27.09.1950

ATLANTIS / FORSCHUNGZwischen Sylt und Helgoland

Die nordfriesischen Christenseelen des Kirchspiels Bordelum bei Husum an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste haben sich mit ihrem Gemeindepfarrer Jürgen Spanuth wieder ausgesöhnt. Eine Zeitlang hatten sie sich ziemlich verlassen gefühlt. "Uns' Paster hat zuviel anneres in'n Kopp", klagten sie.
Dieses andere war Atlantis, die sagenhafte versunkene Insel, die von den Forschern seit Jahrhunderten in fast allen Teilen der Welt von Ostindien bis Nordamerika gesucht wird. Schon 1927 hat Theologiestudent Spanuth auf der Kieler Christian-Albrecht-Universität nächtelang über Atlantis-Büchern gebrütet.
Als er damals eine Dissertation über die Bekehrung der heidnischen Friesen zum Christentum schrieb, fand er: "Der friesisch-heidnische Kult war identisch mit dem hyper-boreischen Kult der Griechen."
Daran erinnerte er sich, als er in Bordelum als Gemeindepfarrer einzog. Nun konnte er friesische Heimatgeschichte an Ort und Stelle studieren. Als Pfarrer Spanuth bei seiner Liebhaber-Forschung auf die in Friesland kursierende Basilea-Sage stieß, wurde er stutzig.
Im Volksmund ist Basilea mal als "Königsstadt", mal als "Königsinsel" überliefert.
Jürgen Spanuth schöpfte Verdacht auf Atlantis. Und als er einige Helgoländer ihre Felsenheimat noch heute "Atlun" nennen hörte, stand für ihn fest: "Atlantis ist nicht ein versunkener Erdteil im Atlantischen Ozean, Atlantis war eine Insel in der Nordsee."
Diese Insel wollte der Pastor von Bordelum finden. In Hamburg charterte er sich die "Meta", einen kleinen 150-BRT-Frachter. Für die "Meta", die Mannschaft, die Ausrüstung und drei wissenschaftliche Taucher mußte er tief in die Tasche greifen: 4000 DM. "Meta" startete von Husum.
Der Pastor umgab sein kleines Unternehmen mit einem kriminalromanhaften Geheimhalteschleier. Vorsorglich schleifte er Mannschaft und Taucher zum Rechtsanwalt, der die Schweigeverpflichtung über die Expedition schriftlich aufsetzte.
Ueber den Akademischen Gemeinschaftsverlag will Entdecker Spanuth seinen Beweis dreibändig in volkstümlich-wissenschaftlicher Form neben die 2000 Atlantis-Bücher stellen, die bisher geschrieben wurden. Fast alle Atlantis-Autoren berufen sich auf den alten Griechen Plato, der das Wort "Atlantis" zum erstenmal prägte. Platos Bericht spricht von einer im Meer versunkenen Insel, in deren Hauptstadt Herkules-Säulen gestanden hätten.
Die Säulen wurden besonders seit Mitte des 19. Jahrhunderts durch alle Möglichkeiten der historischen Dialektik variiert. Ebenso die im Plato-Bericht angegebenen drei Gesteinsarten, aus denen der Wall um die Atlantis-Hauptstadt bestanden habe. Ab und zu wurde Plato auch als nicht ernst zu nehmender Story-Erfinder verdammt.
So kam es, daß Naturforscher und Geograph Alexander von Humboldt in der neuen Welt Amerika das gesuchte Atlantis sah. Ihm traten schon um das Ende des 19. Jahrhunderts Atlantaner entgegen (angeführt von G. Hartung), die eine Theorie präsentierten, wonach die Azoren Ueberreste des versunkenen Erdteils seien.
Biologe Charles Darwin aber glaubte, daß Atlantis eine Landverbindung von Europa nach Amerika gewesen sein müsse - von Skandinavien über Grönland zum arktischen Amerika. Anderen Brückentheoretikern zufolge soll das Bindeglied Europa-Amerika mitten im Atlantischen Ozean versunken sein. Die beiden Franzosen Roux und Devigne erklärten 1925 Nordafrika (Marokko, Algier und Tunis) für Atlantis.
