29.11.1950

KORDTSeele des Widerstandes

Wo uns wie mit Fäusten packt
gleich ihr angeborener Takt.
(Wilhelm Busch über Legationsrat Moritz Busch, der das Buch geschrieben hatte "Bismarck und seine Leute".)
Acht Jahre war der Gesandte Erich Kordt Ribbentrops rechte Hand. In seinem neuen Buch "Nicht aus den Akten"*) läßt er keinen guten Faden an Joachim von Ribbentrop.
Der Eindruck ist zwiefach. Einmal: Was muß der Hitler für ein Mann gewesen sein, daß er so einen Außenminister hatte. Dieser Eindruck ist beabsichtigt. Zweitens aber: Was muß der Erich Kordt für ein Mann sein, daß er acht Jahre als begehrter Referent, Sekretär und Chef des Ministerbüros in Ribbentrops Vorzimmer zubringen konnte, als Reisebegleiter nach London,
Paris, Rom und Moskau, als politischer Hilfswilliger in den Büros der Wilhelmstraße 46, in der Villa Berlin-Dahlem, Lenzeallee 7-9, im Hotel-Kaiserhof-Appartement morgens, mittags, nachmittags, abends und in der Nacht.
Der zweite Eindruck war zweifellos nicht beabsichtigt. Kordt hat ihn aber offenbar vorausgeahnt. Frühzeitig finden sich Hinweise auf widerständlerische Tätigkeit.
Der dreißigjährige Attaché wurde, nach einem Debut auf der Genfer Abrüstungskonferenz als Sekretar des Botschafters Nadolny, im Sommer 1933 dem neuernannten "Beauftragten der Reichsregierung für Abrüstungsfragen", Ribbentrop, zugeteilt, "um den Staatssekretär**) laufend über die Tätigkeit Ribbentrops zu unterrichten".
Seit Sommer 1933 hing, laut Pg. Erich Kordt, "die Wirksamkeit eines oppositionellen Kreises in Deutschland davon ab, daß man über Pläne und Absichten der Nazi-Regierung informiert blieb". Kordt informierte die Leute, die "wegen ihrer Stellung einen Beitrag zur Bekämpfung des Regimes leisten konnten". Hauptnachrichtenquelle war angeblich Dolmetscher Paul Otto Schmidt, der "grundsätzlich" Kordts Ziele billigte, aber "in Details gar nicht eingeweiht" sein wollte. Der "Statist auf diplomatischer Bühne" avanciert durch Kordt zu einem "Statisten des Widerstands".
Bei einem Schützenbataillon Ende 1935 zwei Monate zu üben, entschloß sich Kordt, "weil meine Freunde mir bedeutet hatten, ich müsse irgendeinen Zusammenhang mit der Armee dartun können, falls man von ihrer Seite in einem Konflikt mit Ribbentrop für mich eintreten solle".
Im Sommer 1936 wird Ribbentrop Botschafter in London. Kordt geht als erster Botschaftssekretär mit. Ribbentrop setzt sich dafür ein, daß Kordt gleich um zwei Stufen befördert wird (was Kordt zurückweist). Kordt geht nach London, um die drohende Katastrophe von London aus abwenden zu helfen und um "für jüdische
Freunde in England ein Refugium zu schaffen".
Im Jahre 1937 gelingt es Kordt, sich "von Ribbentrop ziemlich fernzuhalten". Bei Besuchen in Berlin hält er "mit meinen Freunden, vor allem mit Canaris, ständige Fühlung".
Als der ehemalige Chef der Weinfirma "Impogroma" (Import großer Marken) nach der Ausbootung von Neuraths im Februar 1938 die traditionelle "Weinberg-Abteilung" (wegen der roten Teppiche) der Bismarck-Institution als verantwortlicher Außenminister übernimmt, wird Erich Kordt Chef des Ministerbüros. "Ich schreibe die Tatsache, daß ich bis dahin keinen Verdacht erregt hatte, dem Umstand zu, daß ich in außenpolitischen Fragen immer freimütig meine Bedenken geltend gemacht hatte." Dieser Ribbentrop konnte offenbar freimütige Kritik gut ertragen.
