13.12.1950

VICKI BAUM / LITERATURDen Markt im Auge

Als der Portier aus der Telefonzelle 7 herauskam, war er ein wenig weiß um die Nase herum; er suchte seine Mütze, die er im Telefonzimmer auf die Heizung gelegt hatte. 'Was war's denn?' fragte der Telefonist an seinem Schaltbrett, Hörer vor den Ohren und rote und grüne Stöpsel in den Fingern. 'Ja - sie haben die Frau plötzlich in die Klinik gebracht ...'"
Das war der Anfang - erstens des Romans "Menschen im Hotel" in Nr. 13 des Jahrgangs 1929 der Berliner Illustrirten Zeitung; zweitens der volkstümlichen Schriftsteller-Karriere der Verfasserin Vicki Baum. Inzwischen ist ihr Opus zu einer kleinen Bibliothek angewachsen, und Deutschland holt ihre Lektüre nicht.*)
"Menschen im Hotel" wurde den Ullsteins aus der Rotation gefressen, fortsetzungs- und 20-Pfennig-weise. Es war ordentlich was los in diesem Roman, die Autorin führte ein reichhaltiges Assortiment von Figuren in Freiheit dressiert vor, eine pikante Versammlung von Personen und einschlägigen Begebenheiten, wie es zur schriftstellerischen Kochrezeptur Vicki Baums gehört:
Die Grusinskaja. Russische Tänzerin, einst hochgefeiert, noch immer ein berühmter Name, aber nun alt und müde. Die Grusinskaja mag nicht mehr, die Tasse mit tödlichem Veronaltee steht schon auf dem Tisch des Hotelzimmers, da kommt:
Baron Gaigern. Alter Adel auf der Rutschbahn. Will der Grusinskaja die Perlen stehlen, wird von ihr überrascht, spielt ihr Liebe vor, aus dem Spiel wird Ernst, alte Tänzerin und angeknackster Baron lieben sich wirklich. Da tritt dazwischen:
Generaldirektor Preysing. Bürger mit seriös vorgewölbtem moralischem Brustkasten,
Mustermann, der den ersten Fuß auf die geseifte schiefe Bahn setzt, als er seine kippende Fabrik mit unsoliden Mitteln retten will. Preysing entdeckt Gaigern, als der aus Preysings Zimmer die Direktors-Brieftasche stehlen will, schlägt ihn tödlich nieder, wird polizeilich abgeführt. Zurück bleibt:
Flämmchen, die kleine Stenotypistin mit dem "blühenden Stiefmütterchengesicht". Hatte genug von Dunst und Enge zu Hause, wollte ins Leben schnuppern, war bereit, mit Generaldirektor Preysing ins Ausland zu reisen, flüchtet nun zu:
Buchhalter Kringelein. Armer kleiner Kerl mit operativ zerschnittenem Magen, hat nur noch ein paar Wochen zu leben, will nach vierzig Jahren subalternen Inder-Ecke-Stehens wenigstens die letzten Wochen groß leben, gewinnt an einem Abend im Spiel ein Jahresgehalt, reist mit Flämmchen ab und wird bald sterben. In der Hotelhalle bleibt zurück:
Dr. Otternschlag, mit im Krieg furchtbar zerschossenem Gesicht, einsam, verlassen, zynisch, voller Heimweh nach Güte und Wärme. Und: Die Drehtür dreht sich, schwingt, schwingt, schwingt ..." Ende.
Typisch für Vicki Baums literarische Webkunst war auch damals schon, eine Szene im entscheidenden Moment abzubrechen und den Faden an anderer Stelle aufzunehmen. Wenn Gaiger die Perlen der Grusinskaja schon in der Tasche hat, ihm der Rückweg versperrt ist, die Tänzerin ins Zimmer - kommen wird, bricht das Kapitel ab:
"... und dann blieb er bis auf weiteres zwischen Stoffportiere und Spitzenstore steif aufgerichtet und wachsam stehen, wie ein Soldat im Schilderhaus."
Und da steht der Baron den ganzen nächsten Abschnitt lang, in dem ganz was anderes erzählt wird - der Leser sitzt so lange im unterhaltsamen Wartezimmer der Spannung.
Ein hochliterarischer Kritiker des Londoner "Spectator" schrieb vor fast 20 Jahren von dem Buch "Menschen im Hotel": "oberflächlich, melodramatisch, sentimental, aber technisch vollendet". Der Kritiker hieß Graham Greene.
Trotzdem: "Menschen im Hotel" war eine Sensation, zuerst als BIZ-Wochenrationen, dann als Buch dann als Theaterstück, schließlich als Film. Da sogar eine Sensation rund um die Welt. Mit der Garbo als Grusinskaja.
Und dabei hatte Vicki Baum anfänglich nur zum eigenen Vergnügen geschrieben. Von Beruf war sie ursprünglich Harfenspielerin. Die jung geschlossene Ehe mit einem Schriftsteller ging bald auseinander. Dann harfte Vicki Baum drei Jahre in deutschen Orchestern, lehrte an der Darmstädter Musikhochschule, heiratete 1916 den Dirigenten Richard Lert.
