24.08.1950

EPILOGGroße Stars zu kleinen Preisen

Wahnsinniger legt Bombe auf Schiff". Mit diesem artikellosen Satz umriß Artur Brauner, Chef der Berliner CCC-Film, dem Autor R. A. Stemmle und Regisseur Helmut Käutner eine eigene Filmidee. Brauner hatte nach dem vorjährigen Erfolg seiner "Mädchen hinter Gittern" auch in diesem Jahr biennalen Ehrgeiz.
Stemmle und Käutner schafften den Wahnsinnigen vom Deck der Braunerschen Phantasie. Schiff und Bombe ließen sie gelten. Durch Zeitungsnotizen inspiriert, die vom mysteriösen Untergang einer südamerikanischen Yacht und eines Fischkutters berichteten, schrieben Stemmle und Käutner das Drehbuch zu "Epilog".
Artur Brauners Ambitionen erfüllten sich: Dreihundert Filmmeter genügten der Wiesbadener Selbstkontrolle, "Epilog" für Biennale-würdig zu befinden.
Das Autoren-Team Stemmle-Käutner bettete die Geschichte vom Schiff und der explodierenden Bombe in die Rahmenhandlung eines journalistischen Tatsachenberichts: Ein deutscher Reporter ergründet in London die Zusammenhänge einer mysteriösen Schiffskatastrophe.
Dem ängstlich kalkulierenden Brauner versuchten Käutner und Stemmle, den Sand pekuniärer Beruhigung in die Kaufmannsaugen zu streuen. Anfangs sprachen sie beim Nußlikör nur von einer Dekoration, bestehend aus Kabine und einem Salon. In Raten erkämpften sie später die Dekoration der gesamten Luxusjacht "Orplid". Die Außenaufnahmen wurden auf einer umgemodelten Zille auf der Havel gedreht.
Im Atelier hatte man das Schiffsgehäuse auf einer Metallkugel konstruiert, die dauernd für schlingernde Bewegung sorgte. Nur bei den ersten und letzten Filmszenen nicht. Sie spielen an Land, im nüchternen Wochenschau-Stil.
Käutner arbeitete für die Hälfte seiner gewohnten Gage. Die letzte Rate wurde von der Einhaltung des Dreh-Termins abhängig gemacht. Große und größte Stars ließen sich zu kleinsten Preisen verpflichten durch die Aussicht, für ein würdiges Projekt zu arbeiten.
Requisiten kramte Brauner aus seiner Wohnung, Pelze aus dem Schrank seiner Frau. Man blieb um acht Prozent unter dem Kostenanschlag, obgleich sich die Dreharbeit durch Kulisseneinstürze und technische Schwierigkeiten von geplanten 32 Tagen auf 36 ausdehnte. "Epilog" kostet 700000 DM.
17 Stunden stand Käutner täglich auf den Beinen, verzichtete auf viel Schlaf und verlor zwölf Pfund Körpergewicht. Mit den Spielszenen wurden gleichzeitig die Musikaufnahmen gemacht. Acht Tage nach Aufspulen des Zelluloids konnte im technischen Betriebe der DEFA gemischt werden. Dann bewilligte Brauner die letzte Zahlung an Käutner.
Regisseur Käutner findet sich selbst nur in wenigen Stellen des "Epilog" wieder. In der kurz bemessenen Zeit konnte er nicht experimentieren. Als "Fehling des Films", bezeichnet, wollte er einmal beweisen, daß er sich auch der Produktion unterordnen kann. "Es heißt, daß ich immer beiseite stehe und nichts für den Publikumsgeschmack tue."*)
Der Publikumsgeschmack hat sich für Käutner schon einmal als zweischneidig erwiesen. Um der Masse entgegenzukommen, wandelte er das Drehbuch seiner "Königskinder" happy-end-lich ab. "Es wurde trotzdem kein Erfolg."
In "Epilog" habe er alles anders gemacht als sonst, sagt Käutner. Es geht mit französisch-realistischer Grausamkeit zu. Es wird gemordet und selbstgemordet. Von der Besatzung der Luxusjacht bleibt nur eine Person übrig. Auch der Journalist wird im Paternoster des Berliner Shell-Hauses gekillt. Die Kamera verfolgt aus dem Nebenlift die Auf- und Abfahrt der Leiche.
