29.11.1950

„KORDT, BEGEHEN SIE KEINE WAHNSINNSTAT“

Aus "Nicht aus den Akten" von Erich Kordt
Mit Genehmigung der Union Deutsche Veriagsgesellschaft, Stuttgart
Die Offensive ist auf den 12.-14. angesetzt, in zehn Tagen muß es sein, sonst ist es zu spät", sagte mir Oster, als wir uns trennten. "Wenn sie sich nur nicht wieder auf ihren Eid zurückziehen, der sie, wie sie sagen, an den lebenden Hitler bindet!"
Der Gedanke, den Tyrannen zu töten, mag vielen Deutschen gekommen sein. Aus Tausenden von Gründen wäre seine Beseitigung schon lange vorher gerechtfertigt gewesen. Jetzt wäre durch die Tat eines einzelnen nur das Notwehrrecht eines ganzen Volkes vollzogen worden. Heißt es nicht in den "Summa Theologica" von Thomas von Aquin, "quando non est recursus ad superiorem ... tunc enim qui ad liberationem patriae tyrannum occidit laudatur" - "Wenn es keine Berufung auf einen Oberen mehr gibt, dann ist selbst der Tyrannenmord zur Befreiung des Vaterlandes lobenswert." Wie häufig ist im In- und Ausland die vorwurfsvolle Frage gestellt worden, warum ist nicht unter denen, die Zutritt hatten, warum ist nicht unter siebzig Millionen Deutschen ein Beherzter, ein Tell, gewesen, der sein Land und die Welt von diesem Manne befreit? ...
Vielleicht ist es aber heilsam, die entscheidende Schwäche der wissenden Gegner Hitlers einzugestehen, denn dadurch nehmen auch sie ihren Anteil der Verantwortung auf sich - und keinen viel geringeren als die Anhänger Hitlers - für das Unglück, das unser Land und Europa befallen hat. Laßt uns nicht vom unaufhaltsamen Schicksal sprechen, vom Zufall oder den Fehlern der anderen.
Gehofft hatte auch ich auf ein Eingreifen des Schicksals. Den Gedanken, selbst zu handeln, hatte ich immer wieder verdächtig schnell fallen lassen. Dazu muß eine Berufung vorhanden sein, mochte ich empfunden haben. Aber seit dem Tage der britischen Kriegserklärung war der Gedanke nicht mehr so leicht beiseite zu schieben gewesen. Ich hatte, als ich an jenem Morgen in Weizsäckers Zimmer trat, in einem etwas vorwurfsvollen Tone gesagt: "Das deutsche Volk in seiner Mehrheit verabscheut den Krieg, aber selbst drüben in der Reichskanzlei wollen ihn nur wenige, eigentlich nur ein einziger. Gibt es denn kein Mittel mehr, diesen Krieg zu verhindern?" Weizsäcker hatte mich etwas schärfer angesehen und gesagt: "Haben Sie einen Mann mit einer Pistole? Ich bedaure, es hat in meiner Erziehung nicht gelegen, einen Menschen zu töten."
Ich hatte damals keine Antwort gegeben, denn ich war selbst nicht bereit. Aber "der Mann mit der Pistole" war mir im Gedächtnis geblieben ...
Sie darf nicht stattfinden, diese Offensive im Westen; wenn nichts anderes sie verhindern kann, dann ist es meine Pflicht zu handeln, sagte mir mein Gewissen. Ich habe mir in den nächsten vierundzwanzig Stunden die Chancen gründlich überlegt; ich hatte bessere als irgendeiner unserer Gruppe. Der Zutritt zur Reichskanzlei stand mir jederzeit frei. Unschwer und ohne kontrolliert zu werden, konnte ich in Hitlers großes Wartezimmer gelangen. Zwar konnte ich auf keine Unterredung zu zweien oder in kleinem Kreise hoffen, aber würde Hitler nicht, wie so oft, in das Vorzimmer treten, um Besucher hereinzurufen oder wartenden Adjutanten und Ordonnanzen Weisungen zu erteilen?