Von der Liebhaber-Schriftstellerin bat sich einmal ein Schauspieler, ein Bruder des Schriftstellers Jacob Wassermann, einige Manuskripte aus. Wochen später gestand er, sie auf eigene Faust einem Verleger gezeigt zu haben. Und der druckte sie, die ersten Romane der Autorin Vicki Baum erschienen.
Bemerkenswerten Eindruck machte sie erst mit "stud. chem. Helene Willfüer". Auch dieser "Roman eines jungen Mädchens unserer Zeit" erschien zuerst in BIZ-Fortsetzungen.
Schon hier zeigte sich die Autorin nicht kleinlich, ihre Menschen und Situationen interessant zu machen, schon hier war das Milieu sicher gezeichnet und ebenso der Hintergrund, vor den alles gestellt war: die Zeit der brüchigen, nervös flackrigen 20er Jahre. Vicki Baum schilderte sie durchaus richtig, aber sie ging ihr nicht so auf den Kern, daß der Leser das peinliche Gefühl hatte, es werde ihm der Nerv eines kariösen Zahns bloßgelegt.
Hochintellektuelle Kritiken schrieben dann auch, einiges an dem Roman sei gut, aber der Rest sei "Fälschung, sehr gute Fälschung - echte 20. Jahrhundert-Sentimentalität, die sich für Realismus ausgibt". Weniger anspruchsvolle sprachen von der "vollständigen, Schrecken erregenden Geschichte der FRAU". Und nirgendwo sei Sentimentalität oder kitschiges Mitleid.
Aehnlich widerspruchsvoll ging es zu, als Vicki Baum vor sieben Jahren, nun längst in Hollywood, "Weeping Wood", eine Novellen-Reihe, veröffentlichte. Sie schreibt in dem Buch vom "weinenden Wald" über den Kautschuk, wie er in Menschenschicksale eingreift.
Schwer vorstellbar, wie Vicki Baum es hätte besser machen sollen, sagten die einen Rezensenten. Andere rieten von hoher Warte ihren Lesern, lieber im Konversations-Lexikon nachzuschlagen, wenn sie sich über Kautschuk informieren wollten.
In die USA war sie 1931 gefahren, um an der Broadway-Premiere von "Menschen im Hotel" teilzunehmen. Sie blieb sieben Monate. Es gefiel ihr.
Sie kam noch einmal zurück. Auf dem Berliner Presseball von 1933 saß sie noch in der Loge der Ullsteins, die sie nach der ersten Erfolgen in ihren Redaktionsstab geholt hatten. Das war wenige Stunden vor Hitlers Machtergreifung. Ein "neuer spontaner Entschluß", und Vicki Baum emigrierte endgültig nach den Vereinigten Staaten.
Seitdem lebt sie bei Hollywood, arbeitet an ihren Büchern, führt Wirtschaft, ist Großmama. Sohn Wolfgang ist Redakteur, Sohn Peter landwirtschaftlicher Berater der Universität von Kalifornien.
Vicki Baum - 62, obwohl "Who Is Who?", das Adreßbuch der Berühmtheiten, als ihr Geburtsjahr galanterweise 1896 nennt - lebt ziemlich zurückgezogen, liebt Bücher, Musik, Kinder, Bäume und böse Leute, haßt die große Gesellschaft, Politik, Bridge und bedeutende Menschen - "wenn sie wissen, daß sie bedeutend sind".
Vicki Baum arbeitet präzis. Erlebnisse und Beobachtungen, die oft Jahre zurückliegen, werden in einen Roman verwoben. Einen Kringelein, den rührend armseligen Buchhalter in "Menschen im Hotel", hat sie als 14jährige kennengelernt. Die Erinnerung an einen Ballettabend der Pawlowa, an dem die große Tänzerin sichtbar müde war, führte zur Gestalt der alternden Grusinskaja.
Wenn es sich machen läßt, lebt Vicki Baum selbst das Leben ihrer Personen. Sie verbrachte eine Zeit hinter der Szene in einem großen Warenhaus, als sie im "Großen Ausverkauf" die Geschichte einer kleinen amerikanischen Verkäuferin schrieb. Für "Menschen im Hotel" arbeitete sie sechs Wochen lang in einem großen Berliner Hotel als Zimmermädchen. Hatte Korridore zu schrubben, vierzig Betten zu machen, auf vierzig Klingeln zu achten.
"Veni, vidi, Vicki" - wurde Cäsars lapidarer Kriegsbericht von der amerikanischen Fachzeitschrift "Books" umgedichtet, als Vicki Baums Hollywood-Roman "Falling Star" (Fallender Stern) 1934 erschien, die Geschichte vom Untergang einer Diva aus der Stummfilm-Epoche. Die gebürtige Wienerin zeigte, daß sie sich in ihrer kurzen Hollywood-Zeit bereits in die Atmosphäre der USA eingelebt hatte.
