29.11.1971

MEDIZINHungernde Herzen

99 Prozent aller Infarkte, so behauptet der Stuttgarter Mediziner Berthold Kern, seien mit ein paar Pillen täglich zu verhüten. Bei einem Ärzte-Disput in Heidelberg wurden Kerns Thesen zerpflückt.
Nur wer das persönliche Einladungsschreiben vorwies, durfte den Versammlungsraum betreten. Im Heidelberger Höhenrestaurant "Molkenkur", hinter verriegelten Nebeneingängen wie in der Kantine von Fort Knox, traf sich die Creme der westdeutschen Herzmedizin.
Dort, wo einst die Begum Feste feierte, debattierten am vorletzten Wochenende mehr als 80 Professoren, Chefärzte und Kardiologen mit einem Außenseiter ihrer Zunft, der in den voraufgegangenen Wochen und Monaten Hunderttausende von Herzpatienten in der Bundesrepublik in Zweifel und Unsicherheit versetzt hatte: Dr. Berthold Kern, 60, Facharzt für Innere Krankheiten aus Stuttgart.
Der schwäbische Internist, gestützt von einer kleinen Schar Gleichgläubiger, vertritt -- nun schon seit einem Vierteljahrhundert -- die Auffassung, daß die gesamte Schulmedizin vorsätzlich in schwerem Irrglauben verharre: Der Herzinfarkt, so Kern, sei in Wahrheit nicht, wie Mediziner überall in der Welt zu wissen meinten, vor allem auf eine Verengung der Herzkranzarterien zurückzuführen (die den Pumpmuskel mit sauerstoffreichem Blut versorgen). Vielmehr sei der Infarkt als Folge einer chemischen Kettenreaktion aufzufassen, die ausschließlich im linken Herzmuskel ausgelöst werde -- und durch regelmäßige Medikamentengabe zu verhüten sei.
Erstmals hatten sich nun renommierte westdeutsche Mediziner in Heidelberg bereit gefunden, über die abenteuerlichen Hypothesen Kerns zu diskutieren. Sie sahen sich dazu veranlaßt, seit die Offenburger "Bunte Illustrierte" in Millionenauflage und seit schließlich auch das Deutsche Fernsehen Kerns Herzinfarkt-Theorie verbreitet hatten. Einhellig kamen sie auch in Heidelberg zu dem Schluß. daß es sich bei den Kernideen um ein "geschlossenes Wahnsystem" handle (so der bayrische Kardiologie-Professor Max Halhuber) -- zum Schaden der dadurch verunsicherten Patienten.
Solcher Schaden war 20 Jahre lang vermieden worden -- so lange nämlich hatte der Stuttgarter Arzt seine exotisch anmutenden Herz-Gespinste nur in einem kleinen Kreis von Anhängern ausgebreitet, ohne daß ernst zu nehmende Mediziner sie beachtet hatten. Doch dann, 1967, nahm sich die "Bunte Illustrierte" zum erstenmal des auflagenträchtigen Themas an: 50000 Patienten, so fabulierte das Blatt, seien durch regelmäßige Einnahme von Strophanthin-Tabletten vor dem Herzinfarkt bewahrt worden, damit sei die "Pille gegen den Herzinfarkt" gefunden.
Den Glauben an Strophanthin, das die Mediziner allenfalls zur Stärkung des Herzmuskels, keinesfalls aber zur Verhütung eines Infarktes einsetzen, hat Kern bis heute nicht verloren. Und die "Bunte" wärmte auch in ihrem neuen Kern-Bericht im September dieses Jahres die Strophanthin-Legende wieder auf ("Mein Herz hat Strophanthin-Hunger").
