06.09.1950

GEISTER-KONVOINichts mit Selbstmord zu tun

Die Bildreporter von Buenos Aires verschwendeten Vakuum- und Magnesiumblitze. An der deutsch-evangelischen Kirche in der Calle Esmeralda staunten die Argentinier über die vielen Handküsse und Verbeugungen. Vor dem Hochzeitsschmaus im Alvear-Palace-Hotel ließen sich als erste der drei Brautpaare, die gemeinsam die Ehe schlossen, Herr und Frau Schäffer Glück wünschen.
Der maître d'hêtel deutete diskret auf den dunkelhaarigen 29jährigen Ehemann und klärte vom Vestibül aus neugierige Engländer auf: "That's the man who saved Hitler", das ist der Mann, der Hitler rettete.
Dasselbe behauptet phantasievoll Ladislao Szabo auf 167 Seiten seines Buches "Hitler esta vivo", mit Untertitel "El nuevo Berchtesgaden en el Antártido" *).
Für Szabo sind die beiden U-Boote U 530 und U 977, die nach der deutschen Kapitulation im argentinischen Hafen Mar del Plata einliefen, Teile des "Convoy fantasma", des Geister-Konvois, der Hitler mit nächstem Anhang via Patagonien in die Antarktis geschleust habe.
U 530 unter Oblt. z. S. Otto Wermuth übergab am 10. Juli 1945 sein Boot. Trotz vernichteter Schiffspapiere konnte er seine von der Karibischen See bis zum La Plata führende Fahrt zeitlich den argentinischen und US-amerikanischen Sonderverhörern erklären.
U 977 tauchte erst 5S Wochen später auf. Szabo nennt dies "höchst mysteriös". Er schließt daraus: U 977 habe Hitler, Bormann und Eva Braun an Bord gehabt. Beweis: Die im Gros blutjunge Besatzung, die erstklassige, für ein halbes Jahr reichende Verpflegung, die Unmasse Zigaretten und die seiner Meinung nach doppeltkriegsstarke Besatzung.
"Schlußfolgerungen von jemandem, der von U-Booten genau so viel Ahnung hat, wie ein Eskimo von Zentral-Afrika", meint der einstige U-Boot-Kommandant Heinz Schäffer. Den Verdacht, den Szabo gegen ihn sprach, hat er nur vor argentinischen, nordamerikanischen und englischen Kriegsgerichten widerlegt, und die Gerichte haben bis heute zu Szabos präzisierten Daten geschwiegen.
Das Ausbildungsboot U 977 wurde im März 1945 zum Frontboot erklärt. Die notwendigen Ueberholungsarbeiten waren im April abgeschlossen. "Das heißt, in den Augen derer, die damit nicht an den Feind fahren mußten", sagt Schäffer. "Für mich war es nicht frontklar: Batterien nur 70 Prozent Kapazität, Hauptkupplungen schon über ein Jahr in Betrieb, das Radargerät reif zum Auswechseln und die zum Teil neue Besatzung nicht eingespielt ... Soldatentum hat nichts mit Selbstmord zu tun."
Mit aufmontiertem Schnorchel marschierte U 977 im Verband zweier weiterer Boote zur Brennstoffübernahme in Richtung Norwegen. In einem dänischen Zwischenhafen wurden bei einem vernünftigen Verpflegungslager-Intendanten Butterfässer, Schinken, Eier, Zigaretten usw. organisiert. Vorrat für ein halbes Jahr.
Am 2. Mai lief U 977 mit 48 Mann kriegsstarker Besatzung aus dem Stützpunkt Christiansund-Süd aus. Der Dönitz-Aufruf: "Wir kapitulieren nie! Lieber tot als Sklave!", befehlsgemäß auf allen Kriegsfahrzeugen auszuhängen, zierte U 977 nicht.
Oblt. z. S. Schäffer hatte ohnedies eigene Gedanken über den Kriegsausgang. Er hatte 1938 in den Detroiter Fordwerken die Auto-Friedensproduktion von 5000 Stück täglich gesehen. Er hatte auch sonst noch eine Portion Auslandserfahrung. "Aber Krieg ist Krieg, und wenn schon, dann an der Seite des Vaterlandes."
Der Einsatzbefehl des OKM lautete, sich vor Southampton aufzuhalten und möglichst in den Hafen selbst einzulaufen. Das 600-t-Boot schnorchelte Kurs Süd.
Dem verschlüsselten Offiziersspruch: "Wir müssen kapitulieren. Ihr habt in Zukunft Befehle der Alliierten auszuführen ...", schnitt die ins Wasser tauchende Antenne die Unterschriftsdurchgabe ab. Außerdem stand der Spruch in krassem Gegensatz zu Tags vorher übermittelten Befehlen.
Auch der alliierte Funkspruch: "U-Boote sofort auftauchen, telegrafisch Standort melden, Waffen vernichten und weiße oder blaue Flagge zeigen. Alliiertes Geleit wird sicher in englische oder amerikanische Häfen leiten!", wurde als fingiert angesehen. So handelte der Kommandant auf eigene Faust, als aus dem Aether nur noch das Wort "Kapitulation" ertönte.
