15.11.1971

SPD-KATHOLIKENWeg versperrt

Georg Lebers Karriere als Renommier-Katholik der SPD endete mit einer demonstrativen Abwahl.
Sein Kontakt zur Kirche, so Georg Leber unlängst, habe sich "für SPD und Staat ausgezahlt" für die Kirche offenbar weniger.
Denn am vorletzten Wochenende wählte das Zentralkomitee der deutschen Katholiken das bisherige ZK-Mitglied Leber ab. Durch den Verzieht auf das "sozialdemokratische Paradepferd" ("Deutsche Tagespost") wurde zugleich offenbar, wo das höchste Gremium katholischer Laien in der Bundesrepublik noch immer die Rechtgläubigeren vermutet: Sechzehn der 28 wieder- oder neugewählten Katholiken sind eingeschriebene Mitglieder bei einer der beiden Unionsparteien.
Der ehrgeizige Verkehrsminister muß die Abwahl aus dem Katholiken-Konvent als Verlust an Prestige und politischer Potenz empfinden. Denn er verliert sein mühsam erreichtes Monopol für die Kontakte der SPD zur römischen Kirche.
Mit dem Einbruch des prominenten Sozialdemokraten 1967 ins CDU-beherrschte ZK schien für die SPD ein Wandel durch Annäherung möglich. Entschlossen, "das Verhältnis zur Kirche bewegen zu helfen", klagte Leber damals seinem Limburger Mentor, dem Prälaten Alexander Stein: "Es geht nicht, daß in einer Demokratie für Christen nur eine Partei wählbar ist.
Dies zu ändern, war dem Politiker kein Weg zu beschwerlich. In der Zeit der Großen Koalition vertrat der SPD-Minister seine christdemokratischen Kabinettskollegen bei einer Bonner Fronleichnams-Prozession mit dem Apostolischen Nuntius Corrado Bafile. Im November 1969 pilgerte der fleißige Kirchgänger zum Papst nach Rom.
Dennoch konnte es Leber nicht verhindern, daß beim Regierungswechsel Bonns Katholiken-Lobby, ein großer Teil des Klerus und viele der organisierten Laien gemeinsam mit der CDU/CSU in die Opposition gingen. Nach der Machtübernahme mahnte der fromme Sozialdemokrat: "Ein katholischer SPD-Arbeiter, der auf dem Sterbebett nach dem Priester ruft, darf nicht den Eindruck haben: Hier kommt ein politischer Gegner ins Haus"
Als der "Katholische Club", ein 1951 gegründeter Freundeskreis einflußreicher Unionspolitiker, Wirtschaftler und Beamter, sich sozialdemokratischen Glaubensbrüdern nicht öffnen mochte, drohte der gelernte Bauarbeiter: "Wenn es ein katholischer Club ist, dann will ich den sehen, der mir den Weg dahin versperrt."
Den Platz des Verkehrsministers im ZK nahm ein Genosse ein, der im Sommer als einer der Autoren der reaktionären "Demokratie-Thesen" des Zentralkomitees hervortrat: Bundestagsvizepräsident Hermann ("HSV") Schmitt-Vockenhausen, auch katholisch, aber noch konservativer als Leber. erwies sich den organisierten Gläubigen gefällig, als er selbst gegen Widerspruch aus der eigenen Partei die Thesen öffentlich verteidigte.
Während die Links-Katholiken des "Bensberger Kreises" die Thesen als den Versuch bezeichneten. "jene ideologische Plattform wiederherzurichten, von der aus den restaurativen Kräften der fünfziger und sechziger Jahre die Rück kehr in die politischen Machtpositionen erleichtert werden soll". wehrte sich Rechtskatholik HSV "gegen jede pseudoreligiöse Verfälschung des Demokratiebegriffs". Anstelle des ZK-Mitglieds Leber reiste ZK- Reservist Schmitt-Vockenhausen drei Wochen vor seiner Wahl zur Seligsprechung des polnischen Paters Maximilian Kolbe nach Rom.
Am vorletzten Wochenende zahlte sich die fromme Emsigkeit für den Rom-Pilger aus. Mit absoluter Mehrheit nahm das Laiengremium den sozialdemokratischen "Außenseiter" ("Deutsche Zeitung") ins "schwarze ZK" (Schmitt-Vockenhausen) auf. Für Leber" der im ZK zu den Thesen geschwiegen hatte, stimmten im vierten -- vergeblichen -- Wahlgang nur noch 18 von 50 Delegierten.
ZK-Mitglied Hanna-Renate Launen. CDU-Staatssekretärin im Mainzer Kultusministerium, begründet ihr Votum gegen Leber: "Gearbeitet hat er nie. Er kam immer nur zu Abstimmungen, wenn das Fernsehen da war."
Über den Wahlsieg des Leber-Konkurrenten Schmitt-Vockenhausen mutmaßte die CDU-Dame: "Das war der Lohn für vortreffliche Mitarbeit."

DER SPIEGEL 47/1971
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