13.12.1971

GESELLSCHAFTNei in Ofen

Sonderbewacher von Schupo und Kripo sollen Manfred Wittmann, angeklagt des dreifachen Mädchenmordes, vor Volkszorn ("Hängt ihn auf") retten. Der Staatsanwalt: „Wir müssen mit allem rechnen.
Das Volk richtete schon, als das im Namen des Volkes amtierende Gericht die Sitzung noch nicht einmal eröffnet hatte. Vor dem Coburger Justizgebäude reckten kräftige Männer, eine Hand in der Hosentasche, ein graues Stück Pappe mit der Zeile "Todesstrafe" empor. Einer schrie: "Mörder" ein anderer: "Sadist", und eine Frau kreischte: "Hängt ihn auf."
Vier Polizisten schirmten den Angeklagten wie Geheimdienstier einen Staatsmann. und sie schirmen ihn seither drei Wochen so. Je nach Bedarf werden außer den ständigen Leibwächtern weitere vier bis sechs. mitunter sogar 20 Uniformierte ins Gericht beordert. dazu bis zu einem Dutzend Kriminalbeamte. Nach einer Bombendrohung unterbrach der Vorsitzende die Verhandlung und ließ den Saal räumen. "Wir müssen", sagt Coburgs Oberstaatsanwalt Horst Hans Frank. "mit allem rechnen."
Vor jeder Sitzung drängt die Masse vor dem Gebäude, in den Korridoren, schwappt in den Verhandlungssaal. Fäuste fliegen hoch, wenn der Angeklagte sichtbar wird; Schimpfwörter werden gerufen, Pfiff e ertönen.
Manfred Wittmann, 28, Bitumen-Mischer aus dem oberfränkischen Kaltenbrunn, der Morde an drei jungen Mädchen zugegeben hat, nimmt die Ausbrüche ohne erkennbare Furcht auf. "Den Schwanz müßte man dir abschneiden", ruft eine Frau auf der Zuhörerbank; Wittmann mustert sie kurz von unten her. "Nicht einmal gefesselt ist das Schwein", empört sich eine Blonde mit Dutt.
"Einzeln", meint Coburgs höchster Schutzmann, Oberinspektor Helmuth Götz, "würden sie sich kaum trauen. aber so in der Masse täten sie ihn schon körperlich angehen" Götz dirigiert den VW-Kombi. mit dem Wittmann -- Coburg hat keine eigene Vollzugsanstalt -- zwischen dem 36 Kilometer entfernten Kronach und der alten Herzogstadt hin- und herpendelt: "Nach hinten, rasch. Die Leute haben sich nun am Haupteingang angesammelt."
Fast im Laufschritt hastet ein Halbdutzend Polizisten, eng um Wittmann geschart, durch das Justizgebäude: lange Flure, treppauf, treppab, dann in den Lift. unten im Keller raus. schließlich eine Tür. Der Truppführer reißt sie auf und bringt noch "ach, verdammte Scheiße" hervor, da schreit die ums Haus gerannte Menge: Todesstrafe, Todesstrafe".
"Das sind nicht etwa nur Arbeitslose oder Rentner", weiß Oberstaatsanwalt Frank, "ich habe mich mit vielen gebildeten Personen unterhalten, Ärzten und anderen Akademikern, auch für sie ist der Fall Wittmann Anlaß zur Wiedereinführung der Todesstrafe," Polizei-Oberinspektor Götz über die Schaulustigen: "ein repräsentativer Querschnitt unserer Bevölkerung, vom Arbeiter bis zum Studierten".
Götz taxiert, es sei die Häufung der drei Morde, die Coburgs Bevölkerung dermaßen bewege: "Den letzten Mordfall hatten wir vor zehn Jahren." Frank hält die "objektiv gesehen bestialische Ausführung der Taten" für den Auslöser solcher Emotionen. Denn Wittmann hat 1968 und 1969 die drei Mädchen
eins 14, zwei 16 Jahre alt -- auf entsetzliche Weise umgebracht. Ein viertes stellte sich tot und schildert jetzt, wie es sich unter Wittmanns Schlägen entkleiden mußte und dann sein langes Messer spürte: "Er hat es mir an den Hals gesetzt und zu schneiden und stechen begonnen."