Am 9. Mai hatte er sich zur Erkenntnis des verlorenen Krieges durchgerungen. Er klärte die Bootsbesatzung darüber auf. Weiter: "In geheimer, demokratischer Abstimmung ersuchte ich die 48 Mann, selbst über das Schicksal des Bootes zu entscheiden." 30 stimmten für Südamerika, zwei für Spanien, 16 verheiratete, fast ausschließlich technische Unteroffiziersdienstgrade für heim zu Muttern. Sie wurden an die norwegische Küste zurückgefahren.
In der dunklen, leicht-nebeligen Nacht vom 10. zum 11. Mai paddelten sie auf zwei Schlauchbooten mit Sack und Pack und Proviant für vier Wochen in einen schmalen Fjord in der Nähe Bergens an Land. Ehe die norwegischen Küstenbatterien sich eingeschossen hatten, manöverierte das mit dem Vorderschiff aufgelaufene Boot aus der Gefahrenzone.
U 977 schnorchelte mit beschädigtem Sehrohr blind unter Wasser, mit unausbleiblichen Maschinen- und Hauptkupplungsdefekten und 3 Seemeilen Unterwassergeschwindigkeit. Am 50. Tage stand das Boot immer noch zwischen England und Gibraltar.
Ausschlag und Furunkulose in der Besatzung, eine Exzem-Operation mit Schnapsbetäubung ohne Schiffsarzt, Rost- und Schimmelbildung im Schiffsinnern mußten ertragen werden. Die durch Salzwasser gezogene Wäsche trocknete nicht.
Fehlendes Tageslicht, mangelnde Frischluft, tropfendes Kondenswasser und Abwechslungslosigkeit machten selbst den Gesündesten apathisch und appetitlos. Die U-Boot-Bärte verfilzten, die Hustenfälle mehrten sich. Doch die im Radarwarngerät angezeigten Schiffs- und Flugzeugannäherungen zwangen weiter zur Tauchfahrt. 32 Mann wollten ihre Südamerikareise nicht abgebrochen wissen.
Nach 66 Tagen Unterwassertrip tauchte U 977 erstmalig in Gibraltarnähe wieder auf. 1800 zurückgelegte Seemeilen hatten 40 t Dieselöl gefressen, Für die noch fehlenden 5500 standen nur 40 t zur Verfügung. Aus Sparsamkeitsgründen waren die 120 t fassenden Tanks nicht voll gefüllt worden. Eine optimistische Berechnung ergab: "Bei größtmöglicher Sparfahrt kommen wir hin. Mit 5 t Ueberschuß".
Eine vorgesehene Landung auf dem unbewohnten kapverdischen Eiland Branca mußte wegen zu starker Brandung aufgegeben werden. Zur physischen Erholung herrschte nachts kriegsmäßiger Betrieb mit Brücken- und Radarwarngerät-Wachen und reinem Atlantikozon. Tagsüber wurde in Tauchfahrt geschlafen. Bei eventuellem Angriff alliierter Einheiten sollte die Besatzung zurückschießen. Schäffer: "Ich glaubte mich im Recht. Ein Angriff, sei er auch von der Siegerpartei, ist völkerrechtswidrig. Ich darf dann wohl genau so handeln."
Mit Leinwand, Segeltuch und Schornsteinimitation erhielt das Kriegsschiff eine friedliche Frachtersilhouette.
Da wurde die Funkmeldung aufgefangen: "U 530 im argentinischen Hafen Mar del Plata eingelaufen." Jetzt hatte Schäffer zwischen Selbstversenkung und Uebergabe zu wählen. Er entschied für Uebergabe.
U 977 fuhr am 17. August 1945 ohne gesetzte Nationalitätsflagge mit sämtlichen Schiffspapieren und allen zehn unverbrauchten Torpedos im argentinischen Hafen Mar del Plata ein. "Wie zur Parade!" schrieb die Zeitung "La Razon". Die folgenden militärischen Ehren rollten beim Marsch "Alte Kameraden" ab.
In Flugzeugen kamen sofort alliierte Marinesachverständige herbei. Bei den Verhören auf dem argentinischen Kreuzer "Belgrano" konnte Oblt. z. S. Heinz Schäffer an Hand von Log-, Maschinen-, Kriegstagebüchern und Seekarten beweisen, daß U 977
* nicht den brasilianischen Kreuzer "Bahia" versenkte, der im Juli 1945 angeblich nach Torpedobeschuß durch ein U-Boot unbekannter Nationalität unterging;
* nicht den durch die Weltpresse entdeckten mysteriösen Geisterkonvoi, mit dem der Führer des Großdeutschen Reiches sich nebst Gefolge in Sicherheit gebracht haben sollte, geleitete;
* dafür aber die 16 Mann fehlende Besatzung auf eigenen Wunsch in Norwegen absetzte
* und die lange Fahrtzeit zum Zielhafen wegen Brennstoffmangels und somit geringster Geschwindigkeit brauchte.
