08.11.1971

TIEREKamerad im Käfig

Auf dem Kudamm werden Hunde in Nerzmänteln ausgeführt, im Taunus wird Tigern der Fettbauch massiert -- in der Bundesrepublik blüht das Geschäft mit dem Tier.
Zwei Pfleger schoben den Kranken in einen Operationssaal der Münchner Uni-Klinik. Jupiterlampen flammten auf, vermummte Schwestern legten Schere und Skalpell parat.
Der Anästhesie-Arzt entschied sich für Vollnarkose. Die Chirurgen arbeiteten eine Stunde lang: Sie schnitten und meißelten, klammerten und nähten.
Drei Stunden nach dem Eingriff kam der Patient wieder zu sich und taumelte von dannen -- bellend: Es war der Riesenschnauzer "Harro", Wachhund einer bayrischen Fabrik. Er hatte zwei neue Reißzähne bekommen -- aus Gold.
Der kostspielige Eingriff -- hundert Mark je Zahn -- kennzeichnet einen neuen Boom: das Geschäft mit dem Tier. Immer mehr Bundesbürger pflegen ihren Hang zur Kreatur.
Bereits in jedem dritten westdeutschen Haushalt, so die neueste Berechnung der in Hannover residierenden "Gesellschaft der Freunde der Heimtiere e. V." bellt oder schnurrt, kreucht oder fleucht, quakt oder quinquilliert es. In bundesdeutschen Wohnstuben tummeln sich:
* jeweils drei Millionen Hunde und Katzen, eine Million Goldhamster und Meerschweinchen;
* drei Millionen Wellensittiche, 1,5 Millionen Kanarienvögel und 500 000 "andere Ziervögel";
* 15 Millionen Zierfische, 100 000 Schildkröten, 10 000 Affen und eine Dunkelziffer an anderen Exoten. Der Generalsekretär der Heimtier-Gesellschaft, Dr. med. vet. Friedrich Tindler, vermutet: "Nach der Freß- und Reisewelle könnten wir in der Bundesrepublik vor einer Tierwelle stehen."
Die wachsende Welle hat in der Bonner Republik, wo sich bei einer Umfrage 81 Prozent aller Bürger als "tierlieb" einstuften, den Zoohandel und die Zubehör-Industrie schon jetzt zu neuen Umsatz-Ufern getragen: 1,5 Milliarden Mark gaben die Westdeutschen im letzten Jahr für den Kauf von Heimtieren, Käfigen und Körben, Aquarien und Terrarien, Pflegegeräten und Futter aus.
Allein für die Ernährung ihres lebenden Spielzeugs wenden die Bundesbürger jährlich 450 Millionen Mark auf. Die Produzenten von Katzenfutter ("Katzen würden Wiskas kaufen") steigerten ihren Dosen-Absatz innerhalb von sechs Jahren (von 1964 bis 1970) um 185 Prozent, die Hersteller von Hundefutter ("Jeden Tag ein anderes Chappi") ihren Büchsen-Ausstoß gar um 205 Prozent.
Die Zahl der Kleintier-Händler, die sich alle zwei Jahre zu einer Fachmesse treffen, stieg seit 1965 von rund 1000 auf 1500. Im Jahre 1975, so eine Experten-Prognose, werden es bereits 2000 sein. Bis Mitte dieses Jahres hatten sich in der Bundesrepublik, vor allem in den Großstädten, etwa 800 ärztliche Kleintier-Praxen etabliert (1965: etwa 350, geschätzte Ziffer für 1975: 1000).
Längst sind auch die Kauf- und Versandhäuser auf den neuen Markt vorgestoßen. Neckermann offerierte im Sommerkatalog Graupapageien für 325 Mark und Wellensittiche für 17,50 Mark das Stück. Dem Fürther Haus "Quelle", das in seinem Frühjahr-Sommer-Katalog Rassehunde feilbot, "lief die Nachfrage", so ein Firmensprecher, "teilweise davon": Nach wenigen Monaten waren mehr als 7000 Hunde per Postversand verkauft, davon mehr als vierzig Prozent des durch die TV-Serie "Lassie" populär gewordenen Typs Collie (Preis für einen Rüden: 268 Mark).
