15.11.1950

GEISELMORDK. hat es so bestimmt

Die Kriminalpolizei von Südwürttemberg hat dem Reutlinger Stadtpfarrer Keicher die Beichtgeheimnisse nicht entlocken können, die sie für das Ermittlungsverfahren im Fall Kalbfell gelüftet haben möchte.
Dem Beichtvater Keicher sollen sich die vier Reutlinger Bürger anvertraut haben, die am 24. April 1945 auf Befehl des französischen Kommandanten Max Rouché als Geiseln erschossen wurden.
Jakob Staiger, Selterswasserhändler und Gemeinderatim südwürttembergischen Pfullingen, bezichtigt den Oberbürgermeister des benachbarten Reutlingen, den SPD-Landtags- und Bundestagsabgeordneten Oskar Kalbfell, der Mittäterschaft am Geiselmord: "Für mich ist es keine Frage, daß Kalbfell die Leute ausgesucht hat".
Als Geiseln wurden von Maquis-Truppen der 1. französischen Armee erschossen: Oberfeldarzt der Reserve Dr. Wilhelm Egloff (fünf Kinder), Schreinermeister Jakob Schmid (sieben Kinder), Schriftleiter Ludwig Ostertag (sieben Kinder) und Bautechniker Wilhelm Schmid.
Den Arzt Dr. Egloff hat man mit der Rot-Kreuz-Binde auf der Uniform, den Verwundeten Wilhelm Schmid in seinen Verbänden auf Reutlingens "Schönem Weg" vor das Peloton gestellt.
Nachher hatten die Gemeindediener den Kommandanturtext anzuschlagen: "Ein französischer Soldat ist in Reutlingen in der Nacht vom 23 auf den 24. April ermordet worden. Die Verantwortlichen wurden erschossen. Der Gemeinde wurde eine Geldstrafe von 200000 Mark auferlegt". Sie klebten die Plakate gerade zu der Abendstunde, als Oberbürgermeister Kalbfell im requirierten Hotel "Harmonie" dem Captaine Rouché zuprostete.
Daß der französische Soldat an Reutlingens Grabenmühle wirklich das Opfer eines Anschlages geworden ist, wird heute bezweifelt. Unzweifelhaft ist dagegen, daß die Erschossenen mit seinem Tode bestimmt nichts zu tun hatten und demnach dafür auch nicht "verantwortlich" waren.
Verantwortlich hätte sich vielleicht Oskar Kalbfell selbst fühlen können, der beim Einmarsch der Franzosen Verantwortung freiwillig übernommen hatte. Er war am 20. April dem Kampfgruppenlärm entgegengegangen und hatte sich in Bretzingen kapitulierend auf den Kommandopanzer geschwungen. Als Kopfbürge für eine ungestörte Besetzung der Stadt wurde er kommissarischer Landrat und Oberbürgermeister.
Dem tat auch der Umstand keinen Abbruch, daß am 21. April doch auf die Franzosen geschossen wurde. Der Werwolf bezahlte dafür mit annähernd hundert Gefallenen.
Der Tod des französischen Soldaten an der Grabenmühle hatte noch zur Nacht Verhaftungen zur Folge. Morgendliche Vorsprachen beim Kommandanten Rouché und die Fürsprache des Soldaten Georges, der als Kriegsgefangener in Reutlingen gewesen war und sich nun für die Inhaftierten verwandte, bewirkten die Freilassung der ersten Verhafteten. Dafür wurden dann von französisch-deutschen Hilfskommandos die Erschossenen eingebracht. An Hand einer Geiselliste.
Auf dieser in Maschinenschrift verfaßten Liste standen u. a. der frühere Oberbürgermeister Dr. Dederer, der Architekt Klonk und der Prokurist Wiesenpfad. Da sie jedoch zu Hause nicht angetroffen wurden, konnten sie auch nicht mitgenommen und nicht erschossen werden.
Die Liste enthielt aber auch die Namen des Schriftleiters Ostertag und des Bautechnikers Schmid. Man traf sie an und nahm sie mit.
Den Oberfeldarzt Dr. Egloff, Leiter der Lazarette in und um Reutlingen, hatte man schon tags zuvor einbestellt gehabt. Den Schreinermeister Schmid inhaftierte man, als er in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Sarggenossenschaft bei Kalbfell vorsprach und um einen Lkw. zum Sargtransport für die Werwolf-Opfer bat.
1933 hatte Schmid den Parteisozialisten Kalbfell ins politische Anhaltelager eskortiert. Kurz vor dem Franzoseneinmarsch hatte er mit Kalbfell auch eine scharfe Auseinandersetzung wegen Sargnägeln gehabt.
Den Dr. Egloff kennt sein Sanitätsunteroffizier Kalbfell als den Vorgesetzten, dem er disziplinare Bestrafung verdankt. Mit Ostertag hatte es wegen des Aufrufs "Werwolf heraus" in der Reutlinger Zeitung Auseinandersetzungen gegeben, worauf Kalbfell die von Frau Elsa Enzle, Reutlingen, Rattenhalde 1, beschworene Aeußerung tat: "Der Ostertag gehört erschossen".
Dieserhalb und anderer Indizien wegen ist sich Jakob Staiger sicher, daß Oskar Kalbfell die Geiseln den Franzosen benannt hat. Und da sind auch noch die von Stadtpfarrer Keicher den Hinterbliebenen ausgehändigten Abschiedsbriefe.
Jakob Schmid schrieb an Ehefrau Maria: "K. hat es so bestimmt und mich ausgesucht". Wilhelm Schmid an Ehefrau Margarete noch deutlicher: "Mit noch drei Männern werde ich in einer halben Stunde erschossen, auf Veranlassung von Herrn Kalbfell".
Kalbfell erklärte "feierlich und öffentlich, daß ich die vier Personen, die wegen eines auf eine französische Militärperson verübten Attentats erschossen werden sollten, nicht benannt habe". Er erklärte, von der Erschießung erst nach Vollzug unterrichtet worden zu sein.
Feierlich und öffentlich hatte Kalbfell auch schon behauptet, nie das Abzeichen der NSDAP getragen zu haben. Selterswasserhändler Staiger allerdings bot dafür Beweise an. Das von Kalbfell gegen Staiger angestrengte Verleumdungsverfahren wurde vom Landgericht Tübingen unter A 9/48 am 18. Februar 1948 eingestellt, "da mit Sicherheit zu erwarten ist, daß der Beschuldigte Jakob Staiger aus rechtlichen und tatsächlichen Gründen nicht verurteilt werden kann".
Feierlich und öffentlich hatte Kalbfell erklärt, niemals einen Haftbefehl gegen den Metzinger Bürger Feuchter unterschrieben zu haben, als ihn Feuchter wegen 45er Inhaftnahme verklagte. Selterswasserhändler Staiger trieb das Original des Haftbefehls auf. Es trug die Unterschrift Kalbfells.
Der im ersten Verleumdungsverfahren (wegen des Partei-Abzeichens) wider Willen aus der Anklagebank gedrückte Jakob Staiger versuchte in der Folge ein zweites Mal, Angeklagter in Sachen Kalbfell zu werden.
Er machte am 1. April 1948 dem südwürttembergischen Landtag Mitteilung davon, daß Kalbfells Mitwirkung am Geiselmord bewiesen werden könne und daß deshalb ein Disziplinarverfahren am Platze sei, worauf Innenminister Renner ein neues Verleumdungsverfahren gegen Staiger veranlaßte.
Staiger stieg freudig ein, doch als er gerade im besten Beweisen war, evozierten die Franzosen. Vor dem Mittleren Militärgericht in Reutlingen verhandelten sie weiter. Am 14. April 1950 wurde Einstellung des Verfahrens verfügt, "weil die Straftat des Jakob Staiger unter die von der Bundesregierung verkündete Amnestie vom Dezember 1949 fällt".
Der wieder um den Angeklagtenstatus geprellte Staiger wunderte sich, daß die Besatzungs-Justiz ein Bundesgesetz anwandte und machte einigen Lärm in der Oeffentlichkeit. Pressediskussionen bedrängten daraufhin Kalbfell derart, daß er mit Schreiben vom 31. August 1950 um Aufhebung seiner Immunität als Bundestags- und Landtagsabgeordneter ersuchte.
Dem Ersuchen kam man nach. Im Landtag hatte mit dem Schwenninger Kommunisten Acker nur noch der Staatspräsident Dr. Gebhard Müller gegen die Aufhebung der Immunität gestimmt.
Dem Staatspräsidenten lag damals bereits über ein Jahr die Petition der Hinterbliebenen vom 5. Mai 1949 vor, ohne daß er sie einer Antwort gewürdigt hätte.
In der Eingabe hieß es: "Wir haben uns bisher vergeblich bei der Stadtverwaltung Reutlingen um unsere Versorgungsansprüche bemüht. Unseres Erachtens handelt es sich um ein Kriegsereignis, dem unsere Männer unschuldig geopfert wurden. Seit der Währungsreform befinden wir uns in einer solchen Notlage, daß wir nunmehr auf eine rasche Entscheidung drängen müssen. Wir bitten den Staatspräsidenten und die Südwürttembergische Regierung ergebenst, sich doch unserer Sache anzunehmen."
Tatsächlich hatten die Hinterbliebenen der Reutlinger Geiseln bei Kalbfell vergeblich angeklopft. Wiederholte Schreiben (21. September 48, 5. März 49) und Vorsprachen blieben ohne Antwort. Wenn sie die Aeußerung "Jedes Eingreifen wird als Eingeständnis meiner Schuld angesehen werden" nicht als Antwort nehmen wollten.
