18.10.1971

Massenflucht aus dem Joch Christi

Die Priester der katholischen Kirche sind nicht mehr uniform in Aussehen, Auftreten und Anspruch. Aber trotz aller Reformen ist ihr Beruf in eine Krise geraten, aus der gegenwärtig die Bischofssynode im Vatikan einen Ausweg sucht. Mindestens 13 000, wahrscheinlich doppelt soviel Priester haben in den letzten Jahren ihr Amt aufgegeben und größtenteils geheiratet. Auf 20 000 schätzt der Heilige Stuhl die weiteren Abgänge bis 1975. Kardinäle und Bischöfe sind in Opposition zum Papst getreten und verlangen den verheirateten Priester.
Stumm und krank saß Papst Paul VI., 74, fast Tag für Tag in einem kinoähnlichen Saal vor 209 Bischöfen und hörte sich an, wie ohne ihn und gegen ihn Kirchengeschichte gemacht wurde.
Im neuerrichteten Audienzgebäude des Vatikans tagt seit dem 30. September voraussichtlich bis Ende Oktober die Bischofssynode, der Oberhirten aus 100 Ländern angehören. Ihr erstes Thema ist die Zukunft des Priesterberufs.
Zumeist auf lateinisch, zuweilen auch auf französisch und englisch, taten Kardinäle und Bischöfe das, was Paul VI. ihnen noch vor wenigen Jahren verboten hatte: Sie diskutierten über den Zölibat, die allen Priestern gesetzlich vorgeschriebene Ehelosigkeit und Keuschheit.
Und sie verlangten das, was Papst Paul VI. noch immer verweigert: den verheirateten Priester.
Oft im Namen aller Bischöfe ihrer Länder stellten führende Männer der Kirche in den letzten beiden Wochen ihre Forderungen. Hollands Kardinal Alfrink will Familienväter wenigstens dort zu Priestern weihen lassen, wo großer Mangel an Geistlichen herrscht. Belgiens Kardinal Suenens möchte diese Neuerung überall in der Welt verwirklicht sehen. Und Antiochiens Patriarch Paul Pierre Kardinal Meouchi ging noch weiter und verlangte, allen schon geweihten Priestern die Wahl zwischen Ehe und Ehelosigkeit freizustellen.
Papst Paul VI. aber will all das nicht. Allenfalls den Alfrink-Vorschlag würde er wohl akzeptieren, wenn die Mehrheit der Synode es entschieden von ihm verlangte. Münchens Julius Kardinal Döpfner schlug eine geheime Abstimmung vor, ob weiterhin von jedem Priester der Zölibat verlangt werden soll und ob (im Sinne Alfrinks) als Ausnahme verheiratete Männer zu Priestern geweiht werden sollen. Eine große Zahl von Synoden-Rednern machte Stimmung gegen jedwede Änderung der einschlägigen Vorschriften.
Es geht um ein scheinbar sekundäres Problem. Denn Paul VI. könnte das Zölibatsgesetz lockern oder aufheben, ohne nach katholischer Lehre gegen ein göttliches Gebot zu verstoßen. Durch den Starrsinn aber, mit dem er die Priester zur Keuschheit verpflichten will, ist der Zölibat zu einem Kardinalproblem der Kirche geworden.
Zwar hat sich der Priesterberuf in den letzten Jahren so gewandelt wie noch nie in der jüngeren Geschichte. Doch eben deshalb riskiert Paul VI. Konflikte und Katastrophen für seine Kirche, wenn er die Entwicklung nun zu bremsen oder gar umzukehren versucht. Denn der Priester des Jahres 1971 unterscheidet sich vielfältig von dem Priester des Jahres 1962, als Paul-Vorgänger Johannes XXIII. das Konzil eröffnete und damit eine Erneuerung der Kirche einleitete.
