01.06.1950

ZAUNKÖNIG / LUFTFAHRTVom Handtuch starten

Ich bedauere nur, daß es sich um eine deutsche Maschine handelt", schrieb der französische Kommentator Wing bewundernd in "Les Ailes". In einer bissigamüsanten Plauderei verwertete er einen Bericht seines englischen Kollegen R. G. Worcester vom "Aeroplane". Der bekannte Berichterstatter der renommierten Luftfahrtzeitschrift hatte die Erlaubnis erhalten, ein Unikum zu fliegen: Den "Zaunkönig", nach englischer Angabe das einzige deutsche Flugzeugmuster (vom Fieseler "Storch" abgesehen), das jenseits des Kanals noch betriebsfähig ist.
Der "Zaunkönig" steht in Farnborough, bei der Aerodynamischen Versuchsabteilung des Royal Aircraft Establishment. Mit dem Ruf, dem Ideal des hundertprozentig narrensicheren Flugzeugs denkbar nahezukommen.
Lieutenant Commander Brown unterwies Mr. Worcester am Boden. Es dauerte nur ein paar Minuten: "Zum Abfliegen schieben Sie den Gashebel nach vorn und das Flugzeug kann gar nichts anderes tun, als von selbst abzufliegen. Beim Landen stellen Sie den Gashebel so, daß das Tachometer 40 mph (64,4 km/h) anzeigt und warten, bis die Maschine aufsetzt."
Der deutsche Konstrukteur Prof. Dr.-Ing. Hermann Winter hatte somit nicht übertrieben: Für einen Segelflieger sollten fünf Minuten Instruktion am Boden genügen. Für blutige Anfänger, die weder theoretischen Unterricht genossen, noch je ein Flugzeug berührt hatten, eine halbe Stunde. Deswegen ist R. G. Worcester überzeugt: "Der 'Zaunkönig' ist endlich das Flugzeug, um die Piloten von morgen mit der Luft vertraut zu machen."
Segelflieger beginnen mit Rutschern und Hopsern am Hang. Wer zum Motorflug übergeht, besteigt eine doppelgesteuerte Schulmaschine, in der ein Fluglehrer auf Sitz Zwo Unfug verhindert. "Ob Professor Winter das psychologische Schreckbild des Alleinfliegens erforscht hat oder nicht", schrieb Worcester, "weiß ich nicht. Aber es ist klar, daß Piloten, die in normalen, leichten Flugzeugen unsicher sind, absolut in der Lage wären, den Zaunkönig ohne Schwierigkeiten zu fliegen."
Prof. Winter meint, jeder junge Sportflieger sollte wie Lilienthal und Orville Wright beginnen. Hinter den Flugpionieren hätten auch keine Fluglehrer gesessen. Die "Einsteuerschulung" durch den Motoreinsitzer sei nicht nur psychologisch wichtig. Sie sei auch am billigsten. "Natürlich muß man dazu ein narrensicheres Flugzeug haben, mit dem man sich das Genick nicht so leicht brechen kann."
Im "Aeroplane" sind die entsprechenden Anforderungen dafür zusammengestellt: Die Maschine dürfe in der Luft nicht die Neigung zeigen, "abzudrehen und ihren Piloten nervös zu machen, im überzogenen Flug über den Flügel abzuschmieren oder zu trudeln anfangen". Sie müsse "wendig sein, langsam und mit einem Minimum an Manövern landen können. Sie muß einen schwachen Motor haben und billig sein, einfach in Konstruktion und Bedienung".
Prof. Hermann Winter hat in seinem Buch "Segelflug und Langsamflug"*) die zwei Grundforderungen für ein "Flugzeug für Jedermann", Sicherheit und Wirtschaftlichkeit, erläutert.
Unter Sicherheit versteht Winter ungefähr das, was auch "The Aeroplane" darunter versteht. Blindflugeinrichtung und andere Mätzchen seien für den Sportflieger unerschwinglich; er müsse ohne sie zurechtkommen. "Wenn der Sportflieger sieht, daß er die Orientierung verloren hat, muß er mit Bodensicht weiterfliegen, solange es noch geht, und schließlich auf jedem schnell ausgesuchten Platz landen. Dazu braucht er allerdings ein Flugzeug, das ihm auch den Gefallen tut, sich auf kleinstem Platz hinzusetzen und zu starten."
