17.08.1950

BIOLOGIE / LEBENSGEHEIMNISNach Krieg mehr Buben

Es ist nur eine Theorie", wehrt Professor Dr. Bernhard de Rudder bescheiden ab. Trotzdem scheint der Leiter der Universitäts-Kinderklinik Frankfurt a. M., den Schlüssel zu einem Lebensgeheimnis gefunden zu haben. Es geht dem Professor um die Erklärung eines rätselhaften Phänomens: Stets werden in und nach männermordenden Kriegen, in Hunger- und Notzeiten verhältnismäßig mehr Knaben geboren als in ruhigen, "guten" Zeiten.
Seit Jahrzehnten suchen die Wissenschaftler nach einer Erklärung für diesen selbsttätigen Ausgleich der Natur. Aber keiner hat bisher das unsichtbare Pendel zu fassen vermocht. "Es wäre voreilig", meint Professor de Rudder, "den lieben Gott zu bemühen oder von einer Weisheit der Natur zu sprechen."
Schon in normalen Zeiten ist es merkwürdig: Auf je 100 Mädchen-Geburten kommen zwischen 105 und 106 Knaben-Geburten. In Notzeiten aber klettert die Verhältniszahl der Knaben-Geburten regelmäßig auf 108. Das Plus von zwei Buben tritt wie ein Naturgesetz auf.
In Deutschland zeigt die statistische Kurve innerhalb der letzten 50 Jahre drei Steigerungen: In den Kriegs- und Inflationsjahren 1914 bis 1923, dann in den Jahren der steigenden Arbeitslosigkeit 1928 bis 1933 und schließlich von 1939 bis heute. Italien hat zusätzlich einen statistischen "Buckel" zur Zeit des Abessinienkrieges. In der friedlichen und krisensicheren Schweiz gibt es kein derartiges Auf und Ab.
Dabei werden relativ noch mehr Knaben gezeugt als geboren. Schon vor der Geburt ist das "starke Geschlecht" das schwächere: Der überwiegende Teil der Tot- und Fehlgeburten ist männlichen Geschlechts. Genau läßt sich die Zahl der Knabenzeugungen nicht angeben. Das weiß auch Professor de Rudder: "Die Geschlechtsbestimmung von Früchten aus der ersten Schwangerschaftszeit ist unsicher bis unmöglich."
Es wird jedoch allgemein anerkannt, daß mindestens 120 Knabenzeugungen auf 100 gezeugte Mädchen kommen. Der ursprüngliche Knabenüberschuß schmilzt aber dann in den neun Monaten der Schwangerschaft bis auf einen Rest dahin - seltsamerweise in mageren Jahren weniger als in fetten.
Bisher versuchten die Wissenschaftler das statistische Rätsel mit dem Zusammenspiel von Einzelfaktoren zu erklären. Der Haken ist: Diese Einzelfaktoren sind auch wieder nur statistisch erklärbar. Die Frage nach dem "Warum" ist damit noch nicht beantwortet. Meistens werden vier Thesen angeführt:
Es steht fest, daß bei Erstgeburten der Prozentsatz an Knaben das Normal-Verhältnis 106:100 übersteigt. Die Ursache konnte bisher nicht ermittelt werden. Es ist nur eine statistisch festgestellte Tatsache. Also folgerten die Forscher: Nach Kriegen werden mehr Ehen geschlossen. Mehr Ehen bedeuten mehr Erstgeburten. Somit These 1: Nach Kriegen mehr Buben.
Das scheint zu stimmen. Aber für die Kriegszeit selbst stimmt es nicht. In Kriegszeiten werden ebenfalls mehr Buben geboren, obwohl weniger Paare vor dem Standesbeamten stehen. Es müßten also mehr Mädchen geboren werden. Das ist aber nicht der Fall.
Um diesen Widerspruch aufzuklären, holten die Biologen andere Statistiken von weit her: Die Ainos, begabte und faule Ureinwohner Japans, jetzt noch auf Jesso, Kamtschatka und den Kurilen, sind ein untergehendes Volk. Sie haben als Folge weitverbreiteter Geschlechtskrankheiten einen hohen Prozentsatz an Fehlgeburten. Bei den Ainos werden, ein Kuriosum, mehr Mädchen geboren.
Daraus folgt These 2: "Eine Abnahme von Fehlgeburten bedeutet eine Zunahme der Knabengeburten." Also Begründung der Forscher: Im Krieg gibt es weniger Fehlgeburten, weil die Schwangerschaft der Frauen ungestörter verläuft. Aber moderne Kriege haben auch These 2 bereits überholt. Bombenteppiche und Frauenarbeit in den Rüstungsfabriken haben die Rate der Fehlgeburten bestimmt nicht gesenkt.
Auch These 3 basiert auf Statistiken: Es bestehen Zusammenhänge zwischen dem Beruf des Vaters und dem Geschlecht seiner Kinder. Das Geburtenverhältnis normaler Zeiten 106:100 gilt nicht für alle Berufsgruppen. Der Deutsche Dr. Klaus Conrad untersuchte 25000 Jungen und Mädchen auf ihre Herkunft.
