15.11.1971

SEKTENSchafe Jehovas

Die „Zeugen Jehovas“ gehören zu den aktivsten Glaubensgemeinschaften. Geschichte und Lehre dieser Sekte sind jetzt zum erstenmal ausführlich beschrieben worden.
Eineinhalb Millionen Menschen, darunter rund 100 000 Bundesrepublikaner, glauben daran, daß in vier Jahren das Tausendjährige Gottesreich auf Erden errichtet wird.
Sie gehören den Zeugen Jehovas an, einer Sekte, die ihren wunderlichen Glauben inmitten einer säkularen, modernen Industriegesellschaft kompromißlos verkündet. Sie ignorieren alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Entstehung von Welt und Mensch und vertrauen allein auf die Bibel, die sie, oft willkürlich, wörtlich nehmen.
Dafür handeln sie sich den Spott ihrer Mitmenschen ein, aber auch den Respekt von Richtern und Henkern, die sie als Kriegsdienstverweigerer und -- so in der DDR -- als Geheimbündler verfolgen. Sie wurden, unter Hitler, in KZs gesperrt, in den USA des Faschismus beschuldigt, geteert, gefedert, kastriert und sogar gelyncht. In der DDR wurden bis 1955 über 1600 Zeugen zu insgesamt 10286 Jahren Gefängnis verurteilt.
"Geschichte und Geheimnis" dieser Sekte hat Alan Rogerson, Lehrer am renommierten Charterhouse in London, in seinem soeben in deutsch erschienenen Buch beschrieben*.
Rogersons Bericht -- weder Apologie noch Polemik -- gilt seit dem Erscheinen der Originalausgabe vor zwei Jahren in England als die bislang objektivste Darstellung der Zeugen Jehovas. So rühmt denn auch der ehemalige Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen und Sektenexperte seiner Kirche, Kirchenrat D. Kurt Hutten, das Rogerson-Werk, es biete "Informationsstoff" wie er zur Zeit nirgendwo im deutschen Sprachraum veröffentlicht ist".
Gegründet von dem reichen amerikanischen Tuchhändler Charles Taze Russell (1852 bis 1916), wurden die Zeugen Jehovas zur aktivsten Sekte unter den zahlreichen Sekten Amerikas. Vor allem der Glaube an eine Wiederkehr Christi auf Erden faszinierte im 19. Jahrhundert viele Amerikaner. So hatten die Adventisten -- eine von dem Farmer William Miller in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegründete Glaubensgemeinschaft -- das Erscheinen Jesu auf Erden auf die Zeit von 1843/44 datiert.
Russell gab den Adventisten grundsätzlich recht, meinte jedoch, daß sie in der Datierung des zweiten Erscheinens Christi durch eine falsche Bibel-Deutung geirrt hätten. Er betrieb deshalb zunächst mit Freunden ein intensives Studium des Alten und Neuen Testaments, um den tatsächlichen Zeitpunkt zu ermitteln.
Russell errechnete aus den Zahlenangaben der Bibel, daß Adam im Jahre 4129 vor Christus -- also etwa in der Mittelsteinzeit -- von Jehova geschaffen worden sei. Nach zwei glücklichen Jahren im Paradies kam es zum Sündenfall und zur Vertreibung von Adam und Eva aus dem Garten Eden.
Außerdem nahm er an, daß jeder Schöpfungstag nicht 24 Stunden, sondern 7000 Jahre gedauert habe und daß
* Alan Roperson: "Viele von uns werden niemals sterben. Geschichte und Geheimnis der Zeugen Jehovas. Furche-Verlag Hamburg, und Theologischer Verlag. Zürich; 228 Seiten; 19,80 Mark.
nach den 6000 Jahren des siebten Tages, an dem Gott zu ruhen gedachte, das Tausendjährige Gottesreich unter der Herrschaft Christi beginnen würde, also im Jahre 1874.
Um seine damals noch kleine Anhängerschaft nicht zu verlieren, dachte sich Russell immer neue Zahlentricks aus. Der Bibel entnahm er, daß Jesu Wirken bis zur Auferstehung nach dem Kreuzestod genau dreieinhalb Jahre gedauert hatte. Also würden noch nach seinem unsichtbaren Erscheinen im Jahre 1874 dreieinhalb Jahre vergehen, bis ei sein Königreich errichten würde.
