29.11.1950

MAOStichjahr 1960

(s. Titel)
Ist Mao Kommunist, und wenn ja, ist Mao Bolschewist, und wenn ja, ist Mao Stalinist? Diese Fragen beschäftigen die politischen Auguren der gesamten westlichen Welt. Diese Fragen entscheiden vielleicht über Krieg und Frieden. Hinter den rotchinesischen Divisionen, die über den Jalu nach Korea einsickern, taucht das Gespenst einer Mobilisierung von 800 Millionen Menschen einer für die Ziele Stalins fanatisierten Ländermasse auf. Ist Mao Kommunist?
Mit dem Normaltyp des kommunistischen Diktators in Ost- und Südost-Europa ist Mao Tse-tung nicht zu vergleichen, und schon gar nicht mit Tito.
* Mao hat nie eine der Moskauer Revolutionsschulen absolviert. (Tito tat es.) Er kam zum erstenmal im Dezember 1949 nach Moskau. Er kam nicht als Satellit, er verhandelte als Gleichberechtigter mit Stalin.
* Mao ist ausschließlich durch Revolution und Bürgerkrieg an die Macht gekommen.
Nicht Sowjet-Armeen haben ihn eingesetzt, er hat sich selbst und allein zum Generalsekretär der KP-China und Regierungschef der Zentralen Volksregierung emporgekämpft. Rat und Hilfe aus Moskau kam in den Jahren des Kriegs seinem Gegenspieler Tschiang Kai-schek zugute.
Der Kreml hat sich nicht überstürzt, Mao Tse-tung in seine revolutionäre Welt-Hierarchie einzuordnen. In Jalta wurde Molotow nach den chinesischen Kommunisten gefragt. Seine, sicherlich zynisch gefärbte Antwort: "Chinesische Kommunisten? Die gibt es nicht. Es gibt nur chinesische Agrarreformer, die sich Kommunisten nennen."
"Unsere Partei ist eine kommunistische Partei. Der Kommunismus ist unser Ziel", verkündete Mao ungefähr gleichzeitig. Er hat sich seither wieder und wieder in kommunistischen Glaubensbeteuerungen überschlagen. Aber er hat es auch anders gesagt:
"Unsere gegenwärtige Kultur ist nicht sozialistisch, sie ist nur eine Form der Demokratie. Der Kommunismus kann in China keinen Boden gewinnen, weil die Bedingungen, die zu seiner Existenz notwendig wären, noch nicht erfüllt sind", heißt es in seiner in Hunderttausenden von Exemplaren verbreiteten Parteischrift "Die neue Demokratie in China". Auf das "noch nicht" kommt es an.
"Das ist die sanfte Tour", deutet ein China-Experte des amerikanischen Nachrichten-Magazins "Time". "Die Roten verwenden sie so lange, bis sie sich stark genug fühlen, um die Ellenbogen zu gebrauchen."
Die "sanfte Tour" hat Bauernsohn Mao Tse-tung erst einmal die gefolgschaftswillige freudige Zustimmung von rund 95 Prozent seiner bäuerlichen Untertanen eingebracht.
Taschentuchformat. "Es gibt in Asien über eine Milliarde Menschen, die der Welt in ihrer jetzigen Gestalt müde sind; sie leben buchstäblich in einer so furchtbaren Knechtschaft, daß sie weiter nichts zu verlieren haben als ihre Ketten", entsetzten sich die "Time"-Korrespondenten Theodore H. White und Annalee Jacoby nach ihrer Rückkehr aus dem Fernen Osten.*) Fast die Hälfte dieser Milliarde lebt in China.
China ist Bauernland. Von seinen 450 Millionen Menschen leben 300 Millionen in Dörfern. 70 Prozent von ihnen haben nur winzige und weitverstreute Ackerfetzen von Taschentuchformat. Die Boden-Bruchstücke sind zum guten Teil nicht einmal Eigentum der Bauern, die auf ihnen roboten, sie sind Pachtland des örtlichen Großgrundbesitzers.
