01.11.1971

„Musik, die dem Sozialismus nützt“

Zwei Jahrzehnte lang wurden die Werke des Komponisten Hanns Eisler außerhalb der DDR nicht zur Kenntnis genommen. Doch jetzt erwacht auch im Westen das Interesse für seine sozialistischen Kantaten und Massenchöre, für seine Kammer- und symphonische Musik. Das Grazer Festival „Steirischer Herbst“ widmete im Oktober dem 1962 verstorbenen Schönberg-Schüler und Brecht-Freund eine „Hanns-Eisler-Retrospektive“. Ein Münchner und ein Leipziger Verlag bringen die theoretischen Schriften des unermüdlichen Klassenkämpfers heraus.
In westdeutschen Gehirnen geistert er als der berüchtigte Komponist der ostdeutschen "Spalter" -Hymne "Auferstanden aus Ruinen" sowie garstiger politischer Lieder, die zum Klassenkampf aufhetzen.
Daß jedoch Hanns Eisler (1898 bis 1962) einer der bedeutenden deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts sein könnte, daß dieser Schönberg-Schüler 15 Orchesterstücke, 23 Kammer- und 50 Chorwerke, 20 Kantaten, rund 250 Lieder, 37 Bühnen- und 39 Filmmusiken hinterlassen hat, wurde in der Bundesrepublik bisher ignoriert.
Die Generalmusikdirektoren mochten von ihm nichts hören, die Schallplatten-Produzenten stellten sich taub; auch der Rundfunk gab kaum einen Eisler-Laut und somit seinem Publikum nicht einmal Gelegenheit, die Klänge des militanten Marxisten zu verwerfen.
Ein einziger Sender allerdings machte, wenngleich reichlich spät, eine Ausnahme: 1967, als Wörter wie "links" und "Revolution" in offene Intellektuellen-Ohren drangen, übernahm WDR III von Radio DDR eine 17teilige Dialog-Serie mit dem Titel "Hanns Eisler über Kunst und Politik" und umrahmte sie mit 78 Kompositionen, die erstmals einen Überblick über Eisler-Werke boten.
Inzwischen macht nun der Münchner Verlag Rogner & Bernhard den mißachteten Musiker näher bekannt: Er legte die vom WDR gesendeten Tonband-Gespräche, die Eisler zwischen 1958 und 1962 mit dem DDR-Dramaturgen und ehemaligen Leiter des Brecht-Archivs Hans Bunge geführt hatte, im Druck vor und offerierte außerdem den Essay "Komposition für den Film", den Eisler gemeinsam mit seinem damaligen Freund (und späteren Widerpart) Theodor W. Adorno im amerikanischen Exil verfaßte**. Mehr noch: Bis 1980 wollen Rogner & Bernhard, in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Verlag für Musik in Leipzig, alle theoretischen Schriften Eislers herausbringen.
Hanns Eisler, so scheint es, ist im Kommen. Schon vertreibt der Kasseler Bärenreiter-Verlag eine Gesamtausgabe seiner musikalischen Werke. Und auch die westlichen Konzertsäle scheinen sich ihm langsam zu öffnen:
Das Grazer Festival "Steirischer Herbst" jedenfalls widmete ihm im Oktober eine umfangreiche "Hanns-Eisler-Retrospektive" -- mit drei Eisler-Vorträgen, einer Eisler-Diskussion und zwei Eisler-Konzerten. Auch an politischen Eisler-Chansons nach Texten von Brecht fehlte es nicht. Schließlich wollten die Grazer den ganzen Eisler zeigen -- wenigstens andeutungsweise.
Dieser ganze Eisler, ein kleiner, runder, kahlschädliger Mann, der zeitlebens zuviel rauchte, trank und Süßigkeiten naschte, hat seinen Zeit- -- auch seinen Parteigenossen bis zuletzt manchen Ärger bereitet. Gewiß, er war der gefeierte "Sänger der Arbeiterklasse". aber er liebte zugleich das Sublime.
Sanft rügend verwies sein Schüler, der DDR-Komponist Ernst Hermann Meyer, auf die "Perioden der Esoterik" im Werk des Proletkult-Artisten: "Dem leidenschaftlichen Willen des Künstlers. an der Seite der werktätigen Millionen das große, lichte Neue zu erkämpfen.
* Mit dem Filmsregisseur Slatan Dudow (r.).
