20.12.1971

Jugoslawien: Zerfällt Titos Lebenswerk?

Mit Militärhilfe aus Belgrad würde die kroatische Parteiführung gestürzt -- wegen „Nationalismus“. Kroatische Studenten demonstrierten gegen die Belgrader Zentrale. Bricht der jugoslawische Bundesstaat noch zu Lebzeiten Titos auseinander? Titos dramatische Säuberung zeigt: Der jugoslawische Reform-Kommunismus ist in Gefahr.
Dreißigtausend Studenten der jugoslawischen Teilrepublik Kroatien streikten elf Tage lang, wofür sonst noch nirgends Studenten gestreikt haben: für mehr Devisen. Für Jugoslawiens Kommunisten wuchs sich der Protest zur "tiefsten Krise seit fünfzig Jahren" aus -- so das Beigrader Abendblatt "Vecernje Novosti".
Im Tito-Staat lassen jeden Sommer West-Urlauber kostbare West-Währung: an der dalmatinischen Küste, und die gehört zu Kroatien. Drei Viertel aller Exporterlöse und die meisten Gastarbeiterlöhne Jugoslawiens werden von Kroaten verdient. Doch die Belgrader Staatsbanken teilen nur einen Bruchteil davon Kroatien zu.
Hinter dem Studentenkampf stand der Traum von einer eigenen kroatischen Nation -- einzelne Chauvinisten riefen bereits nach einer besonderen kroatischen Währung, einem eigenen Heer, den Statussymbolen Uno-Sitz und Briefmarken für die Sozialistische Republik Kroatien.
Das wäre das Ende des Lebenswerks von Marschall Tito, heute 79. Im Kampf mit Moskau hatte er seinem Land einen National-Kommunismus erstritten, der seinen Bürgern Meinungs- und Pressefreiheit gewährt, seinen Arbeitern Mitbestimmung in den Betrieben einräumt und den Betrieben eine Marktwirtschaft statt der zentralen Planung erlaubt.
Vor allem aber wäre es das Ende des Tito-Experiments, alle Südslawen in dem mehrsprachigen Vielvölkerstaat "Jugoslawien" -- bestehend aus sechs Bundesländern und zwei autonomen Gebieten -- zu vereinen. Jugoslawien würde schon zu Titos Lebzeiten auseinanderbrechen -- was erst für die Zeit nach Tito befürchtet worden war. Das Land wäre dann Streitobjekt der Großmächte, der Balkan wieder das Pulverfaß Europas.
Auch unter dem Kommunismus begehren Serben die Vorherrschaft über ganz Jugoslawien; die albanische Minderheit im Gebiet Kosmet hofft auf Selbständigkeit oder Wiedervereinigung mit Albanien, viele Mazedonier fühlen sich als Bulgaren. Tito versuchte im Sommer, den Bundesländern durch eine Verfassungsreform mehr Selbständigkeit zu geben. Jetzt aber entschied er sich, zur Rettung des Gesamtstaates hart durchzugreifen. Er erließ die Weisung, widerspenstigen Genossen werde "Gelegenheit geboten, auf demokratische Weise ihre Positionen zu verlassen. Falls sie es nicht tun, sind die Organisationen, die sie gewählt haben, verpflichtet, sie zu entfernen".
Darauf trat die kroatische Parteiführung fast geschlossen zurück -- voran Kroatiens Parteichefin Frau Dr. Dabcevic-Kucar, 48, und der Spitzengenosse Miko Tripalo, 45.
Im kroatischen Marxisten-Blatt "Praxis" hatte Tripalo gegen den Etatismus gewettert, der jede Eigeninitiative ersticke. Er verlangte den Abbau der Staatsverwaltung zugunsten einer aus Betriebswahlen hervorgegangenen Arbeiterkammer und schlug der Partei vor. sie solle sich auf die Rolle des Volkserziehers und der Orientierungshilfe beschränken. Und: "Es gibt keinen Sozialismus ohne die gelöste nationale Frage und auch keine totale nationale Gleichberechtigung ohne Sozialismus."