Noch vor zehn Jahren war die halbe Million Priester überall in der Welt so gekleidet, wie ihre Kirche es befahl: Schwarz waren ihre Anzüge und Soutanen, und dunkel waren auch ihre Hüte und Handschuhe, Strümpfe und Schuhe. Sogar wer nur in den Urlaub mit heller Hose und farbigem Hemd fuhr, verstieß gegen eine der römischen Regeln. die vom Traum im Bett bis zum Dienst am Altar jedes Detail im Leben der Priester vorschrieben. Er beging "einen Verrat am Priestertum". Denn dafür hielt es noch 1957 Paderborns Erzbischof Lorenz Jaeger, wenn ein Geistlicher "in den Ferien keine Priesterkleidung trägt".
Sie handelten nach Vorschrift, ob sie das Brevier beteten (täglich etwa eine Stunde lang in Latein, wie es Canon 135 des Codex Iuris Canonici, des kirchlichen Gesetzbuches, verlangt) oder den Rosenkranz bewegten, ob sie zu Exerzitien fuhren oder ihren Bischöfen aufs Hirtenwort gehorchten.
Wenn sie über Mischehe oder Konfessionsschule anders dachten als ihre Vorgesetzten, so behielten sie es für sich. Erst recht zweifelten sie vor Fremden an keinem Dogma. Das eigene ehelose Leben bis zum Tode schien ihnen selbstverständlich.
Dieses Bild hat sich gewandelt. In den meisten Städten und Dörfern der Bundesrepublik wie in vielen anderen Teilen der Welt sind die katholischen Geistlichen gekleidet wie andere Männer und nicht mehr als Priester zu erkennen. Viele boten das Brevier nur noch selten, oft sind ihnen die Lektüre der Bibel oder eigenes Gebet, oft auch andere Beschäftigung wichtiger.
Daß gar mancher Priester in vielem anders denkt als der Papst, kann jeder hören und lesen. Und viele machen kein Hehl daraus, daß ihnen sogar die Unauflöslichkeit der Ehe, die Unfehlbarkeit des Papstes und andere Dogmen so, wie ihre Kirche sie lehrt, zweifelhaft geworden sind.
Priester wollen die meisten bleiben, ledig wahrscheinlich auch. Aber nicht wenige haben für Amtsbrüder, die heiraten und ihren Beruf aufgeben, mehr Verständnis als für Papst Paul Vi., der den Priestern die Ehe ebenso beharrlich verweigert wie den katholischen Frauen die Pille -- mit dem Unterschied allerdings, daß die Leitsätze des Papstes den Priestern nicht so gleichgültig sein können wie den Frauen.
Zum Kampf um die Reform der Kirche hat sich denn auch eine aktive Minderheit in den Priester- und Solidaritätsgruppen vereint, oft zusammen mit Nichtgeistlichen. den im katholischen Sprachgebrauch so genannten Laien.
Die Solidaritäts-Priester nehmen in mancher Hinsicht einen Vorschuß auf die Zukunft. So feiern sie die Eucharistie auch in Zivil und in Wohnungen statt nur im Meßgewand und in der Kirche. Sie glauben, daß sich ihr Beruf in den nächsten zehn Jahren noch stärker wandeln muß als in dem vergangenen Jahrzehnt, soll er nicht zum Beruf ohne Zukunft werden.
Die Krise des Priesterberufs wird in Zahlen offenkundig, die in der katholischen Kirche seit der lutherischen Reformation und der Französischen Revolution ohne Beispiel sind:
* Zehntausende von Priestern geben ihren Beruf auf. Von 1963 bis 1970 haben nach inoffizieller, fundierter Schätzung 22 000 bis 25 000, nach geheimer amtlicher Rechnung des Heiligen Stuhls 13 000 Priester den Dienst quittiert.
* Der Nachwuchsmangel vergrößert sich von Jahr zu Jahr. Nur noch halb so viele junge Katholiken wie 1960 entscheiden sich für den Priesterberuf. Von diesen Kandidaten hält nicht mehr wie früher jeder zweite, sondern nur noch etwa jeder dritte bis zur Priesterweihe durch. Die Mehrheit der Priester denkt anders als der Papst.
