24.08.1970

Martin Walser über Fritz Seidenzahl: „Hundert Jahre Deutsche Bank“IST DIE DEUTSCHE BANK NAIV?

Martin Walser, 43, ist der Autor der Romane „Halbzeit“ und „Das Einhorn“ sowie der Theaterstücke „Eiche und Angora“ und „Überlebensgroß Herr Krott“. -- Fritz Seidenzahl schrieb das Jubiläumsbuch „Im Auftrage des Vorstandes der Deutschen Bank“. -- Eberhard Czichon, 34, Autor des von Walser erwöhnten Buches Ober Hermann Josef Abs, ist Historiker In Ost-Berlin. Gegen ihn und den Kölner Pahl. Rugenstein Verlag, der Czichons Buch In der Bundesrepublik vertreibt, haben Abs und die Deutsche Bank eine Klage auf „Unterlassung diffamierender Behauptungen“ erhoben: Czichon habe von Abs ein völlig verzerrtes und unwahres Lebensbild gezeichnet, um ihn zu einer negativen Symbolfigur des Monopolkapitals aufzubauen und als überzeugten Nazi-Anhänger mit maßgeblichem Einfluß auf die NS-Hierarchie darzustellen.
Memoiren sind nur Material für Geschichtsschreibung; auch Memoiren einer juristischen Person. Trotzdem möchte man von der Großbank mehr Neigung zu Objektivität verlangen als vom pensionierten Politiker. Im Jubiläumsbuch der Deutschen Bank finden sich genug Belege dafür, daß diese Bank keine bloße Privatbank ist, daß sie schon vor 1914 über "privatwirtschaftliche Interessen hinausgewachsen" war und sich empfahl zur Zusammenarbeit mit den jeweiligen Regierungen.
Was die Bankgeschichte da aus 100 Jahren anbietet, könnte dem Material nach genausogut aus Lenins Imperialismus-Buch stammen. Lenin wies mit solchem Material nach, daß sich in kapitalistisch organisierten Gesellschaften durch fortschreitende Konzentrationsprozesse Monopole bilden, die ihrer volkswirtschaftlichen Wichtigkeit wegen immer enger mit dem Staat zusammenarbeiten. Das Interesse der Konzerne muß in der Wirtschaftspolitik gewahrt werden. Diesen Schluß verweigert die Bankgeschichte" die sonst sehr stolz darauf ist, daß die "Universalbank" schon vor 1914 zu einer "Geschäftspolitik" verpflichtet war, "die über das reine Gewinn- und Verlust-Denken hinausführte".
Die Bank war als Aktiengesellschaft eine fortschrittliche Gründung, richtig verfaßt, um die aus dein Feudalismus stammenden Privatbankiers abzulösen mit Hilfe bürgerlicher Kapitalakkumulation. Marx: "Die Aktiengesellschaft ... ist die Aufhebung des Kapitals als Privateigentum innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise selbst."
Das monetäre Genie unter den Gründern dieser Bank, Ludwig Bamberger, hatte nach 1848 fliehen müssen, war zum Tode verurteilt worden, war erst 1866 zurückgekehrt, mit englischen Erfahrungen im bürgerlichen Emanzipationsprozeß. Schon der erste Direktor der Bank, Georg Siemens, sah in der Emission die "Höchstform" des Bankgeschäfts. Er eroberte für die Deutsche Bank die Quoten in den wichtigsten Konsortien seiner Zeit. Und die höchste Form der höchsten Form war und ist die "Begebung" ausländischer Anleihen, das ist: der Kapitalexport. Schön, wie dieses innige Lutherwort ("und begab mein Herz zu suchen") ausschließlich für jene Finanzoperation requiriert werden konnte, die dazu dient, einen anderen zum abhängigen Schuldner zu machen, um aus ihm dann Zinsen herauszuwirtschaften.
Als Hermann J. Abs im Jahre 1957 zum Sprecher der gerade wieder zusammengeflochtenen Deutschen Bank gewählt wurde, verkündete er als einen wichtigsten bankpolitischen Grundsatz: Keine Abhängigkeit von ausländischen Anlagen! Zwölf Jahre später formulierte er in einem SPIEGEL-Gespräch: "Der Kapitalexport ist eigentlich die große Aufgabe der nächsten Jahrzehnte."
Als klassisches Beispiel für diese Art Geschäft dient der Bankgeschichte die Finanzierung der Bagdad-Bahn: Die Botschafter in Konstantinopel intrigieren eine Zeitlang, die Deutsche Bank, die angeblich gar nicht so recht will, aber nein sagen will sie auch nicht, kriegt die Vorkonzession, sie ruft ausländische Banken nach Berlin, man rechnet das Projekt durch, 586 Mill. Goldfranken, da ist für alle was drin.