Es war nicht das erstemal, daß die Massenillustrierte (Auflage: 1,8 Millionen Exemplare) des Offenburger Verlegers Franz Burda mit den Hoffnungen und Ängsten ihrer unkritischen Leserschar Geschäfte machte. Mehrmals waren es angebliche Wunderheilmittel gegen Krebs, über die das Blatt in großer Aufmachung berichtete -- 50 1961 ein "Krebsmittel" aus Uruguay und drei Jahre später "Bamfolin", ein Extrakt aus getrocknetem Bambusgras. Daß die uruguayische Wunderdroge, wie ihr angeblicher Erfinder später eingestand, "außerhalb ihres Heimatortes" nicht wirkte, und daß auch "Bamfolin" in Wahrheit nichts gegen Krebs vermochte, konnte Burdas "Bunte" nicht beirren.
Diesmal, bei der Neuauflage der Kernschen Infarkt-Mutmaßungen, gelang es dem verantwortlichen "Bunte"-Redakteur Peter Schmidsberger sogar, einen für "Bunte"-Leser klangvollen deutschen Forschernamen zur Abstützung heranzuziehen: Der Dresdner Physiker Professor Manfred von Ardenne, mit eigenwilligen (in der Praxis aber bislang erfolglosen) Vorschlägen zur Krebsheilung bei Fachmedizinern schon in einigem Verruf, stellte sich hinter Kerns Infarkt-Thesen.
Noch größere Verwirrung aber stiftete diesmal die Verbreitung der abstrusen Kern-Ideen, als sich, zugleich mit dem Erscheinen der Offenburger Illustrierten, das Münchner Fernsehmagazin "Report" des Themas annahm. Ausführlich durfte der Stuttgarter Außenseiter vor (so die Schätzungen) zwölf bis 14 Millionen Fernsehzuschauern sein Infarkt-Vorsorgemittel Strophanthin propagieren und die Schulmedizin angreifen, dabei noch unterstützt von "Report"-Kommentator Dieter Hanitzsch.
"Report" -Kommentator Hanitzsch in der Sendung: "Bedeutet das, daß die Mehrzahl unserer Ärzte die Patienten, die an Herzschäden leiden, falsch behandelt?" Dr. Kern: "Ja." Die soliden Gegenargumente angesehener Kardiologen wie Professor Gotthard Schettler, Heidelberg, und Professor Halhuber von der bayrischen Klinik Höhenried kamen (mittels Schnittechnik) in dem "Report"-Beitrag "kaum zur Geltung.
Aber nicht nur im Fernsehen, auch sonst ging Kern über gesicherte Befunde der Medizin mit dem Großmut eines Heilslehrers hinweg. "Was aus der Sache heraus geklärt ist", verkündete er beispielsweise Anfang November auf einem Kongreß seiner Gefolgsleute in Wiesbaden, "braucht nicht mehr durch Abzählen nachgeprüft werden."
Den Wert von Röntgenaufnahmen oder EKG-Befunden, bewährten Spürhilfen auf der Suche nach lebensbedrohenden Gefäßverschlüssen, wollte er früher schon nicht gelten lassen: "Die Kardiologie", so Kern, "ist ihren paar diagnostischen Maschinen ... gegenüber hörig geworden." Gefäßverschlüsse, die bei der pathologischen Untersuchung von Infarkt-Toten gefunden wurden. wertet er als Folge, nicht aber als Ursache des Infarkts. "Es war", so resümierte das Ärztemagazin "Euromed" die Wiesbadener Tagung, "wie wenn Astro· logen und Astronomen miteinander zu reden versuchen."
Diesmal aber, in der Heidelberger "Molkenkur", hatte der Stuttgarter Außenseiter den massiven Argumenten erfahrener Herzspezialisten aus Westdeutschen Kliniken nichts mehr entgegenzusetzen.
Insgesamt 17 000 Patienten, so hatte Kern in seiner Statistik behauptet, habe er in der Vergangenheit mit Strophanthin vorsorglich behandelt; kein einziger von ihnen sei einem Infarkt erlegen.
Statistiker machten sich nun in Heidelberg die Mühe, Kerns Zahlenspiele zu zerrupfen: Bei den in Kerns Statistik aufgeführten Patienten fehlten sämtliche relevanten Daten, so beispielsweise über Alter, Geschlecht, Körpergewicht und Blutdruck der Patienten, über die Dauer der Behandlung oder auch über Risikofaktoren (beispielsweise Zigarettenrauchen), denen sie ausgesetzt waren. Auch über Kerns Diagnose-Kriterien -- ohne EKG und Röntgen
senkten sich schwere Zweifel: Wer auf der linken Seite nicht schlafen kann, so Kern, ist herzkrank.
