16.11.1970

Dorothee Sölle über Heinz Zahrnt: „Gott kann nicht sterben“WEIL ER HERR BLEIBEN SOLL?

Heinz Zahrnt, 55, theologischer Redakteur der evangelischen Wochenzeitung „Deutsches Allgemeines Sonntagsbiall“, errang 1966 mit seinem Buch „Die Sache mit Gott“ einen Bestseller-Erfolg. -- Dorothee Sölle, 41, Theologin und Philologin, ist vor allem durch die Schrift „Atheistisch an Gott glauben“ als radikale Linksprotestantin bekannt geworden. Zusammen mit ihrem zweiten Mann, Ex-Benediktinerpater Fulbert Steffensky, gründete sie 1968 in Köln den ökumenischen Arbeitskreis „Politisches Nachtgebet“.
Heinz Zahrnts Verdienst besteht darin, daß er eine Vermittlerposition einnimmt zwischen einer Theologie, die weithin in Parteichinesisch verfaßt ist, und einem religiös noch interessierten, kirchlich meist frustrierten Publikum. Man muß diese Rolle gerade in Deutschland, wo auch in der Theologie Un- oder Schwerverständlichkeit immer noch mit Wissenschaftlichkeit verwechselt wird, verteidigen.
Die Funktion Zahrnts ist es, den "Gebildeten unter ihren Verächtern" die neueren Entwicklungen der Theologie verständlich zu machen und sie aufzuklären über das, was als "Unruhe in den Kirchen" umgeht. Er bemüht sich, ihnen Angst und Befremdung zu nehmen. Er versöhnt an seinem Platz Vernunft und Glauben, er vermittelt dabei die theologischen Generationen miteinander, erklärt den älteren, worunter die Jungen leiden, und dolmetscht umgekehrt die Antworten der Alten, indem er den Jüngeren zeigt, aus welchen Fragestellungen sie erwuchsen.
Zahrnts Position läßt sich als "gemäßigt progressiv" bestimmen. Die äußerste theologische Rechte, die Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium", hat ihn schon vor Jahren scharf angegriffen. Spaßeshalber sei erwähnt, daß er in der atheistischen Sowjet-Zeitschrift "Nauka i religija" als "strenggläubiger katholischer Publizist" erscheint, den man zu jenen kirchlichen Propagandisten rechne, "die es verstehen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen".
So schlecht informiert der Sowjet-Journalist über "Pater" Zahrnt ist -- er hat eine Tendenz des neuen Buches erfaßt. In der theologischen und politischen Linken wird es keine Freunde gewinnen. Die Vermittlung, die noch in "Die Sache mit Gott" überzeugte, ist hier mißglückt.
Das neue Buch weist eine Reihe von formalen Mängeln auf: Der Aufbau ist nicht zwingend. Wiederholungen verbreitern unnötig. Die Darstellung ist ein wenig provinziell, weil sie sich im wesentlichen auf den deutschen Protestantismus beschränkt. Der Gegner bleibt ungreifbar. Ist er "das Gerücht" vom Tode Gottes? Sind es einzelne Theologen? Wie hängen sie mit denen, die politische Theologie betreiben, zusammen? Die induktive Methode wird zwar angepriesen, aber nicht befolgt. Es findet kein Fortschreiten der Erkenntnis statt. Stilistisch sind ein paar Banalitäten zuviel in diesem Buch, Sätze, die ich als peinlich empfinde, etwa: "Jede noch so gerechte Revolution trägt einen ambivalenten Charakter." Muß man so etwas sagen? Wem denn? Und in wessen Interesse?
Diese Formalia haben natürlich in der Sache liegende Gründe. Zahrnt hat Verständnis für die radikale Fragestellung, er ist aber nicht bereit, überfällige Konsequenzen zu ziehen. Er weiß zwar mit der Mehrheit der heutigen progressiven Theologen, daß "der Gott, der als ein ... überweltliches und in diesem Sinne jenseitiges, persönliches Wesen
in die Welt hineinfunkt", tot ist -- gleichwohl unterstellt er, die Feststellung dieses Todes sei "genau so eine metaphysische Aussage" wie die Behauptung Gottes und "ein logischer Widerspruch".
Er weiß zwar -- in seinem besten Kapitel -, daß alle theologischen Sätze verifizierbar sein müssen, das heißt, nur als andere Praxis herstellende oder doch postulierende Sätze sinnvoll sind. Trotzdem übernimmt er die Behauptung, die politische und radikale Theologie predige nur das Gesetz, nicht das Evangelium. In eigener Sache, der des Politischen Nachtgebets, zu reden: Zahrnt weiß natürlich, daß ein zentraler Punkt, an dem wir arbeiten, "Meditation", religiöse Sprache, Rückgriff auf biblische Tradition und die dort gegebenen Versprechen ist; aber er verschweigt diese Information, weil sie ins Klischee "atemlos-hektisch-ängstlich-angestrengt" nicht paßt.
Zahrnt weiß auch, daß das Problem der Theodizee (Rechtfertigung Gottes) im Rahmen der herkömmlichen Theologie nur unterdrückt, nicht gelöst werden kann. Mit Bonhoeffer und anderen sagt er: "Der Gott der Christen leidet mit den Menschen mit." Nur muß man dann auch die Konsequenzen benennen und zugeben, daß dieser Gott nicht mehr allmächtig genannt werden kann.
Diese Widersprüche bleiben unaufgearbeitet. Der Ansatz der radikalen Theologie wird bejaht, aber nicht durchgehalten. Bejaht wird die Kritik an dem theistischen, von außen eingreifenden Himmelswesen, aber sie wird durch den Rekurs auf das Personsein Gottes wieder zurückgenommen und verschleiert, weil der biblisch-personale Gott, so unscharf er bei Zahrnt wird, Immer noch Herr bleiben soll, der Macht und Autorität beansprucht.
Zahrnt realisiert nicht, was mittels des Gottes, der "nicht sterben kann", angerichtet oder bemäntelt wird. Wer die Liebe ableiten zu müssen glaubt, wer sie einer Autorität, einer Macht unterordnet, der wird diese Macht weiterhin zum Alibi der verweigerten Liebe machen. Er wird die Tradition des Großinquisitors fortsetzen. Das Interesse der politischen und der radikalen Theologie richtet sich auf den Abbau der Ideologie "Gott", der zur Rechtfertigung des Bestehenden gebraucht wurde und auf den Herrschaftsträume und Omnipotenzwünsche projiziert werden.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Zahrnt genau das Ist, was studentischer Jargon einen "Scheißliberalen" nennt. Darunter versteht sich: Toleranzbreite; Fähigkeit, andere zu verstehen; Abstand von den Dingen; eine gewisse Gerechtigkeit; historisches Wissen, das zum Einordnen und Urteilen befähigt; Skepsis und Vorsicht bei Prognosen; vielleicht auch: une certaine tristesse.
Darunter versteht sich nicht, was wir heute brauchen: Parteilichkeit der Wahrheit; Fähigkeit, andere, weil sie Menschen betrügen, zu verurteilen; Leiden an dem, was der Fall ist; eine gewisse Ungerechtigkeit und ein langer Zorn; historisch-materialistisches Wissen, das zum Suchen nach Lösungen auffordert; Selbstkritik und Entwürfe der Zukunft; eine andere Art Leiden, das mit "Auferstehung" zu tun hat.
Von Dorothee Sölle

DER SPIEGEL 47/1970
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