"Wir haben niemanden, der die Bombe wirft, um unsere Generale von ihren Skrupeln zu befreien", sagte mir Oster am 1. November 1939, als ich ihn wieder in seiner Wohnung aufsuchte. "Ich bin gekommen, Sie darum zu bitten." Er konnte sich den Gründen, die dafür sprachen, mich zu betrauen, nicht verschließen. "Sie werden den Sprengkörper am 11. November bekommen", sagte er, indem er mir die Hand gab.
In meiner Wohnung angekommen, fertigte ich eine Erklärung an, die meine Absichten darlegte und unsere Hoffnungen ausdrückte. Es war ein drei Seiten langes Schriftstück; zwei Exemplare stellte ich her und adressierte eines an den amerikanischen Geschäftsträger in Berlin, Alexander Kirk, und das andere an den Gesandtschaftsrat Kappeler von der schweizerischen Gesandtschaft.
Mit drei Menschen habe ich sodann über meine Absicht gesprochen. Meine Kusine Susanne Simonis, mit der ich seit vielen Jahren Freud und Leid geteilt hatte, fragte ich, ob sie, wenn es geschehen, die Briefe den Adressaten zustellen wolle. Sie war bereit. "Wer jetzt handelt, handelt recht", sagte sie mir. Sie riet mir nicht ab, und ich habe kein Wort der Klage von ihr vernommen ...
In den folgenden Tagen begab ich mich häufig, auch in den Abendstunden, in die Reichskanzlei, so daß sich die Wachen und Posten, denen ich ziemlich bekannt war, ganz an mein Kommen und Gehen gewöhnten.
Am Vormittag des 7. November besuchte mich Etzdorf in meiner Wohnung. "Es hat einen schweren Rückschlag gegeben", sagte er deprimiert. "Der Oberbefehlshaber von Brauchitsch ist bei Hitler gewesen, um gegen die Offensive zu sprechen. Er hat ihm fast die Tür gewiesen, als Brauchitsch vom mangelnden Kampfgeist der Jugend sprach. Hitler hat der Armeeführung Feigheit vorgeworfen, und daraufhin ist der kühne Mannesmut vor Königsthronen entschieden abgeflaut." - "Nur Hitler wird die Offensive befehlen. Ohne ihn findet sie nicht statt, und diese Offensive darf nicht stattfinden. Man hat mir Sprengstoff zugesagt", antwortete ich ihm.
Am Abend des gleichen Tages ging eine Botschaft des Königs der Belgier und der Königin der Niederlande ein, worin sie ihre guten Dienste zur Friedensvermittlung anboten. Ich begab mich damit in die Reichskanzlei. Hitler stand mitten im Vorzimmer. Er befand sich im Aufbruch.
Noch am gleichen Abend wollte er, wie ich wußte, nach München fahren. Für den 8. war seine alljährliche Ansprache im Bürgerbräukeller zur Wiederkehr des Münchener Putsches vom November 1923 angesetzt. Als ich in den Raum trat, unterbrach sich Hitler im Satz und blickte auf den Neuankömmling. Hewel, der gleich auf mich zugekommen war, erklärte ihm kurz den Zweck meines Kommens. Hitler nahm die Schriftstücke. Er schien nicht sehr erbaut von ihrem Inhalt zu sein. "Wir müssen jetzt fort", sagte er etwas ungehalten, "man soll den Holländern und Belgiern sagen, daß ich auf Reisen sei, und daß man mich nicht habe erreichen können. Man braucht auf diese Anzapfung nicht gleich zu antworten." Will er nicht wieder nach Berlin kommen, durchfuhr es mich, und etwa gleich ins Hauptquartier fahren, wo er für mich unerreichbar sein wird? ...
