08.11.1971

ERNÄHRUNGHorn und Knochen

Die Furcht vieler Bundesbürger vor Gift in der Nahrung hat eine lebhafte Nachfrage nach Produkten der sogenannten biologisch-dynamischen Landwirtschaft ausgelöst.
Seit einigen Wochen wird in Westdeutschland ein "Zertifikat" vertrieben, das den Bundesbürgern weder Wertsteigerung noch Zinsen verspricht. Käufern des grün bedruckten Papiers wird statt dessen ein "Vorrecht" auf den Bezug gift- und chemikalienfreier Agrarprodukte verbrieft.
Herausgeber des originellen Kreditscheins ist die in Bochum residierende "Landwirtschaftlich-Industrielle Gesellschaft für Einkauf, Verkauf und Veredelung GmbH" (LIG), die auf diese Weise die Produktion von Milch, Fleisch, Obst, Gemüse und Getreide nach der sogenannten biologisch-dynamischen Methode ankurbeln will.
Bei dieser Wirtschaftsart verwenden Landwirte und Gärtner weder chemischen Dünger noch giftige Schädlings- und Unkrautvernichtungsmittel. Zu der giftlosen Nahrungsmittelproduktion bekennen sich in Westdeutschland erst rund 500 Agrarier.
LIG-Geschäftsführer Martin-Johannes Groh, dessen Firma mit 30 Bauernhöfen kooperiert, sieht auf die Bundesrepublik jedoch "eine biologische Welle" zurollen. Denn seit die Deutschen über gesunde Ernährung und Umweltschutz nachzudenken begonnen haben, grassiert bei vielen Verbrauchern die Furcht vor Antibiotika, Hormonen, Tranquilizern und anderen in der Landwirtschaft gespritzten oder verfütterten Chemikalien.
Um den Trend zu nutzen, wollen die Bochumer jetzt mit gezielten Marketingmaßnahmen biologisch-dynamische Waren populär machen. Welche Chancen chemikalienfreie Nahrungsmittel haben, erfuhren zum Beispiel vier niedersächsische Bauern, die sich in Klein-Süstedt bei Uelzen zur "Betriebsgemeinschaft Bauckhof" zusammengeschlossen haben. Die auf 300 Hektar Nutzfläche ackernden Agrarier unterhalten inzwischen ein florierendes Versandgeschäft, das rund 100 Produkte von der Rotwurst bis zum Knäckebrot verschickt.
Auch Bauer Georg Bolting aus Mönkloh bei Bad Bramstedt, der sich auf biologisch-dynamischen Gemüseanbau spezialisierte und Reformhäuser und vegetarische Gaststätten beliefert, kann "gar nicht soviel liefern, wie verlangt wird". Ähnliche Erfolge können andere Landwirte vorweisen, die einen Großteil ihrer ungiftigen Produkte schon ab Hof flott verkaufen können.
Zunehmendes Interesse an biologisch-dynamischen Waren zeigt neuerdings auch der Lebensmitteleinzelhandel. Die Hamburger Edekazentrale zum Beispiel nutzt die chemikalienfreie Welle mit ihrem "Gesundkost-Programm". Neben "Delikateß-Sauerkraut aus biologischem Anbau" oder "Möhrensaft aus biologisch angebauten ungespritzten Möhren" wollen die Edeka-Manager im Frühjahr 1972 eine breite Palette spritzfreier Gemüsekonserven auf den Markt bringen. Edeka-Manager Harry Liebert, Leiter des Edeka-Hauptressorts "Gesundkost", zu den neuen Sortimentsrennern: "Das kumuliert mit dem Umweltschutz."
Freilich rechnet Liebert bei seinen ungiftigen Verkaufsschlagern mit Preisaufschlägen von "20 bis 25 Prozent über Normalware. Billiger ist es für die Hamburger Handelsherren nicht zu machen, da die Ab-Hof-Preise für biologisch-dynamische Produkte in der Regel um 20 bis 30 Prozent über den üblichen Agrarprei sen liegen.
Der Aufschlag ist allerdings nicht in allen Zweigen der biologisch-dynamischen Landwirtschaft gerechtfertigt, denn der Verzicht auf chemischen Dünger führt nicht automatisch zu niedrigeren Hektar-Erträgen. Der emeritierte Professor für Garten- und Landschaftsgestaltung an der Technischen Universität München, Alwin Seifert, zum Beispiel erzielte in seinem Mustergarten am Ammersee eine Kartoffel-Ernte von 500 Doppelzentnern pro Hektar. Der Durchschnittsertrag auf einem chemisch gedüngten Kartoffelacker lag 1970 bei 272 Doppelzentnern.
Die meisten Gesundheitsbauern der Bundesrepublik bestellen ihre Felder nach den Lehren des Begründers der Anthroposophie Rudolf Steiner (1861 bis 1925). Im sogenannten "Landwirtschaftlichen Kurs" von Koberwitz forderte der Initiator der Waldorf-Schulen schon 1924, "zerstörte Naturzusammenhänge" wiederherzustellen.
Nach Steiners Lehre soll das Landvolk eine "Verlebendigung" des Bodens mit Hilfe organischer Abfallstoffe herbeiführen. Statt den in Mode gekommenen Kunstdünger zu streuen, wurden die Anhänger des Philosophen dazu angehalten, Stallmist. hochwertige Tonerden, gemahlene Urgesteine, Algenmehle, Hornspäne und selbst vererdete Brennessel zu verwenden.