Das Kaufhaus Karstadt, das in 14 Filialen Abteilungen mit Tieren unterhält, setzte im vergangenen Jahr für drei Millionen Mark an lebender Ware um. In der Hamburger Dependance an der Mönckebergstraße locken Kabolz schlagende Affen den Kunden ins Kabinett der Kreaturen: Der Fransenzehenleguan (26 Mark) konkurriert mit der Kronenkrötenechse (32 Mark), der "marmorierte Fadenfisch, groß" (2,50 Mark) mit dem zwitschernden Rotohrbülbül (24 Mark).
Begüterten Tierfreunden liefert der Hamburger Otto-Versand deutsche Ponys (698 Mark das Stück) als Statussymbole ins Haus. Ein Berliner Fachgeschäft reüssierte mit Riesentausendfüßlern, ein Hamburger Laden mit Kraken.
Das herkömmliche Kleintier -- der Nager oder die Natter. der Fisch oder der Frosch -- bedeutet seinem Besitzer häufig ein Stück Idylle inmitten einer naturfeindlichen und vereinsamenden Umwelt.
Wenn der Hamster Männchen macht, der Wellensittich Küßchen gibt, der Guppy hinterm Glase glotzt und der Kanarienvogel, so eine Beschreibung des Tierschriftstellers Friedrich Mildenberger, sein "riririri", "huhuhu". "bläbläblä" und "wläwläwlä" vom Vertiko schmettert -- dann sieht, so Tierfachmann Tindler, "der Mensch im Tier den Menschen, hat er Zeitvertreib und fühlt sich geborgen".
Der Kamerad im Käfig (Wellensittich-Spruch laut Tier-Autor Albrecht Thiebes: "Onkel Heini. gut Holz, gut Holz") bringt vor allem Großstadtbürgern ein bißchen Geselligkeit ins Heim -- "weil er sprechen kann" (das ergab eine Umfrage der Heimtier-Gesellschaft).
"Je höher Sie kommen in einem modernen Wohnhochhaus" desto mehr Vogelbauer ... werden Sie finden", weiß der Hamburger Kleintier-Händler Gustav Müller: "Im 26. Stockwerk wohnen die Leute wie in der Stratosphäre. Da sehnen sie sich nach etwas Natur."
Auch Frankfurts Zoodirektor Professor Dr. Bernhard Grzimek. Naturschutz-Beauftragter der Bonner Regierung, sieht Zusammenhänge zwischen Industriegesellschaft und Kleintier-Boom: "Das Wesentliche ist die Verstädterung, die eine etwas krankhaft übersteigerte Neigung zu Tieren bewirkt." Und in Erkenntnis des steigenden Bedarfs an Geschöpfen für die Stadt-Wohnung wollen Branchen-Manager in den Ballungsgebieten ein Wesen heimisch machen. das eigentlich zum Mäusefang auf dem Lande bestimmt ist -- die deutsche Hauskatze.
"Wir müssen der Katze ein neues Image geben", erläutert Hundehalter (Beagle) Tindler die Pläne seiner -- von der Katzenfutterindustrie unterstützten
Heimtier-Organisation: "Wir wollen die Katze als Hochhaus-Tier anpreisen. denn dieses Tier hält sich selber sauber und braucht keinen Auslauf." Slogan für die Image-Pflege: "Das ideale Streicheltier."
Bei internationalen Ausstellungen und Tier-Umzügen sollen sich die Miezen vor allem bei neuen Käuferschich-
* In der Tierklinik der Münchner Universität.
ten einschmeicheln: "Denn leider", so Tindler. "hängt der Katze noch immer der Ruch des Arme-Leute-Tieres an." Und je ärmer die Leute. desto weniger können sie für Fertigfutter und Katzen-Zubehör (Couches. Schleifen oder Rüschen) aufwenden.