Rund ein Drittel aller chinesischen Aecker waren Eigentum der Großgrundbesitzer. Aber nur die Hälfte von ihnen lebte auf dem Lande. Die übrigen ließen die Pacht durch ihre Agenten eintreiben und deren Erlös nach Schanghai, Tientsien, dem britischen Hongkong oder nach den USA überweisen.
Seit 1912 warten rund 350 Millionen chinesische Bauern auf die Bodenreform. Sun Yat-sen, Chinas großer Weiser, der die Mandschu-Dynastie stürzte, versprach sie ihnen. Tschiang Kai-schek und seine korrupte, den Grundherren hörige Kuomintang ("Reichsvolkspartei") verhinderte sie. Dafür trug Tschiang Kai-schek auf dem Buckel der Bauern 25 Jahre Kampf um die Macht, Krieg gegen Japan und Bürgerkrieg aus.
Mao reformiert. Als er am 20. April 1949 zum entscheidenden Vormarsch über den Jangtse ansetzte, trugen seine disziplinierten Armeen seine Bodenreform-Proklamation vor sich her. Vorher hatte er schon in den von ihm beherrschten Nordwest-Provinzen die Bauern örtlich die Aecker neu verteilen lassen. Jetzt sicherte er allen chinesischen Bauern das gleiche Glück zu. Aber nicht sofort, erst "nach Abschluß der Vorbereitungen".
Das war ein Warnschuß. In den Nordwest-Provinzen hatten vielfach die "befreiten" Dorfproleten die Bodenreform mit ungehemmten Raubzügen gegen die bisherigen Grundherren verwechselt. Laut amtlicher Beuteliste wanderten über fünf Millionen gestohlene Kleidungsstücke, 62000 Pfund Silber und 780 Pfund Gold in die Hände der Dorfsowjets. Was unter der Hand verschwand, nicht mitgerechnet.
Mao hat die Räubereien mit brutaler Härte unterdrückt. In den Jahren des Bürgerkrieges unterzeichnete er über 4200 Todesurteile, zum guten Teil gegen Räuber in den eigenen Reihen.
Mehr produzieren. Mao hat lange und geduldig vorbereitet. Am 28. Juni 1950 erließ er sein Bodenreformgesetz, in 40 Artikeln. Es verpflichtet 200 Millionen bäuerliche Chinesen zu weiterem Warten, bis 1951 oder sogar bis 1952. Jetzt werden erst einmal 100 Millionen Bauern in Zentral-Südchina parteiamtlich reformiert. Damit ist soeben begonnen worden.
In den Reisbauerndörfern zwischen Schanghai, Hankau und Kanton verkünden 180000 Stoßtruppredner des "Landdienstkorps", meist Studenten und bewährungshungrige Lehrer, die Nahziele in der ersten Etappe der rotchinesischen Revolution: "Es geht nicht um mildtätige Unterstützung der Besitzlosen, es kommt darauf an die ländliche Produktion zu steigern."
Mit Steinen beworfen. Die Stoßtruppredner leiten die Dorfversammlungen. Jeder Dorfbewohner muß erscheinen, Widerstrebende Großgrundbesitzer werden zwangsvorgeführt. Jeder Teilnehmer wird in eine der vier staatlich festgelegten bäuerlichen Klassen eingestuft. Das machen die Dörfler selbst. Durch Zuruf bestimmen sie, wer welcher Klasse angehört. Wer nicht einverstanden ist, wird niedergebrüllt oder mit Steinen beworfen. Mit der Klasseneinstufung fällt das Los über den künftigen Anteil am Bodenbesitz:
* Klasse I: Großgrundbesitzer. Sie machen fünf Prozent der ländlichen Bevölkerung aus. Ihr Landbesitz pro Familie liegt zwischen 50 Mau (3,3 ha) und 2500 Mau (165 ha). Sie gelten offiziell als Staatsfeinde, ihr Land wird requiriert.
* Klasse II: Reiche Bauern. Zu ihnen gehören fünf Prozent der Landbevölkerung mit durchschnittlich 30 bis 49,9 Mau (2 bis 2,3 ha) Land. Sie dürfen so viel Acker behalten, wie sie selbst mit ihren Knechten bearbeiten können. Nur das überschießende verpachtete Land wird beschlagnahmt.
