27.07.1970

STUDENTEN / BURSCHENSCHAFTENPauken oder Politik

Hartmut Rettig, 23, verließ fluchend den Saal: "Mich juckt's nicht mehr, die können mich mal." Nach dreißig Stunden zermürbender Diskussion fand der Marburger Theologie-Student: "Es ist doch beschämend, wie wir als Akademiker uns hier aufführen."
Des Theologen Kummer über die Kommilitonen war begründet: 214 farbentragende und schlagende Studenten, festlich geschmückt mit Mützen und Tönnchen, mit Bierzipfel und Bändern, offenbarten beim Deutschen Burschentag in Landau den Zerfall ihres 155 Jahre alten Verbandes.
Der Streit ums höchste Prinzip deutscher Waffenstudenten -- um die Bestimmungsmensur als Pflichtübung -- hat die Deutsche Burschenschaft endgültig gespalten. "Dieser Verband ist passé", zog Chemie-Student Jürgen Gutknecht (Alt-Germania-Hannover) das Fazit von Landau, "viele haben doch einfach die Nase voll."
Wie schon in den Jahren zuvor, scheiterte auch diesmal der Antrag der Reformer, das wahlweise Fechten einzuführen, am Veto einer konservativen Minderheit. Denn die Bestimmungsmensur, "ein den einzelnen und die Gemeinschaft förderndes Erziehungsmittel" (Ziffer 15 der burschenschaftlichen Grundsätze), ist nur mit einer Dreiviertelmehrheit abzuschaffen.
Burschen von rechts hatten vorgebaut und die Fechtunwilligen im Korporierten-Kampfblatt "Student" als "politisierende Funktionäre" abgetan, die den Verband "zu einer Art hochschulpolitischer Basisgruppe" machen wollten. Fechtfreund Hannes Kaschkat (Armenia-Berlin) pries dort "strikte politische Abstinenz" als die einzig rettende Therapie für den Verband -- "auch auf die Gefahr, dadurch zu schrumpfen". Kaschkat: "Es wäre ein Gesundschrumpfen."
Der Schrumpfungsprozeß freilich -- so bestätigte sich am vorletzten Wochenende in Landau -- ist längst im Gange, denn: Wer nicht fechten will, der fliegt. Nach den Bubenreuthern aus Erlangen, den Frankonen und Teutonen aus Freiburg, die schon im vorigen Jahr das Mensurenschlagen freistellten und daraufhin aus dem Dachverband geschaßt wurden, traf diesmal Allemannia-Bonn, Saxonia-Breslau zu Göttingen, Vineta Heidelberg und Ulmia Stuttgart der Bannstrahl der Delegierten.
Für einen noch größeren Aderlaß aber sorgte der Rechtsausschuß des Verbandes. "Burschenschaften, die gegen den Ausschluß ... wegen Aufgabe der Bestimmungsmensur stimmen oder sich der Stimme enthalten", entschieden die betagten Ausschuß-Herren, gelten "ebenfalls als ausgeschlossen", weil sie "damit die Verfassungsuntreue der betroffenen Burschenschaft sanktionieren".
Auf diese Weise eliminierten sich neun Bünde durch eigenes Votum, während vierzehn andere dem Rausschmiß nur dadurch entgingen, daß sie bei den Abstimmungen jeweils aus dem Saale rannten.
Von 107 Burschenschaften, die sich unter ihrem schwarz-rot-gold gerahmten Wahlspruch "Ehre -- Freiheit -- Vaterland" in der Landauer Festhalle anfangs versammelt hatten, saßen zuletzt noch 80 im Saal. "Was da übrigbleibt", konstatierte ein Delegierter, "sind nur noch Rechtsradikale." Auch Hartmut Rettig aus Marburg resignierte: "Uns liegt was an der Deutschen Burschenschaft, aber an dem Verband liegt uns nichts mehr."
Bei fortschrittlicher gesinnten Bünden, die fortan keine Mensuren mehr schlagen wollen, wird denn auch seit letzter Woche die Gründung eines Gegenverbandes ernsthaft erwogen. Mit-Initiator Jürgen Gutknecht: "Wir werden doch immer unglaubwürdiger, wenn wir in dem Verein noch drinbleiben.
Gutknechts Konzept: Auf Basis des "Neuen Landauer Kreises" (NLK)" einer im Vorjahr gegründeten Arbeitsgruppe, der Politik mehr gilt als Pauken, soll "möglichst schnell ein eigener Verband" entstehen. "Denn bei den jetzigen Mehrheitsverhältnissen", prophezeit der NLK-Sprecher, "wird sich auch 1971 nichts ändern."
Gleich nach den Semesterferien will der "Neue Landauer Kreis", in dem sich bislang schon 17 Bünde zusammengetan haben, in Hannover über die neue Lage beraten. "Und dort", meint Jürgen Gutknecht" "muß endlich klar werden, daß wir bei diesem ganzen Mist nicht mehr mitmachen."

DER SPIEGEL 31/1970
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