** Hans Bunge: Fragen Sie mehr über Brecht, Hanns Eisler im Gespräch". 368 Seiten; 15 Mark.
-- Theodor W. Adorno/Hanns Eisler: "Komposition für den Film". 216 Seiten; 10 Mark. Beide im Verlag Rogner & Bernhard. München.
steht zeitweise sein Bestreben gegenüber, die hochgetriebene, atonal-überfeinerte Espritkunst der alten Moderne weiterzupflegen"
Eine ganz andere Rüge hatte Eislers Lehrer Arnold Schönberg anzubringen. "Es ist wirklich dumm", schrieb er 1947 in einem Brief, "daß erwachsene Menschen, Musiker, Künstler, die wahrhaftig Besseres zu sagen haben sollten, sich mit Weltverbesserungstheorien einlassen, obwohl man ja aus der Geschichte wissen kann, wie all das ausgeht. Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich ihn wie einen dummen Jungen übers Knie legen und ihm 25 heruntermessen und ihn versprechen lassen, daß er nie mehr seinen Mund aufmacht und sich auf Notenschreiben beschränkt. Dafür hat er Talent."
Bei Schönberg, der ihn neben Alban Berg und Anton Webern als seinen wichtigsten Schüler bezeichnete, hatte der Philosophensohn Eisler, in Leipzig geboren, in Wien aufgewachsen, nach dem Ersten Weltkrieg gelernt, "was heute gar nicht mehr richtig verstanden wird: Redlichkeit in der Musik".
Daß jedoch "derjenige Komponist, der an den Hörer denkt, kein Künstler" sei, mochte er seinem Lehrer nicht abnehmen: Eisler dachte immer ans Publikum -- so 1926. als er mit atonalen. aggressiven, persiflierenden "Zeitungsausschnitten" (die jetzt auch in Graz auf dem Programm standen) den bürgerlichen Kunstbetrieb verhöhnte und die Zuhörer in Schrecken versetzte.
"Die modernen bürgerlichen Komponisten", schrieb er 1935, "leben gleichsam wie in einem Glashaus, getrennt von der Wirklichkeit. Ihre Werke spiegeln nicht die großen Kämpfe unserer Zeit wider. Sie sagen nur aus vom Innenleben der Komponisten selbst, oder sie haben rein technischen Charakter."
Eisler hingegen, der schon während seiner Lehrzeit bei Schönberg Wiener Arbeiterchöre dirigiert hatte, wollte die "Privatgefühle" in der Musik abschaffen, sich nicht "biographisch ausdrücken". Er wollte "mit der Erfahrung und den Kunstmitteln der Bourgeoisie", mit "den letzten Raffinements der Moderne" eine "Musik schreiben, die dem Sozialismus nützt".
Also schrieb er, während seine dodekaphonischen Kammerwerke auf den Musikfesten von Donaueschingen und Venedig aufgeführt wurden, im Berlin der zwanziger und ersten dreißiger Jahre kommunistische Chansons, die er mit Ernst Busch in Wirtshaussälen vortrug.
Also komponierte er, meist in der tonalen und somit leichtverständlichen Syntax der herkömmlichen Musik, für die Proletarier Berlins sozialistische Balladen, Kantaten, Märsche, Massenchöre und Kampfgesänge nach Texten Weinerts und vor allem seines Freundes Brecht -- etwa das Lied "Roter Wedding", das "Lied der Arbeitslosen"" das "Solidaritätslied".
Eisler wußte freilich nur zu gut, wie fragwürdig solch ein Komponieren für Sozialismus und Revolution war. Er kannte den "verdammten Proteus-Charakter der Musik", "dieser Hure Musik. die sich zu allem ausgeliehen hat, was schlecht und gut war in der Gesellschaft". Es war ihm klar, daß seine Melodien der sozialistischen Sache nur in Verbindung mit einem sozialistischen Text dienen konnten. 1933 wurden seine Lieder von der Hitlerjugend gesungen -- mit neuen Worten, versteht sich.
Der Berliner KP-Genosse Eisler war zu der Zeit bereits außer Landes. Er emigrierte über Wien, Holland, Belgien, Frankreich, Dänemark und Spanien (wo er für die Internationalen Brigaden des Bürgerkriegs komponierte) nach Amerika, wo er sich schließlich als Professor der University of Southern California in Los Angeles als Nachbar Thomas Manns und Schönbergs niederließ. Auch Brecht war zur Stelle.
Frucht dieser amerikanischen Emigrationsjahre war, neben etlichen Filmmusiken für Hollywood. unter anderem die "Deutsche Sinfonie" nach Texten von Brecht ("O Deutschland, bleiche Mutter") -- ein atonales Werk für Soli, Sprechstimmen, Orchester und 400köpfigen Chor, das mit spätromantischen Emotionen über die Barbarei im Dritten Reich klagt.