* Die Zahl der Priesterweihen geht erheblich zurück. in Deutschland ist sie innerhalb von vier Jahren (1966 bis 1970) auf die Hälfte gesunken.
* Im Klerus klaffen immer größere Lücken. In der Bundesrepublik wären nach kirchlicher Bedarfsrechnung (ein Priester auf tausend Seelen) drei Priester notwendig, wo heute zwei amtieren. In Lateinamerika steht durchschnittlich nur ein Priester zur Verfügung, wo die Kirche vier für notwendig hält.
* Unter den Priestern organisiert sich die Opposition gegen die kirchliche Obrigkeit. Den Priester- oder Solidaritätsgruppen gehören in manchen Diözesen bereits zehn Prozent der Geistlichen an.
* In der Auseinandersetzung um den Zölibat ist in mehreren Ländern die Mehrheit der Priester gegen den Papst.
Paul Vl. aber scheint der Zeit nachzutrauern, als die katholischen Priester sich dem Zölibatszwang noch beugten, ohne aufzubegehren, und er scheint noch immer zu hoffen, daß sie wiederkehrt. Er verteidigt die Verpflichtung aller Priester zu Keuschheit und Ehelosigkeit so entschieden, als gelte es, die Kirche vor dem Einsturz zu bewahren. Und er macht so auch diejenigen zu seinen Gegnern, die durchaus die freie Entscheidung der Priester für die Ehelosigkeit bejahen und nur das Gesetz ablehnen, das allen Priestern die Ehe verbietet.
Verteidiger wie Gegner des Zölibatsgesetzes sind sich weithin einig, daß der Priesterberuf nicht nur und nicht einmal hauptsächlich wegen der erzwungenen Einsamkeit der Geistlichen in eine Krise geraten ist. "Viele Priester", so bekannte Kardinal Döpfner, "wissen offensichtlich nicht mehr, wer sie sind, was sie sollen und wo sie in Kirche und Welt ihren Ort haben."
Es ist die Krise der Kirche, deren Folgen sich im Alltag der Priester auswirken und nicht wenigen den Beruf verleiden.
Die Priester sollen Gerechtigkeit predigen, doch ihre Kirche ist selber noch immer ungerecht, zum Beispiel gegen ausscheidende Priester. Sie sollen den Armen helfen und die Armut christlich nennen, obwohl die Kirche selbst reich ist (jedenfalls in Ländern wie der Bundesrepublik). Sie sollen den Unterdrückten beistehen und sehen doch, daß ihre Kirche oft mit den Unterdrückern paktiert. Als ein Priester dies im italienischen Fernsehen aussprach, wollte Papst Paul VI. es nicht wahrhaben und zürnte öffentlich über die "schrecklichen Angriffe gegen die Kirche".
War es früher -- und das heißt: noch vor 20, oft sogar noch vor zehn Jahren -- für Söhne von kinderreichen Bauern und kleinen Beamten nur durch die Entscheidung für den Priesterberuf möglich, zum Akademiker aufzusteigen, so bieten sich heute viele andere Möglichkeiten.
War früher der Priester eine zentrale Figur im Dorf und oft auch in der Stadt, so ist er heute selbst in katholisch besiedelten Landstrichen zur Randerscheinung geworden.
"Er soll Wahrheiten verkünden, die für ihn überholt sind."
War früher das sogenannte katholische Glaubensgut eine Konserve, die sich über Generationen hielt, so muß sich heute der Priester wappnen, um Tag für Tag, Religionsstunde für Religionsstunde von ewigen Wahrheiten wenigstens Reste zu retten.
War früher nahezu alles exklusiv, was der Priester tat, so kann heute (aufgrund der Entwicklung auf und seit dem Konzil) vieles auch der Laie erledigen, abgesehen nur von Messe, Beichte und Taufe (die er im Notfall aber auch selber vornehmen darf).