Siemens fährt nach London; die britische (!) Regierung soll einer Anhebung der türkischen Wertzölle um 1 % zustimmen, das würde den Türken jährlich ca. 1,5 Mill. Pfund bringen, das wäre die Garantiesumme für den Bahnbau; man gründet mit französischen Bankiers eine "Kaiserlich Ottomanische Gesellschaft" mit 15 Mill. Franken, 10 % übernimmt die Anatolische Eisenbahn-Gesellschaft (die schon der Deutschen Bank gehört), je 27 % die Pariser Ottoman-Bank und die Deutsche Bank, 4 % der Wiener Bank-Verein, 4 % die Schweizerische Kreditanstalt, 15 % werden in Deutschland gestreut, 10 % kriegt die türkische Regierung, der Rest wird in Italien und Konstantinopel placiert.
Der Bau wird einer Gesellschaft in Zürich übertragen, an der alle wieder proportional beteiligt sind. Die 10 % der türkischen Regierung werden sofort unwiderruflich verpfändet; "für die Zins- und Tilgungsleistungen garantierten Zehnteinnahmen aus einer Reihe von Vilajets", heißt es im Jubiläumsbuch; Vilajets sind laut Lexikon: türkische Regierungsbezirke, Provinzen. Zuständig für die Eintreibung der "Zehnteinnahmen" ist die Türkische Schuldenverwaltung, deren
* Neubau in Frankfurt.
Präsident ist Theo Berger, ein Pariser Kollege. Und als der zweite große Direktor der Deutschen Bank, der Siemens-Nachfolger Arthur Gwinner, zur feierlichen Übergabe des Dokuments nach Konstantinopel kommt, wirkt der Sultan auf ihn "wie ein kleiner Kuremakler".
Übrigens hatte Siemens die gut staatsmonopolistische Idee, die Preußische Staatsbank als Zeichnungsstelle für die Begebung der Obligationen einzusetzen, das heißt die Staatsbank gibt ihren guten Namen her, um beim "Kapitalistenpublikum" Vertrauen zu den von Privatbanken angebotenen Papieren zu wecken. Mit Hilfe allerhöchster Protektion setzte Siemens das durch. Und wollte gleich auch noch die Reichsbank einspannen. Deren Direktor war aber noch zu sehr Beamter und lehnte ab. Und daß wir solche und ähnliche Unternehmungen recht verstehen, heißt es in der Bankgeschichte: "Hier war Entwicklungshilfe geleistet worden." Was das für das betroffene Land bedeutet, wird unwillkürlich verraten, wenn die Bankgeschichte über das "klippenreiche" Auslandsgeschäft jammert; da heißt es einmal: "Argentinien ... damals wie heute ein Entwicklungsland. Also von 1886 bis 1970. Das charakterisiert die Entwickler.
Wer wirklich wissen will, wie ein solches Konsortium mit einem "Entwicklungsland" verfuhr, der lese die noch völlig skrupellos erzählte "Lebensgeschichte" des Privatbankiers Carl Fürstenberg (Wiesbaden, 1961), der ganz stolz erzählt, wie er, um die Einkünfte aus einer serbischen Anleihe einzutreiben, Staatsmonopole für Tabak, Zigaretten, Alkohol, Salz und Papier schlichtweg pfändet" und wie der serbische Finanzminister vor ihm in Karlsbad in die Knie geht. Wer genauer wissen will, welche politischen Ambitionen mit solcher Kapitalmacht verbunden sind, der lese Eberhard Czichons Buch "Der Bankier und die Macht" (Köln, 1970).
Offenbar glaubt die Deutsche Bank, man könne ihre Geschichte als reine Bankgeschichte erzählen. Wenn dann ein Krieg ausbricht" der 20 oder 50 Millionen Tote kostet, dann wird das entweder als eine Art Naturereignis vermerkt oder so, als habe einer in einer Skatpartie zu hoch gereizt.
