27.07.1970

BÜCHER NEU IN DEUTSCHLANDAmerikanische Wahl

Charles Bukowski: „Aufzeichnungen eines Außenseiters“. Melzer; 292 Seiten; 18 Mark.
"Die Wahl zwischen Nixon und Humphrey", so schrieb vor den letzten Präsidentschaftswahlen ein amerikanischer Kolumnist, "läuft auf das gleiche hinaus, als wenn man uns beim Mittagessen die Wahl zwischen kalter und aufgewärmter Scheiße läßt." Deutliche Worte.
Ihr Autor, Charles Bukowski, 50, Amerikaner aus Augsburg in Bayern, Poet und Alkoholiker, hat in der in Los Angeles erscheinenden Underground-Zeitung "Open City" eine wöchentliche Kolumne. Sie heißt "Notes of a dirty old man", und rund dreißig von ihnen gibt es jetzt auch zum Buch versammelt.
Bukowskis Anmerkungen eines alten schmutzigen Mannes entsprechen weder landläufiger Kolumnenform noch landläufigen linken Ansichten:
Im Gegensatz zu jenen deutschen Schriftstellern, die ihre Progressivität damit unter Beweis stellen, daß sie das Schreiben von Literatur für überholt erklären und sich dafür unmittelbar in die politischen Tageskämpfe zu verwickeln suchen, meint Bukowski: "Wenn du von deiner Schreibmaschine aufstehst, legst du deine Maschinenpistole aus der Hand." Die jungdeutschen Revolutionäre werden also an Bukowski wenig Freude haben. Er ist nämlich der Ansicht, "daß es nicht reicht, wenn man einem eine neue Regierung über den Kopf stülpt wie einen neuen Hut und darauf hofft, daß sich dann auch in der Rübe, die darunter steckt, etwas tut". Mit der neuen meint er natürlich die nachrevolutionäre Regierung.
Mithin hält Bukowski es mit den Beatles und mit dem, was ihnen als konterrevolutionär angekreidet worden ist. Wenn einer sich eine Mao-Plakette ansteckt oder ein Guevara-Plakat im Goldrahmen an der Wand hängen hat, dann bedeutet das noch nicht, daß das neue Bewußtsein von seinem Kopf Besitz ergriffen hat. Und ohne dieses ist die Revolution, die auch Bukowski sich wünscht, zum Scheitern verurteilt.
Bukowskis Kolumnen lesen sich wie Geschichten. Ihr Personal rekrutiert sich aus den Randschichten der kapitalistischen Gesellschaft: Säufer, Süchtige, Huren, Killer, Dichter, Neurotiker, Beatniks und Schwarze. Sie zeigen zum einen die Notwendigkeit, daß jenes neue Bewußtsein sich bilde, und zum anderen, wie es sich bilden könnte. Die Skepsis aber überwiegt.
Bukowski hat "nicht einen Hauch von Gewißheit, daß der Revolution nicht wie gehabt der Verrat an der gemeinsamen Sache folgen wird. Ich bin für Gewaltanwendung, wenn es keine andere Lösung mehr gibt (und es gibt keine andere mehr), aber bevor ich einen umlege, will ich sicher sein, daß man mir nicht wieder ein ähnliches Kaliber an seine Seite setzt".

DER SPIEGEL 31/1970
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