06.07.1950

ÖSTERREICH / KunstWie eine Müllabfuhr

Ich werde niemandem den Gefallen tun, bald zu sterben", sagt Professor Fritz Behn. Den rüstigen Uebersiebziger, dessen Name als Bildhauer und Tierplastiker weitbekannt und hochgeschätzt ist, hat ein fünfjähriger Kampf um Ehre, Lebenswerk und Existenz nicht geschwächt.
Der ehemalige Professor an der Wiener Kunstakademie, Leiter einer Meisterklasse für Bildhauerei, lebt heute in Ehrwald, einem kleinen Nest in Südtirol, abgetrennt von der Welt, ohne Verdienstmöglichkeit oder Pension. Der Grund dafür steht in seinem Paß zu lesen. Behn ist das, was man in Oesterreich noch immer einen "Reichsdeutschen" nennt oder manchmal: schimpft.
In der Begründung seiner Amtsenthebung, die das Rektorat der Wiener Kunstakademie am 28. März 1946 verfügte, wird ausdrücklich betont, daß gegen ihn nichts politisch oder amtlich Belastendes vorläge. Seine Entlassung aus dem Lehramt erfolge lediglich darum, weil er Reichsdeutscher sei*).
1938 war der aus Lübeck stammende Künstler dem Ruf der Wiener Akademie gefolgt. Im Vertrauen auf die staatlichen Verträge, die ihm eine Dienstzeit bis zum 71. Lebensjahr, also bis 1949, eine Pension von 23 Jahren und lebenslängliche Benutzung seiner Staatsateliers zusicherten, verließ er seine Wirkungsstätte München und verkaufte dort sein Haus und Atelier.
1945 erkannte die Republik Oesterreich die Verträge nicht mehr an. Zu dem selben Zeitpunkt, als auf Veranlassung des russischen Kommandanten von Wien. General Lebedenko, Professor Behn seine vier Privatateliers zurückerhielt, beschlagnahmte Behns Amtsnachfolger, Professor Wotruba, drei davon eigenmächtig. Im vierten stopfte er Behns Werke zusammen, wobei viel beschädigt und zerstört wurde.
Bei dieser Aktion, die Professor Wotruba zusammen mit seinen Schülern durchführte, verschwanden außerdem über 100 Zeichnungen von Behns afrikanischen Reisen, desgleichen alle photographischen Platten. Fünf große Kartons wurden brutal zerfetzt, 15 weitere aus dem Rahmen geschnitten, das Werkzeug und die Möbel wurden gestohlen. Akten und persönliche Briefe durchwühlt.
Der russische Bildhauer, der gleich nach dem Zusammenbruch in den Ateliers arbeitete, hatte Behn alles in tadellosem Zustand übergeben. Zuvor hatte er die Rückgabe des Ateliers selbst in die Wege geleitet.
Aber das war nicht alles. Das Wohnungsamt der Stadt Wien vergab widerrechtlich die Wohnung des Künstlers mit ihrem gesamten Inhalt, Kleider, Wäsche, Erinnerungen, Akten, einem unbekannten Herrn Hans Löwy. Das Wohlfahrtsamt verteilte überdies rechtswidrig einen Teil der sehr wertvollen Möbel in der Stadt. Behn fand Zuflucht in Ehrwald.
Im September 1945 sollte er durch Ausweisung auch von hier vertrieben werden, obgleich er schon vor 1938 lange in Oesterreich ansässig war. Diesmal half der französische Gouverneur von Reutte.
Noch heute wohnt Herr Löwy in der Behnschen Wohnung, obgleich dem Professor mit rechtskräftigem Urteil vom 12. 8. 49 seine Sachen als unbestreitbares Eigentum zuerkannt wurden und Herr Löwy einen gerichtlichen Delogierungsbefehl bekam. Gegen Behn aber funktionierte ein solcher Befehl, der die Räumung auch des letzten Ateliers von seinen Kunstwerken betraf, bedeutend rascher.
"Ich weiß nicht", sagt Behn, "ob man sich vorstellen kann, was dies alles für einen unbescholtenen Mann, der sich zwei Menschenalter um die Kunst bemüht hat, bedeutet. Für einen schaffensfreudigen Künstler, der plötzlich und ohne sein Verschulden von Staats wegen nicht mehr arbeiten darf.