Der Bankier Fürstenberg führt den Kriegsausbruch noch ganz unverblümt auf den "Rüstungswahnsinn" zurück. Das Buch der Deutschen Bank gerät da einfach Ins Klagen. Bei den beiden Chefs Helfferich und Gwinner "müssen Enttäuschung und Schrecken manchmal das Ausmaß einer Verzweiflung angenommen haben
In Czichons Buch erfährt man, daß Helfferich, Gwinner und noch drei weitere Vorstandsmitglieder, sowie einige Industrielle und Professoren, sofort begannen, Kriegsziel-Memoranden zu schreiben. Helfferich trug die Vorschläge dieser Liberalen, die sich im "Mitteleuropäischen Wirtschaftsverein" organisiert hatten, ins Hauptquartier. Man kämpfte um Einfluß und gegen den "Alldeutschen Verband", eine Gruppe von Schwerindustriellen und Ostelbiern. Die "Alldeutschen" träumten von Annexionen, die Liberalen planten deutsche Herrschaft über Europa durch Wirtschaftsmacht.
Gwinner gründete eine "Mittwochsgesellschaft", in der Regierung, Finanzwelt und Universität das planten, was, wenn es schiefgeht, "Katastrophe", "Zusammenbruch" usw. heißt. Helfferich wechselte vom Vorstand der Deutschen Bank in die Regierung über. Der Herausgeber der Zeitschrift "Die Bank" hatte diese Intimität von Politik und Geld schon 1909 bemerkt: "Wie steht es aber um die Unbefangenheit eines Staatsbeamten, dessen stilles Sehnen ein warmes Plätzchen in der Behrenstraße ist?" Dort war der Hauptsitz der Deutschen Bank. Diesen Satz zitiert nicht die Bankgeschichte" sondern Lenin.
Der Krieg selbst kommt in der Bankgeschichte kaum vor. Nachher heißt es: "Wer sollte auch statt seiner (Gwinner) das Empire der Deutschen Bank abbauen?" Gwinner hat die deutsche Niederlage sozusagen nicht verkraftet. "Es ist eigenartig, weiche Konsequenzen Gwinner für sich zog: er verließ den Vorstand." Gwinner schilderte 1921 in einem Brief, wie ihm zumute sei "auf den Trümmern nicht nur meines Lebenswerkes, sondern auch eines zerstörten Vaterlandes". "Eigenartig" mögen die Konsequenzen, die er zog, nur der Deutschen Bank vorkommen, die dabei natürlich an H. J. Abs denken muß, der von 1938 bis 1945, wie Gwinner von 1901 bis 1914, mächtige deutsche Auslandsunternehmungen schuf, der aber nach der Niederlage sofort weitermachte. Von der NSDAP-Kooperation über die Besatzungs-Kooperation zur CDU-Kooperation.
Die Deutsche Bank verlangt viel von Ihren Chefs, wenn sie solche Wetterfestigkeit von jedem verlangt. Das Kapitel 1918 trägt in der Bankgeschichte den Titel: "Was übrig blieb", das von 1945 dagegen: "Ohne Pause weiter".
"Geldschwund ist der Feind des Kreditwesens", klagt das Buch jetzt. Dem unbegreiflichen Kriegsausbruch folgt die unbegreifliche Inflation, "denn nicht die Kriegskosten hatten die Kaufkraft aufgelöst; das geschah erst mit dem entfesselten Notendruck des Jahres 1923". Unbegreiflich! Da erinnert man sich gern an die Behandlung der Inflation in der Geschichte der Bayerischen Staatsbank (die im Jahre 1955 175 Jahre alt wurde), die wenigstens das "mark- und pfennigweise sauer verdiente" Kleingeld, das da kaputtgemacht wurde, also "die soziale Tragweite der Inflation", zu würdigen weiß.
Die Deutsche Bank dagegen macht uns für unser Verhalten anno 48 ein höchst zynisches Kompliment: "Nur eine Bevölkerung, die sich ohne Illusionen zurechtzufinden suchte, konnte den Verlust der Notgroschen so stoisch hinnehmen wie die deutsche." Um dann zu protzen, daß die Spareinlagen 1969 schon fast acht Milliarden ausmachten. Daß das weniger stoischem Talent als der monetären Unmündigkeit und politischen Ohnmacht der Bevölkerung zu verdanken ist, will die Bank nicht bemerken.
Die Bankgeschichte klagt über zunehmende Bankenfeindlichkeit in den zwanziger Jahren. überhaupt kam sie jetzt in die Lage, in die sie vor 1914 so viele andere gebracht hatte: Abhängigkeit von ausländischem Kapital. Deutschland war eine Art Türkei oder Serbien oder Argentinien geworden. Die Herren Dawes, Young, Morgan jr. ließen uns so wenig aufkommen wie unsere Banken früher ihre Anleihe-Abhängigen. Von 1924 bis 1930 wurde für 21,2 Milliarden Reichsmark Kapital eingeführt, von diesem Geld mußten 10,3 Milliarden als Reparationen zurückgezahlt werden und 2,5 Milliarden als Zinsen. Business, not politics, so hieß der Dawes-Slogan. Der Staatshaushalt der Türkei und anderer Halbkolonien trudelt heute ähnlich dahin: Die Zinsendienste verschlingen immer mehr von der sogenannten Entwicklungshilfe, die Länder geraten immer tiefer in jene Abhängigkeit von Auslandskapital, die Abs so scheut.
