14.09.1970

AUTORENNEN / RINDTImmer Angst

Tote beleben den Automobilrennsport. 1970 wird erstmals ein Toter Weltmeister: Jochen Rindt, 28. Als er vor zehn Tagen auf dem Monza-Motodrom umkam, führte er kaum einholbar in der Grand-Prix- Wertung.
Der Spitzenverdienst im Rennsport fällt den Erben eines Toten zu: Bruce McLaren. Der verbliebene Rennstall des Neuseeländers kassiert nach wie vor bei den höchstdotierten Rennen der Welt, der kanadisch-amerikanischen Can-Am-Serie (von 1971 an: "Bruce McLaren-Rennen") jährlich mehr als eine Million Dollar. McLaren selbst war im Juni bei einer Testfahrt zu Tode gestürzt.
Von dem Totentanz der mit 400 bis 700 Pferdestärken angetriebenen Rennwagen profitieren noch andere Branchen. Eine Textilfabrik bringt in Kürze Jochen-Rindt-Anzüge und -Hemden heraus. Rindt selbst hatte geplant, diese Modelle in einer eigenen Boutique zu verkaufen. Und in diesen Tagen liefert der Wiener Verlag Carl Ueberreuter schon das erste Buch über den Toten aus: "Jochen Rindt -- Reportagen einer Karriere".
Das Unglück brachte einen zum Schweigen: Schlagersänger und Rindt-Freund Udo Jürgen Bockelmann stoppte den Verkauf einer von ihm produzierten und besungenen Schallplatte "Der Champion", für die der Rennfahrer Motorenlärm als Geräuschkulisse beigesteuert hatte.
"Autorennen sind wie Stierkämpfe", urteilte der fünfmalige argentinische Weltmeister Juan Manuel Fangio nach dem Rindt-Unglück. "Je mehr Blut fließt, um so mehr Leute kommen und gucken zu." Bislang überlebende Grand-Prlx-Fahrer wie der schottische Weltmeister von 1969, Jackie Stewart ("Wie lange wollen wir noch in diesem verdammten Business bleiben?"), der belgische Ferrari-Fahrer Jacky Ickx und Exweltmeister Denis Hulme wollen nach dieser Saison aufhören.
Auch Rindt hatte sich vorgenommen, nach dem Gewinn des Titels abzutreten, wie seine Frau es gewünscht hatte. Nach McLaren-Muster gründete er einen eigenen Rennstall. Aber er wollte nur noch andere Fahrer einsetzen.
Vor Rindt waren seit 1948 schon 38 Grand-Prix-Fahrer in den Tod gefahren. Weil die Rennwagen-Konstrukteure immer schnellere, aber auch gefährlichere Wagen bauten, die auf meist veralteten Rennbahnen starteten, bildeten die Fahrer eine Notgemeinschaft, um das eigene Risiko zu verringern. "Ich traue mir zu, keinen Fehler zu machen", verriet Rindt, "aber ich habe immer Angst, daß mir mal was vom Wagen wegfliegt."
Als Sprecher der Grand-Prix-Fahrer forderte Rindt immer häufiger bessere Sicherheitsvorkehrungen auf den zu engen, oft dicht mit Bäumen bestandenen Rennkursen. Doch beiderseits des Hockenheimrings wurden die Wälder erst gerodet, nachdem Weltmeister Jim Clark mit seinem Wagen an einem Baum zerschellt und getötet worden war.
Auf dem engen Stadtkurs von Monte Carlo zogen die Veranstalter erst Leitplanken, nachdem der Italiener Lorenzo Bandini von der Bahn abgekommen und in seinem brennenden Wagen verkohlt war. Auf der engen Bahn in, Monza inmitten eines Parks starben vor Rindt bereits drei Grand-Prix-Fahrer. Nach Weltmeister Ascari überschlug sich 1965 der Schweizer Tommy Spychinger so unglücklich, daß ihm herumfliegende Wagentrümmer den Kopf abtrennten. Der Deutsche Graf Berghe von Trips stürzte in derselben Kurve wie Rindt und riß 14 Zuschauer mit in den Tod.
