29.06.1950

SÜNDERINNENNicht hübsch genug

Das französische Justizministerium spuckte Gift und Gegenargumente. Aber Regisseur Julien Duvivier ließ sich nicht ins Drehbuch pfuschen.
Bevor er seinen Film "Au Royaume des Cieux" ("Im himmlischen Königreich", deutsch eingezuckert: "Eine Heilige unter Sünderinnen") ausarbeitete, hatte er sich ergiebiges Tatsachenmaterial aus den Erziehungsanstalten besorgt. Die Rapporte über die welschen Mädchen hinter Gittern waren noch schwärzer als die dichterische Tinte Duviviers.
Der Film "Eine Heilige unter Sünderinnen" ist eine modern-legendäre Liebesgeschichte, die in den seelischen Morast einer weiblichen Erzichungsanstalt verpflanzt wird. Durch die Gläubigkeit einer Inhaftierten mit dem beziehungsvoll jungfräulichen Namen Maria werden die abgebrühten Kameradinnen umgekrempelt. Vor der personifizierten Unschuld sagen sie "Mund" statt "Fresse".
Der Film wurde 1949 gedreht, in einem Schloß bei Paris und in den Ueberschwemmungsgebieten Westfrankreichs. Das begeisterte Echo von Publikum und Presse stopfte den Mund offizieller Proteste. Jetzt kam er auf die Leinwand der Berliner "Film-Bühne Wien".
Die vielen vulgären Redensarten, die die Synchronisation auf die eiligen Lippen der Französinnen geschrieben hat, erzielen oft genießerisches Gelächter im Publikum. Aus naturalistischer Dramatik wird manchmal naturalistische Komik.
Duvivier, Produzent Arys Nisotti, der rothaarige Hauptdarsteller Serge Reggiani und drei modisch gebändigte Sünderinnen kamen zur deutschen Uraufführung. Die Titelträgerin Suzanne Cloutier war durch Bühnenverpflichtungen zurückgehalten. Sie ist die Partnerin von Orson Welles, der sie aus dem Nachwuchs herauspflückte. Die Heilige war ihre erste Filmrolle.
In Deutschland zeigt sich der Film etwas gestutzt. Mit keuscher Schere wurden die dramatisch tätowierten Beine eines weiblichen Sträflings herausgeschnitten. Auch eine Szene, bei der die hysterische Aufseherin auf die entblößte Brust der Heiligen Hiebe austeilt, fiel.
Aus 1500 Unbekannten siebte Duvivier die Insassinnen der Erziehungsanstalt. Die realistische Ausdruckskraft der Mädchen prägte sich ein. Fast alle wurden von der Leinwand zu größeren Aufgaben auf die Bretter der Bühne geholt. Nur bei Serge Reggiani, einem gebürtigen Italiener, griff man zu einem Mann mit Namen. "Er ist der Liebling von Paris."
Die pendelnde Kamera gibt dem Film eigenwillige Lebendigkeit. Eine Erzählung wird aus Satzfetzen zusammengesetzt, die man abwechselnd vom Mund der Heiligen und von den Lippen ihres Geliebten ablauscht. In der Geräuschkulisse, die Duvivier hinter der Handlung aufbaut, haben die verschiedenen Charaktere ihre verschiedenen akustischen Motive. Gut kontra Böse - das heisere Krächzen von Raben kontrastiert zum Gesang von Chorälen.
Duvivier war zuletzt vor zwanzig Jahren in Berlin, zu einem Gemeinschaftsfilm von RKO und Tobis "Hallo, hallo, hier spricht Berlin". Er hat seinen deutschen Wortschatz inzwischen vergessen.
"Er ist timide-cholerisch", charakterisierte ihn sein Produktionsleiter Arys Nisotti, der ihn in zwanzigähriger Zusammenarbeit, kennenlernen konnte. Und: "Duvivier ist entweder sehr teuer oder sehr billig. Wenn er an einem Stoff keinen Spaß hat, kostet er viel Geld. Im Gegensatz zu den Projekten, die er sich in den Kopf gesetzt hat."
Duvivier wollte erst Schauspieler werden. "Aber er sah ein, daß er körperlich zu klein geraten war." Seine Filmkenntnisse erreichten in praktischer Arbeit einen umfassenden Grad. "Deshalb braucht und läßt er sich heute von keinem hereinreden. Er ist sein eigener Autor, Cutter und Regisseur. Selbst die Beleuchtung steuert er."
"Eine Heilige unter Sünderinnen" entstand in fünf Monaten. "Ihr macht bei euren Nachkriegsfilmen den Fehler, daß ihr zu schnell arbeitet." So Nisotti. Zugleich schiebt er den Mißstand der deutschen Filmindustrie den Kinobesitzern in die Schuhe. "In Frankreich haben sie nicht diese Vollmacht. Da regieren wir den Markt."
Auf einer Pressekonferenz in Berlin ließ Julien Duvivier vor allem seine alarmierend rote Krawatte und seine große braune Hornbrille sprechen. Im übrigen äußerte er sich zurückhaltend. Entschieden ließ er sich nur den Fotografen gegenüber aus: "Ich bin nicht hübsch genug."

DER SPIEGEL 26/1950
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