Zum Punkt Wirtschaftlichkeit: Der Anschaffungspreis sei bei entsprechend großen Serien kein Problem. Die Wartungskosten und der Brennstoffverbrauch müßten niedrig sein. Das 51-PS-Zündapp-Motörchen in seinem Zaunkönig verbraucht neun Liter auf 100 km, genau so viel wie ein normales Auto. Winter möchte das Fliegen so zu einem wirklichen Volkssport machen. Bis jetzt stand das nur immer auf dem Papier. "In Wirklichkeit mußte man entweder Krösus oder Soldat werden, um an den Steuerknüppel zu kommen." Das sagt auch M. Wing in "Les Ailes": "Die Privatfliegerei ist in der ganzen Welt ein Betrug geblieben."
Winter ist den Problemen seit 33 Jahren auf der Spur. Er schulte im ersten Weltkrieg. Bastelte mit TH-Kommilitonen ein schwanzloses Segelflugzeug, genannt "Charlotte". Schmierte 1922 beim Rhönwettbewerb damit ab. Rauschte 1923 mit der neugewandeten Charlotte in eine Pappel. 13 Jahre später trat der Dr.-Ing. bei den Fieseler Flugzeugwerken als Leiter des Konstruktionsbüros ein. Seine erste Entwicklungsarbeit war der "Storch". Von der ersten Zeichnung bis zur flugbereiten Maschine vergingen knappe vier Monate. Mit dem Storch konnte Winter Erfahrungen im Langsamflug sammeln. Der Storch stand beim Zaunkönig Pate.
Den baute Hermann Winter, mittlerweile Professor an der TH Braunschweig, mit seinen Studenten zusammen. Als Lehr- und Forschungsgegenstand: Ein einsitziger Hochdecker aus Holz, Sperrholz und Stahlrohr. Leergewicht: 5 Zentner. Mit Zuladung: 7 Zentner, die Hälfte des Volkswagens.
Der Zaunkönig fliegt 140 Stundenkilometer Spitze. Die Reisegeschwindigkeit beträgt 100 km/h, die Gipfelhöhe 4000 m. Aber darauf kommt es Winter nicht an. Gutartig soll die Maschine sein, mit normalen Mitteln nicht zum Trudeln zu bringen und auf einem Handtuch starten und landen können. Fast erreichte er es: Nach 60 bis 80 Meter Anlauf hebt sich der Zaunkönig vom Boden. Der Landungsauslauf, mit angezogenen Bremsen, beträgt ganze 28 bis 48 Meter. Für krasse Anfänger genügt ein Feld von 20 Meter Breite und 150 Meter Länge. Piloten mit etwas Uebung kommen mit 80 Meter Länge aus.
Der Zaunkönig hat eine Spannweite von 8,02 Meter. Er ist 6,08 Meter lang und 2,38 Meter hoch. Flügel und Leitwerk können angeklappt werden. Mit 6,1 mal 2,7 mal 1,65 Meter hat er in jeder größeren Garage Platz.
1945 stand der Zaunkönig auf dem Flughafen Braunschweig-Waggum. Ehe die Amerikaner kamen, flog Winter die Maschine nach Harzburg und montierte sie auseinander. Das Maschinchen blieb im Netz der alliierten Meldebestimmungen hängen. Winter mußte den Zaunkönig zusammenbauen und vorführen. Die Alliierten waren beeindruckt und packten ihn gleich ein. Adresse: Farnborough, England. Dort fliegt er noch immer.
*) Prof. Hermann Winter: "Segelflug und Langsamflug", Verlag Gustav Wenzel & Sohn, Braunschweig.

DER SPIEGEL 22/1950
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 22/1950
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZAUNKÖNIG / LUFTFAHRT:
Vom Handtuch starten

  • Videoreportage aus Kassel: "Diesen braunen Dreck wollen wir hier nicht"
  • Doping für ewige Jugend: "So ein Körper ohne Steroide? Dumm!"
  • Videoaufnahmen aus Hongkong: Journalistin während Livebericht attackiert
  • Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind