20.12.1950

MASSENFILMHundert stöhnen „uff“

Es geht um Lieschen Müllers Kino-Mark. Die Drei-Männer-Kombination der "Neuen Deutschen Filmgesellschaft mbH.", Produzent Jacob Geis, Regisseur Harald Braun, Dramaturg Heinz Pauck, bewegt die Frage, ob Lieschen Müller - Sammelname für die westdeutschen Kinomillionen - bereit sein werden, Engel und Luzifer von der Leinwand zu akzeptieren.
Denn Engel und Teufel, der sehr deutlich symbolisierte Ur-Dualismus von Gut und Böse, sollen dem neuen NDF-Film "Der fallende Stern" die 8,2 Millionen Besucher zutreiben, die Brauns "Nachtwache" zum meist gesehenen Nachkriegsfilm werden ließen.
Regisseur Harald Braun ist auf Massenwirkung aus. Dazu will er die "neuralgischen Punkte" der Massen, der "öffentlichen Menschen", aufspüren.
"Noch nie war das echte metaphysische Gefühl des modernen Menschen so stark wie heute. Wenn es nicht gelingt, es anzusprechen, so sollten wir die Schuld nicht bei den Menschen, sondern bei uns suchen."
Bei der 5-Millionen-Besucher-Grenze fängt das große Geschäft erst an. "Nachtwache" dürfte nach Schätzung von Schorcht-Verleih-Pressechef Utermann bis zum Frühjahr 9 Millionen Besucher erreicht haben. Das heißt statistisch: fast jeder fünfte in der Bundesrepublik hat den Film gesehen.
Wahrscheinlich hat ihn nur jeder sechste gesehen, aber viele davon sahen ihn mehrmals. Harald Braun hütet Briefe, die von acht- bis zwölfmaligem Besuch berichten.
Harald Braun hat sich seine eigene Zelluloidphilosophie zusammengeklebt. Neben den Möglichkeiten, entweder den "attraktiven Film" zu drehen, der dem Publikum entgegenkommt, oder einen artistischen Film, der in Westdeutschland von 50000 bis 200000 Menschen "gesehen, verstanden und goutiert" wird, fanden Braun und Freunde einen dritten Weg. "Wir wissen noch nicht, ob er in die Sackgasse führt", gestehen sie.
Harald Braun fand für diesen dritten Weg das künstliche Adjektiv "lebensdienlich". Es solle nichts Pastorales bedeuten. "Meinetwegen ersetzen Sie 'lebensdienlich' mit 'zeitmächtig'." Gemeint ist der Film, der ein echtes modernes Problem plausibel auf die Leinwand bringt, eben die "neuralgischen Punkte des öffentlichen Menschen". In "Fallender Stern" ist es: Lebensangst.
1948, lange vor "Nachtwache", sagte er in einem Vortrag: "Wenn ich für meine Person die Wahl hätte, einen Film zu produzieren, der meinen subjektiven Vorstellungen von einem interessanten künstlerischen Ereignis hundertprozentig genügt, dadurch aber nur 100000 Menschen erreicht - oder einen Film zu produzieren, der von mir in gewissen Punkten, die nicht Gewissenspunkte sind, eine Selbstaufgabe verlangt, dadurch aber fünf Millionen erreicht - ich weiß nicht, ob ich mich nicht für den zweiten Weg entscheiden müßte."
Er hat sich entschieden. Deshalb gibt es im "Fallenden Stern" Momente, wo "hundert gequält 'uff!'stöhnen, aber 10000 erst langsam zu begreifen beginnen", sagt Harald Braun. "Die Kunst liegt darin, einen Film zu machen, den die einen gerade noch und die anderen gerade schon abnehmen."
Braun läßt Engel und Teufel um Elisabeth Hollreiser (Maria Wimmer) kämpfen. Die ist in einem Ostflüchtlingslager Wohlfahrtspflegerin, mit starrer Teilnahmslosigkeit. Auch für die seelische Not des Flüchtlingsmädchens Alma (Elfriede Kuzmany) hat sie kein Mitgefühl.
Elisabeth Hollreiser trifft mit dem Lokführer Lucius (Dieter Borsche) und Kantinenpächter Lemura (Werner Krauß) zusammen, der eine symbolisiert das Englische, der andere das Teuflische. Mit entsprechenden Bekenntnissätzen, zum besseren Allgemeinverständnis. Außerdem wurde nachträglich noch ein erläuterndes Bibelwort hineingeschnitten.
Anno 1910 gewinnt Luzifer-Krauß die erste Runde um die Seele der zehnjährigen Elisabeth Hollreiser (Angelika Völkner). Die mit dem Halleyschen Kometen auftauchende Bedrohung, die aufgestaute Lebensangst sind des Teufels Bundesgenossen.
1950, im Flüchtlingslager, holt der Engelsbote auf, er löst Elisabeth Hollreiser aus ihrer Verhärtung: Sie rettet das Mädchen Alma vor dem Selbstmord.
Den Ausgang läßt Braun offen. Die Partie zwischen Gut und Böse wird bei Remis abgebrochen. Die Bedrohung dauert an. Der Christ Harald Braun sieht Gott nicht gütig und verzeihend, sondern fast alttestamentarisch "fern, furchtbar und unmenschlich".
Maria Wimmer schauspielerte sich bei ihrer ersten Filmchance so intensiv in die Rolle der tückisch-hysterischen Rittmeistersgattin Hollreiser hinein, daß die ersten Betrachter des Films die Regung verspürten: "Ich möchte sie mal verhauen."
Produzent Jacob Geis seufzt: "Die Kalkulation wurde mit hunderttausend Mark überschritten. Der Film kommt jetzt an die Neunhunderttausend." Hauptschuld trägt das Wetter. Septemberregen verzögerte die Aufnahmen.
Filmroutinier Geis beherzigt immer die alte Faustregel: "Bis 750000 DM muß ein Film schon miserabel sein, wenn er sein Geld nicht zurückbringt. Denn die 3,2 Millionen, die ihn sehen müssen, damit die 750000 DM zurückkommen, sind die festen Kinostammgänger. Mit denen kann man einigermaßen rechnen. Aber jede Mark mehr ..."
Allerdings hat der "Fallende Stern" als erster die schwer umkämpfte Bundesbürgschaft bekommen. Also brauchen, wenn sich Harald Brauns Theorie als Fehlspekulation erweisen sollte, Erich Motzkus und sein Hamburger National-Verleih noch nicht zu verzweifeln. Der Bund wird im äußersten Fall die Differenz zahlen. Aber Jacob Geis, obwohl von Haus und Beruf aus pessimistisch, glaubt nicht, daß es so weit kommt.
Daß die NDF als erste von der Bundeshilfe profitierte, verdankt sie im Grunde ihren beiden Volkswagen. In Bonn hatte man mehr Vertrauen zu einer Firma, die schon sechs Filme, darunter den Erfolgsfilm "Nachtwache", gedreht hatte und sich immer noch auf zwei Volkswagen fortbewegte, als zu Filmproduzenten mit neuesten Buicks und fehlendem Erfolg.
Geis: "Man sollte sich lieber aus der Krise herausarbeiten, als sich immer weiter hineinreden". Als Selbsthilfe gegen die Atomisierung der Filmproduktion ist die NDF ein Bündnis mit der auch recht gesunden Georg-Witt-Produktion eingegangen. Man wird in Zukunft die Projekte abstimmen
Harald Braun bastelt seit Wochen an zwei neuen Ideen. Einmal will er den "europäischen Irrsinn" an der von Kendall Foss in vielen Artikeln der "Neuen Zeitung" aufgezeigten Odyssee des IRO-Kindes Karin zwischen Lagerstacheldraht und Grenzpfählen aufzeigen.
Brauns zweites Projekt kreist, seit von der deutschen Remilitarisierung die Rede ist, um das fünfte Gebot: "Du sollst nicht töten".
"Wir versuchen so'n bißchen was wie Haltung auf die Leinwand zu bringen", erklärt NDF-Dramaturg Heinz Pauck.

DER SPIEGEL 51/1950
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