Das Angebot an Krimskrams für die Katz ist noch bescheiden. Aber die Beispiele von Hund und Hamster, den etablierten Hausgenossen, machen deutlich. in welchem Maße westdeutsche Bürger ihr Stück Natur im Heim bereits denaturieren -- zum Wohle eines Iudustriezweigs, dessen Umsatz schon nicht mehr zu überblicken ist: "Selbst Schätzungen versagen hier", meldete die "Welt", "weil das Angebot von Tag zu Tag zunimmt."
Das Angebot des Emmericher Hunde-Ausstatters H. von Gimborn GmbH., so ein Katalog-Auszug: "Hundeschuhe, schwarz, mit geriffelter Sohle, rutschfest"; "Curry Wurst, mit Stimme"; "modischer Pullover aus reiner Wolle, Oberseite gerauht"; "Schmucksteinkettenband, 24 Karat, goldplattiert" -- oder: "Haarglanz-Spray", "Kauspiele", "Milch-Drops".
Das Angebot der Hamster-Betreuer von der Bremer Firma "Vitakraft" -- unter anderem: "Hamsterwippe mit Leiter und Glocke" (2,20 Mark); "Hamsterbett -- garantiert einen guten Schlaf ohne Erkältungsgefahr" (1,20 Mark) -- oder: "Hamster-Dessert" ("allerleckerste Sachen"), "Knabberstangen" ("mundgerecht geformt"), "Hamster-Kuchen" ("kraftvolles Gebäck in Waffelform").
Während auf der Kö und dem Kudamm, den deutschen Pracht-Promenaden, Pudel und Pinscher schon in Nerzmänteln (zwischen 480 und 520 Mark) und Breitschwanz-Kreationen (280 bis 350 Mark) Gassi gehen und der kleine Mann seinen nervösen Goldhamster mit Psychopharmaka ("Hejo Ginseng beeinflußt günstig Herz und Nerven") zur Ruhe bringt, kalkulieren die Kleintier-Strategen bereits mit einer neuen Umsatz-Chance. Sie wollen ihr Geschäft zu einem Dienstleistungsgewerbe ausbauen.
Eine Expertise der "Vereinigung zur Förderung der Heimtier-Haltung" empfiehlt den Planern der Siedlungen von morgen: "In den Vorortstädten wird sich in unmittelbarer Nähe der Hauptverkehrsstationen die Einrichtung von Kleintier-Pensionen als notwendig erweisen, wo man tagsüber seinen Hund dem 'dogsitter' übergibt." Und: "Bei der Planung von Neubau-Wohngebieten, und zwar für jeweils 15 000 bis 20 000 Einwohner, muß die Einrichtung von einem Zoofachgeschäft, einem Hundepflegesalon und einer Tierarztpraxis für Heimtiere berücksichtigt werden."
Und schon "zeichnet sich mit dem Fortschritt der Tiermedizin", so das tierfreundliche Massen-Organ "Reader's Digest", "auch die Entwicklung einer Tier-Geriatrie ab". Grund: "Man findet sich eben nicht mehr damit ab. daß man alten Tieren die Jahre ansieht, sondern behandelt ihre speziellen Leiden." Herzschrittmacher und Geräte zur Herzmassage am geschlossenen Brustkorb trugen dazu bei, daß sich die Lebenserwartung von Hunden und Katzen in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat.
Selbst der Gefahr, daß bundesdeutsche Wohlstands-Kreaturen der Herztod durch Verfettung ereilen könnte, wird mittlerweile vorgebeugt: In der hessischen Kurstadt Bad Vilbel richtete eine Zoohandlung den ersten Tiermassage-Salon der Bundesrepublik ein. Salon-Besitzer Karl Heinz Neher: "Die Massage beseitigt, was zuviel ist, macht Erschlafftes wieder fest und beschwingt den Kreislauf."

DER SPIEGEL 46/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Der Mordfall Lübcke: Spurensuche im braunen Netzwerk
  • Super-Sandburg in Thailand: Gib mir die Hand, ich bau dir...
  • Schluss mit Dampfen: San Francisco verbietet E-Zigaretten
  • Hitzewelle in Deutschland: "Ein Hitzschlag ist immer noch zu 40 bis 50 Prozent tödlich"