Ergebnis: Bei Tagelöhnern und Arbeitern kommen 117 Knaben auf 100 Mädchen, bei Kaufleuten 111, bei Handwerkern 109. Bei Berufssoldaten und Bauern sind es die normalen 106. Dagegen bei Lehrern und Beamten nur 101, bei evangelischen Pfarrern 98, bei Universitätsprofessoren 70. Die "Schreibtischberufe" zeigen eine deutliche Tendenz zu Töchtern.
In Krisen- und Notzeiten können die Schreibtischarbeiter weniger denn je heiraten und sich zu Kindern entschließen. Der Töchterausfall muß das Bild zugunsten der Söhne verschieben. Aber viele Forscher akzeptieren Conrads Ergebnisse nicht. "Die Untersuchung von nur 25000 Geburten ergibt noch nicht den richtigen Querschnitt!"
Bleibt These 4: In und nach Kriegen gibt es mehr "heterogene" Ehen: Verbindungen zwischen Partnern, die nach völkischer und sozialer Herkunft sehr verschieden sind. (Dazu rechnen die Besatzungsehen.) Auch hier haben die Wissenschaftler eine Statistik parat. R. Pearls (Buenos Aires) hat sie ausgewertet. Sie umfaßt 200000 Geburten: Bei den Kindern "gemischter" Eltern ist der Knabenprozentsatz erheblich größer als bei den Kindern von Eltern gleicher Volkszugehörigkeit. Jeder Krieg bringt ein stärkeres "Durchmischen" der Bevölkerung mit sich. Darum auch: Zunahme der Knabengeburten.
Professor Bernhard de Rudder geht auf diese Erklärungsversuche nicht ein. Er verläßt sich lieber auf das Reagenzglas. Was die Biologen bisher erforschten, ist durchaus noch nicht Allgemeingut. Von 100 Müttern wissen kaum drei über die biologischen Zusammenhänge Bescheid:
Das Geschlecht eines Kindes ist in dem Augenblick entschieden, in dem der Samenfaden in das ein fünftel Millimeter große Ei eindringt. Die männlichen Keimdrüsen bilden zwei Samensorten. Genau die Hälfte enthält ein X-Chromosom*), das ein Mädchen entstehen läßt, die andere Hälfte ein Y-Chromosom, das einen Jungen werden läßt. Je nachdem ein X- oder ein Y-Samenfaden befruchtend zum Zug kommt, entsteht ein Mädchen oder ein Junge.
Nach den theoretischen Voraussetzungen müßten also auf 100 Mädchenbefruchtungen genau 100 Knabenbefruchtungen treffen. Tatsächlich sind es aber mindestens 20 Knaben mehr. Das "Warum" erklären die Wissenschaftler so: Das Y-Chromosom ist kleiner. Der das Y-Chromosom enthaltende Y-Samenfaden ist darum beweglicher als der das X-Chromosom enthaltende X-Samen.
Darum kommen auf dem Wege zur Eizelle auf 100 Erfolge der X-Spermien (Mädchen) mindestens 120 Erfolge von Y-Spermien (Junge). Das ist der Durchschnitt bei Millionen von Kindern. Der Laie sagt: "Der Zufall oder die Bestimmung entscheidet."
Der Geburtenrückgang in Kriegs- und Notzeiten brachte Professor de Rudder auf folgende Ueberlegung: Der Erhöhung der Knabengeburten muß wohl eine Erhöhung der Knabenzeugungen entsprechen. Irgend etwas muß sich also in Krisenzeiten verändern. Die Forscher W. Ludwig und Chr. Boost haben auf Grund "recht verwickelter Ueberlegungen" die Unterernährung dafür verantwortlich gemacht. Warum diese sich aber gerade "mädchenfeindlich" zeigen sollte, konnten sie bisher nicht angeben.
De Rudder versucht nun folgende Erklärung: Der Eiweißmangel ist schuld daran. Er vermindere (das sei nachgewiesen) "die Hyaluronidase im Sperma". Die Hyaluronidase ist ein Ferment, ein organischer Stoff, der chemische Vorgänge auslöst oder beschleunigt.
Die Sache sei so: "Das Ei erweist sich nach einer Ausstoßung aus dem Follikel**) und noch auf seiner Wanderung im Eileiter umgeben von einer Schicht von Follikelzellen, die in eine gallertartige Masse eingepackt sind." Ein wesentlicher Bestandteil dieser Gallerte ist die Hyaluronsäure. Diese Säure, sagen die Chemiker, ist ein Polysaccharid von hoher Viskosität. Für Laien: Ein zusammengesetzter Zucker von großer Zähflüssigkeit. Je größer der Gehalt einer lebenden Membrane an Hyaluronsäure, desto schwerer durchdringbar ist sie.
"Diese Gallerthülle ist für Spermien erst durchdringbar", meint de Rudder, "wenn sie fermentativ aufgelockert und abgebaut, das heißt bis zu einem gewissen Grad verflüssigt wird". Diesen Abbau leistet eben das im normalen Samen vorhandene Ferment Hyaluronidase.
De Rudders Theorie: Bei Eiweißmangel durch Unterernährung ist zu wenig davon vorhanden. Die Eihülle wird unvollkommen aufgelöst oder die Auflösung dauert länger. Bei mangelhaft verflüssigter Eihülle gelingt den leichteren Y-Spermien das Durchdringen häufiger als den schwereren X-Samenfäden. Also: Mehr Knaben werden geboren.

