29.11.1971

TEXACO-STREIKGezinkte Karten

In den Produktionsstätten der fünftgrößten Mineralölfirma der Bundesrepublik, der Deutschen Texaco, wird seit Anfang voriger Woche um einen neuen Haustarif gestreikt.
In den letzten Wochen erhielten 4950 Angestellte und Arbeiter der Deutschen Texaco mehrmals Post von ihren Firmenchefs. Die "Lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter" wurden darin aufgefordert, die Streikparolen ihrer Gewerkschaft nicht zu beachten. Denn: "Die an uns gestellten Forderungen, die in ihrer Höhe völlig aus dem Rahmen fallen, stehen im krassen Widerspruch" zu den Bonner Bemühungen um Lohn- und Preisstabilität.
Die gewerkschaftlich organisierten Texaco-Bediensteten waren jedoch anderer Meinung: In einer Urabstimmung der Industriegewerkschaft Chemie -- Papier -- Keramik stimmten 98 Prozent der Wahlberechtigten für einen Streik zur Durchsetzung einer zehnprozentigen Lohn- und Gehaltserhöhung, die durch eine vierprozentige "Angleichung der Löhne und Gehälter an die anderen internationalen Mineralölgesellschaften" ergänzt werden soll.
Obwohl die tariflichen Texaco-Löhne und -Gehälter etwa sieben Prozent unter den Haustariflöhnen anderer Branchenfirmen liegen, lehnte die Hamburger Zentrale die bereits im vergangenen Jahr einmalig gewährte Vierprozent-Angleichung ab. Von den zusätzlich geforderten zehn Prozent wollte sie lediglich acht Prozent gewähren.
Für die Gewerkschaftsfunktionäre hatte das Unternehmer-Angebot den Charakter einer "Provokation". Denn ein Texaco-Facharbeiter verdient zur Zeit laut Haustarif 1240 Mark im Monat. Für die gleiche Arbeit erhält ein Shell-Mitarbeiter 1399 Mark, ein Esso-Bediensteter gar 1458 Mark monatlich.
In einem Brief vom 12. November. der auch an die Ehefrauen adressiert war, warb der Texaco-Vorstand bei den Mitarbeitern für sein mageres Angebot um Verständnis. So habe sich der "Mehrverbrauch an Kraftstoffen und Heizöl" stark abgekühlt, und bei Heizöl seien Preiseinbrüche zu verzeichnen.
Nach Ansicht der Gewerkschaften beweisen solche Behauptungen nur, daß die Mineralölmanager mit "gezinkten Karten spielen". "Die deutschen Töchter" amerikanischer Mineralölkonzerne seien nämlich durch Abnahmeverträge verpflichtet, einen überhöhten Preis für Rohöl zu zahlen, so daß die Konzernherren in Übersee "auf Kosten der Töchter" hohe Gewinne einstreichen.
Den Beweis für solche Behauptungen lieferte die Texaco selbst im Herbst dieses Jahres. In einer Presseinformation der New Yorker Zentrale rühmte sich der Konzern (Weltumsatz: 21 Milliarden Mark), von Januar bis September 1971 einen "konsolidierten Reingewinn" von 2,2 Milliarden Mark erzielt zu haben -- 15,7 Prozent mehr als im Vorjahr.
Vor ihren deutschen Kleinaktionären -- ihnen gehören nur noch 3.1 Prozent des Aktienkapitals -- bemüht sich die Texaco, solche Gewinnverschiebungen zu vertuschen. Erst nach einem Gerichtsbeschluß des Hanseatischen Oberlandesgerichts Hamburg mußte die Firma ihren Aktionären mitteilen, daß ihre sogenannten Verrechnungspreise über denen des freien Marktes liegen.
Wie abhängig die deutschen Texaco-Vorstandsmitglieder von der New Yorker Zentrale sind" konnten die Gewerkschafts-Unterhändler bei den Tarifkonferenzen im Hamburger Mittelweg 180 feststellen. Eine Sitzung wurde zum Beispiel vom Texaco-Verhandlungsführer mit dem Hinweis abgebrochen: "Heute hat das keinen Zweck mehr, wir haben keine weiteren Anweisungen aus Amerika."
Die totale Abhängigkeit von den New Yorker Bossen kompensierten die Texaco-Manager mit einem besonders forschen Auftreten. Erinnert sich IG-Chemie-Geschäftsführer Walter Holst: "Das waren die miesesten Verhandlungen. die ich je erlebt hatte. Noch nie sind wir von einem Tarifpartner so kalt und unverbindlich abgefertigt worden."
Bis zuletzt hofften die Gewerkschaftsfunktionäre noch auf einen akzeptablen Kompromißvorschlag der Texaco. Hätte die Firma der geforderten Vier-Prozent-Angleichung zugestimmt. wäre Funktionär Holst mit acht anstelle der geforderten zehn Prozent zusätzlicher Lohnerhöhung zufrieden gewesen. Holst: "Acht Prozent hätten wir geschluckt." Ein solches Zugeständnis wäre für die Firmenfinanzen kaum eine Belastung gewesen, denn der Anteil der Tariflöhne und -gehälter am Umsatz (1970: 2,7 Milliarden Mark) beträgt nur etwa 2,5 Prozent.
Die Kampfentschlossenheit ihrer gewerkschaftlich organisierten Mitarbeiter machte auf die Texaco-Chefs wenig Eindruck. Unmittelbar nach Streikbeginn wurden strategiegemäß außertarifliche Angestellte als Streikbrecher abkommandiert, denen zuvor in Blitzkursen proletarische Fertigkeiten beigebracht worden waren.
Im Hamburger Tanklager zum Beispiel kletterten Angestellte aus der örtlichen Verkaufsniederlassung auf Fahrersitze von Tankwagen und Gabelstaplern. In der Telephonvermittlung übernahm zeitweise ein Abteilungsleiter der Zentrale das Kommando. Und im Mineralölwerk Grasbrook mußten sich drei Abteilungsleiter sogar als Lokomotivführer betätigen. Frohlockte Texaco-Pressesprecher Dr. Johannes Leiner: "Die Auslieferung geht normal weiter."
Sollte es den Streikenden gelingen, die Auslieferungslager und die Texaco-Großraffinerie Heide (Holstein) dennoch völlig stillzulegen, brauchen die Großabnehmer und die 5000 Tankstellen der Firma nicht befürchten, daß der Nachschub ausbleibt. Die Texaco-Manager können nämlich auf Zulieferungen von Tochtergesellschaften und Konkurrenzunternehmen wie Esso, Gelsenberg und Fina hoffen, mit denen sie Verarbeitungsverträge haben.
Vorsichtshalber hat sich die IG Chemie auf einen langen Arbeitskampf eingerichtet. Streikleiter Engelmohr: "Wir lassen uns nicht bange machen. Notfalls streiken wir bis Weihnachten 1972."

DER SPIEGEL 49/1971
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