"Erinnert das nicht alles an ein zwölf Jahre lang gehabtes Arbeitsverbot, das von der ganzen Welt verabscheut wird? Und: Warum konnte die Akademie dieses letzte Atelier nicht noch eine Zeitlang entbehren, worum ich immer wieder bat unter Berücksichtigung meiner besonders schwierigen Lage und meines Alters? Wie konnte man es wagen, ohne mich zu fragen, große Modelle zu zersägen, alles in sieben Möbelwagen zu stopfen und der Zerstörung auszusetzen, ohne mein Wissen und gegen meinen Willen?"
Die Behörde hatte ihm größte Sorgfalt und den Transport in ein staatliches Depot auf Staatskosten zugesichert. Statt dessen ging die Ausräumung vor sich wie eine Müllabfuhr, für die Behn jetzt 4000 Schilling bezahlen soll. Für die Möbelwagen bis an sein Ende monatlich etwa 500 Schilling.
Man zwingt ihn damit, entweder dieses Geld regelmäßig aufzubringen, was für ihn unmöglich ist, oder die Kunstwerke ohne Aufbewahrungsmöglichkeit verkommen zu lassen. Da sein Vermögen bei der Abwertung verlorenging, kann er auch niemals die Transportkosten von 40000 bis 50000 Schilling nach Deutschland bezahlen.
Nachdem Behn keinen anderen Ausweg mehr sah, bot er schließlich, um seine Werke zu retten, sie der Republik Oesterreich zum Geschenk an. Dieses Angebot wurde seitens des Unterrichtsministers Hurdes, der neben anderem auch für die landeseigene "österreichische" Sprache verantwortlich ist, "als museal vollkommen unbrauchbares Gut" ohne Dank, ohne Anrede und Unterschrift am 6. 12. 49 zurückgewiesen.
Im Kollegium der Akademie der bildenden Künste war Behn 1945 der einzige Nicht-Pg. Er hat nie aus seiner Gegnerschaft zum Regime ein Hehl gemacht und von der NSDAP keinen einzigen Auftrag bekommen. Während der Nazi-Aera wurde keine einzige Plastik Behns aufgestellt. Seine in Deutschland aufgestellten Bronzeplastiken stammen aus den Jahren vor 1933.
1941 weigerte sich Professor Behn sogar offiziell, im Haus der Deutschen Kunst auszustellen. Jetzt wird er von Wotruba und seinem Anhang mit Hilfe der Linkspresse zum Nazi-Bildhauer gestempelt.
Professor Wotruba hat als Emigrantenbildhauer mit seinen guten Beziehungen viel Einfluß. Behns einstige Schüler baten ihn, sie nicht mehr zu besuchen oder ihnen zu schreiben. Sie fürchten Wotrubas Zorn.
Behn kann nicht mehr persönlich nach Wien kommen, um seine Sache zu verfechten, weil er sich seines Lebens nicht mehr sicher fühlt. Bei seinem letzten Aufenthalt dort, im Sommer 1947, wurde er von Professor Wotruba in seinem damaligen Staatsatelier, aus dem er nicht schnell genug verschwand, angefallen und schwer verletzt.
Wegen dieses Vorfalls läuft seit drei Jahren gegen Wotruba ein Verfahren wegen Verdachtes des Verbrechens schwerer Körperverletzung, ohne daß bisher eine gerichtliche Entscheidung erfolgte. Obwohl es gesetzliche Vorschrift ist, einen Hochschullehrer, der wegen eines Strafprozesses unter Anklage steht, zu suspendieren, ist Wotruba weiter im Lehramt.
*) Nach einer Meldung der "Neuen Wiener Tageszeitung" vom 2. Juli 1950 sind im Jahre 1949 zwölf österreichische Universitätsprofessoren an deutsche Hochschulen abgewaudert, da die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland bedeutend besser sind.

DER SPIEGEL 27/1950
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