Eigentlich sonderbar, daß man es zum ersten Berufsgrundsatz macht, andere in eine Lage zu bringen, die man für sich selbst als die schlimmste betrachtet. Die Bankgeschichte schließt das unerfreuliche Kapitel mit einem Lichtblick: "Eine internationale Wiederaufrüstung schloß sich an und brachte den Wirtschaftsaufschwung." Das hätte sich genauer sagen lassen. Spätestens hier muß man wieder Czichon mitlesen, sonst versteht man die Welt nicht mehr; und zwar zwei Bücher Czichons, das Bankiersbuch und das Buch "Wer verhalf Hitler zur Macht?" (Köln, 1967).
Czichon überschätzt zwar wahrscheinlich den Einfluß, den die Millionen, die die Industrie der NSDAP opferte, auf die Machtergreifung Hitlers haben konnten. So richtig in die Kassen griff die Industrie ja erst ab Februar 1933.
Aber daß 1933 dieselben Gruppen wie anno 14 am Werk sind; daß wieder Kirdorf und wieder ein Thyssen, also wieder die Schwerindustrie plus Ostelbier ihren Einfluß durchzusetzen versuchen gegen Chemie und Exportindustrie; daß oft dieselben Leute wie damals jetzt von Brüning zu Papen zu Schleicher zu Hitler führen; daß dann die Konservativen sich mehr an Himmler, die Liberalen sich an Göring halten; daß nach 1939 beide Gruppen wieder ihre Kriegsziel-Vorstellungen entwickeln, die Deutsche Bank plus IG-Gruppe im "Mitteleuropäischen Wirtschaftstag", die Schwerindustrie in der "Gesellschaft für europäische Wirtschaftsplanung und Großraumwirtschaft"; daß dieselben Unterschiede in den Eroberungsphantasien wieder auftauchen: Die Konservativen träumen wieder von brutaler Annexion, die Liberalen projektieren wieder feinere Unterwerfung; daß und wie die Deutsche Bank mit ihren Chefs bei der feineren Unterwerfung federführend war: Das alles stellt Czichon dar -- dem Gedächtnis der Deutschen Bank ist es entfallen.
Dafür wird ein schon groteskes Gemunkel reportiert, um dann und wann einen Hauch von Verfolgtheit und Widerstand zu erzeugen. Ich halte Anspielungen auf antifaschistisches Kopfschütteln in der Hauptversammlung und dergleichen für eine geschmacklose Verunglimpfung aller Christen und Sozialisten, die wirklich von der NS-Diktatur verfolgt wurden.
Die Bankgeschichte verfährt mit der Praxis des Instituts in diesen Jahren ebenso stiefmütterlich wie mütterlich. Verständlich ist von diesem Geklage allenfalls das Bedauern der Universalbank über die Zunahme der Einlagen und der immer wertloser werdenden Reichstitel (Schatzanweisungen und Schatzwechsel des Reiches> sowie der Arger über das Dritte Reich, das so viel Rüstung direkt, also an der Bank vorbeifinanzierte; der Ärger also über die relativ schrumpfenden Posten auf der Aktivseite.
Diese "Aushöhlung der Bilanz" dokumentiert die Bankgeschichte nur durch das immer weitere Auseinanderklaffen von Einlagen und Möglichkeiten kommerzieller Verwertung. Sehr wenig erfahren wir über die Höhe der dauernden Beteiligungen. Nur in Prozenten wird uns mitgeteilt, was da in Ost und West und im Reich eingebracht wurde.
Und wie es uns mitgeteilt wird! Wenn da Banken in Wien, Prag, Preßburg, Bukarest, Belgrad, Zagreb, Sofia und Athen "arisiert", verschachtelt und samt ihren anhängigen Industrien von der Deutschen Bank kontrollreif gemacht werden, dann heißt es: "Eine Reihe von Aus- und Umgliederungen hatte stattgefunden." Oder: "So wurden alte Beziehungen erneuert und vertieft." Oder: "Zwar geschahen alle diese Dinge im Verlaufe eines Krieges, doch bedeuteten sie eine privatwirtschaftlich orientierte, überstaatliche Gruppenbildung." Da ist alles drin: plötzlich wieder der Rückzug der staatsmonopolistisch operierenden Universalbank aufs private Gärtchen und dazu noch der avantgardistische EWG-Appeal der Überstaatlichkeit.