War früher immerhin noch unter kirchentreuen Katholiken das Wort des Papstes von Gewicht, so hat das Pillenverbot bis weit in die Kreise der Kirchgänger hinein die Autorität Pauls VI. zerstört. Und vielen Priestern fällt es schwer, sie wieder aufzubauen.
Denn war es früher fast jedem Priester möglich, wenigstens in Grundfragen wie der Papst zu denken, so bringt heute die Kirchenspitze gar manchen Pfarrer in Schwierigkeiten, weil er -- wie es der holländische Soziologe Goddijn beschreibt -- "Wahrheiten verkünden soll, hinter denen er persönlich nicht mehr oder nicht mehr völlig steht, weil er Werte übertragen soll, die für ihn überholt sind, weil er Lehrsätze oder eine kirchliche Äußerung weitergeben soll, die er persönlich nicht anerkennt, weil er Handlungen, an deren Wirksamkeit er nicht glaubt, verrichten soll und weil er eine Autorität repräsentieren soll, mit deren Auffassungen er nicht übereinstimmen kann".
Der auf die Keuschheit der Priester fixierte Papst Paul VI. aber hat sich auf ein Rückzugsgefecht eingelassen, das mit einer noch vernichtenderen Niederlage enden kann als in Deutschland der Kampf für die Konfessionsschule und gegen die Mischehe. Denn sowenig katholischer Geist in Schulen und Ehen mit Canones und Konkordaten zu retten war, sowenig wird vom frommen Ideal der Ehelosigkeit übrigbleiben, wenn Papst und Kurie seine Verwirklichung mit Dekreten und anderen Machtmitteln erzwingen wollen.
Zwang ist schon deshalb ein untaugliches Mittel geworden, weil sich jeder Kaplan auf manchen Kardinal berufen kann, der den Zölibat ebenso ablehnt wie er.
Unüberbrückbar sind, wie es scheint, in den letzten beiden Wochen die Gegensätze selbst im Kardinals-Kollegium geworden.
Während der Belgier Suenens auf der Synode tadelte, daß die offene Diskussion über den Zölibat "viel zu spät" begonnen habe, ist der römische Kardinal Dell' Acqua der Ansicht, daß sie sofort gestoppt werden solle.
Während die Bischofskonferenzen Hollands, Kanadas, Südafrikas, Brasiliens, Belgiens, Österreichs und anderer Länder den Zwangszölibat lockern oder sogar aufheben wollen, haben sich die Bischofskonferenzen der Bundesrepublik, der Schweiz, der USA, Ungarns und anderer Länder gegen jede Änderung ausgesprochen.
Doch daß die Front der Verteidiger des Zölibats abbröckelt, können beispielsweise die deutschen Bischöfe kaum noch verbergen. Ihr Sprecher auf der Synode, der Paderborner Weihbischof Johannes Joachim Degenhardt, teilte zwar mit, die Deutsche Bischofskonferenz sei sowohl gegen die Freiheit der Priester, zu heiraten und trotzdem im Amt zu bleiben, als auch gegen die Zulassung verheirateter Männer zum Priesterberuf.
Degenhardt verschwieg aber, daß sich die deutschen Bischöfe über eine etwaige Weihe von Familienvätern zu Priestern nicht mehr einig sind: Eine Mehrheit ist noch dagegen, eine Minderheit schon dafür.
Die deutsche Bischofs-Mehrheit handelt gegen den Ratschlag der deutschsprachigen Pastoraltheologen aller Hochschulen, die sich für die Zulassung verheirateter Priester ausgesprochen haben.
Und die deutschen Oberhirten, allen voran Kölns Joseph Kardinal Höffner, verteidigen den Zölibat auch gegen den Willen der Mehrheit unter ihrem Kirchenvolk und unter ihrem Klerus. Umfragen, mit denen die deutschen Bischöfe das Institut für Demoskopie in Allensbach beauftragt hatten, ergaben unter den katholischen Bundesbürgern eine eindeutige Mehrheit für die Aufhebung des Zölibatsgesetzes. Und unter den katholischen Priestern, die größtenteils noch immer einen Berufswechsel heiratender Amtsbrüder für notwendig halten, hält eine knappe Mehrheit eine solche Entscheidung für "notwendig" (27,7 Prozent) oder für "erwägenswert" (23,3 Prozent).