Der Rotenburger Düngemittel-Lieferant Ernst-Otto Cohrs machte daraus inzwischen ein ganzes Produktionsprogramm. Bauern und Gärtner können bei ihm rund 50 biologische Dünge- und Pflanzenschutzmittel vom Korallenkalk bis zum "Kompoststarter" und "organischen Volldünger Vital aus Horn-, Knochen- und Blutmehl" bestellen.
Die durch Steiner ausgelöste Bewegung fand in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg großen Zulauf. Bis 1941. hatten sich in Deutschland rund 2000 Höfe, unter anderem eine Reihe von ostdeutschen Großbetrieben, auf die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise umgestellt. Die Steiner-Bauern verfügten über einen eigenen Versuchsring und konnten sich allerhöchster Protektion erfreuen. Von dem Worpsweder Landwirt Karl Schwarz ließ sich nämlich Vegetarier Adolf Hitler täglich eine Kiste biologisches Gemüse schicken.
Nach dem Englandflug von Rudolf Hess, der ebenso wie Reichsnährstandsführer Darré mit den Steiner-Bauern sympathisierte, wurden die Verbände jedoch verboten. Franz -Lippert, Benno von Heinitz und andere Vorkämpfer der biologisch-dynamischen Landwirtschaft wurden wegen Verdachts des Okkultismus verhaftet.
Nach der Verfolgung durch die NS-Herren gab es bei Kriegsende nur noch wenige Steiner-Höfe. Erst ganz allmählich begannen sich westdeutsche Agrarier und Gärtner wieder auf die alten Rezepte zu besinnen. Wertvolle Hilfe leistete ihnen dabei der "Forschungsring für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise" in Darmstadt. Das aus Spenden, Forschungsaufträgen und Beraterhonoraren finanzierte Institut verfügt heute über zehn hauptberufliche Fachberater, von denen jeder 30 bis 50 Höfe berät.
Die hessischen Hüter des Steiner-Erbes achten darauf, daß sich in ihre Zunft keine chemisch düngenden Bauern einschleichen. Nach dem strengen Reglement bekommen das von ihnen geschaffene Demeter-Warenzeichen nur solche Betriebe, die ihre Parzellen mindestens zwei Jahre lang "im Sinne des Landwirtschaftlichen Kurses von Doktor Rudolf Steiner" bewirtschaftet haben.
Zu den 40 Verarbeitungsbetrieben mit dem Demeter-Siegel gehören unter anderem die Brotfabriken Jaus in Stuttgart, Paech-Brot GmbH in Meddewade (Slogan: Kunibert sagt zu Kunigunde: Paech-Brot ist in aller Munde) und die Bad Sodener Gemüsefabrik Eden-Waren GmbH.
Großabnehmer der chemiefreien Eßwaren sind vor allem Krankenhäuser, Waldorf -Schulen und andere pädagogische Steiner-Einrichtungen. Die freie Waldorf-Schule Benefeld bei Walsrode zum Beispiel hat mit mehreren Bauern sogar Exklusivverträge abgeschlossen.
Auch über Arbeitskräfte brauchen sich die Steiner-Bauern nicht zu beklagen. Freiwillige Helfer, vor allem aus Waldorf-Schulen und Pfadfinder-Gruppen, melden sich gegen Kost und Logis immer häufiger zum freiwilligen Arbeitsdienst auf den Steiner-Höfen. Hilfe wird den Agrariern aber auch durch ältere Jahrgänge zuteil. Bauer Carl-August Loss aus Fuhlenhagen bei Lauenburg: "Am Wochenende hackt auf unserem Hof selbst eine Hamburger Altherrenriege."
Die biologisch-dynamische Bewegung wird von Landwirtschaftsbeamten und Funktionären der Grünen Front freilich mit Argwohn beobachtet. Als Bauer Loss seinen Hof in eine "Gemeinnützige Landbauforschungsgesellschaft GmbH" umwandeln wollte, lehnte die Kreislandwirtschaftsbehörde Herzogtum Lauenburg eine Genehmigung des Schenkungsvertrages ab. Grund: "Die Übertragung des Hofes auf eine juristische Person stelle eine ungesunde Verteilung von Grund und Boden dar."
Das von Loss angerufene Landwirtschaftsgericht in Schwarzenbek gar sah in der geplanten Bewirtschaftung durch eine Bauernkommune von drei Familien "eine die Agrarstruktur benachteiligende Maßnahme". Zudem kreidete es der Gemeinschaft an, neben der Landwirtschaft auch Heilpädagogik betreiben zu wollen. Fazit: "Nach dem Inhalt des Gesellschaftsvertrages und der Steinerschen Lehre sei zu erwarten, jedenfalls, nicht ausgeschlossen, daß der Hof zweckentfremdet werde."
Das als Beschwerdeinstanz angerufene Oberlandesgericht in Schleswig freilich mochte sich solche Einlassungen nicht zu eigen machen. Nach mehreren Gutachten über die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise genehmigte es den Schenkungsvertrag.
Die Fuhlenhagener GmbH, die nach Meinung der Landwirtschaftsbehörde "unrentabel" arbeiten würde, hat inzwischen ihre Wirtschaftlichkeit bewiesen: Nach dem ersten Rechnungsjahr hat der Anbau von Hirse, Buchweizen und Dinkel (eine vergessene Getreideart) so viel abgeworfen, daß das Steiner-Team einen 350 000-Mark-Kuhstall bauen konnte. Loss: "Ab 1972 sind wir in der Lage, unseren Kunden sogar biologischdynamische Butter und Quark anzubieten."

DER SPIEGEL 46/1971
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