17.08.1970

BAUMARKT / OSTSEE-BÄDERHaut hin

Ministerialrat Dr. Karl-Wilhelm Christensen hat den Überblick verloren. "Was da jetzt an Hotels und Ferienappartements in den Ostsee-Bädern entsteht", bekennt der Fremdenverkehrsreferent im Kieler Wirtschaftsministerium, "weiß selbst ich nicht genau."
Der Geschäftsführer der Ostsee-Bäder-Vereinigung, Richard Gladow, kann "beim besten Willen nicht sagen, wieviel Betten wir hier in zwei Jahren haben werden". Und der Vize-Bürgermeister der Ostsee-Gemeinde Sierksdorf, Wilhelm Geberbauer, hat "nicht einmal eine Ahnung, was in der näheren Umgebung alles hochgezogen wird".
In der Tat projektieren geschäftstüchtige Privatunternehmer und auf Prestige bedachte Ostsee-Kommunen von Tag zu Tag neue Hotel-Hochhäuser und Großraum-Restaurants, Appartement-Wohnungen und Bungalow-Siedlungen.
Ferienzentren mit achtzehngeschossigen Beton-Kolossen und Wohnmaschinen mit Hunderten von Urlaubskabinen sollen die Ostseeküste binnen kurzem in eine Mini-Riviera verwandeln. Allein für die nächsten Jahre schätzt Fremdenverkehrs-Experte Ernst-Wilhelm Stojan von der Kieler SPD-Landtagsfraktion die finanziellen Aufwendungen In den Ostsee-Bädern auf eine Milliarde Mark.
Angekurbelt durch Investitionszulagen des Bundes und lukrative steuerliche Sonderabschreibungsmöglichkeiten, brummt der Bau-Boom von der Lübecker bis zur Eckernförder Bucht. Bis 1972/73 sollen beispielsweise
* in Sierksdorf (30 Kilometer nördlich von Lübeck) ein Hotelkomplex und 1500 Appartements hochgemörtelt werden;
* in Heiligenhafen (70 Kilometer östlich von Kiel) 1700 Appartements;
* in Weißenhaus (Hohwachter Bucht) zwei Hotels und 1100 Appartements;
* in Burgtiefe (Insel Fehmarn) ein Hotel mit 420 Appartements und weitere 1200 Appartements in Terrassenhäusern;
* in Damp (21 Kilometer nordöstlich von Eckernförde) ·ein Ferienzentrum mit 7000 Betten.
Allein diese fünf Projekte werden die Bettenkapazität an der Ostsee etwa um ein Drittel -- von gegenwärtig 77 500 auf rund 100 000 -- erhöhen. Ob der Betten-Zuwachs auch überwiegend "gewerblich genutzt" (Christensen) wird, steht allerdings noch dahin, Ein Teil der Appartements wird zum Kauf angepriesen. Doch unabhängig von der endgültigen Verwendung -- Christensen: "Das kriege ich erst sehr spät spitz" -- befürchtet SPD-MdL Stojan, daß "dem bereits vorhandenen Butterberg nun noch ... ein Bettenberg hinzugefügt" wird.
In einer Studie über "Umfang, Struktur, Bedeutung und Entwicklung des Fremdenverkehrs in Schleswig-Holstein" bestätigt das Münchner Wirtschaftswissenschaftliche Institut für Fremdenverkehr die Skepsis des Sozialdemokraten: "Es ist aufgrund der Kosten- und Erlösstruktur im Fremdenverkehrsgewerbe äußerst problematisch, sich lediglich nach dem Kapazitätsbedarf der zeitlich eng begrenzten Spitzennachfrage auszurichten."
Tatsächlich sind die Quartiere zwischen Travemünde und Glücksburg, so ermittelte das Münchner Institut, nur in zwei Monaten stark gefragt -- im Juli und August. Im Juni hingegen bleibt noch die Hälfte und im September schon wieder fast Dreiviertel der Betten in Hotels und Gasthöfen, Pensionen und Privatunterkünften leer.
Um die Betten zu füllen, hat Geschäftsführer Richard Gladow von "der Ostsee-Bäder-Vereinigung die Parole ausgegeben: "Mit allen Mitteln zur Saison-Verlängerung kommen!" Mit Meerwasser-Brandungsbädern und Jachthäfen, Angeiplätzen und Schießständen, Bowlingbahnen und Skat-Ecken, Reitschulen und Rodelbahnen wollen nun die Ostsee-Anrainer die Touristenschwärme auch im Frühjahr und Herbst an die See locken.
