13.07.1970

ARNDT-NACHFOLGEHält niemand aus

Karl Schiller lockte vergebens. Auf der Suche nach einem Nachfolger für seinen scheidenden Chefberater, den Parlamentarischen Staatssekretär Klaus Dieter Arndt, holte sich der Wirtschaftsminister eine Absage.
Am vorletzten Sonntag schlug Hans Apel, 38, Fraktionsvize der SPD und Herbert Wehners heimlicher Favorit für das eigene Amt, die Minister-Offerte aus: "Das Geld hätte mich schon gereizt, aber meine Freunde haben mir abgeraten."
In der Tat verzichtete der frühere Schiller-Schüler an der Hamburger Universität auf ein lukratives Amt. Denn Bonns Parlamentarische Staatssekretäre erhalten außer den vollen Abgeordneten-Bezügen in Höhe von steuerfreien 5870 Mark monatlich noch Dreiviertel eines Ministergehalts. Mit rund 12 000 Mark verdienen sie nur etwa 1000 Mark im Monat weniger als die Minister.
Daß Apel der finanziellen Verlockung nicht erlag, muß Schiller seinem eigenen ungünstigen Image als Behörden-Chef zuschreiben. Ein SPD-Minister über das Betriebsklima in der Chefetage des Wirtschaftsministeriums: "Beim Kollegen Schiller hält es doch niemand länger als drei Jahre aus."
Nur sieben Monate länger hat es der frühere Schiller-Intimus Klaus Dieter Arndt im Bonn-Duisdorfer Kasernen-Areal ertragen. Der Staatssekretär, seit einem halben Jahr mit Schiller über die konjunkturpolitische Linie der Bundesregierung zerstritten, will nun binnen zehn Wochen aus dem Amt scheiden.
Bereits vor der Abreise in den Urlaub räumte Arndt seine persönlichen Akten fort und bereitete den Umzug in das Berliner Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung vor, dem der gelernte Konjunkturanalytiker als Präsident vorsteht. Arndt: "Die Formalitäten müssen jetzt schnell erledigt werden."
Nach Apels Verweigerung und ergebnislosen Sondierungen Schillers beim Wirtschaftssprecher der SPD-Fraktion Hans-Jürgen Junghans und bei dem SPD-Kartell-Experten Helmut Lenders ist Konrad Porzner, 35, stellvertretender Vorsitzender des Bundestags-Finanzausschusses, neuester Favorit des Ministers. Der diplomierte Handelslehrer und schüchterne Studienrat, der einst mit der Handballmannschaft des TSV Ansbach zweimal die deutsche Meisterschaft errang, hatte sich im Bundestag durch Kritik an Stil und Sprache Bonner Gesetze hervorgetan.
Noch hat Porzner eine direkte Offerte Schillers nicht erhalten. Doch schon jetzt will sich der Mann aus dem Finanzausschuß "überlegen, ob man dieses schwierige Amt annehmen kann". Auch wenn er die Selbstprüfung besteht, ist keineswegs sicher, daß Porzner ein Schiller-Angebot annehmen wird. Denn zuvor will er noch einen wichtigen Ratgeber konsultieren: "Das müßte ich mit Herbert Wehner besprechen."
In der Parteispitze wird Arndt unkorrektes Verhalten vorgeworfen, weil er im Frühjahr, als Karl Schiller zu Bett und die Bonner Konjunkturpolitik im argen lag, in Presse-Erklärungen noch einmal seinen Rücktritt, den er bereits im Winter angekündigt hatte, erklärte und damit den Eindruck brüsker Distanz zu Schiller verstärkte.

DER SPIEGEL 29/1970
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ARNDT-NACHFOLGE:
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