Die Einzelverhöre der Besatzungsmitglieder bestätigten alle Punkte. "Wer glaubt, auf einem U-Boot etwas geheimhalten zu können, der soll selbst fahren!" erklärte Heinz Schäffer neugierigen Laien. Er hatte bewiesen, daß er auf jeden Fall Hitler nicht übers Meer entführte. Das alliierte Kriegsgericht sprach ihn frei.
In derselben Zeit allerdings behauptete "El Dia" in Montevideo, daß mit Hilfe von U 977 Hitler nach Argentiniens Patagonien und in die Antarktis geflohen sei.
Zur besseren Durchleuchtung kam PW Heinz Schäffer ins Interrogation Camp für prominente Kriegsgefangene nach Washington, zu Admiral Goth und dem Chefingenieur des Heereswaffenamtes Pollert. Mannschaft und U-Boot folgten getrennt.
Das Kriegsgericht, das wieder den Fall "Bahia" verhandelte, sprach zum zweiten Male frei. Auch eine Konfrontierung in einer mit geheimen Mikrofonen gespickten Gefängniszelle mit dem Kommandanten von U 530, Otto Wermuth, brachte keine Ueberraschungen. Beide sahen sich zum ersten Male. U 530 und U 977 waren tatsächlich, unabhängig voneinander, dem gleichen Ziel zugesteuert.
U 977 wurde auf Befehl des amerikanischen Kriegsministeriums versenkt. Eigentlich hatte es Heinz Schäffer den Argentiniern zugedacht.
Im Sammeltransport zurückkehrender PWs war der einstige U-Boot-Ausbildungskommandant Schäffer unter den ersten 16. Zusammen mit dem Handschellen tragenden und an einen jungen, weißhaarigen General gekoppelten Falschirmjäger-General Ramcke. Nach der Uebergabe an die Engländer in Brüssel stellte Heinz Schäffer einen "Umschwung von ausnehmend guter in ausnehmend schlechte Behandlung" fest.
Das Protokoll über das Privatverhör durch vier englische Gefreite schloß: "Schäffer ist glühender Nazi." Daß Hitler an Bord des U 977 gewesen sei, konnten auch sie nicht feststellen.
Nach sechs Monaten Kriegsgefangenschaft folgte die übliche Entlassung aus der Wehrmacht. Dafür kam Schäffer als politischer Häftling ins Lager Paderborn. "Warum ich bei den Politischen saß, erfuhr ich niemals", stellt Schäffer fest.
Durch einen geschmuggelten Kassiber machte er einflußreiche Freunde mobil. Zwei Tage später fuhr der Zivilist Heinz Schäffer nach Düsseldorf und bereitete sich auf seine zweite Reise nach Argentinien vor. Wie er dahin kam, sagt er nicht.
Jetzt ist er glücklich mit einer Argentinierin deutscher Abstammung verheiratet. Die Hochzeitsreise soll ihn auch nach Deutschland führen: "Wenn bis dahin mein Buch-Dementi über den 'Hitlerverstecker Heinz Schäffer' im Manuskript fertig ist."

Ihre angebliche Armut
hat Giovanna, Ex-Königin von Bulgarien, der Oeffentlichkeit preisgegeben. Durch einen früheren Beamten des bulgarischen Außenministeriums ließ die Witwe des auf Geheiß Mussolinis ermordeten Bulgarenkönigs Boris bei der IRO in Genf anfragen, ob sie nicht unter die Displaced Persons aufrücken und entsprechend unterstützt werden könne. Sie wurde hinhaltend beschieden. Eigentlich müßte es der 43jährigen Tochter des 1947 verstorbenen Ex-Königs Viktor Emanuel von Italien schon sehr gut gehen. Sie gehört mit Mutter Helena, Bruder Umberto und zwei überlebenden Schwestern zu den Erben der 4,2 Millionen Dollar, die der schlaue Vater vor dem Kriege in England deponierte und die vor kurzem durch Gerichtsbeschluß den Savoyer Erben zugesprochen wurden. Sie wird auch an dem Liegenschafts-Erbe partizipieren, das der italienische Staat trotz allen Widerstrebens jetzt herausrücken muß. Aber bevor die Londoner Hambros-Bank die Millionen auszahlt und die Güter, Villen und Schlösser in Italien in blanke Dollars umgewandelt werden können, streiten sich erstmal die Hinterbliebenen. Bei Mutter Helena auf Schloß Croe an der Riviera soll jetzt die Beute verteilt werden. Die arme, reiche Erbin Giovanna verließ mit Tochter Maria Luisa und Bruder Umberto das ägyptische Exil. Auf dem Bahnhof bahnte ein Polizist der Ex-Königin den Weg (s. Bild).
*) "Hitler lebt - Das neue Berchtesgaden in der Antarktis". Verlag ELTABANO, Buenos Aires.

DER SPIEGEL 36/1950
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