Wie ein Fisch
bewege sich sein "Unterwasser-Taxi" auf dem Meeresboden, erklärte Erfinder Halley Hamlin aus Cortland, New York, als er sein Zweimann-U-Boot an der Küste von Florida vorführte. 20 Jahre und 50000 Dollar hatte er zur Entwicklung und Herstellung seines Land- und Wasserfahrzeuges gebraucht. Es ist etwas über 4 m lang, mit Elektroantrieb ausgerüstet und kann 300 m tief tauchen. Das Raupenfahrwerk dient zur Fortbewegung auf dem Meeresgrund. Der Aktionsradius beträgt 40 km bei einer Geschwindigkeit von 10 km/h. Der mitgeführte Luftvorrat reicht für 32 Unterwasserstunden. Erfinder Hamlin will sein Fahrzeug zur Erforschung des Meeresbodens, zum Drehen von Unterwasserfilmen und zur Beobachtung gesunkener Schiffe vermieten. Dadurch sollen die 50000 Dollar Entwicklungskosten wieder hereinkommen.
*) Chromosomen: Schleifenförmige Gebilde im Zellkern, Träger der Vererbung. Die menschlichen Keimzellen, Eier wie Samenfäden, besitzen 24 Chromosomen.
**) Kleine, erbsengroße, mit wäßriger Flüssigkeit gefüllte Bläschen im Eierstock.

DER SPIEGEL 33/1950
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 33/1950
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BIOLOGIE / LEBENSGEHEIMNIS:
Nach Krieg mehr Buben

  • Künstler-Knirps Mikail: 5000 Euro für ein Bild
  • Jever statt Westeros: Ostfrieslands Promo-Film im Game-of-Thrones-Stil
  • Toronto: Blitz schlägt in 550-Meter-Fernsehturm ein
  • Beinaheabsturz: Planespotter fotografiert Notlandung von Regierungsflieger