24.08.1970

PHILOSOPHIE / KONGRESSEEntzweiter Hegel

Den Denker des Widerspruchs, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, feiert Deutschlands Philosophie in diesem Sommer zu seinem 200. Geburtstag auf angemessene Weise -- gespalten.
Vor sechs Wochen tagte die "Internationale Hegel-Vereinigung" in Stuttgart. Deren Präsident, ein Schüler des Seinsphilosophen Martin Heidegger, hatte dazu geladen: Hans-Georg Gadamer, emeritierter Professor in Heidelberg.
Diese Woche feiert die "Internationale Hegel-Gesellschaft" in Ost-Berlin, deren Erster Vorstand ein Marxist-Leninist ist: Wilhelm Raimund Beyer, Professor in Salzburg.
Als gelte es, die Vorstellung vom gespaltenen Hegel recht glaubwürdig zu machen, ließen es die Hegelianer der "Vereinigung" und die Hegelianer der "Gesellschaft" auch nicht an gegenseitigen Kränkungen fehlen. Gadamer lud keinen der Hegel-Forscher Ostdeutschlands nach Stuttgart ein, weil -- wie er auf einer Pressekonferenz sagte -- dort "das nötige Niveau" fehle. Beyer hatte schon im Juni die westdeutsche Hegel-Forschung "Blahblah-Philosophie" genannt und ihr bescheinigt, sie sei lediglich "die Erfüllung des von der Kapitalistenklasse bezahlten Lehrauftrages".
Seit 150 Jahren streiten sich die Philosophen in der ganzen Welt darüber, ob Hegel letztlich Revolutionär oder Reaktionär gewesen sei. Man kann "fast jede politische Praxis mit hegelianischen Argumenten rechtfertigen", schrieb jüngst der Grazer Ideologiekritiker Ernst Topitsch*.
In der Tat, bereits zu Lebzeiten wurde Hegel einerseits beschuldigt, er neige zum Despotismus und schade der Freiheit (so der preußische Reformer Wilhelm von Humboldt), und andererseits von Friedrich Julius Stahl, dem jüdischen Staatsrechtler Preußens, bezichtigt, seine Philosophie sei zerstörend und stehe "auf demselben Boden mit der Revolution".
Auch die Demokraten unter den Zeitgenossen Hegels zerstritten sich darüber, wie sie den seit 1818 in Berlin lehrenden Hegel zu deuten hätten. Der deutschtümelnde Demokrat Jakob Friedrich Fries höhnte 1821 über den "metaphysischen Pilz", der "auf dem Misthaufen der Kriecherei aufgewachsen" sei. Dagegen rühmte der liberale Schriftsteller Friedrich Förster: "Heran, Torheit, Wahnsinn, Feigheit, knechtische Gesinnung und Obskurantismus, wir fürchten euch nicht, denn sein (Hegels) Geist wird unser Führer sein ... Freiheit, Freude, Frieden hat er uns gegeben**."
Der Zwiespalt der konträren Deutungen setzt sich bis in die Gegenwart fort:
* Ortega y Gasset (1930): "Hegels Philosophie ist imperatorisch, cäsarisch, dschingis-khanisch."
* Hannah Arendt (1963): "Alle Revolutionäre des 19. und 20. Jahrhunderts haben die Revolution in von Hegel geprägten Kategorien verstanden."
Die Entzweiung der Hegel-Interpreten spiegelt den Zwiespalt nicht nur im Denken, sondern auch im Leben Hegels. Als Mensch schwermütig und ge-
* Gerd-Klaus Kaltenbrunner (Hrsg.): "Hegel und die Folgen". Verlag Rombach, Freiburg; 428 Selten; 60 Mark.