Burgs Bürgermeister Ulrich Feilke glaubt sogar an eine ganzjährige Saison. Er ist heute schon "sicher, daß im Winter am Strand keine Geisterstadt steht, weil die Hotels Platz für Kongresse bieten". Von derlei winterlichen Meetings verspricht sich auch Bürgermeister Gustav Burghard aus Wangeis eine "Belebung des Strands". Und Bürgermeister Hermann Reimers aus Grömitz schwärmt: "In das neue Kongreßhotel Belvedere kommen die Ärzte bestimmt."
Doch selbst wenn dem Bau-Boom nicht der Tagungs-Boom folgt und die Urlauber ausbleiben, weil sie sich ihre "Renommierbräune" (Christensen) im Frühjahr und Herbst lieber in Torremolinos und auf Teneriffa zulegen, steht für den SPD-Landtagsahgeordneten Kurt Hamer fest, "daß die privaten Bauträger auf ihre Kosten kommen".
Wer zum Beispiel in das Projekt "Weißenhäuser Strand" Kapital investiert, kann -- so die Rechnung von Bürgermeister Burghard -- in drei Jahren 171 Prozent abschreiben; er spart mithin bei einer Einlage von 100 000 Mark und einem Einkommensteuer-Satz von 50 Prozent innerhalb von drei Jahren 85 000 Mark an Steuern.
So "überaus reizvoll" (Burghard) die Kapitalanlage für private Firmen gegenwärtig auch Ist -- die "Angeschmierten sind", so erkennt Stojan, "in jedem Fall die Gemeinden". Der sozialdemokratische Fremdenverkehrsexperte weiß "aus jahrzehntelangen Erfahrungen, daß im Fremdenverkehr für jede private Einrichtung teuere Erschließungsmaßnahmen und Folgeinvestitionen der öffentlichen Hand notwendig sind": Straßen und Parkplätze, Schwimmhallen und Saunabäder, Kurmittelhäuser und Kurpromenaden.
Für das 200-Millionen-Objekt in Damp werden beispielsweise für Gemeinschaftseinrichtungen (Schwimmbad, Sporthalle, Jachthafen) rund 35 Millionen Mark veranschlagt. Bauträger ist die "Kurbetriebe Damp Gesellschaft", alleiniger Gesellschafter die Gemeinde Damp, 700 Einwohner.
Zwar zahlt die Kommune zunächst "keinen Pfennig" (Christensen), weil private Bauträger die Kosten übernehmen, doch SPD-MdL Stojan argwöhnt: "Die privaten Finanzierungsgruppen ziehen eines Tages mit dem Gewinn ab und lassen die Gemeinden mit der Unterhaltung der kostspieligen Gemeinschaftseinrichtungen sitzen."
Die Bäder-Bürgermeister selbst geben sich einstweilen optimistisch. "Das wird schon hinhauen", mutmaßt Sierksdorfs Bürgermeister-Vize Geberbauer, in dessen Gemeinde das Hotel "Panoramic" und 1500 Appartements für insgesamt 150 Millionen Mark entstehen sollen. Er rechnet vor, daß die Gemeinde nur 300 000 Mark für den Straßenbau aufbringen muß, und freut sich, daß "der private Bauträger, die Hamburger Rüster KG, an der Sierksdorfer Steilküste Strand aufspülen will.
Ob die Urlauber, die 1971 in das Hotel "Panoramic" einziehen sollen, allerdings den Strand schon vorfinden werden, ist noch fraglich, denn Sierksdorfs Nachbargemeinde Scharbeutz-Haffkrug wendet gegen das Spül-Projekt ein: "Unser Strand lebt von Sierksdorfs Sand." Prokurist Hans-Peter Jörß von der Rüster KG will darum den ersten "Panoramic" -- Gästen auch raten, sich zunächst "an den Scharbeutzer Strand zu verdünnisieren". Und Sierksdorfs Vize Geberbauer hat bereits eine Lösung auf lange Sicht: "Die Leute haben hier dann so schöne Wohnungen, daß sie nur noch kurz zum Baden ans Wasser gehen."
Daß die schönen Wohnungen nicht billig werden (80 000 und 88 000 Mark für 47 Quadratmeter), Irritiert Geberbauer vorerst nicht: "Die Leute wollen heute eben Komfort und nicht mehr über die Stange kacken."
Nur eine Sorge plagt den Sierksdorfer: "Daß der Ulbricht eines Tages die Grenze und den Strand aufmacht und dann alle rübergehen, weil's da billiger ist."

DER SPIEGEL 34/1970
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