.
Trotzdem behauptete Domitzlaff den Vorstandssitz im Verein "Naturschutzpark". Die fortgeschrittenen, nach Domitzlaffs Meinung degenerierten Heidjer, sagen, er habe den Ursprünglichkeitsfimmel. Denn er ist sogar dagegen, daß die Dörfer im Park an das Elektrizitätsnetz der Umgebung angeschlossen werden. Die Petroleumlampe ist sein Ideal, und die Mädchen in den Heidedörfern sollen Strümpfe tragen, die nach Urvätersitte aus Heidschnuckenwolle gestrickt sind. Keine Nylons.
Die Heide ist nichts ohne die Schnucken. Sie müssen nach Domitzlaffs und seiner Freunde Ansicht gefördert werden. Wo sie nicht die magere Vegetation heimsuchen, bildet sich überall ein Anflugwald von Eichen, Birken und Kiefern. Eine Heidschnucke braucht 1,5 Morgen Heide zur Aesung. Vor hundert Jahren wurden noch 400000 Schnucken gezählt. Sie tummelten sich auf einer Heidfläche von 600000 Morgen.
Um die Jahrhundertwende wurde die Heide modern. Löns schrieb seine Bücher, Eisenbahnen wurden gebaut, und die Hamburger suchten einen Ort, um dem wachsenden Steinmeer zu entfliehen. Geschäftstüchtige Hanseaten wollten damals auf dem Wilseder Berg, der höchsten Erhebung in Nordwestdeutschland (169 m), ein Hotel errichten.
Der 1927 verstorbene Heidepastor Bode organisierte damals die Gegenwehr. Er fand Geldleute, um das wichtigste Heidegelände in den Besitz eines Vereins zu bringen, der sich den Schutz dieser Gegend aufs Panier schrieb - eben der Verein "Naturschutzpark", dessen Präside heute Domitzlaff ist.
Zunächst wurden 6000 Morgen im Totengrund aufgekauft. 1910 erwarb der Verein noch 25000 Morgen am Wilseder Berg dazu. Die Hotelpläne waren endgültig im Heidesand begraben.
Aber rings um diesen Heidekern schrumpften die öden nur mit Föhren, Wacholder und Erika bestandenen Sandflächen zusammen ebenso die Schnuckenherden. Heute gibt es nur noch 10000 Heidschnucken zwischen Aller und Wilseder Berg.
Daran änderte sich auch nichts als der Lönsbund, die Plattdütsch Gill in Celle und der Heimatbund Niedersachsen in Hannover immer wieder Schnuckenessen veranstalteten.
Der Werbefachmann für Reemtsma und Siemens versuchte es darauf mit Aufklärungsschriften "über die seelische Dringlichkeit des Naturschutzproblems". Trotz des bestehenden Druckverbotes ließ Domitzlaff 1944 auf eigene Kosten ein Traktat drucken und verteilen, in dem es hieß:
"Nur wenige Massenpsychologen wissen, daß es sich beim Wort Naturschutz um das fundamentale Problem der seelischen Ernährung und damit der geistigen Leistungsfähigkeit eines Volkes handelt. Aller Widerstandswille hängt unmittelbar von den seelischen Reserven ab, die ein Volk aus seinem naturhaften Herkommen bewahrt hat und mit Erlebnissen naturhafter Ursprünglichkeit auszufüllen vermag.
"Deshalb bedroht jedes leichtfertige Eingreifen in eine Landschaft, jede Verminderung heimatlicher Ursprünglichkeit und vor allem jeder Einbruch in die wenigen kleinen Naturschutzgebiete den Quell der Jugendkraft und die moralische Haltung eines Volkes."
Der Heidefanatiker bewahrte seinen Jungbrunnen selbst in den letzten Kriegsmonaten vor militärischer Verwüstung. Im Parkgebiet wurde kein dillettantischer Widerstand geübt. Brücken und Straßen blieben heil. Der Park schien gerettet. Bis die Briten kamen.
"Für immer sind die Zeiten vorbei, wo Meister Petz in Urwäldern der Heide harmlos brummend Bickbeeren äste oder hungrig heulend des Bauern Kuh riß", schrieb Hermann Löns 1905 über den Verfall der Ursprünglichkeit. Unsere Zeitungen schreiben heute darüber ganz andere Sachen; zum Beispiel.