** Günther Nicolin: "Hegel in Berichten seiner Zeitgenossen". Felix Meiner Verlag, Hamburg: 696 Seiten; 64 Mark.
sellig, als Bürger zwischen Widerstand und Anpassung schwankend, als Denker von Sendungsbewußtsein, aber auch von Verzweiflung geprägt, hat Hegel versucht, die Entzweiung seiner Zeit, also auch seine eigene, in einer höheren Einheit von Geist und Wirklichkeit aufzuheben.
Nach Meinung vieler Interpreten war Hegel auf der einen Seite Untertan, auf der anderen Revolutionär. Als Abiturient pries er "die Vorsehung", die bewirkte, daß er im Württemberg des (despotischen) Herzogs Karl Eugen zur Welt kam. Kurze Zeit später begeisterte er sich für die Französische Revolution und errichtete mit Freunden einen Freiheitsbaum, damals Symbol der Revolution.
Noch als preußischer Philosophie-Ordinarius toastete Hegel an jedem 14. Juli, dem Jahrestag des Sturmes auf die Bastille, mit Champagner auf die Revolution, ermahnte aber auch seine Familie, am Geburtstag des Königs auf die "würdige, werte Gesundheit" der Majestät zu trinken.
Jahre zuvor hatte er den Kriegsgegner Preußens emphatisch gefeiert, den Kaiser Napoleon, der für Hegel Vollender der Revolution war: "Den Kaiser -- diese Weltseele -- sah ich durch die Stadt zum Rekognoszieren hinausreiten: es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht."
In der Nacht vor der Schlacht bei Jena und Auerstedt beendete Hegel sein erstes philosophisches Hauptwerk "Die Phänomenologie des Geistes". In ihr versuchte er systematisch die Entzweiung von Geist und Wirklichkeit aufzuheben: "Nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und vor der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes."
Ober Bamberg (Chefredakteur der "Bamberger Zeitung") und Nürnberg (Gymnasialrektor) kam Hegel 1816 als Professor an die Heidelberger Universität. Zum ersten Male seit dem Sturz Napoleons beschäftigte er sich wieder intensiv mit Politik. In den "Heidelberger Jahrbüchern" polemisierte er 1817 gegen die württembergischen Stände, die eine vom König angebotene Verfassung abgelehnt hatten. Hegel ergriff die Partei des Königs, dessen liberale Verfassung er als "vernünftiges Staatsrecht" pries.
Viele Zeitgenossen mißverstanden Hegel damals als einen Verteidiger der monarchistischen Reaktion. In Wirklichkeit war seine Artikelserie ein Plädoyer für den Verfassungs- und Rechtsstaat, wie er -- nach Meinung Hegels -- zum erstenmal durch die Französische Revolution von 1789 verwirklicht worden war.
Wer -- wie die württembergischen Stände -- dieser revolutionären Rechtsordnung opponiere, widersetze sich der Vernunft, meinte Hegel, und das tue nicht der König, sondern die vorrevolutionären privilegierten Landstände. Diese Stände hätten die letzten 25 Jahre "verschlafen, die reichsten wohl, welche die Weltgeschichte gehabt hat, und die für uns lehrreichsten, weil ihnen unsere Welt und unsere Vorstellungen angehören".
Mit der Französischen Revolution, für die er noch in Berlin emphatische Worte ("herrlicher Sonnenaufgang") fand, war für Hegel ein neues Weltalter angebrochen, in dem "sich der Mensch auf den Kopf, das ist, auf den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach diesem erbaut". Der auf den Kopf gestellte Mensch habe zum erstenmal die politische Freiheit für alle proklamiert, die Menschen zum Subjekt der politischen Ordnung gemacht und eine neue Rechtsform der Freiheit als Menschen- und Bürgerrecht verkündet, die in den Verfassungen der Revolutionsepoche und auch im Code Napoleon geltendes Recht geworden sei.
