27.12.1971

Eine Chance für den Trottel

Der Filmkomiker W. C. Fields (1879 bis 1946) wird in den USA seit 50 Jahren als „nationales Sinnbild des Komischen“ ebenso hochgeschätzt wie Charlie Chaplin oder Buster Keaton. In Europa jedoch ist der klassische Filmclown nie recht bekannt geworden. Der NDR zeigt in sieben Folgen 13 der wichtigsten Filme mit W. C. Fields.
Er war "der echteste Humorist seit Mark Twain". der "nobelste aller Spitzbuben", der "glorreichste Trunkenbold dieses Jahrhunderts". Sein Publikum, so der Biograph Robert Lewis Taylor, hielt ihn gar "für den größten Komiker, den die Welt je gekannt hat".
Dennoch blieb das komische Genie W. C. Fields jenseits der Grenzen US-Amerikas weithin unbekannt. Wo Fields' nasaler Akzent, seine Angebereien und sublimen Flüche ("Godfrey Daniel!") nicht verstanden wurden, war seine Wirkung beschränkt.
Nun will das Fernsehen den bulligen Kleinbürgertyp mit den Schweinsäuglein und der Kartoffelnase den TV-Konsumenten nahebringen. Am ersten Weihnachtstag startete das Dritte NDR-Programm eine Fields-Retrospektive, die am Silvesterabend (21.50 Uhr) fortgesetzt wird und bis zum kommenden März insgesamt 13 wichtige Fields-Werke darbietet.
Ob Fields hierzulande ankommt, ist ungewiß. Denn anders als Charlie Chaplins komische Romanzen oder Buster Keatons schwermütige Hanswurstiaden sind Fields Komödien von beispielloser Bösartigkeit. Fields war, hinter der Maske behaglicher Bonhomie, ein wahrer Menschenfeind.
In 40 Filmen spielte er den Biedermann, der gegen seine Umwelt einen hinterhältigen Kleinkrieg führte. Er war ein Duckmäuser und Feigling, ein Lügner. ein Betrüger und brutaler Prahlhans, der vorzugsweise Untergebene. Kinder und Ehefrauen terrorisierte.
Als Whiskytrinker, Kartenspieler, immer vor Furcht schwitzend, ging er mit weißen Handschuhen, Gehstock und übergroßen Zylinderhüten durch die bornierte Welt des amerikanischen Mittelstandes und suchte Streit. Eine komische Erfindung? "Er spielte", sagt Carlotta Monti, Fields langjährige Geliebte, "immer nur sich selbst."
Konsequent hat Fields seine privaten Abneigungen und Vorlieben, seine Tugenden und Laster ins Kino-Bild gerückt. Seine Leinwand-Kriege gegen Eheweiber, Schwiegermütter und aufdringliche Kinder gehen auf Kindheits-Erfahrungen zurück. Als Elfjähriger hatte er das Elternhaus für immer verlassen und später auch die eigene Frau und den Sohn nicht lange ertragen -- Familienleben war ihm einfach lästig.
Fields' Film-Fehden mit dem Kleinkinderstar Baby LeRoy gehören zu den Hollywood-Legenden. Bewarf ihn der Knirps, wie es das Drehbuch vorschrieb. mit Eingemachtem, dann rächte sich Fields in den Drehpausen auf seine Weise: Er kippte dem Knaben Gin in den Orangensaft. "Jemand, der Hunde und Kinder haßt", so lautete Fields' Devise, "kann nicht ganz schlecht sein."
Vor allem seine Liebe zum Geld jedoch äußerte sich stets drastisch. "Wenn du mich aufheitern willst", sagte er dem Schauspieler-Freund John Barrymore, der ihm einen Krankenbesuch machen wollte, "dann bring Geld. Und gib dir keine Mühe mit dem Einwickeln. Ein großes Gummiband reicht völlig."
Zwei Vorlieben, die Fields immer wieder vor der Kamera darbot, beschäftigten ihn jein Leben lang: das Jonglieren und das Saufen. Beides hatte er etwa zur gleichen Zeit -- mit zwölf Jahren -- begonnen; und er hatte es darin zur Meisterschaft gebracht:
Zwei Liter Martini täglich (sechs Teile Gin, ein Teil trockener Wermut) dienten ihm als Tranquilizer -- als "Berufsaufwendungen" versuchte er diesen Alkohol-Konsum (7350 Dollar jährlich) von der Steuer abzusetzen und hatte im übrigen nur eine Sorge: "Ich hoffe, das Trinken macht mich nicht zu einem liebenswerten Charakter."
Fields' Markenzeichen jedoch waren seine Jongleur-Künste. Er konnte beiläufig eine Zigarre durch die Luft wirbeln, eine Treppe hinunterfallen, ohne den Drink in der Hand zu verschütten, und bei Zweikämpfen mit widerspenstigen Billard-Stöcken oder Golfschlägern schien gelegentlich die Schwerkraft aufgehoben -- Reminiszenzen an die Kunst, mit der er schon vor seiner Filmzeit Weltruhm erlangt hatte.
Zuerst hatte Fields, 1879 als Sohn eines Londoner Immigranten in Philadelphia geboren, mit den Früchten vom Gemüsekarren seines Vaters trainiert. Als er 14 war, bekam er sein erstes Engagement (zehn Dollar Wochengage) und war mit 21 Jahren bereits -- so hat er sich selbst annonciert -- der "größte Jongleur der Erde". Er war der Star im Berliner Wintergarten und in den Pariser Folies-Bergère und verdiente im amerikanischen Vaudeville-Theater bald 1000 Dollar pro Woche.
Hollywood, das viele Varieté-Größen vom Broadway weg engagierte, nahm Fields schon früh, 1915, unter Vertrag. Doch erst als die Bilder sprechen lernten, wurde Fields zum "nationalen Sinnbild des Komischen" (Biograph Taylor) -- und zum Schrecken Hollywoods:
Er machte alles anders, verstümmelte Drehbuchtexte und versuchte sogar in einer ernsthaften Verfilmung des "David Copperfield" seine erfolgreiche Billard-Gaukelei unterzubringen. "Sein Hauptzweck", sagte einer der Studio-Leiter, "schien darin zu bestehen, so viele Regeln wie möglich zu brechen und jedermann den größtmöglichen Ärger zu bereiten."
Der Erfolg gab Fields am Ende dennoch recht. Einmal durfte er einen Film machen, "wie ich es will". "Never Give a Sucker an Even Break" (Gib niemals einem Trottel eine Chance) wurde, so "The New York Times", "die vielleicht perfekteste freie Film-Farce, die je gedreht wurde".
Darin versucht Fields, als Fields, eine Geschichte an den Produzenten zu bringen, in der er als Vertreter für Muskatnüsse nach Mexiko reist, aus dem Flugzeug ohne Fallschirm einer Whiskyflasche hinterherspringt und weich auf dem Gipfel eines Berges im Bett einer liebestollen Dame landet, die von einem Gorilla bewacht wird. Zwischendurch besucht Fields auch mal ein Studio, in dem ein ganz anderer Film gedreht wird. Es wird nie ganz klar, welcher Film gerade spielt: der "Sucker", eine ganz andere Produktion oder die Geschichte, die Fields an den Mann bringen will.
In die abstruse Handlung packte Fields noch einmal all die oft erprobten Gags. Er betrügt und wird betrogen, er jagt nach Schnaps, Geld und Erfolg, und hin und wieder fällt ihm auch einmal ein Felsbrocken auf den Kopf. "Bist du verletzt, Onkel Bill?" fragt ihn die Nichte Gloria teilnahmsvoll. "Sei nicht albern", schnarrt Fields zurück, "warum sollte ein Fels, der aus tausend Fuß Höhe auf meinem Schädel landet, mir irgendwelchen Kummer machen?"
Nur auf das Jonglieren hat Fields im eigenen Film verzichtet. Eine Arthritis hatte seine Finger steif werden lassen; sein Körper war vom Alkohol aufgeschwemmt und unbeweglich geworden.
"Ein Komödiant zu sein", sagte der Komödiant am Ende seines Lebens. "ist die traurigste Sache der Welt." Als Fields am 1. Weihnachtstag vor 25 Jahren an einer Leberzirrhose starb. verabschiedete er sich auf angemessene Weise: "scheiß auf die ganze gottverdammte Welt", sprach er und verschied.

DER SPIEGEL 53/1971
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