25.05.1970

Die Milliarden des Vatikans

1. Fortsetzung
Der italienische Diktator Mussolini brauchte für seine politischen Pläne die Unterstützung der Kirche. Er hatte zwar vor und auch nach seiner Machtübernahme im Jahre 1922 damit geprahlt, er sei ein Ungläubiger -- dennoch brachte er das Kruzifix in die Klassenzimmer zurück und gewährte der Kirche ansehnliche Geldsummen zur Restaurierung ihrer während des Ersten Weltkriegs beschädigten Gebäude. Der Duce ging sogar so weit, sich nachträglich kirchlich trauen und seine Kinder nach dem katholischen Ritus taufen zu lassen.
Weil Mussolini sein Image in der Öffentlichkeit Italiens und im Ausland aufpolieren wollte, entschloß er sich, die Differenzen zwischen dem Vatikan und dem italienischen Staat großzügig zu regeln. Der 1870 während des "Risorgimento", der italienischen Einigung zu einem Nationalstaat, untergegangene "Kirchenstaat" hatte ursprünglich eine Fläche von etwa 32 000 Quadratkilometer umfaßt; dazu gehörten die Stadt Rom. ein großes Gebiet nördlich der Ewigen Stadt und südlich des Po. Der Kirchenstaat hatte sich vom Tyrrhenischen Meer bis zur Adria erstreckt und war von mehr als drei Millionen Menschen bewohnt.
(c) 1970 Molden Verlag, Wien.
* Links neben Mussolini: Kardinal Gasparri.
Obwohl alle Päpste dem Risorgimento feindlich gegenüberstanden, war der Vatikan 1929 bereit, einen finanziellen Ausgleich für den Verlust seiner weltlichen Macht hinzunehmen. Als der Duce dem Papst ein Geschäft anbot, stimmte Pius XI. zu.
Es regnete in Strömen, als Pietro Kardinal Gasparri am 11. Februar 1929 auf die Piazza San Giovanni in Laterano fuhr. Die Mittagsglocken der Kirchen läuteten, Mussolini betrat den Lateran-Palast und wurde von den Vertretern des Papstes begrüßt. Die Unterzeichnung des Vertrages zwischen dem Vatikan und dem faschistischen Italien sollte in jenem Raum stattfinden, in dem Karl der Große vor mehr als tausend Jahren von Papst Leo III. empfangen worden war. Auf dem Tisch standen Tintenfässer; Löschblätter und die Vertragsdokumente lagen bereit.
Kardinal Gasparri nickte Mussolini zu, als dieser den Raum betrat. "Ich bin glücklich, Sie in unserem Parochialhaus begrüßen zu können", sagte er, "und ich freue mich besonders, daß die Verträge am Festtag Unserer Lieben Frau von Lourdes unterzeichnet werden."
Mussolini machte bei dieser Bemerkung kein Zeichen des Verstehens, und der Kardinal führ fort: "Und am siebenten Jahrestag der Krönung Seiner Heiligkeit,"
"Oh, ja", sagte Mussolini plötzlich, "dieses besondere Zusammentreffen ist mir nicht entgangen."
Schweigend trat der Diktator an den Tisch und setzte sich neben den Kardinal. Plus XI. hatte einen von ihm gesegneten goldenen Federhalter geschickt. Nachdem der Duce unterschrieben hatte und alle Dokumente ausgetauscht waren, überreichte ihm Gasparri den Federhalter als Geschenk des Papstes. Die beiden Männer schüttelten einander die Hände und verließen den Raum. Die Zeremonie hatte nicht länger als dreißig Minuten beansprucht. Damit fand der fast sechzigjährige Streit zwischen dem Vatikan und dem italienischen Staat sein Ende.
Als die Nachricht von der Unterzeichnung des Vertrages über den Kirchenstaat veröffentlicht wurde, war die Bevölkerung Roms -- und die der übrigen Welt -- sichtlich überrascht. Das erfreute italienische Volk gewährte Benito Mussolini eine so reichliche Unterstützung, wie er sie vielleicht selbst nicht erwartet hatte: Er wurde zum Idol des katholischen Italiens.
Tausende schnitten Duce-Bilder aus Magazinen und Zeitungen aus und klebten sie an Küchen- und Wohnzimmerwände; Jugendliche malten ducefreundliche Schlagworte an Mauem; Schaufeln, die Mussolini beim Baubeginn von öffentlichen Projekten verwendet hatte, wurden wie Reliquien verehrt; Weingläser, aus denen er getrunken hatte, wurden von den Besitzern der Restaurants liebevoll auf Simse gestellt. Tausende junge Frauen boten Mussolini ihre Liebe an -- und viele hatten damit Erfolg.
Wenn die Lateranverträge der große Coup Mussolinis waren, so sollten sie sich für den Vatikan als ein noch größerer Sieg erweisen. Der Duce wurde 1945 erschossen -- der Vatikan aber blieb bestehen. Und er hat sich fest in der italienischen Wirtschaft verschanzt.
Der Vertrag von 1929 stellte eine Kombination von drei getrennten Abkommen dar:
* Der Staatsvertrag schuf den neuen Staat der Vatikanstadt,
* das Finanzabkommen garantierte der Kirche Zahlungen für den Verlust ihrer weltlichen Macht, und
* das Konkordat regelte die Beziehungen zwischen der Kirche und dem Italienischen Staat.
Nach den Artikeln des Staatsvertrags wurde der Staat der Vatikanstadt als souveräne Einheit geschaffen. Drei Basiliken -- San Giovanni In Laterano, Santa Maria Maggiore und San Paolo -- wurden für exterritorial erklärt und von den italienischen Grundsteuer- und Grundstücksgesetzen ausgenommen; den gleichen Status und die gleiche Immunität erhielten die päpstliche Villa in Castel Gandolfo, der traditionelle Sommersitz der Päpste, sowie einige kirchliche Amtsgebäude in verschiedenen Teilen der Ewigen Stadt.
Der Vatikan erkannte den italienischen Staat und die Besetzung Roms durch Italien für die Dauer an. Italien wiederum erklärte sich bereit, das kanonische Gesetz der Kirche rechtsgültig hinzunehmen; das bedeutete, daß der Staat keine Scheidungen gewähren konnte und daß In der Kirche vollzogene Heiraten auch die staatlichen Forderungen erfüllten.
Den Bedingungen der Finanzkonvention zufolge war Italien damit einverstanden, den Verlust der vatikanischen Besitztümer mit einer großen Geldzahlung zu entschädigen. Eine Summe von 40 Millionen Dollar wurde sofort bezahlt, außerdem wurden dem Heiligen Stuhl fünf prozentige Staatsanleihen im Betrag von 50 Millionen Dollar übertragen.
Italien erklärte sich weiter bereit, die Gehälter der auf seinem Territorium tätigen Gemeindepfarrer zu bezahlen. Gegenwärtig stehen über 30 000 Priester auf der italienischen Gehaltsliste, eine Tatsache,
die nicht einmal der italienischen Bevölkerung allgemein bekannt ist.
Das dritte Dokument der Lateranverträge, das Konkordat, enthielt zahlreiche wirtschaftliche Klauseln, die für den Heiligen Stuhl von besonderem Interesse waren: Die Angehörigen des römisch-katholischen Klerus und die Bürger der Vatikanstadt waren von der Bezahlung italienischer Steuern befreit. Die Kirche erhielt Kontrolle über alle weltlichen und geistlichen Organisationen, die in Italien im Namen des Katholizismus arbeiteten. Der Vatikan konnte also die finanziellen Angelegenheiten aller als "kirchliche Organisationen" definierten Institutionen überwachen. Außerdem bedeutete das: Die italienische Regierung besaß kein Recht, in die Tätigkeit dieser Organisationen einzugreifen. Sie konnte auch die Bildung neuer Organisationen nicht verhindern, wenn ihnen der Papst seine Billigung gewährte.
Am 7. Juni 1929, dem Tag, an dem die Lateranverträge in Kraft traten, schuf Plus XI. die Sonderverwaltung des Heiligen Stuhls, die den Auftrag erhielt, die vom italienischen Staat gezahlten 90 Millionen Dollar zu verwalten und gewinnbringend anzulegen.
Mit der Leitung dieser neuen päpstlichen Dienststelle wurde ein Mann betraut, der sich als eines der größten Finanzgenies dieses Jahrhunderts erweisen sollte. Er hieß Bernardino Nogara, hatte ursprünglich Architektur studiert und war ein Verwandter des Erzbischofs von Udine. Diesem Manne gelang es, den Kirchenstaat in ein gigantisches Finanz-Imperium zu verwandeln und den Vatikan fest Im italienischen Wirtschaftsleben zu verankern.
Im Vatikan war man auf Nogara durch Papst Benedikt XV. aufmerksam geworden, der mit Hilfe Nogaras -- damals Leiter der Istanbuler Filiale der Banca Commerciale -- persönliche Gelder in türkischen Staatspapieren angelegt hatte.
Als Leiter der neugeschaffenen Sonderverwaltung hatte der fromme Nogara unbeschränkte Vollmachten; viele Geschäfte des Vatikans wickelte er quasi als Privatmann ab, dabei erwies er sich stets als einzigartiger Geldmanager. Durch eine weltweite Investitionspolitik vermehrte er das Anfangskapital von 90 Millionen Dollar um ein Vielfaches. Auf der Jagd nach Profit hielt er stets an einer selbst auferlegten Regel fest: Das Investitionsprogramm des Vatikans sollte nicht durch religiöse Erwägungen behindert werden.
Bernardino Nogara wurde 1870 in Bellano in der Nähe des Comer Sees geboren. Im selben Jahr konfiszierte das Königreich Italien den Rest des Kirchenstaates, für den Nogara später die Entschädigung verwalten sollte. Der junge Nogara gab sein Architekturstudium auf und arbeitete in England, Bulgarien, Griechenland und der Türkei, wo er Bergwerksunternehmungen leitete.
Nach dem Ersten Weltkrieg war er während der Friedensverhandlungen mit Osterreich, Ungarn, Bulgarien und der Türkei als italienischer Delegierter im Komitee für Wirtschafts- und Finanzfragen tätig. Von 1924 bis 1929 arbeitete er in der Interalliierten Reparationskornmission, die eine Lösung für das Problem finden sollte, wie man die deutschen Reparationen eintreiben könnte.
Nogara war vom Papst keineswegs verpflichtet worden, aus seinen Investitionen sofort Gewinne zu erzielen; er hatte freie Hand, die Gelder irgendwo in der Welt anzulegen.
Seine Aktionen führte er an Rand zuverlässiger Berichte durch, die über das weltweite Netz der Nuntiaturen und Legationen einliefen. Bischöfe und informierte katholische Laien lieferten Nachrichten -- oft über die "heißen Leitungen" des Vatikans -, die ein gewöhnlicher Bankier um keinen noch so hohen Preis hätte erwerben können,
Ohne Übertreibung kann behauptet werden, daß Nogara eine Art "Hexenmeister" des Vatikans war. Der Herr über das Kapital des Kirchenstaates war niemandem verantwortlich -- auch nicht den drei Kardinälen, die der Theorie nach die Sonderverwaltung beaufsichtigten. Selbst Pius XI. besaß keine klare Vorstellung davon, was Nogara wirklich tat. Er hatte aber zu seinem Finanzexperten ein grenzenloses Vertrauen -- ein Vertrauen, das sich vielfach auszahlen sollte.
Vielleicht zeigt sich dieser erstaunliche Mann am besten in einem Dokument, das er seinen Nachfolgern hinterließ und in dem er seine Methoden aufzählt. Das "Nogara-Credo" lautet: > Vergrößert eure Gesellschaft, weil es dann leichter sein wird, Gelder von den Kapitalmärkten zu erhalten.
* Vergrößert eure Gesellschaft, weil technisch hochwertige Anlagen die Reduzierung der Herstellungskosten und die Aufgliederung der Gesamtkosten ermöglichen.
* Vergrößert eure Gesellschaft, weil es dadurch möglich ist, die Transportkosten wirtschaftlicher zu gestalten.
* Vergrößert eure Gesellschaft, weil dadurch ermöglicht wird, Geld in wissenschaftliche Forschung zu investieren, die greifbare finanzielle Resultate erbringen kann.
* Vergrößert eure Gesellschaft, weil dann die fiskalische Kontrolle seitens der Regierung zu eurem Vorteil schwieriger wird.
* Vergrößert eure Gesellschaft, weil es notwendig ist, dem Kunden das technisch beste Produkt anzubieten. > Vergrößert eure Gesellschaft, weil das weitere Vergrößerungen bewirkt.
Nachdem Nogara die päpstliche Sonderverwaltung übernommen hatte, war eines seiner ersten Ziele, die Gasgesellschaft Italgas zu kaufen, die Haushaltungen von zwölf der größten italienischen Städte mit Gas versorgte. Die Italgas befand sich im Jahr 1932 in großen finanziellen Schwierigkeiten. Als die faschistische italienische Regierung ihr jede Hilfe versagte, handelte Nogara schnell. Mit Senator Alfredo Frassati und Fürst Giulio Pacelli (Neffe des späteren Papstes Plus XII.) als Aushängeschild kam die Italgas in den Besitz des Vatikans.
Nogara baute die Gesellschaft auf, daß sie bald auch die anderen großen italienischen Städte beliefern konnte. Heute ist die Italgas, die während des Fiskaljahres 1967/68 über 679 Millionen Kubikmeter Gas verkaufte, für die Haushaltungen in 36 italienischen Städten der einzige Gaslieferant. Der Vatikan besitzt weiterhin die Aktienmehrheit.
In der Weltwirtschaftskrise gerieten die Banco di Roma, die Banco di Santo Spirito und die Sardinische Landkreditbank, In denen der Vatikan stark investiert hatte, Anfang der dreißiger Jahre ins Schwanken. Neben anderen Schwierigkeiten besaß die größte dieser Banken, die Banco di Roma, große Pakete von Obligationen, die viel von ihrem Wert verloren hatten. Bis auf den heutigen Tag weiß niemand, mit welchen Mitteln Nogara es schaffte, den Vatikan loszukaufen: Die sterbenskranken Aktien wurden der staatlichen Holdinggesellschaft I. R. I. (Istituto per la Ricostruzione Industriale) übertragen.
Mussolini, den seine Unwissenheit in Wirtschaftsfragen zum leichten Ziel für Nogara machte, ließ die vatikanische Bank die Sicherheiten transferieren -- nicht zum laufenden Marktpreis, sondern zu Kursen, die dem ursprünglichen Wert entsprachen. Alles in allem zahlte die I. R. I. der Bank annähernd 632 Millionen Dollar -- eine Summe, die den damaligen Wert der Obligationen bei weitem überstieg.
Zwischen 1929 und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs setzte Nogara Kapital und Agenten des Vatikans an den verschiedensten Fronten der italienischen Wirtschaft ein -- besonders in der Stromerzeugung, bei den Telephongesellschaften, beim Kredit- und Bankwesen, bei kleinen Banken und der Produktion von Ackerbaubedarf und Zement.
Nogara drang auch in die italienische Textilindustrie ein. Er kaufte viele kleinere Firmen auf und fusionierte sie zu der Cisa Viscosa, die er unter den Befehl Francesco Mario Oddassos stellte, eines Laien, der im Vatikan höchstes Vertrauen genoß. Diese neue Gesellschaft wurde von der größten Chemiefaser-Herstellerin Italiens, der Snia Viscosa, absorbiert -- dank der Taktik Nogaras. Im Laufe der Zeit erhöhte der Vatikan seinen Anteil an der Snia Viscosa immer mehr, bis er die Mehrheit in der Hand hatte.
Im Verlauf seiner Karriere entwickelte sich Nogara zu einem außerordentlichen Goldspezialisten. Als Chef der Sonderverwaltung tauschte er eine beträchtliche Zeit lang Goldbarren gegen Goldmünzen und Goldmünzen gegen Goldbarren: Geschäfte, die ohne Kenntnis der genauen Details schwer zu verstehen sind, abgesehen von dem Umstand, daß sie zumeist einträglich waren.
Da sein Vertrauen zu dem kostbaren Metall praktisch unerschütterlich war, verwendete der listige Nogara 26,8 Millionen Dollar dafür, Gold von den Vereinigten Staaten zum offiziellen Kurs von 35 Dollar pro Troyunze plus 0,25 Prozent Umschlagspesen zu kaufen.
Jahre danach tauchten Gerüchte auf, der Vatikan habe dieses Gold zu einem Sonderpreis von 34 Dollar pro Unze erhalten; als dieses Ondit gedruckt -- und von vielen Leser geglaubt -- wurde, erledigte das US-Schatzamt diese Frage ein für allemal; es erklärte, der Vatikan habe das Gold zum gleichen Preis gekauft, den jedermann bezahlen mußte.
Tatsächlich wurden fünf Millionen Dollar des vom Vatikan erworbenen Goldes an die Vereinigten Staaten zurückverkauft; es verblieb also ein Nettokauf von 21,8 Millionen Dollar. Das Vatikangold ist in Form von Barren bei der U. S. Federal Reserve Bank deponiert.
Mit ausgeklügelten Finanztransaktionen verstand es Nogara auch, sicher (und geheim) Gelder des Papstes im Ausland anzulegen, ohne daß sich die italienischen Behörden während der Perioden, in denen von Staats wegen Devisenbeschränkungen auferlegt wurden, einschalten konnten.
Nogara hat mit seinen Transaktionen dem Wirtschaftsleben Italiens wahrscheinlich mehr Leben eingeflößt als jeder andere Geschäftsmann in der italienischen Geschichte. Er hatte klar erkannt, daß die unter der Oberfläche verborgene Kraft der Lateranverträge in den Klauseln 29, 30 und 31 des Konkordats steckte.
Während viele über die Konzessionen geschimpft hatten, die Italien in den Fragen der Erziehung, der Eheschließung und der Scheidung machte, hatten nur wenige Beobachter die Vertragsklauseln wirtschaftlicher Art beachtet. Den meisten schienen sie nur von zweitrangiger Bedeutung zu sein. Nicht aber Nogara, dem Mann mit dem Dollarzeichen im Gehirn und dem Kreuz im Herzen. Die Paragraphen 29, 30 und 31 befaßten sich nämlich mit der Steuerbefreiung und der Gründung neuer, steuerfreier "kirchlicher Kooperationen, über die der italienische Staat keine Kontrolle besitzen" sollte.
Nogara überlegte: Wenn er Mussolini zu einer großzügigen Auslegung des Begriffs "kirchlich" bringen könnte, würde er den vatikanischen "Vereinigungen" alljährlich Millionen an italienischen Steuern ersparen. Das war wahrlich keine kleine Aufgabe. Und doch hatte er Erfolg.
Nogara überredete Mussolini, jeder katholischen Vereinigung -- ob ihre tatsächliche Funktion nun kirchlich oder fiskalisch war -- entweder Steuerbefreiung oder doch wesentliche Steuernachlässe zu gewähren. Irgendwie war der Duce überzeugt, daß eine Bank im Besitz des Vatikans "ein Tempel war, der das Werk Gottes tat", und daß alles, was für Gott gut war, auch für den Vatikan gut war -- und das wiederum für Italien.
Die Freundschaft zwischen dem Heiligen Stuhl und den Faschisten dauerte fast bis zum Ende der dreißiger Jahre. Besonders stark war sie nach der italienischen Invasion in Abessinien im Jahre 1935. Eine Munitionsfabrik Nogaras lieferte Waffen für die italienische Armee. Die Freundschaft nahm jedoch gegen Ende der Regierung von Pius XI. ab, der 1939 starb. Zu diesem Zeitpunkt aber hatte sich der Vatikan bereits in der italienischen Wirtschaft festgesetzt.
Als Eugenio Kardinal Pacelli im Jahre 1939 als Plus XII. den päpstlichen Thron bestieg, brachte er Nogara ein gewisses Mißtrauen entgegen. Das führte zu zahlreichen Gerüchten über die Sonderverwaltung. So flüsterte man, von der großen Summe des Laterangeldes sei praktisch nichts geblieben. In einem seiner ersten Verwaltungsakte setzte der neue Papst einen privaten Untersuchungsausschuß von Kardinälen ein, die Kenntnisse in den komplizierten Fragen des Bank- und des internationalen Finanzwesens besaßen. Die Prüfung war gründlich.
Bald wurden die Kritiker eines Besseren belehrt: Es erwies sich, daß Nogara die von Mussolini erhaltenen Beträge umsichtig angelegt hatte. Das Anfangskapital war tatsächlich vervielfältigt worden, und der Vatikan hatte bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mehr Geld als je zuvor. Nachdem dieser Bericht einging, war Nogaras Stellung völlig unangreifbar geworden.
Nogaras Fähigkeiten verdankt der Vatikan auch, daß er an staatlichen Unternehmen Italiens beteiligt ist. Der Geldzauberer des Papstes sah bei seinen riesigen Investitionen in der staatlichen Industrie hohe Erträge voraus -- und er hatte recht.
In der Nachkriegszeit glich die hastige Expansion der italienischen Wirtschaft zeitweise einem Tanz auf dem Drahtseil. Die neue Wirtschaft befaßte sich mit allem, vom Lumpensammeln bis zur Erzeugung von Vespas und Fiats; und das nicht zuletzt dank den starken Investitionen des Vatikans.
Italiens Bruttosozialprodukt schoß zwischen 1953 und 1963 um 158 Prozent auf 48,5 Milliarden Dollar in die Höhe. Im Jahre 1967 erreichte es bei stabilen Preisen 66 Milliarden Dollar. Um zu verstehen, wie das Geld des Vatikans der italienischen Wirtschaft genützt hat, muß man die Struktur und die Funktionen des italienischen "Istituto per la Ricostruzione Industriale" begreifen.
Das I. R. I., wie es genannt wird, ist eine öffentlich-rechtliche Körperschaft, der die italienische Regierung besondere unternehmerische Funktionen zugewiesen hat. Das I. R. I. kontrolliert 130 Firmen; es sind dies Aktiengesellschaften, die nach den gleichen Vorschriften wie jede andere private Gesellschaft in Italien geführt werden.
Was das I. R. I. so unverwechselbar gemacht hat, ist, daß es einen weiten Komplex von Industrien unter Regierungskontrolle gebracht hat -- und diese Industrien umfassen nicht nur Fernsehen und Hörfunk, Eisenbahnen, Luftlinien und Schiffahrt, sondern auch die Stahlerzeugung, Automobilherstellung und das Bankwesen. Das I. R. I. führt mehr als 300 000 Menschen auf seinen Lohn- und Gehaltslisten. Seine tägliche Investitionsrate beträgt fast drei Millionen Dollar, der jährliche Umsatz fast drei Milliarden, und der Wert seines Industriekomplexes etwa zwölf Milliarden.
Gegründet im Jahre 1933, nachdem der Wallstreet-Krach von 1929 in Europa eine Kettenreaktion ausgelöst hatte, befaßte sich das I. R. I. vor allem mit zwei Aufgaben: Es sollte die italienischen Banken retten, die Aktien von ernsthaft gefährdeten Industriefirmen erworben hatten und die aus diesem Grund nicht in der Lage waren, die Sicherheit der Depots ihrer Bankkunden zu garantieren. Es sollte außerdem die Finanzen der italienischen Industrie wieder in Ordnung bringen. Die Lösung dieser Aufgaben erforderte fast fünf Jahre. Dann war der Kredit jedoch wiederhergestellt und die Industrie zu neuem Leben erwacht.
Die italienische Regierung sah sich nun das I. R. I. noch einmal genau an. Sie kam zu der Erkenntnis, daß der riesige, vorn Staat kontrollierte Industriekomplex zwar ein waghalsiges finanzielles Experiment unternommen hatte, aber selbst unter den schwierigsten Bedingungen erfolgreich gewesen war; sie beschloß daher, das I. R. I. zu einer Dauereinrichtung zu machen.
Für jede Lira, die das I. R. I. vom Staat erhält, muß es zwölf weitere von privaten Anlegern aufbringen. Da keine der Gesellschaften des I. R. I. ihre Unternehmungen mit eigenem Kapital finanzieren kann, bringt das I. R. I. Schuldverschreibungen auf den offenen Markt. Bis heute haben nahezu eine halbe Million italienischer Investoren ihr Geld in Obligationen des I. R. I. gesteckt, auch der Vatikan. Niemand kann genau feststellen, um welche Beträge es sich hier gehandelt hat; bekannt sind heute aber die Gebiete, auf denen er am stärksten beteiligt ist.
In keinem Fall ist es dem Heiligen Stuhl gelungen, in einer Gesellschaft des I. R. I. die Mehrheit zu erlangen, obwohl er in mehreren der größte Einzelinvestor ist, Da aber die politische Partei des Vatikans (die Democrazia Cristiana) die italienische Regierung seit über 20 Jahren kontrolliert, sind die "beweglichen Teile" sowohl des italienischen Staates wie seiner Unternehmungen in dem I. R. I. gut mit dem Geld in der Kirche geschmiert.
Kritiker haben das I. R. I. beschuldigt, es stelle einen der schlimmsten Engpässe der italienischen Wirtschaft dar, Die Kritik erstreckt sich jedoch über das I. R. I. hinaus auf die italienische Regierung und den Vatikan selbst. Der Mangel an geschäftlichem Selbstvertrauen hat Mitte der sechziger Jahre die privaten Investitionen niedergehalten. Tatsächlich konnten in den letzten Jahren private Gesellschaften nur sehr geringe Beträge durch die Ausgabe von Aktien aufbringen. Heute nehmen das I. R I. und andere Regierungsunternehmen 40 Prozent aller italienischen Investitionen in Anspruch. Das private Unternehmertum ist sich dieser Konkurrenz sehr bewußt,
Das I. R. I. hat jedoch lange Zeit behauptet -- und der Vatikan hat es dabei voll unterstützt -, es habe die Privatindustrie nie daran gehindert, zu tun, was sie wolle, weder dadurch, daß es alles verfügbare Kapital absorbiere, noch auf andere Art. Oft aber hat das I. R. I. dort nicht gezögert, wo es die Privatindustrie tat.
Seit geraumer Zeit flirtet das I. R. I. mit dem US-Geschäft. Mehrere der größten amerikanischen Industriegesellschaften sind mit Tochtergesellschaften des I. R. I. verbunden. Die US Steel Corporation besitzt 50 Prozent der Anteile von zwei Stahlfabriken des I. R. I., die Armco International den halben Anteil an einer anderen. Raytheon und die Vitro-Corporation sind an zwei der verläßlichsten "Abenteuer" des I. R. I. auf dem Gebiet der Elektronik beteiligt. Siderexport, eine Handelsfirma und Tochtergesellschaft des I. R. I., hat einen fünfzigprozentigen Anteil an Dalminter in New York.
Nogara soll durch einen Bericht der Banca d'Italia bei Kriegsende beträchtlich stimuliert worden sein. In diesem Bericht standen die Worte: "Wir haben einen Wendepunkt erreicht. Vor uns liegt ein steiler, mühsamer Weg, der nach oben, und ein flacher, leichter, der in den Ruin führt."
So verstört Italien durch die weitgehende Vernichtung seiner Fabriken und anderer Industrieanlagen gewesen sein mag, Nogaras Blick war klar. Italien würde den ersteren Weg wählen und sofort mit dem Wiederaufbau beginnen müssen. Wo konnte man das Geld des Vatikans besser anlegen als in der Finsider-Stahlgruppe der Regierung! Obwohl ihre Fabriken noch schwelende Trümmer waren, versprach die Finsider-Gruppe eine außergewöhnliche Entwicklung, wenn das Wiederaufbauprogramm erst einmal begonnen hatte.
Unmittelbar nach Kriegsende hatte Finsider einen jährlichen Ausstoß von weniger als einer Million Tonnen Stahl. Heute produziert sie zehn Millionen im Jahr. Die Finsider-Gruppe trug entscheidend dazu bei, Italien in bezug auf Eisen und Stahl autark zu machen, und wurde dadurch zu einem Pfeiler der italienischen Wirtschaft. Mit 76 000 Angestellten und einer jährlichen Lohnauszahlung von mehr als 285 Millionen Dollar meldet die Gesellschaft einen Jahresgewinn von über 24,1 Millionen.
Die Ziele der Finsider erhielten einen wirksamen Auftrieb, als die "Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl" gegründet wurde. Sowohl der Vatikan als auch die Christdemokraten erkannten die Vorteile, die durch den Beitritt zu dieser Gemeinschaft zu erzielen waren, Indem man dem Protektionismus, der für Italiens Stahlindustrie charakteristisch gewesen war, ein Ende bereitete, trat das Land in direkte Konkurrenz zu den größten Stahlproduzenten und steht heute in der Weitrangliste an siebenter Steile.
Die besondere Stärke der Finsider sind ihre Tochtergesellschaften: Ihr gehören beispielsweise 51,6 Prozent der Italsider, die Roheisen (Masseleisen), Stahlblöcke, Heiß- und Kaltwalzprodukte und geschweißte Rohre produziert; sie besitzt die Majorität an Dalmine, die sich auf Stahlblöcke und nahtlose bzw. geschweißte Rohre spezialisiert; in ihren Händen befinden sich 97 Prozent von Terni, die Blockstahl, Heiß- und Kaltwalzprodukte, Guß-, Schmiede- und Gesenkschmiedestücke produziert. Darüber hinaus besitzt oder kontrolliert Finsider etwa 20 andere verwandte Gesellschaften.
Auch an Italiens zweitgrößter Autofirma, Alfa Romeo -- ebenfalls ein I. R. I.-Unternehmen -, ist der Vatikan beteiligt. Alfa Romeo erzeugt jährlich etwa 75 000 Fahrzeuge; bis 1971 soll nach der Errichtung einer neuen Fabrik in Neapel die Jahresproduktion über eine Viertelmillion betragen.
Ein riesiger Betrag päpstlichen Geldes arbeitet auch in der Finmeccanica, einer Unterholdinggesellschaft des I. R. I.; sie koordiniert und finanziert die Maschinenbautätigkeit von I. R. I. Zur Finmeccanica gehören 35 Gesellschaften, ferner eine Minderheitsbeteiligung an weiteren 32 Zulieferungsbetrieben; bei einigen wenigen besitzt der Vatikan einen Kontrollanteil.
Mit all ihren Tochtergesellschaften ist die Finmeccanica der größte Maschinenbaukonzern Italiens, Er arbeitet auf fast allen Gebieten der Maschinenbauindustrie -- im Auto- und Elektromaschinenbau, in der Elektronik, der Planung von Flugzeugen und Eisenbahnwagen, im Bau von Schwermaschinen und Präzisionsinstrumenten, von Heizungsgeräten und moderner Rüstung (besonders gepanzerten Fahrzeugen und Panzern).
Mit Hilfe gewaltiger Investitionen des Vatikans hat die Finmeccanica-Gruppe seit 1959 beträchtliche Fortschritte erzielt; die Jahresgewinne stiegen von 185,6 Millionen Dollar auf über 420 Millionen Dollar an (die Exporte von 41,6 Millionen auf nahezu 100 Millionen Dollar im Jahr>.
Das Geld des Vatikans hat seinen Weg in die Finmare gefunden, eine weitere Unterholdinggesellschaft des I. R. I., die für die wichtigsten Schifffahrtslinien des Landes (die haha-Linie, die Linien Lloyd Triestino, die Adriatica und die Tirrenia) verantwortlich ist. Mit seiner alten Seefahrertradition und der großen Touristenindustrie hat Italien die Bedeutung seiner Schiffe nie unterschätzt. Die Schiffe der Finmare übernahmen fast 70 Prozent des nationalen Passagier-Dienstes.
Die Finmare verfügt über ein Kapital von 28,8 Millionen Dollar. Mit ihren etwa 90 Schiffen (Tonnage: über 700 000 Tonnen) befördert sie jährlich fast zwei Millionen Passagiere und über 1,9 Millionen Tonnen Fracht; die Bruttoeinnahmen betragen annähernd 150 Millionen Dollar im Jahr. Die von der Finmare kontrollierte Italia-Linie besitzt zwei Schiffe: die 45 933 Tonnen große "Raffaello" und die 45 911 Tonnen große "Michelangelo"; beide verkehren zwischen Nordamerika und Europa. Sicher flossen Gelder des Vatikans in den Gesamtbetrag, der zur Finanzierung des Baus dieser zwei Luxusschiffe benötigt wurde.
In welchem Ausmaß der Vatikan bei Italiens größter Telephongesellschaft beteiligt ist und inwieweit er sie kontrolliert, kann nicht genau nachgewiesen werden. Investition und Kontrolle sind aber beträchtlich; der Einfluß des Vatikans hat die Stet (Societa Finanziaria Telefonica) zu der geachteten und soliden Organisation gemacht, die sie heute ist. Bei ihrer Hauptversammlung im Juli 1968 schloß sie ihr Bücher mit einem erklärten Reingewinn von 20 Millionen Dollar ab. So war es auch 1967 gewesen.
Nachdem die Stet ihr Kapital kürzlich um 16 Millionen Dollar erhöht hat, ist sie heute 304 Millionen wert. Bei nunmehr über sechs Millionen Anschlüssen, doppelt soviel wie 1958. beschäftigt sie heute 58 000 Personen. Bis 1970 will die Stet eine Gesamtsumme von 1,2 Milliarden Dollar investieren; in diesem Jahr wird sie 68 000 Angestellte beschäftigen. Die Stet konnte sich auch in andere Gesellschaften ausweiten; bei vielen ist sie der einzige Aktionär, bei anderen Firmen besitzt sie die Aktienmehrheit. Minderheiten besitzt sie unter anderem bei der italienischen Rundfunk- und Fernsehgesellschaft Rai.
Im Mittelpunkt der wohlüberlegten vatikanischen Finanzstrategie stehen auch die Sonderkreditinstitute, über die nur selten gesprochen wird. Rund ein Drittel der etwa 180 Institute für mittel- und langfristige Kredite, die in Italien arbeiten, werden mit Geldern des Vatikans gespeist.
Langfristige Anleihen stellen eine höchst wichtige Finanzierungsquelle für Erweiterungsprogramme dar; in dieser Hinsicht hat Geld des Vatikans viel dazu beigetragen, um mittlere und kleine Unternehmen zu unterstützen, die große Schwierigkeiten haben, die nötigen Mittel direkt auf dem Finanzmarkt zu beschaffen. Das vatikanische Geld bat so der Sache des ausbalancierten Wachstums der italienischen Nachkriegswirtschaft gedient.
In diesem Zusammenhang sollen zwei wichtige Aspekte dieser Tätigkeit erwähnt werden: die bedeutende finanzielle Unterstützung, die vatikanische Sonderkreditinstitute vor allem in den letzten Jahren dem Industrialisierungsprozeß im wirtschaftlich zurückgebliebenen Süden angedeihen ließen, und die beachtliche Hilfe, die das Kreditprogramm des Vatikans dem Vordringen italienischer Industrien auf ausländischen Märkten zuteil werden läßt.
Die Sonderkreditinstitute gewähren mittel- und langfristige Kredite; jede, von ihnen versorgt einen besonderen Wirtschaftszweig. Sie stellen beispielsweise Kredite für Industriezweige, für öffentliche Versorgungsbetriebe, Grundstücksgesellschaften oder Filmproduzenten. Einige dieser Institute arbeiten auf nationaler Basis, während andere regional begrenzt sind; einige gewähren mittel- und langfristige Kredite, andere spezialisieren sich auf mittelfristige Transaktionen. Zusammen mit Italiens Banken sind die Sonderkreditinstitute die Hauptquellen für neues Kapital; sie gewähren die meisten Anleihen sowie das Kapital für den Erwerb von Sicherheiten.
Eine der größten unter diesen Finanzgesellschaften ist La Centrale; welchen Prozentsatz der Wertpapiere von La Centrale der Vatikan besitzt, ist nicht bekannt. Bekannt ist jedoch, daß La Centrale eng mit der Pirelli-Gummigesellschaft verbunden ist, die zweifellos eine direkte Kontrolle über die Agentur ausübt. Wieviel Einfluß der Vatikan auf ihre Unternehmungen ausübt, ist noch nicht klargeworden, obwohl diese Kontrolle als gewiß angenommen wird.
Am stärksten engagiert war La Centrale in der Stromerzeugung; seit die italienische Regierung die Elektrizitätsgesellschaften jedoch verstaatlicht hat, versuchte La Centrale erfolgreich, ihre Haupttätigkeit auf Ackerbau, Bergbau, Maschinenbau und Handelsunternehmungen im In- und Ausland zu verlegen. Heute beläuft sich ihr Kapital auf insgesamt 107,3 Millionen Dollar. Das Haben von La Centrale beträgt 276,8 Millionen Dollar, von denen 116,6 Millionen in Aktien von etwa 50 Gesellschaften investiert und fast 60 Millionen an diese Gesellschaften verliehen sind.
Weitere 156 Millionen Dollar wurden als Kredit an die Enel, die nationale italienische Elektrizitätsgesellschaft, gegeben. La Centrale schloß 1967 mit einem Reingewinn von mehr als 16,5 Millionen Dollar ab.
1967 wurde die vom Vatikan kontrollierte Romana Finanziaria Sifir S.p.A. von La Centrale übernommen und brachte ein Aktienkapital von 72 Millionen Dollar ein. Das Gesamtvermögen der Sifir betrug 168 Millionen Dollar, von denen 17,8 Millionen in den Aktien von 36 anderen Gesellschaften angelegt und 22,4 Millionen in Darlehen an diese Gesellschaften ausgegeben waren. Wenn man die 70,4 Millionen Dollar hinzufügt, die an Krediten der Enel gewährt wurden, erhält man ein besseres Bild vom neuen La-Centrale-Partner.
Ein Kreditinstitut, das voll und ganz dem Vatikan gehört, Ist die Società Finanziaria Industriale e Commerciale mit einem Kapital von 480 000 Dollar. Weitere Sonderkreditinstitute werden vom Vatikan kontrolliert oder befinden sich ganz in seinem Besitz.
Es handelt sich um La Società Capitolina Finanziaria (Kapital 400 000 Dollar), Credito Fondiario (Kapital 16 Millionen Dollar), Società Mineraria del Predil (Kapital 384 000 Dollar), Il Finanziario Investimento Piemonte (Kapital 182 000 Dollar), Società Finanziaria Italiana di Milano (Kapital 400 000 Dollar), Fiscambi di Roma e di Milano (Kapital 1,6 Millionen Dollar) und Efibanca -- l'Ente Finanziario Interbancario (Kapital 16 Millionen Dollar).
Nogara verstand es, seine geplanten Transaktionen vor Jedermann geheimzuhalten -- selbst vor seinen Vorgesetzten, die Ihm bedingungslos vertrauten. Ein hochgestellter Angehöriger des Vatikans sagte einmal: "Nogara ist ein Mann, der mit niemandem spricht; er sagt selbst dem Papst nicht viel, und wie ich vermute, sagte er auch dem lieben Gott nur sehr wenig. Dennoch ist er ein Mann, der wert ist, daß man ihn anhört."
Nachdem er sich 1856 aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen hatte, diente er dem Vatikan weiterhin als privater Berater. Seinen Nachfolgern hinterließ er nicht nur seine Kenntnisse, sondern auch eine gut geölte, glatt funktionierende Finanzmaschinerie. Unauffällig wie seine Transaktionen war auch sein Tod im November 1958; er wurde von der Presse kaum beachtet.
Kein anderer, weder ein Papst noch ein Kardinal, hat dem Finanzwesen des Vatikans so viel Kraft und Schwung verliehen wie Bernardino Nogara, der unsichtbare Mann, der Architekt werden wollte und dem es schließlich gelang, ein Finanzimperium aufzubauen.
Mit der "Methodologie" Nogaras, den acht Thesen seiner Wirtschaftspolitik, die seine Nachfolger gewissenhaft befolgten, erzielt der Vatikan auch heute noch phantastische Gewinne.
Die stürmische Entwicklung der italienischen Wirtschaft in der Nachkriegszeit, auf die Nogara so bedeutenden Einfluß ausgeübt hatte, war allerdings nicht frei von ungeheuren Finanzskandalen. Auch Steuerhinterziehungen von gigantischem Ausmaß wurden dem Vatikan von seinen Kritikern vorgeworfen.
IM NÄCHSTEN HEFT
Der Vatikan hinterzieht Steuer. gelder in Höhe von fast 10 Millionen Dollar -- Die Kurie kontrolliert Italiens christdemokratische Regierungspartei -- Die Rolle des Vatikans im Flugplatzskandal von Rom
Von Nino Lo Bello

DER SPIEGEL 22/1970
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Die Milliarden des Vatikans

  • Ex-US-Botschafterin über Trump: "Das passiert halt in sozialen Netzwerken"
  • Airline testet Ultralangstreckenflug: Stretchen nicht vergessen!
  • Dreidimensionales Bild: Ein Hologramm zum Anfassen
  • Emotionaler Hoeneß-Abschied: "Dieser Tanker muss geradeaus fahren"