Hamburger Abendblatt: "Trotz mehrfacher Zusicherung der britischen Militär-Regierung, das etwa 200 Quadratkilometer große Naturschutzgebiet in der Lüneburger Heide nicht mehr für Manöverzwecke zu benutzen, begannen die gemeinsamen Manöver der norwegischen und dänischen Besatzungstruppen mit einer Schlacht am Wilseder Berg.
... Die Anlegung von Minenfeldern mitten im Naturschutzgebiet sowie der Einsatz von etwa 100 raupengeschleppten Panzerwagen lassen weitere Verwüstungen befürchten." (13. 12. 48.)
Niederdeutsche Zeitung: "Höhepunkt der Uebungen war die Schlacht um 'Hannibals Grab' im Raum Wilsede-Haverbeck-Behringen. Bei Sprengversuchen wurde Niedersachsens alter Hof 'Der Wulfsberg' vernichtet." (21. 12. 48.)
Lüneburger Landeszeitung: "Die umfangreichen Bauten auf dem Rollfeld des ehemaligen Flugplatzes Reinsehlen, wo ein großes Uebungslager entsteht, lassen darauf schließen, daß in der Zentralheide noch nicht das letzte Manöver der Streitkräfte der Westmächte stattgefunden hat." (7. 3. 49.)
Es waren und sind nicht die letzten. Ein Beamter der Lüneburger Verwaltung erklärte, daß im vergangenen Jahr durch die Manöver in der Soltauer Gegend ein Schaden von 70000 DM angerichtet worden sei. Der Landrat des Kreises Soltau will bei Clement Attlee gegen die Fortsetzung der militärischen Uebungen in dieser Gegend protestieren und auch Winston Churchill alarmieren. Britische Sherman-Panzer haben tollpatschig manches bäuerliche Getreidefeld zerwühlt. Obwohl die Manöverleitung Warntafeln aufgestellt hatte: "Please avoid if possible" (Bitte schonen, wenn möglich).
"Diese Wege sehen aus wie Spargelbeete", beklagte sich der frühere Architekt Goerke, der jetzt in Tütsberg, mitten im Naturschutzpark, ein Erholungsheim für Großstadtmüde mit Landwirtschaft offen hält.
Auch uralte Hünengräber widerstanden nicht den mahlenden Panzerketten. In ein Hünengrab nördlich Tütsberg haben Manöversoldaten ein geräumiges Schützenloch geschaufelt. Daneben liegen ein verrosteter Benzinkanister und eine Rolle Stacheldraht.
Dagegen kann Hans Domitzlaff nun nichts machen. Er schimpft und wettert wie die meisten verärgerten Heidjer. Mit den Forstleuten ist er anders umgesprungen. Als sie die Bäume des Parks fällen lassen wollten, um auch hier, wie überall, die von den Besetzern geforderten Holzabgaben herauszuschlagen, bewaffnete er die Bauern mit Knüppeln gegen die anrückenden Holzfäller. Das haben ihm die Grünröcke nicht vergessen. Die Sonderrechte des Vorsitzenden des Vereins "Naturschutzpark" waren ihnen schon lange ein Dorn im Holzauge.
Domitzlaff hatte seine Nachkriegsbeziehungen ausgenutzt, um sein Heiligtum vor Holzabgaben zu bewahren. Der Werbefachmann behauptet nach wie vor, daß aus der "Soll-Verordnung" vom 5.1.22 ("Der Vorsitzende des Vereins soll vor dem Holzeinschlag gehört werden ...") während des Krieges eine "Muß-Vorschrift" geworden sei. Göring habe ihm das zugesichert. Aber es bestehen keine schriftlichen Unterlagen darüber.
"Nun versuchen die Forstleute seit 45, sich den ganzen Laden wieder unter den Nagel zu reißen", schimpft der Parkverteidiger.
Früher erhielt der Park vom Reich jährlich 60000 Mark Zuschüsse. Die Stadt Hannover war daran mit 8000 Mark beteiligt. Heute zahlt das ganze Land Niedersachsen nur 2000 DM. "Und auch das nur nach Prozeß."