Für Belgrad war damit offenkundig: Hinter dem kroatischen Autonomiestreben verbargen sich reformkommunistische Ziele à la Prag. Und die Kroaten wiederum sahen in den Zwangsmaßnahmen gegen ihre Autonomie nur einen Vorwand Belgrader Stalinisten, mit dem Reformkommunismus in ganz Jugoslawien aufzuräumen.
Kroate Tito hatte am 30. November seine Landsleute zum Rapport auf das Jagdgut Karadjordjevo bestellt. Die Debatte im abhörsicheren Saal dauerte zwanzig Stunden. Tito, der sich mit Mineralwasser frisch hielt, mußte sich sagen lassen, er selbst habe noch im -September im Zagreber Hotel "Esplanade" die Forderungen der kroatischen Kommunisten nach mehr Rechten innerhalb Jugoslawiens befürwortet.
Der Staatschef übergab den Kroaten eine Liste von 50 kroatischen Bürgern, die nach Meinung seiner Geheimpolizei ein "konterrevolutionäres Komitee" gegründet hätten und am besten zu verhaften seien. "Die meisten gehören zum Kulturbund "Matica Hrvatska", der sich um die Pflege kroatischen Brauchtums müht.
Während Tito mit dem vor Jahren geschaßten General Ivan Gosnjak auf Fasanenjagd ging, bereisten Altfunktionäre die Provinz und forderten lauthals den Sturz der kroatischen Führung. Zuspruch finden die Agitatoren überall dort, wo sich Moskaufreunde, enttäuschte Altkommunisten und Ex-Partisanen sowie Anhänger einer "Politik der festen Hand" wieder zu Wort meldeten.
Die Agitatoren verbreiteten Geschichten, in denen von Schüssen auf serbische Fahnen und von Nazi-Emblemen auf kroatischen Wappen die Rede war. Das kroatische ZK-Mitglied Djuro Kladarin heizte die Stimmung an: "Die tun so, als käme es darauf an, nun gleich den Säbel zu ziehen."
Die kroatische Führung, die für ihr Land innerhalb des Tito-Reichs mehr Unabhängigkeit vom Zentrum -- ähnlich der Slowakei 1968 innerhalb der CSSR -- verlangt hatte, wurde der "Konterrevolution" und des Verrats am Sozialismus bezichtigt. Und wie einst in Prag, fand sich auch eine Gruppe von 50 abgehalfterten Politikern, die per Telegramm um brüderliche Hilfe aus Belgrad flehten. Hilfreich erklärte General Asim Hodzic sofort: "Die Armee ist so geschaffen, daß sie schnell und entschlossen handelt, auch bei innenpolitischen Aktionen."
Vorletzten Sonnabend gab Tito seinen Spitzen-Militärs ein Diner. Am nächsten Tag trat das kroatische ZK zusammen. Armee und Miliz sicherten die wichtigsten Straßen Zagrebs und alle bedeutsamen Punkte in ganz Kroatien. Rund hundert Studenten wurden noch während der ersten Stunden der Aktion verhaftet, weitere zweihundert bei Demonstrationen in der vorigen Woche. Redaktionen wurden geschlossen, Wohnungen und Autos durchsucht. Der kroatische General Bobetko, der nicht mitmachen wollte, wurde abgesetzt.
Der neue Parteichef Kroatiens, Genossin Milka Planinc, 47, eine verflossene Freundin Miko Tripalos, eröffnete die ZK-Sitzung, noch bevor sie im Amt war. Dreimal erklärte sie, daß die alte Führung freiwillig zurückgetreten sei.
Während der sofort eingelegten Sitzungspause konstituierte sich im Wandelgang Kroatiens neue, Belgrad genehme Führung. Radio Prag, mit Spezial-Erfahrung, kommentierte: "Die gegenwärtige Entwicklung in Jugoslawien erinnert stark an das Anwachsen der konterrevolutionären Situation in der Tschechoslowakei im Jahre 1968."

DER SPIEGEL 52/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 52/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Jugoslawien: Zerfällt Titos Lebenswerk?