Selbst Priestern, die das Zölibatsgesetz noch bejahen, ist die Sprache fremd geworden, in der Paul VI. es verteidigt. Er nennt den Zölibat einen "kostbaren Edelstein", ein "großartiges Schauspiel", ein "göttliches Geschenk" und ein "süßes Joch Christi".
Viele Priester denken weit nüchterner über ihren Beruf als noch vor wenigen Jahren. Er hat für sie und für viele andere fromme Katholiken jenen Heiligenschein verloren, mit dem ihn jahrhundertelang nahezu alle Papste und Bischöfe umgaben.
Noch in diesem Jahrhundert verkündete der zehnte Pius, zwischen einem Priester und einem gewöhnlichen Menschen sei ein Unterschied wie zwischen
* "Societas Divini Salvatoris (Gesellschaft des Göttlichen Heilandes").
Himmel und Erde. Der elfte Pius zitierte einen alten Heiligen: Der Priester müsse "so rein sein, als ob er in den Himmel mitten unter die himmlischen Mächte versetzt wäre". Und der zwölfte Pius füllte viele Aussprachen und Enzykliken mit immer neuen Hymnen auf die Priester.
Er verglich sie mit Engeln, "niedriger als Christus stehend, aber höher als das Volk". Er verlangte von ihnen, was nach katholischer Lehre keinem Menschen möglich ist: "Frei von allen Sünden sei euer Leben." Kultische Reinheit predigte er so. wie es heute kaum noch ein Seminar-Professor wagen würde: "Vergeßt nie, daß eure Hände das Heiligste berühren," Für den Pacelli-Papst war jeder geistliche Zölibatär auch ein Vater, der. "Nachkommenschaft Zeugt", nur eben nicht "für dieses irdische und vergängliche, sondern für das ewige und unvergängliche Leben". "Hält mit Gott
einen Vergleich aus."
Kardinäle und Katechismus-Autoren rückten den Priester noch näher an das Jenseits heran. Im "Catechismus Romanus aus dem 16. Jahrhundert, "einem der gewichtigsten Dokumente des ordentlichen Lehramtes" (Jesuit Johannes Hofinger). hieß es, die Priester würden "mit Recht nicht nur Engel, sondern auch Götter genannt, weil sie des unsterblichen Gottes Kraft und Hoheit bei uns vertreten". Österreichs Kardinal Johannes Katschthaler, Erzbischof von Salzburg und "Primas von Deutschland", machte 1905 in einem Hirtenbrief sogar Jesus dem Priester untertan: Werde während der Messe Brot in den Leib Christi verwandelt, dann sei "Christus dem katholischen Priester hierin zu Willen". Und die Gottesmutter Maria sei dem Priester in einem Punkt unterlegen: Sie habe Jesus nur einmal zur Welt gebracht, der Priester tue dies "nicht einmal, sondern hundert- und tausendmal, so oft er zelebriert".
Laut Karl Borromäus Sigg, 66, einem in Vorarlberg lebenden schriftstellernden Theologen und Mitglied der SDS*, hält der Priester "selbst mit dem schaffenden Gott einigen Vergleich aus". Jener habe, so Sigg in seiner 1965 in fünfter Auflage mit päpstlicher Empfehlung erschienenen dickleibigen "Tiefensicht und Höhenschau für den Priester", den Kosmos geschaffen, dieser lasse in jeder Messe Gott aufs neue entstehen.
Über Priester gab es bis in die Mitte dieses Jahrhunderts, von raren Sachbüchern und etlichen Schmähschriften abgesehen, nur erbauliche Literatur. der jedwede Probleme dieses Berufs fremd waren.
"Ich habe mich doch entschlossen, ein normaler Mensch zu werden."
