24.08.1970

BUNDESWEHR / HEIMATSCHUTZTRUPPESchlafendes Heer

Rolf Baron, 28, Steuersachbearbeiter und Oberleutnant der Reserve, verschloß seinen Schreibtisch, zog den Kampfanzug an und fuhr zum nahe gelegenen Bundeswehr-Gerätelager Muggensturm bei Rastatt.
Gleich ihm versammelten sich dort 167 Reservisten. Oberleutnant Baron, Chef der Sicherungskompanie 5333, ließ Waffen und Gerät empfangen und gab den Befehl zum Abmarsch. 24 Stunden später standen die aus behaglichem Zivilleben gerissenen Reservelandser bei strömendem Regen in den Wäldern der Schwäbischen Alb auf Feldposten.
Mit solchen Wehrübungen weckt derzeit Verteidigungsminister Helmut Schmidt das "Schlafende Heer" von 1,5 Millionen Reservisten. In diesem Jahr werden 120 000 von ihnen für die Dauer von drei Tagen bis vier Wochen einberufen, die meisten zur Heimatschutztruppe. In den späten siebziger Jahren soll nach der Vorstellung von Schmidt die Bundeswehr womöglich aus zwei Elementen bestehen:
* einem kleinen, schlagkräftigen Feldheer aus Berufs- und Zeitsoldaten,
* einem milizähnlichen Territorialheer von kurz ausgebildeten Wehrpflichtigen, die über einen längeren Zeitraum hinweg alljährlich Reserveübungen ableisten.
Die Grundstruktur für diese Bundeswehr der Zukunft besteht bereits: das der Nato assignierte "Feldheers" und ein nationalem Kommando unterstehendes "Territorialheer". Den Kern der "Territorialen Verteidigung" (TV) -- aktive Pionier-, Feldjäger- und Fernmeldebataillone -- stellten die Schmidt-Vorgänger von Hassei und Schröder auf.
Zur alten "TV" gehörten auch schon Heimatschutztruppen, die jetzt von 40 000 auf 108 000 Soldaten vermehrt werden sollen: 300 Sicherungs-Kompanien, 29 Jägerbataillone und sechs Heimatschutzkommandos.
Das neue Territorialheer ist -- den zivilen Verwaltungsbereichen entsprechend -- gegliedert in:
* Verteidigungskreiskommandos (VKK), die in einem bis drei Landkreisen militärische und zivile Objekte sichern (Truppe: eine Stabskompanie und vier bis acht Sicherungskompanien);
* Verteidigungsbezirkskommandos (VBK) zur Raumsicherung in den Regierungsbezirken (Truppe: ein bis zwei Jäger-Bataillone);
* Wehrbereichskommandos (WBK) in den Bundesländern (Truppe: je ein Heimatschutzkommando mit einer Kriegsstärke von 8000 Mann). Den Wehrbereichen übergeordnete Kommandostäbe sind die Territorialkommandos Nord und Süd In Mönchengladbach und Heidelberg, die Ihrerseits dem Inspekteur des Heeres unterstehen.
In Manövern zeigten die Heimatschutz-Soldaten gute Leistungen. Oberstleutnant Eberhard Matthes, Kommandeur des Ausbildungszentrums 54/1 in Stetten am Kalten Markt: "Das beste Ding, das die Bundeswehr bisher zustande brachte."
Die Reservisten -- gestandene Männer, viele Familienväter -- finden ihre Sicherungsaufgabe im engeren Heimatbereich zumeist sinnvoll, Disziplinarfälle sind selten, die kurze Wehrübungszeit von zwölf Tagen Im Jahr wirkt als Abwechslung vorn Familien- und Alltagsleben. Die gleichfalls von der zivilen Arbeitswelt geformten Reserve-Unteroffiziere und -- Offiziere lassen Kommißmanieren nicht aufkommen.
Zahlreiche Heimatschutzkompanien veranstalten in der Zeit zwischen den Übungen gemeinsame Tanzabende, Familienausflüge, Stammtische, an Wochenenden auch freiwillige Schieß- und Geländeausbildungen. Vor allem in ländlichen Gegenden spielen sie eine ähnliche gesellschaftliche Rolle wie die freiwilligen Feuerwehren.