Seit 1941 schreibt sie ihre Bücher englisch Bis dahin fühlte sie sich nicht sicher genug in der neuen Sprache, und auch heute noch schimmert der deutsche Tonfall durch. So wie in nicht recht gelungenen Uebersetzungen von Büchern der Hollywood-Wienerin der englische "Madame wurde von Schmerzen überkommen" ("Schicksalsflug").
"Ein Kolportageroman mit Hintergründen" firmierte die deutsche Ausgabe von "Menschen im Hotel". An diesem Rezept hat Vicki Baum festgehalten. Die guten unter ihren Büchern haben atmosphärische Hintergründe in anderen ist der Hintergrund nur Staffage.
So in einem ihrer neuesten Romane, "Headless Angel" (Kopfloser Engel). Er beginnt im Weimar Goethes, spielt dann nach Mexiko hinüber, gipfelt dort in der Revolution und schließt wieder behaglich an der Ilm. Erotik breitet sich aus. Ueber eines der Vicki-Baum-Bücher dieser Kategorie schrieb die "Saturday Review of Literature" schlankweg: "Dies Buch kann man vertrauensvoll Dienstmädchen empfehlen."
Bisweilen rutschen Vicki Baums Figuren auch ins Sentimentale, aber dann stehen wieder Beobachtungen, Formulierungen da, daß die, welche über die "Gebrauchsliteratur" die Achseln zucken, an ihrem eigenen Urteil zweifeln. Die Zeitschrift "Canadian Forum" verstieg sich zu einem Kolumbus-Ei, um das Rätsel des Widerspruchs lösen zu können: manche Stellen in Vicki Baums Büchern seien von jemand anderem verfaßt.
Den tüchtigen, praktischen Captain Hunter, "zwei Meter Mann", läßt Vicki Baum zu klassischer Musik "Musik mit langen Haaren" sagen. Ueber Tanzmusik heißt es einmal: "Sie sägte, knackte, stand Kopf, rasselte, legte gackernd Eier aus Melodie, die sie sogleich zertrampelte."
Oder von einer Sekretärin: "Miß Tackle hatte das Aussehen und die wachsamen Eigenschaften jener steinernen Hunde, die an den Toren von Tempeln in China stehen um böse Geister zu verscheuchen."
Und von einem amerikanischen Ehemann: "Er war Lucy immer treu gewesen, hauptsächlich aus Mangel an Zeit und Interesse."
Noch immer ist Vicki Baum ein guter Regisseur für die Personen ihrer Bücher, sie gibt ihnen gern große Szenen. Z. B., wenn sie in "Schicksalsflug", einem Roman, der - wie "Menschen im Hotel" - eine interessante Gesellschaft für ein paar Tage zusammenbringt (nur daß hier vier Teilnehmer gewaltsam tödlich enden), die alte, todkranke Pianistin Maria Manticka theatralisch-dramatisch entläßt: Madame hat den gefährlichen 5.-Kolonnisten Echeverria mit Zyankali vergiftet und greift nun, umgeben von Büscheln gelber Ingwerblüten, selbst zum Giftglas:
"Sie setzte sich in den steifen, hochlehnigen alten Lederstuhl. Sie hörte die Schritte ihrer ersten Gäste, die sich der Tür näherten. Es war zwei Minuten nach neun als sie ihr Glas erhob und trank."
Oder mit erotischem Beigeschmack, wenn, auch in "Schicksalsflug", das französische Mannequin Suzette, alias Bella Kussak aus Brooklyn, voller Ekel vor einer Gesellschaft, die alles kaufen zu können meint, sich an der reich gedeckten Tafel das Kleid vom Leibe reißt:
"... riß sich einfach das Kleid herunter, warf es auf den Boder und trampelte darauf herum ... eine trotzige junge Göttin in einer kleinen rosa Seidenkombination. 'Okay, okay', rief sie aus. 'So sehe ich aus, und ihr könnt euch sattsehen ... ich will zurück nach Brooklyn - ich will zurückgehen, wo ich hingehöre - "
"New York Times" faßte einmal zusammen: Vicki Baum "ist eine der wenigen Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die beim Schreiben den Markt im Auge behalten und trotzdem ein solides, intelligentes Buch hervorbringen können. Man kann ihre Bücher in der Mitte anfangen und sofort fasziniert werden, ohne den Anfang zu kennen. Und mit dem gleichen Interesse könnte man sie von Anfang bis zu Ende lesen".
Kutzbachs Autoren-Lexikon 1950 verzeichnet Vicki Baum als die meistübersetzte deutsche Autorin. Neben Frau Courths-Mahler.
*) Der S. Fischer-Verlag bereitet jetzt "Liebe und Tod auf Bali" vor. U. a. erschienen bisher "Schicksalsflug", "Hotel Shanghai".

DER SPIEGEL 50/1950
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