10.08.1950

ARBEITSLOSIGKEIT„Verbrecher am Werk“

Daß er noch immer nicht verhaftet wurde. ärgert Theodor Busch am meisten. Der 54jährige Hamburger will wenigstens einem Richter seine Vollbeschäftigungstheorie auseinandersetzen dürfen. "Um das zu erreichen, begehe ich bewußt strafbare Handlungen."
Die bestehen darin, daß er nach Feierabend in seiner Wohnung am Eppendorfer Weg auf eigenem Vervielfältigungsapparat beleidigende Aufrufe abzieht. Staunende Hamburger lesen dann am nächsten Morgen an Häuserwänden und Amtstüren:
"An alle existenzbedrohten und arbeitslosen Bundesbürger, die infolge falscher Wirtschaftsführung von Männern des Staates und Gewerbes in diese Katastrophe geführt sind. Ich bringe zur Kenntnis, daß meine Vorschläge zur Behebung unserer allseitigen Not führen können. Die Ablehnung der verpflichteten Volksvertreter, mir eine Unterredung zu gewähren, läßt erkennen, daß diese Männer eine Beseitigung unserer schwierigen Lage nicht wünschen. Diese Elemente sind unsere heutigen großen Volksverbrecher."
Am Schluß sind die "Volksverbrecher" namentlich aufgeführt: Wilken, Carlberg, Schäfer (Präsidenten von Hamburgs Handwerkskammer. Landesarbeitsamt, Handelskammer) und Bürgermeister Max Brauer. Theodor Busch hat einen neuen Aufruf in Arbeit. Darin sind unter der Rubrik "Volksverbrecher" Ludwig Erhard und Vornamensvetter Heuss mit genannt.
Schon nach sechs Monaten will Busch durch Anwendung seiner Theorie allen westdeutschen, wenig später allen Arbeitslosen der Welt lockende Beschäftigung geben. Für die Ueberbrückung der Ost-West-Gegensätze braucht Busch etwas mehr: Zwei Jahre. Dann ist es geschafft. Ewiger Weltfriede und allgemeiner Wohlstand werden von Busch, der selbst eine gutgehende Reparaturwerkstatt betreibt, garantiert.
Das Rezept ist ganz einfach: unbezahlte Ueberstunden.
Sein vorläufig ihn allein seelig machendes "Diagramm für jedermann" und das "Naturgesetz" bilden die wissenschaftliche Grundlage für Buschs Theorie. Das Naturgesetz formuliert er so: "Der Magen jedes Menschen braucht eine bestimmte Menge Essen, um satt zu werden."
Dieses Gesetz der Menschheit zu verkünden und begreiflich zu machen, ist sein Hauptziel. Was dann noch fehlt, erklärt das Diagramm: Die senkrechte Linie zeigt von 0 bis 11 die Arbeitsleistung an. Die waagerechte Null-Linie zeigt die Produktionsleistung von acht Stück an. "Bei dieser Leistung erarbeiten wir gerade so viele Güter, wie wir gebrauchen."
Diese Leistung von acht Stück halte die Kaufkraft mit der Produktion im Gleichgewicht. "Schaffe ich mir nun für 8, - DM nur sechs Stück anstatt acht, also unter der Null-Linie, so kostet das Stück nicht wie bei acht Stück 1, - DM, sondern (8:6) 1,33 DM. Infolgedessen kann ich mir gerade sechs Stück kaufen; die verminderte Leistung schwächt die Kaufkraft."
Hinzu komme, daß die Unkostenlast pro Stück steige, so daß man bei einer Leistung von sechs Stück tatsächlich nur 4S kaufen könne. Die restlichen 1S Stück können laut Busch nicht mehr abgesetzt werden. Und alle diese Ueberproduktion schaffenden Arbeitskräfte müßten schließlich entlassen werden. Hiermit sei das große Rätsel, wodurch die Arbeitslosigkeit entsteht, gelöst.
Dann schiebt Busch seinen breitgeschlagenen Schlosserdaumen über die Null-Linie: "Schaffe ich mir nun für 8, - DM zehn Stück statt acht, kostet ein Stück nur 80 Pfennig (8:10). Für 8, - DM kann ich jetzt zehn Stück kaufen. Die auftretende Unterproduktion von zwei Stück kann nur durch verstärkte Einstellung von Arbeitskräften ausgeglichen werden, das heißt, die Arbeitslosigkeit wird beseitigt."
Allen Zweiflern sagt er: "Beweisen Sie mir, daß meine Theorie falsch ist." Das konnte ihm noch niemand beweisen. Darum läßt er sich nicht unterkriegen: "Obwohl Verbrecher am Werke sind, die den Aufstieg nicht wollen, komme ich mit der Sache durch - das ist ganz klar." Eine Wahrsagerin hat ihm vor langer Zeit eine große Zukunft aus der Hand gelesen.
Buschs wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben gibt Mitarbeiterin Gertrud Pöhls das orthographische Gesicht. Sie tippte auch das Busch-Hörspiel "Das Diagramm" ins Reine. Nach sechs Seiten buschigen Dialogs schließt das Hörspiel:
"Lieber Karl, wir danken Dir für Deine Ausführungen, und wir können sagen, daß dieses Erlebnis Deiner Theorie, welches Du uns zuteil werden ließest, die Hoffnung auf ein baldiges Aufleuchten eines Silberstreifens am Horizont erkennen läßt."
"Auch ich, Herr Generaldirektor, bin von Natur aus ein Forscher", hatte Busch im Begleitbrief an NWDR-Grimme geschrieben. Trotzdem schickte der Rundfunk "Das Diagramm" postwendend zurück.
Theodor Busch will seine Idee jetzt durch Verse populär machen:
"So wie ein Thermometer, das jeder kennt,
auf dem man die Null als Scheidepunkt nennt,
unter dieser friert alles ein,
über dieser Aufblühen und Sonnenschein.
So ist es mit dem Diagramm,
in dem man klar erkennen kann,
die Arbeitsleistung unter der Null
bringt Armut, Elend und Not,
über der Null
Wohlstand, Friede, Lebensfreude und Brot."
Noch 'n Gedicht plant Busch für den Fall, daß dies nicht zieht.

DER SPIEGEL 32/1950
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