Wittmanns Mutter fand ein Plakat an der Hauswand: "Die Mutter des Mörders sagte: "Wir konnten nicht zum Arzt mit ihm gehen, da wäre ja alles rausgekommen' -- und sie ließ ihn weiter morden." Aber das war nach der Verhaftung. Davor war ihr Sohn in seiner Heimatgemeinde ein angesehener Bürger gewesen: Jugendleiter im Tischtennisverein und, auf dem Lande höchst ehrenvoll, stellvertretender Feuerwehr-
* Mit einer Polizeibeamtin bei der Demonstration seiner Taten.
erst als die Polizei ihn holte, wurde er ausgestoßen -- so sehr, daß auch sein Vater nicht viel mehr hervorbringt als dies: "Manfred ist einmal ein guter Junge gewesen.
Im Coburger Raum sind die Protestanten nicht pietistischer als anderswo und die Katholiken nicht inbrünstiger. "Ein großer Teil denkt traditionell", sagt Oberstaatsanwalt Frank, "aber die Leute sind weder prüde noch rückständig und geistig sogar relativ beweglich." In der Familie Wittmann wurde über sexuelle Fragen kein Wort verloren. "Das ist Sauerei", bekundete der Vater jetzt vor Gericht, "bei uns bringt der Klapperstorch die Kinder. Frank räumt ein: "Von Sexualaufklärung wird hier nicht viel gehalten. das stimmt."
Der Pfarrer von Kaltenbrunn, bei dem Wittmann ministriert hatte, teilte dem Gericht schriftlich mit, dieses Menschen entsinne er sich nicht. Der Vater eines der ermordeten Mädchen fand: "Die Todesstrafe ist für den viel zu gut, er gehört in ein Bleibergwerk, bis er krepiert? Mutter Wittmann, als ihr Manfred noch nicht verhaftet war, regte sich auf: "Wenn man den Mörder erwischt, sollte man ihm seine Glieder einzeln herausreißen."
Zugang in den Gerichtssaal findet nur, wer eine Platzkarte vorweisen kann. Zischelnd macht sich dort immer wieder Volksempfinden Luft: "Steckt den Lumpen in ein Ölfaß und laßt ihn langsam verfaulen." Oder: "In der Mitte aufschlitzen, damit er weiß, wie weh das tut." Und: "Erwürgen. sag ich, ganz langsam den Strick zudrehen,"
Vorletzte Woche, während eines Lokaltermins, bedachten seine Landsleute Wittmann mit Rufen wie: "Knallt ihn al,, den Hund." Ein Arbeiter in mittleren Jahren brüllte immerfort: "Adolf Hitler her, Adolf Hitler her." Tags darauf, bei einem anderen Tatorttermin, schob sich die Menge derart massiv vor (Frank: "Sie nahm richtig drohende Haltung an"), daß Wittmann in das Polizeifahrzeug zurückgeführt wurde. Männer droschen mit Fäusten, traten mit Stiefeln auf das Karosserieblech ein. "Steckt na nei in Ofen" war einer von den milderen Zwischenrufen.
Und auch Oberinspektor Götz ist mit dem Angeklagten fertig: "Allzu hohe Ansprüche sollte der wohl nicht stellen, was die Menschenwürde anbelangt. Man muß doch berücksichtigen, wie der mit der Würde seiner Opfer umgegangen ist."
Daß der linkische, dickliche Mann mit dem stumpfen Gesicht ersichtlich krank ist (Psychiatrie-Professor Hans Bürger-Prinz: "Seine inneren Spaltungsbereiche reichen buchstäblich bis in den Bauch'), notiert niemand in Coburg. Oberstaatsanwalt Frank erhielt zweimal fernmündlich von einer ihm unbekannten Dame Ratschläge, wie sich die Justiz des Angeklagten per Unfall entledigen könne.
Manfred Wittmann wurde in sonderbare Stimmung versetzt, wenn er Blut sah. Der Hamburger Sexualwissenschaftler Professor Eberhard Schorsch: "Das Schlachten der Schweine" -- Wittmann war als Junge dabeigewesen -- "kann man als Auslösungsmoment für seine späteren sadistischen Neigungen betrachten."
Es scheint, als sähen die Coburger noch Blut an Wittmanns Händen.

DER SPIEGEL 51/1971
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