20.12.1971

FERNSEHENGegen den Strich

„Sterns Stunde: Bemerkungen über den Rothirsch“. ARD, Freitag, 24. Dezember, 20.15 Uhr (Farbe).
Am Heiligen Abend beschert das deutsche Fernsehen seinem Publikum stets ein besinnliches Programm: Krippenspiel und "Halleluja"-Gesang, Mitternachtsmessen und Weihnachtsgeschichten.
In diesem Jahr ist immerhin eine ARD-Anstalt aus der frommen Christen-Idylle ausgeschert. Ausgerechnet zur stillsten Nacht hat der Stuttgarter Südfunk "eine Bombe auf den Gabentisch geschmuggelt" (TV-Zeitschrift "Medium"). Der Reporter Horst Stern ruft zum Töten auf -- zum Massen-Abschuß deutschen Edelwildes.
Mit den "Bemerkungen über den Rothirsch" kommt am Freitag dieser Woche (20.15 Uhr) ein weiteres unorthodoxes Tier-Feuilleton von Horst Stern auf den Bildschirm. Es ist eine von "Sterns Stunden" (Programmtitel), mit denen im Januar 1970 ein neues TV-Genre begründet wurde: die geistreiche und amüsante populärwissenschaftliche Tier-Dokumentation.
Horst Stern, 49, Funk- und Fernsehjournalist, Schriftsteller und Zeitschriften-Herausgeber ("Die Yacht"), ist ein Mann, der die deftige Formulierung liebt -- ein witziger Entertainer, der seine sachkundigen Verhaltensforschungen keß illustriert und im Plauderstil kommentiert. Über Sterns Tierleben, schreibt die katholische "Funk-Korrespondenz", "ist man baff".
Verblüfft hat der wortgewandte Dokumentarist seine Zuschauer (Durchschnittsindex: + 5) nun schon in neun Abendsendungen. Er sondierte das Geschlechtsleben der Igel ("Es geht der Igelin zwar gegen den Strich, aber es geht"), beobachtete die Falkenjagd, die Raubtier-Dressur im Zirkus, das Rindvieh im Kuhstall, den Jagdhund bei der Wildschwein-Jagd und den Hofstaat der Honigbienen.
Stern filmte die Hackordnung auf dem Hühnerhof, zeigte gackernde Hennen beim Eierlegen ("Das war Ihr ganz spezieller Hühnerhintern bei der Morgenarbeit") und attackierte "unsere Tierforscher, die stets in exotische Ferne schweifen", statt die Lebensbedingungen der Haustiere kennenzulernen.
Er erzählte vom Elend des stoffwechselvergifteten Borstenviehs, das degeneriert, herzkrank und neurotisch in den Ställen vegetiert, weil "erst der Mensch das Schwein seelisch und körperlich zur Sau gemacht hat". Aber er verschwieg auch nicht, daß "die harten Schweineburschen bei einem einzigen Deck-Sprung einen Viertelliter Sperma" absondern, während die schlappen Bullen "nur ein paar Kubikzentimeter" zu vergeben haben.
Solche Einblicke ins tierische Geschlechtsleben vermittelt Stern nur allzugern. Schließlich will er vor allem "unser sentimental verkitschtes Tierbild" zurechtrücken und seine Zuschauer über die verlogene Fernseh-Menagerie à la "Flipper", "Lassie" oder "Daktari" aufklären.
Vorurteile und Klischees über die Tierwelt bekämpft Stern seit über 20 Jahren. Als der Stettiner Bankkaufmann -- nach Reichsarbeitsdienst, Fallschirmjäger-Einsätzen in Nordafrika und angloamerikanischer Kriegsgefangenschaft -- 1949 als Gerichtsreporter der "Stuttgarter Nachrichten" Beschäftigung fand, pachtete er einen Obstgarten und studierte die Lebensgewohnheiten von Gimpeln und Waldkäuzen, Laubfröschen, Falken und Kolkraben.
Stern vertiefte sich in die Werke des Wiener Zoologen Konrad Lorenz und verkaufte seine tierpsychologischen Erfahrungen bald auch an den Stuttgarter Schulfunk. Außerdem verfaßte er eine in 80 000 Exemplaren verbreitete Reitlehre sowie skurril betitelte Tierbücher: "Gesang der Regenwürmer", "Lauter Viechereien".
Zur Karriere im Fernsehen verhalf dem Amateurforscher schließlich der Südfunk-Direktor Horst Jaedicke, der seinen Sender mit einer zugkräftigen Tier-Schau ins Gespräch bringen wollte. Fauna-Fachmann Stern schien ihm der geeignete Mann zu sein. Die Erwartungen erfüllten sich.
Während die ARD-Tierschützer Bernhard Grzimek, Eugen Schuhmacher und Heinz Sielmann zu großangelegten "Expeditionen ins Tierreich" ausrücken und geschwätzige Kulturfilme von exotischem Urwald- und Steppenwild nach Hause bringen, dreht Stuttgarts Stern "eigentlich immer Berichte über den Menschen" ("Die Zeit"). Und damit hat er Züchter und Tierfreunde immer wieder zu Protesten gereizt.
Zum Beispiel die Pferde-Liebhaber: Als sich der Dokumentarfilmer im letzten Jahr über den "Edelkitsch rund ums Pferd" lustig machte, den Springturnier-Sport als "ekelhafteste Vergewaltigung" der Kreatur bezeichnete und die Legende vom Sieges- und Kampfwillen der Pferde zerstörte, flogen -- so Stern -- "aus Fachkreisen verbale Roßäpfel in meine Richtung".
Nach der Heiligabend-Sendung wird Stern wohl auch mit den deutschen Jägern und Wildhütern Streit bekommen. Denn er behauptet: "Der deutsche Wald ist krank auf den Tod." Und schuld daran sei die explosionsartige Vermehrung von Hirschen und Rehen. Weil die Weidmänner "einen unvorstellbaren Kult mit Geweihen" betreiben, weil sie schmucklose Ricken, Hirschkühe und Jungtiere nur ungern schießen, sei das Reh- und Rotwild zu einer Waldplage geworden. Stern-Kommentar: "Zuviel Boom, zuwenig Bum."
Ein einziger Hirsch, so errechnete Stern, richtet im Laufe seines Lebens Baumbestände im Wert von 30 000 Mark zugrunde: Die Tiere schälen mit Vorliebe die nahrhafte Rinde von Kiefern und Laubbäumen -- die Stämme vertrocknen und sterben ab.
"Es ist an der Zeit", so resümiert der Autor, "das Rothirschgeweih als Statussymbol der Renommierjäger zu entzaubern. Dadurch wird endlich das Schußfeld frei für die biologische, umweltgerechte Jagd."
Dann schließt er mit einer weihnachtlichen Bemerkung: "Man rettet den Wald ja nicht, indem man ,O Tannenbaum' singt."

DER SPIEGEL 52/1971
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