In Amerika verfaßte der unermüdliche Klassenkämpfer das "Lied von der Einheitsfront" und das "Lied von Hammer und Sichel". Aber er komponierte auch sein bestes Kammer-Stück. das (im "Steirischen Herbst" wieder dargebotene) Zwölfton-Quintett Opus 70, das sehr wohl die von Eisler verworfenen "Privatgefühle" zum Ausdruck bringt. Es trägt den Titel "Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben".
1947 wurde Eisler mit seiner Frau Stephanie verhaftet, ins Gefängnis geworfen und vors "Komitee zur Untersuchung unamerikanischer Umtriebe" gebracht. Grund: Er war der Bruder des Kommunisten (und späteren DDR-Informationschefs) Gerhart Eisler.
In Amerika protestierten Charlie Chaplin, Thomas Mann und Albert Einstein, in Frankreich Picasso, Matisse, Cocteau, Aragon und Eluard gegen das "schändliche Ausweisungsverfahren". Aber Eisler wollte ohnehin gehen. 1948 kehrte er nach Europa zurück. 1950 etablierte er sich in Ost-Berlin.
Er wurde Professor an der Hochschule für Musik. In "Neuen deutschen Volksliedern", die von "den letzten Raffinements der Moderne" kaum noch etwas spüren ließen, besang er fortan den sozialistischen Aufbau.
Er verfaßte die Kantate "Du großes Wir". Er vertonte Brechtsche Bühnenwerke ("Die Tage der Kommune", "Schweyk im Zweiten Weltkrieg") und schrieb die Musik zum Auschwitz-Film "Nacht und Nebel" von Resnais. Mit dem SED-Poeten Kuba produzierte er das "Sputnik-Lied" mit der schönen Überschrift "Zwei liebevolle Schwestern sind Moskau und Berlin".
Eisler war ein berühmter Mann. Er bekam Nationalpreise; aber er machte auch Ärger. Das "Neue Deutschland" rügte den Mangel an Positivem in seiner "Deutschen Sinfonie". Seine Faust-Oper, deren Libretto er selbst geschrieben hatte. wurde gleichfalls kritisiert und blieb Fragment. "Man redet", so klagte er, "von mir als Propagandisten. als Verbündeten der Arbeiterklasse. als Kommunisten -- von meiner Musik ist schon lange nicht mehr die Rede."
Dennoch komponierte er weiter. Dennoch beharrte er: "Wir Marxisten müssen den Leuten die Kultur in den Mund hineinstopfen." Dennoch kämpfte er weiter gegen die "Dummheit in der Musik" und anderswo,
Er polemisierte gegen den "abstrakten Unsinn" seines einstigen Freundes. des "Frankfurturisten" Adorno: "Wenn der Adorno nur einmal verstehen würde, daß Musik von Menschen für Menschen gemacht wird." Doch er belehrte auch seine Freunde in der DDR, daß "Überpolitisierung in der Kunst zur Barbarei in der Ästhetik" führe: "Wir haben so große Vorzüge als Kommunisten und Sozialisten, daß es nicht notwendig ist, jeden Dreck zu politisieren und ihn abzumessen, ob er nun unserer Weltanschauung entspricht."
"Es ist unmöglich von meinen Freunden", auch dies sagte er. "sich über elektronische Musik lustig zu machen oder sie einfach als dekadent zu bezeichnen. Wir dürfen aus der Dekadenz doch nicht die großen Begabungen wegstreichen." Und er bedachte, daß "die Automation. die Kybernetik eine immer gewaltigere RoHe spielen": "Eine Gesellschaft. die in dieser Weise selbst das Denken organisieren kann mittels Maschinen" kann mit der naiven Spontaneität eines Lyrikers oder eines Komponisten immer weniger anfangen. Der mühselige Adagio-Satz der Gefühlserwärmung wird immer weniger eine Rolle spielen."
Eislers letztes Werk, kurz vor seinem Tod 1962 abgeschlossen, waren die (jetzt in Graz aufgeführten) "Ernsten Gesänge" für Bariton und Streichorchester nach Texten von Friedrich Hölderlin, Berthold Viertel. Helmut Richter, Stephan Hermlin und dem italienischen Dichter Giacomo Leopardi, der einst den Weltschmerz besang. Leopardis Zeilen tragen den Titel "Verzweiflung" und lauten: "Nichts gibt's, was würdig wäre deiner Bemühungen, / Und keinen Seufzer verdient die Erde. Schmerz und Langeweile sind unser Los / Und Schmutz die Welt, nichts andres, / Beruhige dich."
"Man kann", so hat Eisler gesagt, "nicht immer optimistische Lieder schreiben."

DER SPIEGEL 45/1971
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