17.08.1970

UNGARN / STEPHANSKRONEDrei Schlüssel

In einer November-Nacht wurde aus dem Vatikan-Museum in Rom 1965 eine Krone gestohlen. Sie galt als die heilige Krone des ersten Ungarn-Königs Stephan. Zwei Tage später fand sich das Exponat auf einem römischen Abfallhaufen wieder an.
Der Dieb wurde nie gefaßt. Die Krone war eine Kopie. Sie steht seither wieder an ihrem alten Platz.
Die echte Krone des heiligen Stephan befindet sich seit 25 Jahren in den USA. Nun soll sie wieder heim ins Ungarn-Reich: Die Budapester Kommunisten haben von den Amerikanern die Rückgabe der katholischen Krone gefordert.
Ungarische Wachoffiziere, die dem faschistischen Szálasi-Regime dienten, hatten den Kronschatz der ungarischen Könige 1945 den US-Besatzern in Deutschland übergeben. In Washington wird das Schmuckstück -- nach einer Erklärung des State Department -- "als Eigentum der ungarischen Nation mit einem besonderen Status aufbewahrt",
Am 20. August feiert .die ungarische Nation den 1000. Geburtstag des heiligen Stephan, der einst das Land christianisierte, wofür Papst Sylvester II. dem später kanonisierten König Stephan angeblich die Kreuzbügel der Krone zur Belohnung schenkte. Sie wurde National-Symbol.
Nach der Abdankung des letzten Habsburger-Kaisers Karl I. -- der auch König von Ungarn war -- 1918 wurde die Stephanskrone mit Reichsapfel und Zepter in einer Kaserne der Burg von Buda aufbewahrt und ständig von 24 Wachtposten geschützt.
Die Rote Armee stand 1944 zwanzig Kilometer vor Budapest, als der Befehlshaber der Kronwache, Oberst Ernö Pajtás, sich mit der auf einen Lkw verladenen Stephanskrone nach Westen absetzte, In Köszeg, nahe der österreichischen Grenze, sollte die 150 Kilo schwere Kronen-Kiste geöffnet werden. Dazu waren drei Schlüssel erforderlich, von denen nach dem Gesetz Ungarns Premier einen, offizielle Kronhüter" die beiden anderen verwahrten.
Baron Perényi, einer der Kronhüter, war im belagerten Budapest geblieben, hatte aber Pajtás seinen Schlüssel übergeben. Kronhüter Graf Teleki xvar bei der Gruppe, Premier Szálasi indes befand sich gleichfalls -- irgendwo -- auf der Flucht nach Westen. Es fehlte der dritte Schlüssel.
Oberst Pajtás ließ die Kiste aufbrechen und neue Schlösser und Ersatzschlüssel anfertigen. Am 27. März fuhr die Kronwache von Köszeg über die Grenze. In der Nähe von Mattsee vergrub Pajtás nachts die Krone in einem leeren Ölfaß. In der Kiste. die sodann in einem Kloster abgestellt wurde, ließ er nur die Insignien.
US-Leutnant George Granville, selbst ungarischer Abstammung, ließ die Kron-Kolonne nach Augsburg in die CIC-Zentrale der 7, US-Armee bringen, wo Pajtás den Amerikanern die Kiste übergab. Die Besatzer meldeten dem Alliierten Oberbefehlshaber Eisenhower die Ungarn-Krone als Beute, (ahndeten zwei Monate lang nach dein dritten Schlüssel und fanden ihn am 24. Juli bei dem in Salzburg gefangengenommenen Ministerpräsidenten Szálasi. Nun erst bemerkten sie, daß die Krone fehlte.
US-Oberstleutnant Márton Himler, Chef der ungarischen Abteilung des US-Office of Strategie Service (OSS). berichtete 1958, Pajtás habe am Ende zugegeben, daß er die Krone auf Befehl Szálasis versteckte, weil Faschistenführer Szálasi, der nach dem Kriege wieder Ungarn regieren wollte, den Amerikanern das Verschwinden des Nationalschatzes gern angelastet hätte. Pajtás half den Amerikanern, die Krone wieder auszugraben. Sie kam in die USA.
Noch im Herbst 1945 wollten die Amerikaner den Kronschatz zurückerstatten: US-Soldaten sollten die Krone in feierlichem Rahmen in Budapest überreichen. Die Regierung lehnte aus Furcht vor prowestlichen Demonstrationen ab: Bereits am 20. August 1945 war in Budapest in einer großen Prozession die -- soeben heimgeführte -- einbalsamierte rechte Hand des heiligen Stephan unter Glockengeläut durch die Stadt getragen worden und hatte beim Volk nationale Hoffnungen geweckt.
Kardinal Mindszenty verlangte vom US-Botschafter 1947 die Auslieferung des gefühlsbeladenen Gold-Stücks an den Heiligen Stuhl, der es einst gestiftet hatte. Amerika behielt die Krone.
Auch die Kommunisten wollten die Krone in ihren Besitz bringen. Sie boten den Amerikanern im Tausch gegen die Stephanskrone den in Budapest verurteilten amerikanischen Staatsbürger Robert Vogeler an. Die US-Regierung behielt die Krone. Begründung: Erpressungsmanöver.
Seit Mindszenty 1956 in der Budapester US-Gesandtschaft Asyl fand -- er lebt noch heute dort -, verschlechterten sich die ungarisch-amerikanischen Beziehungen. Erst 1966 vereinbarten beide Staaten wieder volle diplomatische Beziehungen und verhandelten auch wieder über die Krone -ergebnislos.
Vier Jahre später, am 19. April 1970. berichtete die "New York Times" von siebenmonatigen Verhandlungen zwischen Budapest und Washington; der Tag nähere sich, an dem Washington die Gelegenheit kommen sehe, Ungarns Nationalschatz an Budapest herauszugeben.
Ungarische Emigranten fürchten. der Tag könnte der 20. August sein. Stephans 1000, Ehrentag, den auch die Kommunisten Ungarns feiern: als Verfassungstag. Der "Zentralverband der Ungarischen Organisationen in der Bundesrepublik Deutschland" protestierte.
In den USA aber leben (und wählen) 700 000 Ungarn, deren Mehrheit der "Ungarische Nationale Rat" in New York repräsentiert. Dessen Präsident, Monsignore Béla Varga, bis 1947 Parlamentspräsident in Budapest, ließ sich vom State Department versichern, die US-Regierung habe nicht die Absicht, die Krone zurückzugeben -- "zum gegenwärtigen Zeitpunkt".
Varga reiste sicherheitshalber auch noch nach Rom und bat im Vatikan um Hilfe. Denn die Amerikaner hatten Varga angedeutet, Präsident Nixon könne die Krone mitnehmen. falls er Ungarn einen Besuch abstattet.
Die Protestfront von Papst und Emigranten hatte vorläufig Erfolg. Am 9. Juni antwortete der Ungarn-Experte des State Department, Robert McKisson, dem deutschen Ungarn-Verband, die ungarische Regierung bemühe sich zwar seit Jahren, die Krone zurückzuerhalten, "aber die US-Regierung ... zieht auch die politische Auffassung der ungarischen Emigranten und US-Bürger ungarischer Abstammung in Betracht".
Gegenüber dem SPIEGEL bestritt McKisson, daß kürzlich über die Rückgabe der Krone verhandelt worden sei; auf keinen Fall soll die Krone zum 20. August nach Ungarn zurückkehren. Dazu ein ungarischer Botschaftssprecher in Washington: "Das ist ein bloßes Gerücht -- leider."

DER SPIEGEL 34/1970
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