Das Bankbuch belegt lieber die Bankenfeindlichkeit des Regimes mit dem Seufzer eines Vorstandsmitglieds: "Das Bankgeschäft war sehr langweilig geworden." Also sprechen Verfolgte. Eh wäre allerdings unsinnig, aus der Deutschen Bank ein Partei-Institut und aus ihren Direktoren Nazis machen zu wollen. Abs zum Beispiel war nie in der NSDAP, er ließ sich nie auszeichnen, er war der reine Fachmann, Spezialität: Kapitalexport. Und auf diese Spezialität wollte er auch in einem faschistischen Regime nicht verzichten. Und diese Spezialität hat er dann "ohne Pause" weiterbetrieben.
Es ist anzunehmen, daß sich nach einem gewonnenen Krieg nicht Himmler und die "Gauwirtschaftsräte" durchgesetzt hätten, sondern Göring plus IG-Farben plus Deutsche Bank; dann hätten wir das neue Europa, das Abs und andere damals entwarfen, sehr schnell bekommen: ein Europa mit einheitlicher und geschlossener Innen- und Außenwirtschaftspolitik, das von Berlin aus kontrolliert wird. Nach dieser Konzeption sollte eine deusch dominierte EWG mit der imperialistischen USA-Wirtschaft konkurrieren können.
Es Ist schon erstaunlich, wie kontinuierlich dieses liberale Mitteleuropa-Konzept von 1914 bis in unsere Zeit hin weiterentwickelt werden konnte. Es war einfach moderner als das noch feudal bestimmte Annexionskonzept der Schwerindustrie. Und in der EWG ist es von seinen hegemonialen Schlacken befreit worden. Abs saß ja dann auch gleich wieder im Schuman-Plan-Ausschuß.
Wie ist die Kontinuität möglich, obwohl rundum scheinbar Zusammenbruch und Stunde Null herrschten? Offenbar können die Machthaber der Wirtschaft einander anders behandeln als die Politiker und Militärs, die für diese Wirtschaftler und Kapitalisten aufeinander einschlagen. Schon Lenin hat festgestellt, daß die Wirtschaftenden eines entwickelten Landes "nicht etwa aus besonderer Boshaftigkeit" sich einer politisch imperialistischen Exekutive bedienen, "sondern weil die erreichte Stufe der Konzentration sie zwingt, diesen Weg zu beschreiten, um überhaupt Profite zu erzielen".
Zweifellos haben die politischen und militärischen Exekutiven eine traditionelle Kraft zur Verselbständigung; es kommt zu Kriegen, die das Kapital zwar durch Rüstung und Expansion willkürlich und unwillkürlich vorbereitet hat, aber der militärische Akt selbst findet statt wie aus eigener Gesetzlichkeit. Tatsächlich führt fast jeder Krieg für den Verlierer zu einer Auswechslung der politischen Garnitur. Die wirtschaftliche Macht muß sich mit einer neuen politischen Exekutive verbünden. Hjalmar Schacht, der In der "Zeit" ein "Magier des Geldes" genannt wird, hat noch im Jahre 1970 dieses Prinzip so formuliert: "Wenn ich Deutschland wieder groß machen will, würde ich mich mit dem Teufel verbinden, ganz egal, ob er Thälmann heißt oder Hitler." Und da ein Thälmann für das Kapital nie zu haben ist, sucht es sich eben Hitler.
Wenn man diese Fähigkeit, dieses plastische Talent der Kapitalisten nicht erkennt als eine prinzipielle Unverbindlichkeit gegenüber allen politischen oder weltanschaulichen Lehren und Systemen, mit denen sich überhaupt zusammenarbeiten läßt, dann begreift man nicht, wie die von der Deutschen Bank verzeichnete "Kontinuität der Geister", die "den Stafettenwechsel erleichtert" hat, wie dieses mühelose Umstellen auf neue Geschäftsbedingungen möglich ist.