Im August 1929 explodierten zwei Tränengasbomben während einer Versammlung der "Société d'Etudes Atlantéenes" in der Pariser Sorbonne. Damit schnitt ein Vereinsmitglied die Diskussion über die damals neueste Theorie ab, wonach Korsika die platonische Insel sei. Und 1931 zeigte der Orientalist Karst sogar nach Ostindien. Dort sei Atlantis zu suchen.
Der Berliner Professor A. Hermann war im gleichen Jahr von einem nordafrikanischen Atlantis überzeugt. Im ausgetrockneten Delta des Triton-Flusses in Südtunis wollte er die atlantische Hauptstadt gefunden haben.
Als aber 1933 das deutsche Staatsruder auf völkisches Selbstbewußtsein herumgelegt wurde, widerlegte Professor Hermann sich vorsichtshalber gleich selbst: "Atlantis ist an der deutschen Nordseeküste zu suchen." Das lobte der "Völkische Beobachter". Alles andere galt als überholt.
Als überholt galt auch die Theorie des Franzosen Duvilles, wonach Atlantis im nordatlantischen Sargasso-Meer zu suchen sei. Ebenso die von vier Forschern zwischen 1925 und 1930 aufgestellte These: Atlantis lag in Spanien. Die einen entschieden sich damals für die Stadt Cadiz, die anderen für die hiberische Sagenstadt Tartessos. Das ähnelte der um 1900 von dem schwedischen Historiker Svensen verkündeten Theorie, nach der Atlantis im Mittelmeer versunken sein sollte.
Im Mittelalter legte die römisch-katholische Kirche den seit Jahrhunderten währenden Atlantis-Streit diktatorisch bei, indem sie die Schriften des Plato-Schülers Aristoteles für alleinseligmachend erklärte. Aristoteles war nämlich in puncto Atlantis der schärfste Gegner seines weisen Meisters.
Pfarrer Jürgen Spanuth begnügte sich nicht mit Plato. Er wollte selbst bis an die Quelle der platonischen Weisheit vordringen. Denn auch Plato erzählte nur nach, was der Griechen-Plutokrat Solon bereits Generationen vor ihm berichtet hatte. Solon hatte um 580 v. Chr. eine Reise nach Aegypten unternommen und sich dort mit einem Priester die Inschriften in den Quadern des Tempels der Pharaonen-Göttin Ned übersetzen lassen.
Entdeckungsbeflissen verschaffte sich Jürgen Spanuth Abbildungen der Inschriften. Lange Nächte saß er in seinem Bordelumer Pastorat über den Steinritztafeln.
Die Ritzzeichnungen waren eine Art dramatischer Fortsetzungsbildbericht über das Thema "Einfall der Nordseemänner in Aegypten", Landgefechte, Seeschlachten und Gefangenen-Vernehmungen waren abgebildet (siehe Bild).
Die Vernehmungsprotokolle sind auszugsweise um die altertümlichen Bildberichte herum eingeritzt. "König Ramses hat sie mit seinem Ritz-Siegel beglaubigt", deutet Jürgen Spanuth ein oval gerahmtes Wappen.
Außerdem: "Immer wieder tauchen Gefangenen-Aussagen auf, die von einem 'Westland' und 'Atlant' als Heimat der Nord-Süd-Wanderer sprechen. Die Gefangenen bezeichneten sich selbst als Friesen, Sachsen und Dänen und führten ihre Weltwanderung auf den Verlust ihrer Heimat zurück."
Dabei hätten sie ebenso von der "Goldenen Stadt", die im "Schlamm-Meer" begraben worden sei, gesprochen, wie von "regenschüttenden Himmelstoren", die sich geöffnet hätten. In altertümlichen Wetterberichten für die Nordsee fand Paster Spanuth eine Naturkatastrophe für den fraglichen Zeitraum bestätigt.
