14.09.1970

IST MARTIN WALSER NAIV?

Ist die Deutsche Bank naiv?“ So hatte Martin Walser in seiner Kritik des Bank-Jubiläumsbuches ironisch gefragt (SPIEGEL 55/1970). Dr. Wilhelm Vallenthin, Vorstandsmitglied der Deutsche Bank AG, antwortet dem Schriftsteller in einer Kritik der Kritik.
Martin Walser, nach eigener Aussage "Gedankenpendler zwischen Passau und Pankow", hat einmal erklärt: "Gedanken mache ich mir nicht, ich mache Sätze." Sicher meint er das nicht wörtlich, Trotzdem muß man an dieses Eingeständnis denken, wenn man seine Rezension von Fritz Seidenzahls Buch "100 Jahre Deutsche Bank" liest. Der Schriftsteller hat sich mit dieser Besprechung auf ein ihm fremdes Gebiet begeben.
Wenn man die Tätigkeit der Deutschen Bank in den hundert Jahren ihres Bestehens -- wie Walser es tut -- mit der Brille Lenins und ausgerüstet mit dem Pseudowissen des Ost-Berliner Autors Czichon betrachtet (dessen Buch "Der Bankier und die Macht" von Unwahrheiten strotzt und gegen den die Deutsche Bank Klage erhoben hat), dann kann sich nur ein Zerrbild ergeben.
Die Deutsche Bank im Lichte des historischen Materialismus der Jahrhundertwende: Das muß wie ein Gruselstück erscheinen. Dann wird aus der Finanzierung der Bagdadbahn -- was man heute schlicht als Entwicklungshilfe bezeichnen würde -- ein kapitalistisches Bubenstück und ein Akt des Imperialismus. Dann sind die Gründung der European American Banking Corp., 1968, die Zusammenarbeit der Deutschen Bank mit einer englischen, einer holländischen und einer belgischen Bank im "Europäischen Beratungsausschuß" suspekte "Kapitaloffensiven", um sich die Welt gefügig zu machen. Im Grunde kann man mit Walser nicht streiten. Seine Darstellung ist Weltanschauung, ist Leninismus reinsten Wassers. Die Deutsche Bank versteht sich als ein den Gesetzen unserer Gesellschaftsordnung verpflichtetes Unternehmen. Von hier zu Walser führt keine Brücke.
Er wirft der Deutschen Bank Naivität vor. Wer ist hier naiv? Er spricht von der Begebung von Anleihen als von Akten, die dazu dienen, "einen anderen zum abhängigen Schuldner zu machen, um aus ihm dann Zinsen herauszuwirtschaften". Man fühlt sich an den von den Nationalsozialisten benutzten Begriff der "Zinsknechtschaft" erinnert. Soll das heißen, die Deutsche Bank habe mit ihren Anleihen an Japan, Australien, Kanada, Argentinien, um nur einige zu nennen, sich diese Länder abhängig gemacht? Und wie steht es mit dem sogenannten Röhrenkredit an die UdSSR?
Hat Walser noch nie darüber nachgedacht, wozu Kredite verwandt, welche Werte durch sie geschaffen werden? Ist ihm nie bewußt geworden, wie die Leistung der gesamten Volkswirtschaft, die Größe des Sozialprodukts durch die Kreditgewährung der Banken und ihre Anleihetätigkeit gesteigert werden? Wer so primitiv über das Wesen von Krediten denkt, sollte sich über Wirtschaftsdinge kein Urteil anmaßen.
Walser widerspricht sich selbst. Einerseits klagt er die Deutsche Bank an, daß sie Kredite gebe und Finanzierungen vornehme, ohne an die politischen Folgen zu denken. Andererseits wirft er ihr Ausübung "illegitimer politischer Macht" vor. Mit solchen Gegensätzen, die einander aufheben, ist die verantwortungsvolle Stellung einer großen Bank nicht zu umschreiben.
Wenn Seidenzahl nachweist, daß das Geld der Bank "jetzt" aus allen Schichten der Bevölkerung kommt, dann paßt das nicht in Walsers Vorstellung der undemokratischen Monopolbank. Über zwei Millionen Sparer aus allen Schichten haben der Deutschen Bank heute fast acht Milliarden Mark Spareinlagen anvertraut. Sie hat über 800 000 Kreditnehmer und fast 100 000 Aktionäre.
Walser will es nicht fassen, daß eine Bank "immer" und "ohne Pause" weiterarbeitet, ungeachtet des Wechsels von Regierungen. Wünscht er, daß ein Dienstleistungsunternehmen wie eine Bank seine Tätigkeit über Nacht einstellt, den Millionen Sparern die Gelder ins Haus trägt und Tausenden von Unternehmen die Kredite kündigt, weil die Regierung sich geändert hat? Was würde er denken' wenn andere Dienstleistungsbetriebe so handelten?
Er attestiert zwar, "es wäre allerdings unsinnig' aus der Deutschen Bank ein Partei-Institut und aus ihren Direktoren Nazis machen zu wollen", wagt aber die kühne Behauptung, "daß sich nach einem gewonnenen Krieg nicht Himmler und die "Gauwirtschaftsräte' durchgesetzt hätten, sondern Göring plus IG Farben plus Deutsche Bank". In Wirklichkeit galt der Vorstand der Deutschen Bank im Dritten Reich als "politisch unzuverlässig".
Walser bezeichnet die Jubiläumsschrift der Deutschen Bank als eine "Selbstdarstellung". Das trifft nicht zu. Es handelt sich um eine Schrift von Fritz Seidenzahl. Er hatte den Auftrag, die Bankgeschichte zu schreiben, ihm wurde alles im Besitz der Bank befindliche Material zur selbständigen Bearbeitung zur Verfügung gestellt. Er nahm Einblick in die Archive der westlichen Welt, so auch in Paris, London, Washington. Er hatte keinerlei Weisungen oder Richtlinien, was er schreiben sollte oder was von ihm erwartet wurde.
Seidenzahl ist tot, er kann sich selbst nicht mehr wehren. Seinen Auftrag hat er vollkommen unabhängig erfüllt als der angesehene Wirtschaftsjournalist, der er war und für alle, die ihn kannten, bleiben wird, trotz Walser.

DER SPIEGEL 38/1970
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