Natürlich kompromittiert sich da mal einer zu sehr durch die jeweilige Kooperation oder einer hält"s selber nicht aus, kooperiert zu haben; aber Abs hat sich nach bürgerlichem Maßstab nicht kompromittiert. So ist es überhaupt nicht grotesk, daß er gleich wieder der Leiter der deutschen Delegation war, die auf der Londoner Schuldenkonferenz mit den westlichen Alliierten über die deutsche Schuldenregelung virtuos verhandelte; daß er, nachdem er in den wichtigsten Wirtschaftsgremien des NS-Staates gesessen hatte, sofort dem Aufsichtsrat der "Kreditanstalt für Wiederaufbau" vorsaß, um die nächste Kapital-Offensive vorzubereiten.
Allerdings, bevor es "ohne Pause weiter" geht, schaut die Bankgeschichte noch einmal auf ihre lange Passion zurück; das muß man gelesen haben: "Der Kriegsausbruch 1914 schien der Gipfel des Verhängnisses zu sein; das Kriegsende kam mit Schrecken. Die Geldkrise von 1931 übertraf alle früheren Ängste. Die zwölfjährige Herr-
* Bei der Unterzeichnung des deutschen Schuldenabkommens 1953 in London.
schaft Hitlers hatte nach und nach die Handlungsfähigkeit der Bank gelähmt. Die erst 1924 geschaffene Reichsmark litt schon ab 1940 unter innerer Auszehrung. Was 1945 und in den Jahren danach geschah, übertraf indessen alle Vorstellungen über das, was einer Bank zugefügt werden kann. Wer war denn noch von den Vorstandsmitgliedern zu erreichen?" Was man sonst zuweilen ahnt, hier wird es unübersehbar: Die Geschichte des deutschen Volkes und die Geschichte der Deutschen Bank verlaufen überhaupt nicht synchron.
Jetzt also weiter, "aus den Trümmern einer stolzen Vergangenheit" (Abs. 1952) in die Zukunft. Zuerst Bilanz: "Die Deutsche Bank-Gruppe (hatte) im engeren Bankgeschäft gegenüber 1937 nichts verloren." So asynchron verlaufen Geschichte und Geschichte. Die Deutsche Bank teilt die ihre in "drei Epochen": die "erste und offensive", 1870 bis 1914; die "zweite, die defensive Epoche, begann mit dem Ersten Weltkrieg und dauerte mehr als drei Jahrzehnte"; die dritte Epoche soll 1948 oder 1952 begonnen haben, sie ist wieder "offensiv", sie "dauert an". Und als hätte Heißenbüttel die Hand geführt, heißt es jetzt: "Die Universalbank ist universal geworden."
Keine Klagen mehr. Stolz und lakonisch geht es jetzt rasch über die Bilanzsumme von 25 Mrd. Mark hinaus. Politik war in der Schilderung der ersten und zweiten Epoche immer nur als hemmende oder störende Bedingung vorgekommen, jetzt kommt sie gar nicht mehr vor. Daraus muß man schließen: Die Bundesrepublik ist der erste Staat in der Geschichte der Deutschen Bank, über den die Bank sich nicht beklagen kann.
Eine schöne Auslandsanleihe nach der anderen wird aufgezählt, aber daß der Staat diesen Kapitalexport durch ein System von Garantien und Begünstigungen schützt, wird nicht erwähnt. In welcher Eigenschaft hat eigentlich Abs Wirtschaftspolitik betrieben? In wessen Interesse hat er an der Ablösung Erhards gearbeitet? Daß die Bankgeschichte Abs nicht als Ritter des Ordens vom Heiligen Grabe feiert oder ihn, wie es Czichon tut, als einen "liebenswürdigen und vornehm höflichen Menschen" vorstellt, versteht man, aber die ungeheure Machtkonzentration in den Händen ihres Vorstandssprechers Abs hätte eine Erwähnung verdient.
Abs hatte, wie Czichon berichtet, im Jahr 1944 insgesamt 57 Aufsichtsratsmandate, 1950 nur noch 18, aber 1966 wieder 33, davon aber 21 als Vorsitzender und 4 als stellvertretender Vorsitzer. "Was heißt hier Macht?" fragte Abs im Fernseh-Interview, und antwortete: "Gewiß, ja und nein sagen zu können, verleiht schon ein gewisses Machtgefühl." Das ist die Ideologie der Deutschen Bank: nur ein Gefühl von Macht, aber keine Machtpraxis. Man kann ja oder nein sagen, das heißt, es existiert nach diesem Selbstverständnis eine legitimierte politische Macht, der man dient oder nicht dient, nach fachlichen Grundsätzen, die ihr Recht in der alle Regierungen überdauernden höheren Sphäre der Geldwirtschaft haben.
