11.10.1950

KRITIK / LUFTGleiche Stelle, gleiche Welle

Professor Heuss hatte sich eigentlich vorgenommen, während der Filmpremiere im Berliner "Marmorhaus" ein bißchen zu schlummern. Aber Leo de Laforgues "Symphonie einer Weltstadt - Berlin wie es war" ließ dem Bundespräsidenten keine Ruhe.
Er gestand es später Friedrich Luft, der zu den meist idyllischen Bildern dieses Films aus dem ehemaligen, heilen Berlin den bedächtigen Text verfaßt hat. "Jetzt lege ich mich zu Hause aufs Sofa und zittere", gestand Luft, als er am Sonntagmittag vor der Premiere im RIAS-Mikrophon "Die Stimme der Kritik" sprechen ließ.
Abends zitterte Friedrich nur noch von den vielen Wassertieren, die erst seit wenigen Tagen im Berlin-Film nacheinander schnappen. De Laforgue hat herausbekommen, daß Professor Heuss vor Jahren über das Berliner Aquarium geschrieben hat. Mit Tintenfischen und kaninchenfressenden Schlangen ehrt der Filmschöpfer den hohen Politiker.
Während der kritischen Sonntagsviertelstunde Friedrich Lufts werden Radioapparate zu schweigend umlagerten Konzentrationspunkten der Familien, in vielen Haushalten Berlins und der Ostzone, die vom westlichen RIAS angestrahlt wird. Die "gleiche Stelle, gleiche Welle", auf der sich F. L. zum Abschied immer für den nächsten Sonntag ankündigt, ist in Berlin heute gebräuchliche Verabredungsformel wie "wir telefonieren noch".
"Es ist schön zu leben, weil Friedrich Luft lebt", diesen Hörerschrei hat Friedrich Luft an seine Redaktionswand gepickt. Er ist auch Feuilletonredakteur der "Neuen Zeitung", Berliner Ausgabe.
Die Schreibtischschublade quillt über von Neigungsbeweisen. Alte Damen und junge Männer schreiben am fleißigsten. So: "Ihre Frau braucht keine Angst zu haben, ich bin schon über achtzig ...", "... Sie sind mir menschlich am nächsten ...", "... Sie sind uns allen so ein Lichtblick in dieser allgemeinen geistigen Umnachtung dieses hoffnungslosen Volkes" (Frau Kläre aus Tempelhof).
Und um 3/412, wenn Friedrich Lufts "Stimme der Kritik" zu kritisieren anfängt, werden alle Bänke um den öffentlichen Lautsprecher im Park neben dem Schöneberger RIAS-Bau besetzt. Um 12 Uhr stehen die Leute auf und wandern weiter.
Luft, der einzige populäre Kritiker des heutigen Berlins, macht mehr Eindruck auf die Massen als Alfred Kerr, Herbert Ihering und Alfred Polgar in ihren besten Kritikerzeiten. Dabei ist Friedrich Luft weder besonders scharf noch besonders milde, weder auffällig objektiv im Urteil noch unmäßig subjektiv. Er ist wahrscheinlich auch der klügste und klarste der Berliner Rezensenten nicht, wenn auch gewiß nicht der dümmste.
Aber er ist der scharmanteste. Purer Verstand macht nie populär. Luft wirkt aufs Gemüt. Mit heller Stimme, beinahe keuchend, berichtet er von den Theater- und Filmpremieren der Woche. Ein netter, aufgeregter Junge, der jubelt "Ich geh' noch mal hin", wenn's schön war, und der, wenn's schlimm war, die lieben Hörer einlädt, sich mit ihm die Haare zu raufen.
Die Sprache des Schreibers Luft ist anmutig, verschnörkelt, dabei oft sehr wortgenau und durch kräftige Jargonkörner gewürzt. Der Sprecher Luft hat sie sich etwas normalisiert und verdünnt.
Nach den ersten Proben, 1946, wollte man Luft nicht ans RIAS-Mikrophon lassen. Aber Friedrich mochte seine Texte keinem professionellen Sprecher ausliefern. Acht Sprachlehrer erboten sich inzwischen, die oft nach Atem ringende "Stimme der Kritik" in die Lehre zu nehmen. Der Sexappeal des Ausdrucks ist aber anscheinend wichtiger als die Sprechtechnik.
In den dreißiger Jahren feuilletonisierte Luft für das "Berliner Tageblatt", die DAZ und "die neue linie". Als "Pastell im Geist" besang Mitfeuilletonist Peter Bamm die gesammelten "Luftballons" von Friedrich Luft. "Ein Mund wäscht den anderen", sagt Friedrich dazu.
