06.07.1950

DISNEYDas ulkigste aller Geschöpfe

Mickey Mouse und Donald Duck sind vorübergehend von der Dreharbeit freigestellt worden. Walt Disney fing noch einmal etwas Neues an, etwas für ihn Neues. Nach 26 Filmjahren hat er den ersten Menschen-Spielfilm ohne jegliche Trick-Einlagen gedreht.
Als Thema nahm er sich den alten Abenteurer-Roman "Die Schatzinsel" von R. L. Stevenson. Fünfzehn Jahre lang hatte Disney die Idee mit sich herumgetragen, ehe er sie in Technicolor umsetzte.
Auf die Frage erstaunter Filmleute, warum er sich plötzlich einem Spielfilm mit lebenden Menschen zugewandt habe, antwortete Disney: "Der Mensch ist das ulkigste von allen Geschöpfen. So ist es billig, wenn ich in meinem ersten Menschen-Spielfilm diese Zweibeiner so belasse, wie sie sind." Außerdem verlange "Die Schatzinsel" Fleisch und Blut und keine Trickfiguren.
Disney drehte den Film in England mit 300000 Pfund, die Sir Stafford Cripps dort aus Trickfilm-Einnahmen eingefroren hatte. Disney zeichnet nicht als Regisseur verantwortlich, aber er wählte die Schauspieler aus und überwachte die Aufnahmen in England. Er hatte bei der ganzen Arbeit so viel Spaß, daß er bald in England einen neuen Film, das Leben des legendären Volkshelden Robin Hood, drehen will.
Nicht nur Cripps' Finanzkünste allein holten Disney nach England: "Wir haben viele gute Charakterdarsteller in Hollywood", erklärt Disney, "und es wäre mir möglich gewesen, 'Die Schatzinsel' in Amerika mit britischen Schauspielern zu drehen. Aber nirgends außerhalb Englands hätten wir ganz denselben Erfolg in der Besetzung der vielen schönen Charakterrollen unseres Films gehabt. Sogar Mickey Mouse und Donald Duck haben unsere Auswahl gutgeheißen."
Für eine der beiden Hauptrollen hat Disney einen Amerikaner mitgebracht, um sich den heimischen Markt zu sichern: der kleine Bobby Driscoll, ein dramatisch begabtes Hollywood-Kind, spielt den Jim Hawkins, der die Schatzsucher begleitet und von einem Abenteuer ins andere taumelt.
Bei seiner Arbeit erlebte der 13jährige Bobby ein wirkliches Abenteuer. Er mußte vor ein Londoner Gericht. Die Disney-Leute hatten, um allen Komplikationen zu entgehen, sich nicht um die schwer zu beschaffende Arbeitserlaubnis für Bobby Driscoll gekümmert. Eingesperrt wurde er nicht.
Disney hat nicht versucht, seine Zeichenkunststücke in die Sprache eines normalen Spielfilms zu übersetzen. Wer nicht den Namen auf dem Programm liest, wird kaum erraten, daß Disney hinter diesem Unternehmen steht.
Produzent Disney und sein Regisseur Byron Haskin lassen Stevensons Erzählung für sich sprechen. Stevenson wird in seiner englischen Heimat nicht als Autor guter Abenteuer-Romane, sondern als Klassiker betrachtet. Schon aus diesem Grunde hat Disney gut daran getan, sich eng an den Text zu halten und keine Amerikanismen hineinzubringen.
Die englische Presse erkannte das rühmend und gerührt an. Nur die "Times" murrte, das Wesentliche des Buches fehle, belegte aber diese Feststellung nicht weiter.
Die Schauderszenen, Messerstechereien und Schießereien milderte Disney ab, den Humor des geschwätzigen Squire Trelawney und des schiffbrüchigen Matrosen Benn Gunn strich er stark heraus. Das entspricht den Wünschen der englischen Zensoren, die englischen und amerikanischen Filmen neuerdings ein Uebermaß an Brutalität vorwerfen.
"Jemand hat einen Topf mit Himbeer-Marmelade aus der Küche geborgt und schmiert sie auf die Kleider der Leute, was 'nettes' Blut darstellen soll", spottet Miss C. A. Lejeune im "Observer". Dennoch gefiel ihr wie den meisten Kritikern der Film.
Die Zuschauer, ob kritisch oder nicht, schlossen die beiden Hauptdarsteller in ihr Herz: Bobby Driscoll, wenn auch manchmal fast zu zart und jugendlich für seine Rolle, und Robert Newton, seit langem einer der schmierigsten Schurken der englischen Bühne und Leinwand. Er spielt den Piraten Long John Silver genau so übertrieben, wie er im Buche steht, in Stevensons "Schatzinsel".

DER SPIEGEL 27/1950
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