Kordt überlegt, ob er nach London emigrieren, dort ruhig leben und seinen Freunden helfen soll. Aber er nimmt den Posten dann doch an, um die Fahrt in den Abgrund mit aufzuhalten.
Die anschließende Verleihung eines SS-Ehrenranges empfindet er "als einen albernen Scherz". Er überzeugt sich wohl oder übel davon, "daß eine Ablehnung des Ehrenranges mich verdächtig machen würde". Die wenigen Tage, die Kordt zur Auflösung seines Londoner Haushalts verbleiben, benutzt er, um die definitive Auswanderung seiner rassisch verfolgten Freunde nach den USA vorzubereiten. Durch Verkauf eines Teiles seiner Habe bringt er für sie die geforderte Garantiesumme zusammen, wie nunmehr der Leser von "Nicht aus den Akten" erfährt.
Als Kordt von Ribbentrop gefragt wird, was er von der Ernennung Ernst von Weizsäckers zum Nachfolger des verstorbenen Staatssekretärs Bülow halte, sagt Kordt auf Seite 199: "Es gibt keine bessere Wahl. Er wird kein einfacher Untergebener sein, aber er war Offizier und kann gehorchen." Auf Seite 207 sagt denn auch "ein Beamter" mißbilligend zu Kordt: "In Ihrem Zimmer scheint mir die Seele des Widerstandes zu stecken."
Seinen um zehn Jahre älteren Bruder Theo, der Botschaftsrat in London geworden war, mußte Erich impfen, weil er im Ausland lebte. "Es war ihm völlig unbegreiflich, daß Hitler willkürlich einen Krieg vom Zaune brechen wollte."
Erich war das nicht unbegreiflich. Im Zusammenspiel mit Theo informierte er während der Sudetenkrise und vor dem Ueberfall auf Polen die Engländer über den Ernst der deutschen Absichten. Weizsäcker nennt ihn dieserhalb seinen "engsten Vertrauten im Amt".
Erich Kordt hat in diesen Monaten einige Dinge getan, die ihn zwar nicht gerade den Kopf kosten konnten, da sie nicht beweisbar waren, die aber möglicherweise unter Landesverrat gefallen wären, wenn sie bewiesen worden wären. Diese Leistungen genügen, um ihn für den diplomatischen Dienst der Bundesrepublik zu salvieren. Er hätte einen in Leinen gebundenen Mammut-Persilschein von 441 Seiten also nicht nötig gehabt, aus dem eine neue Dolchstoßlegende, diesmal um das Auswärtige Amt, mühelos konstruiert werden kann.
Kordt unterstützte Weizsäckers These, daß ein Krieg mit allen diplomatischen Mitteln vermieden werden müsse. Aber er selbst saß an der Moskauer Festtafel - 15 Gänge ohne Tellerwechsel - zur Feier des Paktes, der den Krieg einzig möglich machte.
Er begnügt sich nicht mit der Rolle des oppositionellen Diplomaten. In der Sudetenkrise beriet Kordt angeblich mit dem später hingerichteten Polizeivizepräsidenten von der Schulenburg, ob nicht "Kordt in der Reichskanzlei durch Oeffnen der großen Doppeltür hinter dem Posten einem Stoßtrupp den Weg frei machen" könne. Wenn es nach Kordt geht, ist Chamberlain den Verschwörern damals nur um Stunden zuvorgekommen.
Den "Dolch im Rosenstrauße", glitt Kordt, auf Tyrannenmord sinnend, nach dem Polenfeldzug zwischen dem roten Marmor der Reichskanzlei einher, in der er wie zu Hause war. Um die Eröffnung der Feindsoligkeiten im Westen zu verhindern, will Kordt dreimal vergeblich um eine Attentatsbombe gebeten haben (siehe S. 17). Die Tat Stauffenbergs stellt er auf eine Stufe mit seinen eigenen Wunschträumen und kommentiert beide, Stauffenberg und sich, damit, "jeder Attentäter wolle eben sehen, wie es weitergehe".