Eine letzte Hoffnung ist Hans Domitzlaff geblieben: Hamburgs Bürgermeister Max Brauer war bei ihm. Er hat nicht nur 10000 DM jährlichen Zuschuß versprochen, sondern auch versichert, daß er seinen Einfluß beim Bundesrat geltend machen will. Hamburgs Stadtoberhaupt ist für das Ursprünglichkeitserlebnis. "Denn wir ersticken in den Großstädten." Der Park müßte Bundesgebiet werden, um ihn aus dem Zankapfelbereich örtlicher Tauziehereien zu erlösen.
Bis vor kurzem war Domitzlaff nicht nur Vereinsvorsitzender, sondern noch Bezirksbeauftragter für Naturschutz im Regierungsbezirk Lüneburg. Man hat ihn abgelöst. "Wegen angeblicher Arbeitsüberlastung", grollt der Parkverteidiger. "Weil er innerhalb von acht Jahren nicht einmal seine Kreisbeauftragten kennengelernt hat", kommentiert die Gegenseite.
Nachfolger wurde Studienrat Dr. Fischer von der Lehrerbildungsanstalt Lüneburg. "Das ist ein ausgezeichneter Mann", loben die Domitzlaff-Gegner.
"Er hat erst einmal bei mir nachgefragt, was überhaupt Naturschutz ist. Was will der mit einem Jahresetat von 2000 DM schon erreichen?" donnert der Entthronte aus Egestorf. Aber die Stellung als Vereinsvorsitzender hält er. Nach dem Statut wird er das noch drei Jahre lang bleiben. Seine Gegner haben aber bereits einen Nachfolger in Reserve, der "mit den Behörden besser umgehen kann". Sein Name (Ritzler, früher Landrat von Harburg) wird vorläufig in Soltau noch unter dem Siegel "ganz unter uns" weitergegeben.
Hans Klose, seit April 39 Leiter des Instituts "Reichsstelle für Naturschutz", versucht mit viel Geschick, die "innere Front" zu befrieden. Seine Reichsstelle besteht nach zweimaliger Ausbombung in Berlin zur Zeit aus einer Holzbaracke auf Domitzlaff-Privatbesitz. Mit Wirkung vom 1. April 1949 wurde das Institut als "Zentralstelle für Naturschutz und Landschaftspflege" der Verwaltung für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten im Vereinigten Wirtschaftsgebiet unterstellt und auf deren Haushalt übernommen. Jetzt untersteht es Bundesminister Niklas. Der Umzug nach Bonn winkt. "Aber die Wohnungsfrage ist noch nicht geregelt."
Das Institut soll die Bundesbehörden in Sachen Naturschutz gutachtlich beraten, die deutschen Interessen im internationalen Natur- und Vogelschutz vertreten und mit den Behörden der Raumordnung und Forstwirtschaft zusammenarbeiten.
Hermann Löns spürt nichts mehr von den Gefahren, die seiner Heide von britischen Panzern und deutschen Eifersüchteleien hinter den Kulissen drohen. Der Freiwillige des ersten Weltkrieges ruht im Dorffriedhof südlich Fallingbostel.
Trotzdem wird die Grabstelle am Kilometerstein 63,3 an der Straße Soltau-Hamburg, wo die Gebeine des Heidedichters nach der späten Ueberführung vom Schlachtfeld zunächst beigesetzt wurden, von unbekannten Anhängern immer noch gepflegt. Sie sind auch die Freunde von Hans Domitzlaff.
*) In seinem Buch "Der zweckmäßige Meyer" rechnet Löns mit krassen Unternehmern ab, die auch die Natur nur nach dem Nützlichkeitsprinzip beurteilen.

DER SPIEGEL 22/1950
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 22/1950
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LÜNEBURGER HEIDE / DEUTS CHLAND:
Schindluder gespielt

  • Umweltschützer in Wales: "Ich gebe auf - und vielleicht solltet ihr das auch"
  • Angriff auf saudi-arabische Raffinerie: "Es kann die gesamte Region anzünden"
  • Riskantes Projekt in Russland: Erstes schwimmendes AKW am Ziel
  • Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer