13.07.1970

LIBYEN / ÖL-VERSTAATLICHUNGBißchen Halsabschneiderei

In das Verwaltungsgebäude der Shell-Libya in Tripolis rückten -- am Sonnabend vorletzter Woche -- bewaffnete Polizisten ein. Libyens Erdölminister Iss el-Din Mabruk ließ ausrichten, binnen zwölf Stunden würden sämtliche Tankstellen der Gesellschaft in das Eigentum der staatlichen Libyan National Oil Corporation übergeführt.
Gleichlautende Mitteilungen erhielten die Manager der Esso-Libya, der Agip-Tochter Asseil und der Petro-Libya. "Öl", so rechtfertigte Minister Mabruk die Verstaatlichung der ausländischen Ölvertriebsfirmen, "ist eine zu wichtige Ware für unsere Nation, als daß sie in fremdem Besitz bleiben darf."
Nach dem Handstreich von Tripolis sehen die Versorgungsstrategen der internationalen Ölkonzerne ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Denn seit dem Sturz König Idris I. im September 1969 durch Oberst Muammar el-Gaddafi, 28, haben die Bosse nicht aufgehört, um ihre wichtigste Erdölbasis in Nordafrika zu bangen.
Mit 150 Millionen geförderten Tonnen Öl und 4,14 Milliarden Mark Petroleumeinnahmen im Jahr ist Libyen noch vor Saudi-Arabien der größte Erdöllieferant unter den arabischen Staaten. Wichtigster Kunde ist die Bundesrepublik, die im vergangenen Jahr 40 Millionen Tonnen Öl (rund 45 Prozent ihrer Importe) aus Libyen bezog.
Allein der Essener Ölkonzern Gelsenberg AG investierte 400 Millionen Mark in libysche Ölfelder. Aus seinen Bohrlöchern, die er gemeinsam mit dem US-Unternehmen Mobil Oil betreibt, sprudeln täglich 28 500 Tonnen Öl zum günstigen Preis von 2,21 Dollar je Paß für Gelsenberg. Eigene Pipelines drücken das Öl zum eigenen Hafen Ras el-Unuf am Mittelmeer.
Je mehr die internationalen Ölkonzerne investierten und damit in libysche Abhängigkeit gerieten, desto stärker fühlten sich die Machthaber des einst armen Wüstenstaates gegenüber ihren Öl-Ausbeutern und drängten auf eine Preiskorrektur. Bald nach dem Putsch im September verlangte Minister Mabruk ein Aufgeld von 44 Cent je Faß. Die Ölherren aber leimten ab. Allenfalls wollten sie fünf bis acht Cent je Faß drauflegen.
Als nach monatelangem Feilschen keine Einigung zustande kam, versuchten es die Revolutionäre mit "ein bißchen Halsabschneiderei" ("Time"): Der US-Firma Occidental Petroleum Corporation, die zu Idris' Zeiten 800 000 Faß Öl täglich aus ihrem größten Ölfeld bezogen hatte, gestanden sie nun nur noch die halbe Fördermenge zu. Darüber hinaus zwang die Regierung die Ölkonzerne, Probebohrungen auch an solchen Stellen niederzubringen, wo nach Geologenansicht kein Öl zu fänden ist.
In den vergangenen Monaten holte sich Ölminister Mabruk überdies Rat von seinen Kollegen in Algerien und im Irak. Erst kürzlich hatte Algerien einen Teil der ausländischen Ölanlagen verstaatlicht. Im Irak verlor ·der Ölkonzern IPC schon vor Jahren die meisten seiner Konzessionen. Jetzt sagten die beiden Staaten der Regierung in Tripolis ihre Unterstützung im Kampf gegen die Kapitalisten zu.
Zur totalen Verstaatlichung sämtlicher Förderanlagen und Pipelines freilich mochte sich Regierungschef el-Gaddafi vorerst nicht durchringen. Im Pokerspiel um höhere Erdölpreise kassierte er zunächst nur den kleinsten Teil der ausländischen Ölinvestitionen" den libyschen Vertriebsapparat von Esso, Shell, Agip und Petro-Libya.
"Sobald aber unsere nationalen Interessen angetastet werden", so drohte el-Gaddafi den internationalen Konzernen, "werden wir drastischere Maßnahmen ergreifen."

DER SPIEGEL 29/1970
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