01.06.1950

DONAUSCHIFFER / DEUTS CHLANDRosen im Vorgarten

Der Kalte Krieg wehte bis in Bayerns Landesarbeitsgericht. Schiffahrtsoberinspektor Josef Moser und Genossen, alle aus Passau, klagten gegen die "Ungarische Fluß- und Schiffahrts-Akt.-Ges." in Budapest.
Deren Anwalt, Dr. Hans Kremerskothen aus Regensburg, mahnte gleich zu Beginn, sich nicht von Gefühlen leiten zu lassen, denn "es könnte sehr schnell der Tag kommen, wo man Rechenschaft abzulegen hat".
Klagegegenstand war, was den Moser und Genossen der Kalte Krieg als endgültig Letztes übriggelassen hatte: ihre Pensionen. Anfang 1949 war es auch damit aus.
Die verstaatlichten Ungarn verschanzten sich hinter juristischen und ökonomischen Neuentdeckungen:
* Zur Aufrechterhaltung weiteren Ruhegehaltsanspruchs sollten sich die Pensionäre verpflichten, ins volksdemokratische Ungarn zu ziehen,
* die Pensionäre sollten dulden, ihr Ruhegehalt in Pengö oder Forint, der neuen ungarischen Währungseinheit, zu empfangen,
* das mangelnde D-Mark-Einkommen der Budapester Dampfschiffahrt neben devisenrechtlichen Transferschwierigkeiten.
Kurz vor der Währungsreform waren Ungarns Staatsschiffer allerdings stark genug, alle noch ausstehenden Beträge nachzuzahlen. Erst mit Anbruch der D-Mark-Aera wurden die Budapester Volksdemokraten schwerhörig.
So ging der letzte Passauer Agenturchef Josef Moser zum Rechtsanwalt Dr. Maximilian Pokorny in Passaus Theresienstraße. Der ehem. Brünner Wirtschaftsanwalt manöverierte mit südostdeutscher Verbindlichkeit die Nußschale der Pensionisten-Hoffnung durch alle Instanzen bayerischer Arbeitsgerichtsbarkeit.
Die Budapester Dampfschiffer hatten in achsenfreudigen Zeiten in Passau eine eigene NS-Betriebsordnung an die Wand hängen lassen: Damit war die Zuständigkeit der Niederlassung gegeben. Die Zuständigkeit des Vermögens ergab sich aus den in Passau und Regensburg vorhandenen Lagerhäusern und Lagerhallen der Gesellschaft, deren Mietvertrag allein bei etwa 2500, - DM monatlich liegt, ungerechnet Guthaben und Schiffsausrüstungen. So wurden die Budapester verurteilt.
Agenturverwalter Josef Moser kann trotz allem seiner alten Gesellschaft nicht böse sein. Entschuldigend meint er: "Die wollten sicher nur einen Gerichtsbeschluß, um bei der Budapester Regierung die Erlaubnis zur weiteren Zahlung an uns durchzusetzen." Die Ungarische Fluß- und Seeschiffahrts-Gesellschaft ist immer noch seine Gesellschaft, und die Donau seine Lebensader.
Im ungarisch-serbischen Grenzgebiet, das nach dem Trianon-Vertrag 1919 den Jugoslawen zu größerem Staatsumfang verhalf, war Großvater Moser schon auf eigene Rechnung Donauschiffer. Vater Moser war dann bei der "Ungarischen", die 1895 als zweite Donau-Schiffahrtsgesellschaft gegründet wurde. (Seit 1829 war die Oesterreichische Donaudampfschiffahrts-Gesellschaft auf der Donau allein gewesen.)