Der Düsseldorfer Grand-Prix-Neuling Hubert Hahne weigert sich, Unglücksbilder zu betrachten, um unbelastet starten zu können. Rolf Stommelen aus Köln vermag ein Rennauto nur noch zu lenken, weil ihm Ärzte nach einem Unfall die versteiften Finger der rechten Hand durch künstliche Gelenke beweglicher machten.
Die Automobilindustrie rechtfertigte das "unkalkulierbare Renn-Risiko" (Rindt) nach mehreren Katastrophen als Pionierarbeit für den Serienbau. "Den Kämpfen auf den Rennstrecken verdanken wir unsere besten Erkenntnisse", behauptete Dr. Ferry Porsche. "Auf dem Gebiet des Automobils hat der Sport den Krieg abgelöst."
Freilich verschwiegen die Firmen-Bosse, daß anonyme Testfahrer technische Neuerungen längst gefahrloser erproben. Doch spektakuläre Rennerfolge zugkräftiger Stars besserten auf jeden Fall das Markenimage auf.
Immer unverhüllter verherrlichen Anzeigen die Renn-Romantik. So wirbt Ford für sein Modell Escort mit dem Slogan "Wo ein Escort ist, ist auch ein Sieg nicht weit". Opel suggerierte Diplomat-Käufern einen Typ. "bereit, jede Herausforderung anzunehmen". Citroen versicherte, daß von seinen "Wagen viele Autofahrer nur das Heck" sähen. Der Deutsche Automobilclub rügte das "künstliche Sportwagen-Flair" und stellte fest, daß diese Werbung den Eindruck einer "permanenten Rallye" auf den Bundesstraßen erwecke.
Nachlassende Erfolge des Ferrari-Rennstalls beeinträchtigten auch den Umsatz. Die Firma mußte Fiat zur Hälfte beteiligen. Während der Ferrari-Flaute auf den Rennstrecken steigerte der im Grand-Prix-Sport erfolgreichere englische Sportwagen-Hersteller Group Lotus Car Ltd. in Norwich bereits 1968 den Umsatz um 58 Prozent auf 4,4 Millionen Pfund.
Auch Rindt steuerte einen der leichten, aber besonders anfälligen Lotus-Rennwagen. Den nur 530 Kilo wiegenden Lotus-Leichter trieb ein 430-PS-Motor auf Spitzengeschwindigkeiten bis nahezu 350 km/h. Bei Lotus wurde zuweilen Realität, was der VW-Konstrukteur Ferdinand Porsche einmal im Ulk karikiert hatte: "Der beste Rennwagen gewinnt gerade noch und zerfällt auf der Ziellinie in seine Bestandteile."
In den letzten drei Jahren starben drei Grand-Prix-Fahrer in einem Lotus. Der zweimalige Weltmeister Graham Hill verunglückte seit 1968 neunmal in Lotus-Modellen. "Jedesmal wenn mich mein eigenes Rad überholt", unkte er mit Galgenhumor, "weiß ich, daß ich in einem Lotus sitze."
Rindts Monteur Peter Kerr gestand nach dem Todessturz: "Dieser Lotus 72 hatte mich schon immer beunruhigt -- bis Monza hatte Jochen einfach Glück gehabt, daß ihn die Bremsen nicht im Stich ließen. Als Rindts geschockte Fahrerkollegen Stewart und Hulme die Weiterfahrt verweigern wollten, pochten die Manager und Veranstalter auf ihre Verträge. "Es ist sein Geschäft, Rennen zu fahren", wehrte Patrick Moohn, Rennleiter der Reifenfirma Dunlop, deren Produkte auch Stewart benutzt, die Bedenken des Titelverteidigers ab.
Auch Rindts Geschäfte laufen weiter. Während Funktionäre des Österreichischen Automobilklubs die Leiche nach Graz überführen und beisetzen ließen, bestätigten sie, daß die für November geplante Jochen-Rindt-Show in Wien stattfindet. Neuer Titel: "In memoriam Jochen Rindt".
Auch ein Rennen auf der österreichischen Strecke Langenlebarn, das Rindt bereits dreimal gewonnen hatte, wurde am letzten Sonntag eilends umbenannt. Es heißt jetzt Jochen-Rindt-Gedenk-Rennen.

DER SPIEGEL 38/1970
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