Doch auch im Jahr 1878 geschah nichts. Wiederum behauptete Russell, daß seine Rechnung zwar stimme, die Errichtung des himmlischen Königreichs aber wieder unsichtbar erfolgt sei. Als neues Datum offerierte Russell seinen Anhängern nun das Jahr 1914.
Trotz der Enttäuschung vieler seiner Anhänger fand Russell immer wieder neue religiöse Hysteriker, die seine Lehre gläubig annahmen. So wurden von seinem 1886 veröffentlichten Buch "Der Göttliche Plan der Zeitalter" innerhalb von 40 Jahren rund sechs Millionen Exemplare verkauft.
Zudem verstand es Russell, religiösen Wahn und Geschäft geschickt miteinander zu verbinden. 1884 gründete er die "Zions Wachtturm Traktat-Gesellschaft", die eine eigene Zeitschrift "Der Wachtturm" herausgab und den Vertrieb der zahlreichen Traktätchen und Bücher übernahm. Fünf Jahre später errichtete die Gesellschaft in Pittsburgh ein großzügiges Verwaltungsgebäude, in dem auch eine eigene Druckerei untergebracht wurde.
Bereits Russell verpflichtete jeden Zeugen Jehovas, die Zeitschriften und Bücher der Wachtturm-Gesellschaft zu verkaufen. So wurden zum Beispiel im Jahre 1967 von den damals über eine Million zählenden aktiven Anhängern 16 967 770 Bücher und Broschüren und 143 557 479 Zeitschriften-Exemplare verkauft.
Für Rogerson ist Sekten-Gründer Russell trotz allen Geschäftssinns ein von religiösen Wahnvorstellungen beherrschter Fanatiker. Anders sieht er den zweiten Präsidenten der Wachtturm-Gesellschaft, Richter Joseph Franklin Rutherford, der nach dem Tode Russells im Januar 1917 die Führung der Sekte übernahm.
Rutherford interessierte sich laut Rogerson mehr für die Organisation der Sekte als für deren Glaubenssätze. Er schuf eine hierarchische Ordnung und ein Überwachungssystem, in dem jeder Zeuge Jehovas einen festen Platz hatte. Mit Hilfe von Wochenberichten kontrollierte er die Missionstätigkeit der Verkünder. Er sorgte vor allem dafür, daß der Verkauf des "Wachtturm", de; 1970 14täglich in einer Auflage von 7,5 Millionen Exemplaren und in 74 Sprachen erschien, für jeden Zeugen verbindlich wurde.
Im Jahre 1924 gründete Rutherford eine Rundfunkstation. der zeitweilig 408 private Sender angeschlossen waren, die Rutherfords 15-Minuten-Ansprachen übernahmen. Mit Lautsprecherwagen und Schallplatten perfektionierte der zweite Präsident die Missionstätigkeit seiner Zeugen.
Um nicht wie Russell ständig Prophezeiungen korrigieren zu müssen, ließ Rutherford den Zeitplan für das Gottesreich auf Erden offen. Erst im Jahre 1966 legten die Zeugen fest, daß das Gottesreich 1975 endgültig etabliert werde, nachdem in der Schlacht bei Harmagedon (Offenbarung Johannis. Kapitel 30) alle Feinde Jehovas vernichtet würden.
Auch die Lösung eines anderen Problems überließ Rutherford -- er starb im Jahre 1942 -- seinem Nachfolger Nathan H. Knorr. Wer sollte das Gemetzel bei Harmagedon überleben? Nach ihrer Auslegung der Offenbarung Johannis sollten es 144 000 Gläubige sein. 1966 aber zählten die Zeugen Jehovas über eine Million Anhänger.
Zeugen-Präsident Knorr erklärte, es würden zwei Klassen von Menschen die Schlacht bei Harmagedon überleben: Die von Johannes erwähnten 144 000 kämen sofort in den Himmel. Die übrigen Zeugen und alle Menschen, die wie die Chinesen von ihrer Regierung daran gehindert würden, Zeugen Jehovas zu werden, lebten fortan als die "anderen Schafe" auf Erden.
Bis dahin, so Autor Rogerson, "können wir sicher sein, daß die Zeugen an ihrem merkwürdigen Glauben und ihrer gut funktionierenden Organisation festhalten werden". Kirchenrat Hutten: "Sie sind Gefesselte und Hörige eines Lehr- und Organisationssystems" das raffiniert und unheimlich zugleich ist."

DER SPIEGEL 47/1971
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