Anfang 1941 stand Erich Kordt mit Ribbentrop so, daß er Botschaftsrat im fernen Tokio werden mußte. Seine Freunde rieten ihm, sich um einen Posten in der Nähe zu bemühen, "zumal die Entwicklung schneller verlaufen könne, als vielleicht im Augenblick zu erwarten sei".
Den deutschen Botschafter in Japan, Eugen Ott, nennt Kordt heute seinen Freund. Ott und er, schreibt Kordt, seien aus Tokio abberufen worden, weil sie sich geweigert hätten, der japanischen Regierung einen Vorschlag Hitlers zu unterbreiten, wonach britische Kriegsgefangene im Zuge einer Vergeltungsaktion gefesselt werden sollten.
In der Tat wurde Kordt nicht der Nachfolger Otts, wie er gehofft hatte. Er wurde als Botschaftsrat an die Marionettenregierung Wang-Tsching-wei versetzt und blieb dort bis zum bitteren Ende.
Die Leute des Auswärtigen Amtes, wie Kordt sie zeichnet, sind alle frei von Ehrgeiz und Eitelkeit. Sie intrigieren nicht und haben permanent das Beste für ihr deutsches Vaterland im Auge, oder sie sind dumm und aufgeblasen wie Ribbentrop.
Sie hassen nicht, und sie sind auch nicht durchtrieben. Ihnen allen sitzt nur der Schalk derer im Nacken, die Bescheid wissen. Was nicht in den Zeilen dieses Kordtschen Buches steht, ist oft genau so wenig beweisbar wie vieles, was der Autor als "nicht aus den Akten" stammend in ihm niedergelegt hat. Die Gewährsleute sind zur einen Hälfte tot und haben zur anderen Hälfte gleiche Reputations-Interessen wie der Verfasser.
Ein Beispiel für die Halbwahrheit von Memoiren ist die Schilderung des Abgangs nach Tokio Kordt verschweigt, daß damals Botschafter Oshimas dritter Botschaftssekretär Furuutschi Leiter der Mitteleuropa-Abteilung des japanischen Außenministeriums wurde. Furuutschi war ein Freund Kordts. Kordt sollte mit ihm in Tokio zusammenspielen und den Widerstand der japanischen Reaktionäre brechen.
Nicht in den Akten steht auch, was unter den Beamten des Auswärtigen Amtes als "System Kordt" schon vor dem Krieg etwa so karikiert wurde:
Gegen 12 Uhr Rundruf vom Chef des Ministerbüros: "Der Minister ist im Amt." Die Beamten rotieren. Zunächst die Frage: Welche Laune hat der Chef heute? Das hing von der Laune Hitlers ab. Das Ministerbüro läßt sie vorher durch Walter Hewel, den Verbindungsmann zwischen Hitler und Ribbentrop, feststellen.
Der Chef des Ministeramtes packt dann die Leinenmappe "Reichsminister" zusammen, nimmt innerlich eine stramme Haltung an und huscht ins Ministerzimmer. Falls Ribbentrop Telegramme kommentiert oder politische Vorträge hält, erntet er begeisterte Zustimmung. "Ausgezeichnet, Herr Reichsminister. Eine geniale Idee, die gewiß den Führer sehr beeindrucken wird. Es gibt keine andere, keine bessere Lösung."
Dann mit einem "Uff" wieder zurück ins eigene Büro und Besuch im Nebenzimmer beim SC-Bundesbruder. Rascher Blick, ob auch die Tür geschlossen sei. Dann: "Mein Lieber, der Alte hat heute wieder einen Quatsch geredet. Er will einen Erlaß herausgeben. Natürlich wieder ein paar tausend Mark Kabelspesen. Du kennst da doch den jungen britischen Botschaftssekretär Soundso. Lad' den doch mal zum Lunch ein und mach ihn vorsichtig auf den Unsinn aufmerksam! Ich spreche indessen mal mit dem Staatssekretär."
Dieses System steht nicht auf dem Lehrplan der Diplomatenschüler in Speyer.
Dozent der Diplomatenschule in Speyer ist Erich Kordt.
*) Erich Kordt: "Nicht aus den Akten", Union Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 441 S., 14 DM.
**) Bülow, Neffe des Reichskanzlers Bernhard Fürst Bülow.

DER SPIEGEL 48/1950
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