Das Bankbuch meldet in einem Nebensatz, das "Zusammenspiel" mit der Notenbank sei "mittlerweile perfektioniert" worden. Daß heute die D-Mark-Schuldverschreibungen bei der Weltbank nach dem Dollar den zweiten Platz einnehmen, ist eine der staatspolitischen Leistungen, an denen die Deutsche Bank mit Abs führend beteiligt war, angefangen von der Steuergesetzgebung zur Begünstigung der Selbstfinanzierung der Konzerne bis zu den staatlichen Unterstützungen des Kapitalexports. Aber die Bank selber und alle Banken und Konzerne zusammen verstehen sich immer noch als einen Spezialbereich, in dem nur ja oder nein gesagt werden kann zu Initiativen aus dem politischen Bereich.
Allerdings haben diese Jas und Neins dann geradezu naturgesetzliche Wucht. Erhard, der letzte Naive, könnte ein Lied davon singen. Das Jubiläumsbuch verschweigt den Anteil, den Abs an der Überwindung der handwerkelnden Liberalismus-Auffassung des Ludwig Erhard hatte. Czichon belegt Ihn. Allerdings täuscht sich Czichon, wenn er meint, die neue, von der Deutschen Bank konzipierte Kapital-Offensive finde unter alten nationalistischen Vorzeichen statt. Der "Europäische Beratungsausschuß", die Gründung der "European-American Banking Corporation" und deren Untergründungen, gemeinsam getragen von der Deutschen Bank, einer englischen, einer belgischen und einer holländischen Bank, bezeichnen den neuen Weg: Internationalität im Rahmen Europas.
Diese vier Banken haben 6000 Zweigstellen In Europa, sie bringen es zusammen auf eine Bilanzsumme von 80 Milliarden Mark, das ist fast soviel wie der Jahresetat der Bundesregierung. Das Jubiläumsbuch fällt in den Jargon des Kaiserreichs zurück, wenn es meldet, daß diese Gruppe jetzt außereuropäische "Stützpunkte" gründe; in Johannesburg und Djakarta hat man schon welche.
Verantwortet wird diese Expansion nur in Hauptversammlungen. Wir alle wählen zwar das Parlament, aber die Regierung, die dann entsteht, ist dei" wirtschaftlichen Macht unmittelbarer ausgesetzt als dem Wähler. Doch die Zusammenarbeit ist so organisiert, daß die Wirtschaft sich in einem Augenblick als private gerieren kann und im nächsten wieder als volkswirtschaftliche Unumgänglichkeit, als Gesellschaftsfaktor Nummer eins.
Wir haben in der Talsohle erlebt, welche Konzessionen die Wirtschaft sich machen ließ, bevor sie sich wieder zu Investitionen bitten ließ. Tatsächlich ist diese über eine Regierung vermittelte Herrschaftsform die klügste aller denkbaren Herrschaftsformen. In Deutschland .gab es einmal Beamte. die sich dagegen sträubten, zur Exekutive der Finanzoligarchie zu werden. Jetzt sind wir auf USA-Kurs.
"Die wahren Herren unserer Regierung sind die untereinander verbundenen Kapitalisten und Industriellen der Vereinigten Staaten", sagte Woodrow Wilson, der es als Präsident der USA ja wissen mußte. Und das ist unser Kurs. BDI-Präsident Fritz Berg formuliert das so: "Wir Geschäftsleute können die Verhandlungen unserer Regierung fördern oder scheitern lassen." Vom Konzern ins Staatssekretariat oder auf den Ministerstuhl" von der "Privatbank" zur Bundesbank. Das wäre ja fast ein demokratisches Prinzip, wenn wir tatsächlich ein Volk von Aktionären wären, .aber wir sind kein Volk von Aktionären.
"Überhaupt ist die Aktie einer Privatbank der höchste Ausdruck des Kapitalismus", steht in der Bankgeschichte, und durch Einlagen-Statistik will sie uns immer wieder beweisen, daß das Geld jetzt aus allen Schichten komme. Zum Glück widerlegt sie sich selbst: Wenn nämlich die Berechtigung der überregionalen Großbank nachgewiesen werden soll, wird Vorstandsmitglied Rösler zitiert, der gesagt habe, "die Kreditansprüche der modernen Großindustrie würden bei weitem die Kräfte einer Regionalbank überschreiten, da die Depositenbildung insbesondere in den industriemassierten Gebieten begrenzt sei". Also jene, die in der Industrie arbeiten, bringen am wenigsten Geld auf, das die Bank in Kapital verwandeln könnte.