* Klasse III: Mittlere Bauern, rund 20 Prozent der Landbevölkerung mit durchschnittlich 15 bis 29,9 Mau (1 bis 1,9 ha). Sie dürfen ihr selbstbebautes und verpachtetes Land behalten.
* Klasse IV: Arme Bauern und Landarbeiter, das sind 70 Prozent der ländlichen Bevölkerung mit 0 bis 14,9 Mau (0 bis 1 ha) Land pro Familie. Sie sind auf Pachtacker angewiesen.
Klasse IV ist das Rückgrat der chinesischen Revolution. Sie redet am lautesten in den Dorfversammlungen. Ihre erste Forderung: Herunter mit den Pachten. Bisher mußten die Bauern im allgemeinen 50 bis 60 Prozent des Ernteertrages als Pacht bezahlen. Der neue amtliche Prozentsatz 37,5 Prozent der Ernte.
Mao hilft den Pächtern noch weiter. Der Bodenbesitzer muß die Pachtdifferenz, die ihm seine Pächter seit der "Befreiung" zu viel gezahlt haben, nachträglich wieder herausgeben,
Ein Drittel aller Bauern Chinas sind seit Generationen tief verschuldet. Bei 20 bis 25 Prozent monatlichem Zins, den Dorfkrämer und Großgrundbesitzer erbarmungslos eintrieben, bestand keine Aussicht, sich je aus der wucherischen Verstrickung zu lösen. Mao erlöst die Schuldner. Seine amtlich befohlene Formel. "Das Doppelte der ursprünglich geliehenen Summe wird vom Schuldner zurückgezahlt, einmal als Kapital, einmal als Summe aller Zinsen."
Land für Ungeborene. Der Bauernausschuß des Dorfes selbst verteilt die beschlagnahmten Aecker. Mit primitiven Holzperlen-Rechenmaschinen wird die Kopfquote ermittelt. Frauen und Kinder sind vollberechtigt. Bei jungverheirateten armen Bauern und Landarbeitern bekommen schon die Ungeborenen ihren Anteil im voraus. Den Familien, die einen oder mehrere Angehörige im "Freiheitskrieg" auf Maos Seite verloren haben, bringen die Toten noch nachträglich ein Bodenstück ein.
Kopfquote der Klasse IV: 2,5 Mau, das ist ein Acker von 60 m Breite und 135 m Länge. Jedoch: Alle Ackerfetzen, die Bauern der Klasse IV schon besitzen, die sie ererbt oder erhungert haben, können sie behalten, ihre Kopfquote wird darum nicht geschmälert. Wenn sie außerdem seit der "Befreiung" Brachland urbar gemacht haben, verbleibt es ihnen zusätzlich.
Wenn das Land verteilt ist, haben die mittleren Bauern der Klasse III immer noch doppelt so viel Land wie die frisch emanzipierten Dorfproletarier. Die reichen Bauern der Klasse II verfügen sogar über das Dreifache der Standardquote.
Darum preisen 95 Prozent der ländlichen Bevölkerung Chinas, das sind Klassen II bis IV, die Weisheit des großen Mao. Nur die Großgrundbesitzer preisen nicht. Sie sehen sich von einer Stunde zur anderen auf die Standardquote der Klasse IV herabgesetzt. "Um sich durch Arbeit zu reformieren". Sonst geschieht ihnen nichts. Selbst das Prügeln hat Mao verboten.
Aber ihre Produktionsmittel gehen den Weg allen Volkes. Wasserbüffel und Schaufeln, Pflüge und überzählige Hühner werden verteilt. Jedoch: Die Häuser und Stallungen der früheren Grundherren dürfen nach dem neuen Bodenreformgesetz nicht mehr abgerissen und ziegelmäßig verteilt werden.