1948 stellte er sich im Berliner "Tagesspiegel" selbst ein gemessenes Lob aus. Für seine unter dem Pseudonym "Urbanus" geschriebenen, vom "Tagesspiegel" zuerst gedruckten und dann von Suhrkamp gesammelten "Tageblätter". Luft über "Urbanus":
"Ein Moralist in jedem Falle, aber einer, der die Lust am Leben, war es auch noch so kärglich und triste wie in jenem ersten Nachkriegsjahr, freundlich im Notizbuch seines Herzens fixierte und keine Gelegenheit ausließ, zum Guten zu reden."
Auch damals, als Urbanus-Luft zweimal in der Woche eine "Tagesspiegel"-Ecke füllte, fand er ein zärtliches Publikum Eine Leserin schickte ihm jeden Sonnabend zwei Zigaretten. Nachdem er den Verschleiß seines Farbbands zierlich beklagt hatte, bekam er Ersatz aus allen Kreisen. Auf die rhetorische Frage "Wer pumpt mir dreißig Eier!" griffen verschiedene Damen in die Haushaltskasse und schickten Geld.
Urbanus machte nicht viel Worte, ein paar Zeilen genügten. Aber in ihnen war Empfindung, ohne die niedliche Himbeersoße der Gefühlchen, Klugheit, ohne das Ersatzgewürz gedrechselten Tiefsinnes, Heiterkeit, ohne den Essig preiswerter Witzigkeit.
Den Lesern wurde warm ums Herz vor der seltenen, flüssig in Form gebrachten Mischung von Geist und Herz. Die kleinen Dinge aus dem staubigen Alltag bekamen sonntäglichen Glanz auf Lufts Continental-Reiseschreibmaschine, die er seit Studententagen behämmert.
Die "Kleinschriftstellerei" betrieb Friedrich Luft schon, als der Philologie-Student 1936 die Universität verlassen mußte. Wegen einer Hörsaalschlacht mit SA-Studenten. Als Luft im Januar 1939 von der Gestapo verhaftet wurde, war es allerdings ein Irrtum.
Er hütete die Wohnung seines Freundes Werner Finck. "Sind Sie Finck?", fragten die Herren in kurzer Joppe. "Ich bin Luft", entgegnete Friedrich. "Machen Sie keine Witze", entrüsteten sich die Kriminalbeamten und nahmen ihn mit.
Luft, 1911 in Schöneberg geboren, wohnt immer noch in Schöneberg. Er ist manchmal dünn und manchmal dick - das wechsle alle sieben Jahre, sagt er - aber immer sehr groß. Daß der Vater Studienrat war, führt Luft entschuldigend an, wenn der Lehrerstand bei ihm Gekränktheit anmeldet. Etwa wegen der Sentenz: "In jedem Deutschen steckt ein Oberlehrer, der will pauken."
Im Kriege war er bei der Mars-Film und erlernte dort das Filmtechnische, schneiden, synchronisieren, Ton anlegen. Drei abendfüllende Filme über die Gasmaske sind Friedrich Luft zu danken Außerdem zwei "Unterleibsfilme", warnender und aufklärender Art. Einer für Damen und einer für Herren. Anders als beim österreichischen "Schleichenden Gift" sorgte Luft für verlockende Spielhandlung. Schrecken und Moral des Films kamen am Schluß.
Das erste Filmverbot in Deutschland nach dem Kriege traf Friedrich Luft. Er hatte mit Wolfgang Kiepenheuer "Es liegt an dir" gegen das "Stiefeldeutschland" gedreht. Jetzt warten 423 Meter gegen die Bürokratie, auch von Kiepenheuer und Luft, auf die Premiere.
Für Disneys Pinoccio-Filin, der nächstens importiert wird, hat Luft den deutschen Text geschrieben, kindliche Verse. Walt Disney ist sehr zufrieden.
Seit rund zehn Jahren ist Friedrich Luft mit der Malerin Heide Luft verheiratet. Sie haben keine Kinder, machen aber gemeinsam Kinderbücher. Frau Luft läßt auf ihren Zeichnungen und Aquarellen Menschen, Tiere, Pflanzen und Möbel lustig durcheinanderwimmeln.
Sie ist sehr gesellig, Friedrich schätzt die Geselligkeit weniger. Aber die Stille sucht er auch nicht. Er arbeitet am besten in einer Geräuschkulisse aus Telefon und Radio, möglichst Jazz.

DER SPIEGEL 41/1950
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