Bei einer mit besonders viel Blut bespritzten Szene - Peter van Eyck wird mit einem Eisenhaken durchbohrt - erbleichte sogar die Cutterin am Klebetisch.
Nach einer Prügelszene zwischen Irene von Meyendorff, Bettina Moissi und Hilde Hildebrand zitterte die Hildebrand vor gesundheitlichen Folgen: "Dieses echte Gehabe bringt mir noch einen Brustkrebs ein."
Alle Darsteller trugen zumindest blaue Flecke davon. Hans Christian Blech (der Mörder aus "Affäre Blum") war nach einem Kampf besinnungslos.
Trotzdem gab es keine private Meuterei auf der "Orplid". Nach Aussagen der Schauspieler ist Käutner der ruhigste und
ausgeglichenste Inszenator. Selbst einen lästigen Fotografen komplimentierte er höflich von Deck.
Bettina Moissi, diesmal schwarzhaarig und asiatisch als Malaienmädchen Leata, klagte: "Er knipste immer die falschen Liebespaare in zärtlicher Umhalsung."
Die richtigen Kombinationen sind sehr kompliziert: Conchita (Irene von Meyendorff), großer Varieté-Tanzstar und Partnerin von Ermoano (Arno Aßmann) hatte mit dem reichen Mr. Hoopman (Fritz Kortner) ein Verhältnis. Sie wird von ihm an Bord der Luxusjacht mit Martin (Hans-Christian Blech) verheiratet und interessiert sich heftig für Lund (Peter van Eyck).
Den Darsteller des Journalisten Zabel in der Rahmenhandlung, Horst Caspar, hält Käutner für die idealste Besetzung. Von Perücke, Degen und Kostüm seiner bisher pathetischen Filmrollen befreit, im saloppen Straßenanzug, wirkte er auf Käutner wie der zukünftige Gary Cooper des deutschen Films.
Bettina Moissi lernte bei der Münchener Zeichnerin Bele Bachem, wie man fachgerecht mit Pinsel und Bleistift umzugehen hat. Bettina Moissi ist im Film die Zeichnerin von Skizzen, die das Filmrätsel der Schiffskatastrophe lösen helfen. Diese für die Handlung wichtigen Zeichnungen sind von Bele Bachem.
In der ungewöhnlichen Gesamtzeit von zwei Monaten ist "Epilog" jetzt fertiggestellt worden. Allgemein liegen allein zwischen Abdrehen und Mischen vier Wochen.
Käutner hätte bei dem künstlerischen Wettbewerb der Biennale lieber eine typischere Visitenkarte abgegeben, etwa im Stile von "Romanze in Moll". Das hätte aber mindestens fünfzig Aufnahmetage erfordert.
Für ihn ist "Epilog" ein psychologischer Kriminalreißer. "Aber ich habe gezeigt, daß ich mich an einen Vertrag halten kann."
Nach seiner Visite in Venedig will Käutner sein langgehegtes Lieblingskind verfilmen, einen Jongleurfilm "Griff nach den Sternen". Wie in "Epilog" sollen darin verschiedene Sprachen gesprochen werden. Jean Louis Barrault soll der Hauptakteur werden. Käutner verhandelt mit ihm.
Mit Bettina Moissi und Horst Caspar will er Giraudoux' "Undine" verfilmen. "Eines steht fest: in den nächsten fünf Jahren drehe ich kein Lustspiel."
*) Als Käutner vor anderen Deutschen in Cannes den "Dritten Mann" gesehen hatte, erzählte er zum Spaß einem Hamburger Produzenten und einem Bankmann den Inhalt als seinen eigenen Stoff. Die Herren scheuten vor Begriffen wie "Sektorenstadt, Trümmer, Schwarzer Markt" zurück. "Das wollen doch die Deutschen nicht sehen. Werden Sie endlich vernünftig, Käutner", sagte man ihm. Der "Dritte Mann" wurde das größte Geschäft.

DER SPIEGEL 34/1950
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