Widerlegen ließ sich auch der Kernschen Hypothese zweiter Teil: daß Strophanthin, und zwar in Tablettenform, vom Körper "unzerstört" aufgenommen werde und am Herzen "hundertprozentig" seine infarktverhütenden Wirkungen entfalte.
In Wahrheit, so konstatierten in Heidelberg angesehene Pharmakologen wie etwa Professor Reinhard Aschenbrenner, Vorsitzender der Arzneimittel-Kommission der Deutschen Ärzteschaft, sei durch Untersuchungsreihen zweifelsfrei erwiesen, daß geschlucktes Strophanthin (im Gegensatz zum gespritzten) im Organismus allenfalls noch vier, höchstens zehn Prozent seiner pharmakologischen Wirksamkeit entfalten könne.
Entwickelt hatte Kern das Schluck-Strophanthin schon 1949, zusammen mit dem Mannheimer Pharma-Unternehmen Boehringer. Obwohl die Mannheimer Pharma-Hersteller über die mangelnde Wirkkraft des Präparats längst aufgeklärt scheinen, vertreiben sie es weiter. Ein Boehringer-Manager: "Wir würden es nicht mehr herstellen, wenn es nicht verlangt würde."
Der Kundenkreis der Strophanthin-Schlucker reicht offenbar durch alle sozialen Schichten, "auch viele leitende Angestellte" gehören dazu, "die Angst vor dem Infarkt haben", wie der Ludwigshafener Chefarzt Professor Helmut Gillmann betont. Verschrieben wird das Mittel offenbar vorwiegend von Kern-Anhängern in Süddeutschland, im näheren und weiteren Einzugsbereich der "Internationalen Gesellschaft für Infarktbekämpfung", die seine Verehrer inzwischen gegründet haben.
Die Gesellschaft freilich, in der sich der niedergelassene Arzt aus Stuttgart den Argumenten seiner Gegner stellte, schien wenig geeignet, seine Glaubwürdigkeit zu erhöhen. So suchte ihm in Heidelberg beispielsweise der Hannoveraner Mediziner Hans A. Nieper beizuspringen, der sich schon vor Jahren in aller Öffentlichkeit als Wissenschaftler disqualifiziert hatte: Beim Münchner Prozeß gegen Krebs-Arzt Issels hatte Nieper schlankweg behauptet, Krebs sei eine ansteckende Krankheit -- eine völlig unhaltbare Hypothese.
Doch auch von seinem Dresdner Gefolgsmann und Mitstreiter, dem "roten Baron" von Ardenne, hatte Kern wenig Hilfe. Ein "Starpapier" (so Kern), das der Dresdner Physiker zusammen mit ihm verfaßt hatte und das Kern-Mäzen Burda hatte vervielfältigen lassen, wurde heftig kritisiert -- aus Ost-Berlin.
Das Nationale Forschungsinstitut der DDR in Berlin-Buch, das die Ardenne-Ergebnisse nachprüfte" war nicht in der Lage, sie "zu reproduzieren beziehungsweise zu bestätigen" -- so der ·Leiter der Biochemischen Abteilung in Berlin-Buch, Professor Repke.
Annäherung zwischen DDR und BRD war auch nicht vonnöten bei der wissenschaftlichen Beurteilung des Strophanthin-Humbugs, den Kern und von Ardenne gemeinschaftlich vertraten. Letzte Woche distanzierte sich -- wie sein Kollege Aschenbrenner -- auch der Direktor des Instituts für Pharmakologie an der Ost-Berliner Humboldt-Universität, Professor Friedrich Jung, von dem Ost-West-Gemeinschaftswerk. Jung: "Es ist schrecklich."

DER SPIEGEL 49/1971
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