Zum erstenmal in der Geschichte der Hegel-Forschung hat der Münsteraner Philosophie-Professor Joachim Ritter vor rund zehn Jahren deutlich gemacht, daß Hegels Philosophie als Theorie ihrer Zeit und Kritik der modernen bürgerlichen Industriegesellschaft eine Philosophie der Revolution ist. In einem vielbewunderten Essay stellt Ritter fest: "Es gibt keine zweite Philosophie, die so sehr ... Philosophie der Revolution ist wie die Hegels."
In der Tat haben auch die großen Revolutionäre des 19. und 20. Jahrhunderts Marx und Engels, Lassalle und Lenin Hegels dialektische Methode als Motor der Revolution verstanden.
So hat Hegel 46 Jahre vor dem Erscheinen von Marxens erstem Band des "Kapital" (1867) die Grundzüge der kapitalistischen Klassengesellschaft analysiert und kritisiert. Die moderne Gesellschaft ist für ihn ein "System der Bedürfnisse", in dem jeder einzelne Mensch seine unmittelbaren Bedürfnisse nur durch die Vermittlung der gesellschaftlichen Arbeit und Arbeitsteilung befriedigen kann.
Vom Begriff der Arbeit her erkannte Hegel bereits vor Marx die Entstehung der Klassengesellschaft, die "Anhäufung der Reichtümer" auf der einen, die "Abhängigkeit und Not" der an "die Arbeit gebundenen Klasse" auf der anderen Seite. Er sah auch, bevor Marx seine Verelendungstheorie aufstellte, daß bei dem "Übermaße des Reichtums" die bürgerliche Gesellschaft "nicht reich genug" ist, um dem "Übermaße der Armut" wie der "Erzeugung des Pöbels" (das Wort Proletariat kennt Hegel noch nicht) steuern zu können.
Die Gefahr der Konkurrenz-Gesellschaft liegt für Hegel darin, daß sie den einzelnen ausschließlich als abstrakten Egoisten seiner unmittelbaren Bedürfnisse behandelt. Die bürgerliche Gesellschaft wird für ihn "die ungeheure Macht, die den Menschen an sich reißt, von ihm fordert, daß er für sie arbeite, und daß er alles durch sie sei und vermittels ihrer tue".
Aber während Marx die Widersprüche der kapitalistischen Klassengesellschaft durch die sozialistische Revolution des Proletariats zu beseitigen hoffte, glaubte Hegel die Gefahren der modernen bürgerlichen Gesellschaft in seinem sittlichen Vernunftstaat aufheben zu können, denn der Staat ist für ihn die "Verwirklichung der sittlichen Idee". Im Staat wird der abstrakte Egoist, ·auf den die Gesellschaft den Menschen reduziert, zum freien Bürger des sittlichen Gemeinwesens erhoben.
Freilich, weder die Macht der Hegelschen Theorie noch die Sittlichkeit des Hegelschen Staates hat verhindern können, daß sich die schon von ihm gesehenen extremen Gegenpositionen der Entzweiung verselbständigten.
Auf der einen Seite ist, so interpretiert Ritter Hegel, die harte Welt der Verstandesaufklärung und "revolutionären Verneinung der Vergangenheit" entstanden, die um der "Zukunft" willen radikal mit jeder Tradition, mit der "Herkunft" bricht -- auf der anderen Seite die "Verneinung der Gegenwart", die aus der revolutionären Unruhe in die Innerlichkeit des Gefühls flüchtet, in eine Religion, die laut Hegel "im Herzen des Individuums ihre Tempel und Altäre" erbaut.
Diese revolutionäre Lehre des Konflikts nannte der russische Schriftsteller Alexander Herzen die "Algebra der Revolution", und Lenin schrieb in einem Brief an den Dichter Maxim Gorki: "Bei Gott, der Philosoph Hegel hatte recht: das Leben schreitet in Widersprüchen voran, und die lebendigen Widersprüche sind um vieles reicher, mannigfacher, inhaltsvoller" als es dem menschlichen Verstand anfänglich erscheint."

DER SPIEGEL 35/1970
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