Die Probleme der Inneren Führung bleiben eng nut der bürgerlichen Umwelt verwoben: Häufig begehrt der Handwerksmeister (und Gefreiter der Reserve) die Einberufung In eine andere Einheit, weil er nicht mit seinem Gesellen (und Unteroffizier der Reserve) zur selben Kompanie einrücken will. Dabei ist die Frage der Hierarchie oft weniger wichtig als die des gleichzeitigen Dienstes: Die Werkstatt darf nicht leerstehen.
Freilich, derartige Sorgen sind die geringsten Personalnöte der Schutztruppler. Nachteiliger wirkt sich die rege Fluktuation der Bevölkerung in der Bundesrepublik aus.
Im Schnitt verziehen alljährlich 30 Prozent der Reservisten in andere Orte. Dem gleichmäßigen Ausbildungsstand der Einheiten, die durch neue Männer aufgefüllt werden müssen, Ist das nicht eben förderlich.
Trainiert werden die Heimaikrieger in bislang 17 "Ausbildungszentren"; Hauptfach ist der Infanteriegefechtsdienst, wichtigste Grundlage der Heimatverteidiger.
"Die Aufgaben des Territorialheeres sind", so Oberst Fritz Engelien, Referent für die Führung des Territorialheeres auf der Hardthöhe, "die Wahrung der Operationsfreiheit im rückwärtigen Gebiet sowie das Abwenden militärischer Bedrohungen von zivilen Einrichtungen. In jedem Falle gilt der Kampf militärischem luft- oder seegelandetem Feind, in Ausnahmefällen auch einem Gegner, der die Nato-Front durchbrochen hat." Jeden Verdacht, die Heimatschutztruppe sei als "Bürgerkriegsarmee" gegen die Apo gerichtet, weist der Oberst ab: "Es gibt keine Ausbildungs-Hinweise für den inneren Notstand."
Während Zweifel an der Zweckmäßigkeit der Ausbildung selten sind, kritisieren viele Heimatschutzsoldaten die Ausrüstung und Bewaffnung ihrer Truppe (Spitzname: "Bundesbogenschützen").
Zwar können die Reservisten-Kompanien 24 Stunden nach dem Alarm in ihren Gerätelagern versammelt sein, doch verzögert sich dort vermutlich ihr Abmarsch durch das Warten auf "k-gestellte" Fahrzeuge -- Lastwagen, die nach dem Dienstleistungsgesetz bei zivilen Firmen eingezogen werden. Versuche einiger Sicherungs-Kompanien, sich mit Fahrrädern, Mopeds und sogar hoch zu Roß beweglicher zu machen, hatten wenig Erfolg.
Zumeist allerdings bemängeln die Reservisten, daß ihnen der "dicke Hammer", die eigene Artillerie, fehlt. "Tatsächlich sind wir da ein bißchen schwach auf der Brust" (Engelien). An schweren Waffen haben die Kreis- und Bezirksverteidiger (VKK und VBK) nur 81-Millimeter-Mörser und Leichtgeschütze, die Heimatschutzkommandos der Wehrbereiche (WBK) sind mit 120-Millimeter-Mörsern ausgerüstet und verfügen über je zwei Kompanien Kanonen-Jagdpanzer und Panzerabwehr-Raketen.
Gerade die sechs Heimatschutzkommandos -- fast divisionsstarke "Feuerwehren" der Wehrbereichs-Befehlshaber -- zeugen von der redlichen Sparsamkeit der Planer: Da sie nur zwei Regimenter haben, lassen sich wirksame Schwerpunkte der Verteidigung und Eingreifreserven schlecht bilden. Neben der Artillerie fehlt ihnen zudem eine Aufklärungs-Kompanie.
Immerhin rechnet sich Oberst Werner Manns, Kommandeur des Heimatschutzkommandos 13 im holsteinischen Eutin, gute Chancen im Verteidigungsfall aus, "allerdings kann ich keine Weihnachtsmänner gebrauchen, denn unsere Gegner würden Elitesoldaten sein -- Fallschirmjäger und Marineinfanteristen".
Die sparsame Waffenausstattung erklärt sich leicht: Die Heimatschützer sind ohnedies keine billigen Soldaten. Jedem verheirateten Reservisten zahlt der Staat während der Wehrübung 90 Prozent seines Einkommens. Ein im Zivilleben gut verdienender Gefreiter kann die Bundeswehr in zwölf Tagen Dienst bis zu 1000 Mark kosten.

DER SPIEGEL 35/1970
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