Die hinterbliebene Frau Egloff, Stuttgart-Sillenbuch, Mendelssohnstraße 92, lebte bis zur Währungsreform vom Verkauf hinterlassener ärztlicher Instrumente. Dann wandte sie sich an das Internationale Rote Kreuz und das Bundesjustizministerium mit der Bitte um Betreuung. Sie erhielt zur Antwort, daß nach Anordnung der französischen Besatzung Ersatzansprüche nur für später zugefügte Besatzungsschäden geltend zu machen seien.
Hinterbliebene Margarete Schmid, Reutlingen, Rattenhalde 5, lebt von Fürsorgeunterstützung (zehn Mark wöchentlich).
Hinterbliebene Frau Ostertag lebt überhaupt nicht mehr. Sie ist an Entbehrung verstorben und am 6. November 1950 beerdigt worden.
Hinterbliebene Frau Maria Schmid, Reutlingen, Kanzleistraße 3, wird von ihrem schreinernden Sohn ernährt. Eine Mahnung des städtischen Steueramtes hat sie mit dem Hinweis beantwortet, sie könne keine Steuern bezahlen und man solle sie doch bei denen holen, die ihren Mann töten ließen und noch an der Spitze der Stadtverwaltung stünden. Das hat ihr nun eine Strafverfolgung eingebracht.
Südwürttembergs Kripoleute wissen heute überhaupt nicht mehr, für welche Untersuchungsakte sie eigentlich arbeiten. Es gibt den Akt Jakob Staiger, den Akt Oskar Kalbfell und nun auch den Akt Maria Schmid.
Oskar Kalbfell verweist auf das französische Vernehmungsprotokoll des heute als Professor der Germanistik in Bordeaux wirkenden Max Rouché vom 7. November 1949. Die Franzosen haben ihm Einsicht gewährt. Da steht: "Ich fühle mich veranlaßt zu glauben, daß der Oberbürgermeister Kalbfell nicht an der Aufstellung der Geiselliste beteiligt war."
Entlastend nennt Kalbfell auch den Namen Helmut Holzer aus Essen, Mauerstraße 7. Dieser Holzer war, aus einem KZ kommend, in jenen Apriltagen nach Reutlingen unterwegs, wo seine Frau als Evakuierte lebte. Auf dem Wege freundete er sich mit den französischen Soldaten an und zog als deren Vertrauensmann in Reutlingen ein.
Es wäre möglich, daß Holzer die Geiselliste zusammenstellte, wofür auch die Tatsache sprechen könnte, daß er in Dr. Egloffs hinterlassenem PKW fahren durfte.
Jakob Staiger hält es aber für unwahrscheinlich, daß der ortsfremde Holzer eine solche Liste aufstellen könnte.
Staiger gibt übrigens auch an, daß die in französischer Gefangenschaft verstorbenen 18jährigen Manfred Haide und Alfred Trudel zum Abtransport nach Frankreich von Kalbfell bestimmt worden seien.
Am 16. September ließ Staiger im Reutlinger Generalanzeiger ein großes Inserat einrücken: "Offene Fragestellung an Oberbürgermeister Kalbfell. Sie haben im Jahre 45 Haftbefehle gegen deutsche Männer erlassen. Sie haben im Jahre 45 bei verschiedenen in der Bundeshalle in Reutlingen stattgefundenen Ueberprüfungen deutsche Männer in großer Zahl zum Abtransport nach Frankreich persönlich ausgesucht. Wer gab Ihnen zu obigen Handlungen das Recht? Eine Antwort erbittet Jakob Staiger."
Er bat vergeblich. ("Dabei hat mich das Ding 54 DM gekostet.")
Staiger veröffentlichte am 10. November 50 ein zweites Inserat gleicher Güteklasse: "Ich ersuche Sie, meine öffentliche Fragestellung vom 16. September öffentlich zu beantworten."
Den SPIEGEL ließ Kalbfell gar keine Fragen stellen. Das Schreiben mit Bitte um Aussprache wurde von Stadtdirektor Künzel erwidert: "Herr Oberbürgermeister Kalbfell hat mich damit beauftragt. Ich stehe Ihnen für alle Auskünfte zur Verfügung."
Diese Auskünfte erschöpften sich dann in der Feststellung, den Untersuchungen dürfe nicht vorgegriffen werden.
Abg. Mende vom Immunitäts-Ausschuß des Bundestages ersuchte die Franzosen, alles zu tun, um die Ehre des Abgeordneten Kalbfell wiederherzustellen.
Staiger hat den Abg. Mende öffentlich gefragt, was er unter der Ehre des Oskar Kalbfell verstehe: "Das ist ein Mann, der in allen Sätteln reitet. Erst war er in der KPD, dann in der SPD, dann im KZ, dann in der NSDAP, dann beim Werwolf. Dann wieder in der SPD. Das alles kann ich beweisen."
Die Reutlinger haben dem "schönen Oskar" - wie er seit einer Tübinger Prämiierung des bestaussehenden Mannes geheißen wird - bei der letzten Gemeindewahl trotzdem zu 80 Prozent ihre Stimme gegeben.

DER SPIEGEL 46/1950
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