Am nächsten Morgen brachte mir meine Kusine die Nachricht, "es hat ein Attentat auf Hitler stattgefunden. Er scheint aber unverletzt zu sein." Ich erreichte Oster erst am 10. Er versicherte mir, daß die militärische Fronde keinen Anschlag durchgeführt habe ... "Und nun?" fragte ich ungeduldig. "Passen Sie auf, jetzt wird es bei den schwankenden Rohren heißen: Man nimmt uns die unangenehme Arbeit ab, Hitler fällt auch ohne uns." - "Dann muß es eben ohne sie gehen. Es bleibt dabei. Also auf morgen."
Den Rest des Tages habe ich mit dem Ordnen und Vernichten aller Papiere, die verdächtig sein konnten, verbracht. Am Spätnachmittag des 11. begab ich mich wieder in die Wohnung Osters, Wilmersdorf, Bayerische Straße 9. Er empfing mich in gedrückter Stimmung. "Ich muß Ihnen eine betrübliche Mitteilung machen. Ich kann Ihnen den Sprengstoff nicht geben. Sogleich nach der Bürgerbräu-Farce hat von der Firma Himmler-Heydrich eine "volksechte" Untersuchung eingesetzt. Alle Laboratorien, auch das Quenzgut, sollen angeben, wohin in letzter Zeit Sprengstoff geliefert wurde. Auch ich kann ohne plausiblen Grund im Augenblick nichts erhalten. Das Gut untersteht der Abteilung II. Der Chef würde sicherlich behilflich sein, aber wir brauchen einen Instruktor, und den kann auch er nicht heranschaffen, ohne Verdacht zu erwecken." Oster war aufs äußerste erregt. Einige Minuten fiel kein Wort. Dann sagte ich leise: "Dann muß man es mit einer Pistole versuchen, der Angriff im Westen darf nicht stattfinden!"
"Kordt, begehen Sie keine Wahnsinnstat, Sie haben nicht ein Prozent Chance. Sie können Hitler nicht allein sehen. Im Vorzimmer aber, in Anwesenheit aller Adjutanten, Ordonnanzen und Besucher, werden Sie kaum zum Schuß kommen. Wir haben auch noch Zeit. Der Angriffstermin ist verschoben ..."
Ich habe es nicht mit einer Pistole versucht.
"Es ist aus", sagte ich am Abend zu meiner Kusine und bat sie, nicht mit Fragen in mich zu dringen.
Das Leben ist weitergegangen. Siebzehnmal hat Hitler die Westoffensive verschoben, bis er die Truppen am 10. Mai 1940 ins Feuer schickte. Noch zweimal war ich, wenn ein neuer Termin bevorstand, in Osters Wohnung mit gleichem Verlangen. Ich bat den Leiter der Aktionsgruppe Zossen, Groscurth, mir zu helfen. Ich habe nicht erhalten, um was ich bat. Gewiß hätten es meine Freunde, die an das Nachher denken mußten, schwerer gehabt als ich. Wenn kein militärischer Putsch folgte und Himmler weiter wüten konnte, wären sicherlich nicht nur meine unmittelbaren Freunde und diejenigen, die den Sprengstoff besorgten, der Rache der Gestapo zum Opfer gefallen.
Als der Winter zu Ende ging, ließ meine Spannkraft nach. Sollte unser Volk andere, der menschlichen Einsicht unerkennbare Wege einer Läuterung geführt werden? War ich berechtigt, für eine objektiv gering erscheinende Chance meine Angehörigen, meine Freunde aufs Spiel zu setzen und es mit einer Pistole zu versuchen? Ich habe solche und andere Auswege gesucht, um den nagenden Zweifel zu beschwichtigen. Armselige Selbstberuhigungen!
"So macht Gewissen Feige aus uns allen; Der angebornen Farbe der Entschließung Wird des Gedankens Blässe angekränkelt."

DER SPIEGEL 48/1950
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