"Zur Schiffahrt könnt ihr gehen, aber nicht aufs Schiff", erlaubte Vater Moser, durch die Erfahrungen eines Donaulebens gewitzigt, den Söhnen. So kam volksdeutscher Abiturient Josef kurz vor Weltkrieg I als Praktikant und Beamtenanwärter in den Hafendienst zum "Ungarischen Lloyd". 1918 mußten die Oesterreicher die Ungarn und der "Bayerische Lloyd", der 1912 dazu gekommen war, soviel Schiffsraum abgeben, daß daraus die neue "Jugoslawische Flußschiffahrt", fast die größte Gesellschaft, wurde.
Als die Weltwirtschaftskrise 1929 auch die Donauwellen kräuselte, schlossen sich Wien, Budapest und der Bayern-Lloyd zur Kostenersparnis enger zusammen. Die Jugoslawen kamen erst 1941 auf Führerbefehl. Da dampfte dann die ganze Donauflotte für den Sieg. Mit Getreide, Oelfrüchten und Bauxit bergauf nach Passau und Regensburg. Zu Tal schwammen Schwerchemikalien, Maschinen, Kohle und Koks.
Später schoben sich mit den Fronten auch die Schiffe flußaufwärts. Die Fahrtrouten wurden merklich kürzer. Es war keiner mehr acht Wochen unterwegs, wie früher nach Rumänien
Als endlich die bedingungslose Kapitulation unterschrieben war, zählte Agenturchef Moser auf dem Stausee bei Passau allein 40 Dampfschiffe und 110 Schlepper von seiner Gesellschaft. Das waren 70 bis 80 Prozent der Gesamtflotte (Die anderen Flotten waren etwa zu 50 Prozent nach Passau evakuiert worden.)
Josef Moser hatte alle Hände voll zu tun. Die Besatzungen verlangten nicht nur Lebensmittelkarten, sondern auch Lohn. Erst als die "Danube Fleet Organisation" der US-Besatzer auf Washingtons Außenamtsbefehl die Balkanflotte vom Passauer Stausee in die Heimathäfen dampfen ließ, wurde es in Mosers Schiffahrtskontor etwas ruhiger. 1949 wurden in den Donauhäfen Passau und Regensburg nur noch 864116 t umgeschlagen. Das ist ein knappes Zehntel der Vorkriegszahl.
1949 saß aber Josef Moser schon in seinem Vorgarten in Passau, Sechzehnerstraße, und schnitt die Rosen: Seine "Ungarische" hatte ihn im Herbst 48 pensioniert. Damals schon waren die Wirtshäuser am Hafen verwaist, und in den Läden kaufte kein Schiffer mehr seinen Fahrtproviant.
Nur ein trüber Rest des farbigen Donaulebens liegt noch im Hafen: vier ungarische Flußkanonenboote. Die gehören als Kriegsbeute den Amerikanern. Die STEG bietet sie zum Schätzpreis von 80000 DM jedem an, der Interesse daran hat und sich verpflichtet, diese Kriegsschiffe nicht an östliche Volksdemokratien weiter zu handeln. Das ist US-Befehl.
Die Monitore haben 7 mm Ueberwasserpanzerung, 3 mm Unterwasserpanzerung und am Vorderdeck eine 5-cm-Kanone, die über ihr Alter schon schamrot vor Rost geworden ist. An Bord lebt noch ungarische Besatzung. Fürs Sauberhalten und Lüften der Schiffe und fürs Konservieren der Motoren wird sie von der STEG bezahlt.
Der einzige, der bisher ein Kanonenboot erstand, war Flüchtlingsreeder Wilk, der früher auf der Oder gefahren ist. Er zahlte 15000 DM. Nach Umbau in Regensburg soll der ehemalige Donau-Monitor auf dem Rhein als Schlepper fahren.
Denn an die Donauschiffahrt glaubt selbst Oberinspektor Josef. Moser nicht mehr. Er sitzt jetzt jeden Vormittag im Passauer Wirtschaftsamt. Ehrenamtlich. An seiner Tür steht: "Vorbereitungskomitee für den deutschen Katholikentag 1950."

DER SPIEGEL 22/1950
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