Die Grabstätten der Ahnen und die Geisterwälder, 1,36 Prozent des bebauten Bodens, dürfen nicht aufgeteilt werden. Die buddhistischen, taoistischen und konfuzianischen Tempel, die Kirchen und Missionsstationen der christlichen Konfessionen sind amtlich geschützt. Nur ihre Ländereien werden wie die der Großgrundbesitzer beschlagnahmt. Dafür gibt Mao den Bonzen, Nonnen, Mönchen und Missionaren eine besondere Chance. Sie dürfen Bauern mit voller Kopfquote IV werden.
Nur der Auftakt. "Dogmen sind weniger wert als Jauche. Mit Jauche kann man wenigstens die Felder düngen, mit Dogmen nicht", ist Mao-Grundsatz. Mit solchen Thesen praktischer Lebensweisheit beendete Mao Tse-tung die Herrschaft der Großgrundbesitzer. Die reichen Bauern, die Kulaken der Sowjetrevolution, bekamen aus Gründen reiner Nützlichkeit noch eine Gnadenfrist. Sie können sich selbst ausrechnen, wann sie zu Ende ist.
"Die neue Demokratie ist nur der Auftakt, die erste Hälfte unserer Revolution", verkündete Mao mit unbekümmerter Offenheit. "Wenn wir sie erreicht haben, brauchen wir die reichen Bauern (Klasse II) nicht mehr."
Im Augenblick werden sogar noch die Erst-Klassisten gebraucht. Auf dem Lande sind sie restlos abgewirtschaftet worden. Aber ihre Industrie- und Handelsunternehmungen dürfen nicht angetastet werden. Das ist strikter Parteibefehl. Um seines Hauptzieles willen, der Industriealisierung Chinas, ist Mao bereit, selbst mit Kapitalisten mittlerer Güte zeitweilig zu kollaborieren.
Der Industriealisierung soll auch die Bodenreform dienen. Bisher floß der Erlös gut eines Fünftels der jährlich erzeugten Nahrungsmittel (130 Millionen Tonnen) in die Taschen der Grundherren. Er fließt jetzt in die Taschen der Landproletarier aus Klasse III und IV. Sie setzen den Zusatzverdienst Industrie-gerecht um.
80000 Wasserräder kauften Nordchinas Kleinbauern im letzten Jahr, 50000 eiserne Pflüge ersetzen in den mandschurischen Dörfern ihre hölzernen Vorgänger, über eine Million Ackergeräte ging seit dem roten Umbruch in Maos alte Provinzen.
Schon folgen die ersten Traktoren. 251 stehen in den Maschinen-Ausleih-Stationen des Nordwestens zum kollektiven Einsatz bereit. Die gleiche Zahl zieht Pflüge und Mähmaschinen über die 22000 Hektar Weizen-, Soja- und Maisfelder der ersten mandschurischen Staatsgüter. 1960 sollen weite Teile des chinesischen Löss-Bodens kollektiv bewirtschaftet werden.
1960 ist Maos Stichjahr. Er wird dann über 525 Millionen arbeitswillige Kulis gebieten. Er wird dann 67 Jahre alt sein. Das sind immer noch vier Jahre weniger, als heute Josef Stalin zählt.
*) Den neuesten Hofskandal berichtet William Attwood im amerikanischen "Life". Nach seinen Informationen besuchte 1941 während ihres Exils in Kairo Königin Friederike von Griechenland, damals noch Kronprinzessin, die ägyptische Königin Farida, damals noch Faruks Gattin. Plötzlich erschien Faruk. Friederike: "Faruk wußte nicht, wer ich war, schaute mich nur einmal an, befahl seiner Frau, das Zimmer zu verlassen, und knipste das Licht aus. Ich war furchtbar erschrocken. Wenn ich ihn ohrfeigte, konnte das, das wußte ich, zu Komplikationen aller Art führen. So stand ich nur auf und sagte: 'Der große Mann draußen in der Marineuniform ist mein Mann, und ich liebe ihn sehr.' Faruk lachte nur, drehte das Licht an und ging." Faruks Hofmarschall hat die story energisch dementiert.
*) White/Jacoby Donner aus China. Rowohlt Verlag, Stuttgart, Hamburg, Baden-Baden. 375 Seiten. 9,80 DM.

DER SPIEGEL 48/1950
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