"Um 1250 v. Chr. erfolgte eine so rapide Abkühlung der Erde, daß sie von gewaltigen Erd- und Seebeben erschüttert wurde", suchte sich Jürgen Spanuth aus den meteorologischen Bronzezeitberichten heraus. Er überläßt es den Klimahistorikern, für diese vielfach überlieferte Erdtragödie einen Grund zu finden. Denn die Klimahistoriker streiten sich wieder untereinander.
Am besten gefällt Spanuth die Version des in Rußland geborenen und 1939 nach den USA ausgewanderten Allround-Dr. Immanuel Welikowski. Dr. Welikowski beschäftigte sich zehn Jahre lang mit den Naturkatastrophen der Erde. Er deutet das Weltdrama von 1250 als Auswirkung "astraler Unregelmäßigkeiten" infolge der Geburt der Venus.
Dieser Stern sei zu jenen Josua-Wundertagen durch Abspaltung von einem anderen Planeten gebildet worden und dabei zweimal so gefährlich dicht an der Erde vorbeigerutscht, daß die tägliche Erdumdrehung verlangsamt wurde. Folge: "Das Meer teilte sich."
Dadurch habe sich damals (meint Spanuth) der Meeresspiegel in der Nordsee um mindestens fünf Meter gehoben.
"Aber Reste von Atlantis sind nicht nur auf dem Meeresgrunde erhalten", verkündet Pastor Spanuth mit Entdecker-Stolz. "Die Inseln Sylt, Amrum, Föhr und auch Helgoland sind die sichtbaren Ueberbleibsel von Atlantis." (Siehe Zeichnung.)
"Schon in den mit dem Siegel König Ramses III. notariell abgezeichneten Tempel-Steindokumenten haben einige Gefangene genau die rot-weiß-grüne Schichtung Helgolands angegeben", weiß er.
Die "Meta"-Expedition sollte nun seine Theorie mit Funden vom Nordseeboden untermauern. Zwei klotzige Steine brachte Expeditionsleiter Spanuth erst einmal von seiner Grundsuche mit.
"Steine von Hünengräbern auf dem Grunde der Nordsee", erklärt er die Kolosse. "Zwei Tage nach Springflut ragt sogar heute noch ein kreisrund angelegter Hünengräber-Friedhof vor Amrum aus dem Wasser."
Die alte goldene Stadt Basilea, deren Metall- und Bernstein-Reichtum genau im Ned-Tempel beschrieben sei, ließe sich zwischen Sylt und Helgoland aus dem Nordseegrundschlick buddeln, glaubt der Bordelumer Atlantis-Entdecker.
Da sich die nordfriesische Basilea-Sage mit den in Aegypten aufgezeichneten Gefangenen-Aussagen der Nordsee-Männer decke, steht für Jürgen Spanuth fest: Die versunkene "Goldene Stadt" war die Hauptstadt der gleichfalls versunkenen Insel Atlantis.
Aus der nordischen Geschichte hat er dazu entnommen, daß dieses Atlantis die Königsinsel des Atlantischen Königreiches gewesen sei. Südskandinavien, Jütland und das damals noch nicht untergegangene Festland in der Nordsee seien eine große und bedeutende Kultureinheit gewesen. Damit will Jürgen Spanuth auch erklären, warum "die vielen anderen Theorien zwar falsch, aber möglich waren."
Denn: "Nach der Ueberlieferung lebte in diesem Atlantischen Reich ein Seefahrervolk, das bis an alle damals erreichbaren Küsten fuhr. Daher erklärt sich, daß an den verschiedensten Ecken der Welt der Name Atlantis auftauchte. Denn an all diesen Ecken hatte das Atlantische Reich Kolonien."
Das möchte der Pastor von Bordelum durch eine zweite, größer angelegte Nordsee-Expedition beweisen. Aber dazu fehlt ihm das Geld. Schon seit Wochen schickt ihm die Kreissparkasse regelmäßig höfliche Mahnungen über den Minusstand seines weit überzogenen Kontos.

DER SPIEGEL 39/1950
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