Natürlich ist es der neueste Traum, ein ganzes Volk in unmündige Komplicen zu verwandeln, die wegen fünf VW-Aktien im Buffet zu allem ja und amen sagen. Nein, es bleibt dabei, die Privatbank ist eine Privatbank, die es zur politischen Macht gebracht hat, die sie uns, weil sie den Mangel an Legitimierung kennt, glattweg unterschlägt. Und zu dieser Größe und Macht ist die Bank offenbar nur durch "die Kunst des Finanzierens" und die kluge Emissionspraxis gekommen. Aber so ironisch wie die Bankgeschichte selbst könnte es kein Tucholsky formulieren: "In einem Land, in dem Arbeiterschaft und Produktionsstätten sich vermehren, nimmt auch das Geldvolumen einschließlich Bankgeld zu." So biologisch geht das vor sich. Und das ist die einzige Stelle auf 439 Seiten Text, an der die "Arbeiterschaft" erwähnt wird.
Daß auch eine Bank das anders sehen kann, beweist wieder die Geschichte der Bayerischen Staatsbank, die übrigens auch die Mitarbeit ihrer eigenen Angestellten besser zu würdigen weiß als die Deutsche Bank, bei der offenbar die ganze Arbeit von Siemens bis Abs nur von Direktoren getan wurde. Ja, wenn die Russen kommen, und in der Krise 1931, da werden die Probleme und die "Treue" der Angestellten benutzt, um Bankjammer auszudrücken.
Man müßte dieses Buch nicht erwähnen, wenn es nicht eine so unübertreffliche Materialsammlung wäre für alles, was in kritischen Theorien oft abstrakt bleibt. Denn das ist nun einmal das seit langem gebildete Vermögen der Sprache: Man kann mit ihr nichts verbergen, ohne zu verraten, was man verbergen will; "man kann nichts entstellen, ohne daß die Entstellung sich selbst preisgibt; man kann nicht verschweigen, was man meint.
Deshalb gehört dieses unkäufliche Buch vielfach photokopiert, denn hier wird oft wider Willen, oft naiv und manchmal skrupellos erzählt, mit wie wenig Legitimität diese politische Macht Kapital auskommt; wie mühelos die Großbank sich mal politisch, mal privat verstehen kann; wie leicht Kapital seine politischen Akteure auswechselt; wie hilflos die Bevölkerung den Geldwertdispositionen des Zusammenspiels Staat -- Privatbank ausgeliefert ist; am deutlichsten aber wird trotz aller Diskretion, wie groß der Widerspruch zwischen der gewaltig zunehmenden staatlichen Mitarbeit und der immer noch privaten Profitaneignung in diesen 100 Jahren geworden ist.
Das Schlimmste aber, das Gefährlichste für uns alle: daß die ungeheure Kapitalumschlagskraft in den Händen von Leuten liegt, die Industrieentwicklungen finanzieren, von deren politischen Folgen sie, wenn man nach diesem Buch geht, ·nichts wissen oder nichts wissen wollen. Sie finanzieren Rüstung oder auswärtige Regierungen oder Entwicklungen in halbfeudalen Systemen, kooperieren mit jedem, der Zins und Tilgung zahlen kann, und wenn dann dort oder hier der Krieg ausbricht, den sie finanziert haben, stellen sie sich dumm oder stehen auf jeden Fall so da und weisen darauf hin, daß die Konten ordentlich geführt worden seien; die Katastrophe, der Zusammenbruch, die Millionen von Toten sind jeweils einer Tätigkeit zu verdanken, die in der Bankbilanz nicht auftaucht.
Wenn die Deutsche Bank so naiv ist, wie sie sich in diesem Buch gibt, dann müßte sie schleunigst unter wirksame öffentliche Kontrolle gestellt werden. Wenn sie nicht so naiv ist, wie sie sich selbst darstellt, wissen wir, was sie zu verbergen sucht: die Illegitimität ihrer politischen Macht; auch in diesem Fall wäre wirksame öffentliche Kontrolle dringend geboten. Oder kann es uns egal sein, was mit Deutscher Mark finanziert wird in den Jahrzehnten, in denen der Kapitalexport "die große Aufgabe" ist? Kann es uns egal sein, was die Deutsche Bank in Johannesburg und in Djakarta tut, obwohl wir wissen, was in diesen Ländern passiert?
Von 1900 bis 1913 haben sich, meldet die Bankgeschichte, die "Mittel" der Bank verdreifacht, von 1956 bis 1968 etwas mehr als verdreifacht. Die dritte, wieder "offensive" Epoche der Bank sei "keine Wiederholung der ersten, obwohl es an begrenzten Analogien nicht fehlt".

DER SPIEGEL 35/1970
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