Im Kirchenvolk ist denn auch bis in die Gegenwart hinein eine Meinung weit verbreitet, die der Wiener Pastoraltheologe Ferdinand Klostermann, Autor eines 1970 erschienenen Buches "Priester für morgen", für Aberglauben hält: Der Priester sei ein "Hüter geheimnisvoller Kräfte, einer, der zu Dingen Zugang hat, die anderen verborgen sind". Was viele Katholiken denken. drückte ein Wiener Schüler 1963 bei einer Umfrage aus, als nach dem Grund für seinen Verzicht auf den Priesterberuf gefragt wurde: "Ich habe mich doch entschlossen, ein normaler Mensch zu werden."
Pseudochristliche Tradition der Priesterverehrung wird in der katholischen Kirche nicht bekämpft, sondern geduldet und sogar gepflegt. Das gilt vor allem für das Brauchtum bei der Primiz. der ersten Messe des Priesters nach seiner Weihe in seiner Heimatgemeinde. die als eine Art Hochzeits-Ersatz für den Zölibatär gefeiert wird, in manchen Gegenden mit Triumphbögen und Böllerschüssen. Weil dem ersten Segen des neuen Priesters besondere Kraft zugeschrieben wird, lohnt in Tirol und im Schwarzwald nach alter Bauernweisheit auch der weiteste Weg: "Zu einer Primiz soll man ein Paar neue Schuhsohlen durchlaufen." Insgeheim achten ältere Frauen oft darauf, wie lange der Neupriester für die Wandlung (den feierlichsten Teil der Messe) braucht. Je nach der Zeitdauer bemessen sie seine Kraft, Hexen und böse Geister zu bannen.
Selbst in Deutschlands schwärzesten Gegenden ist der Aberglaube an priesterliche Wunderkräfte rückläufig. Doch noch immer würden selbst aufgeklärte schlichte Katholiken für Ketzerwerk halten, was katholische Theologen in den letzten Jahren über den Priesterberuf geschrieben haben, allerdings zumeist nur für ihresgleichen.
In einem Buch "Wozu Priester?", das pünktlich zur Synode auf den Markt kam, erklärt der Tübinger Theologieprofessor Hans Küng zur "offenen Frage", ob Jesus, "selber Laie", den Priesterberuf überhaupt gewollt hat. Der Wiener Kaplan und Bestseller-Autor Adolf Holl ("Jesus in schlechter Gesellschaft") ist sogar sicher, daß sich "die Priesterschaften der heutigen Großkirchen von Jesus her nicht legitimieren können".
Von Kardinal König wurde Holl deshalb öffentlich angegriffen. Denn nach katholischer Lehre, die jahrhundertelang innerhalb der Kirche unumstritten war, soll neben den sechs anderen Sakramenten (Taufe, Firmung. Eucharistie" Buße, Krankensalbung. Ehe) auch die Priesterweihe auf Jesus zurückgeführt werden können. Doch dafür gibt es laut Küng "nicht den geringsten Beweis".
Tatsächlich ist nirgends im Neuen Testament von hauptberuflichen christlichen Priestern die Rede. Nur Jesus selber wurde in dem 60 Jahre nach seinem Tode geschriebenen Hebräerbrief als "Hohepriester" bezeichnet. An mehreren Stellen des Neuen Testaments werden alle Gläubigen "Priester" genannt.
Im übrigen wenden die Autoren des Neuen Testaments den Priesterbegriff nur auf andere Religionen an, meist kritisch oder sogar feindselig. Jesus selber gebraucht den Begriff "Priester" laut Bibel nur ein einziges Mal, als er in einem Gleichnis ein abschreckendes Beispiel erzählt: Ein jüdischer Priester und ein Levit gehen an jemandem vorüber, der unter die Räuber gefallen ist. und überlassen die Hilfe einem Samariter.
Vor wie nach dem Tode Jesu war unter seinen priesterlosen Anhängern selten von Ämtern, aber häufig vom Dienst die "Rede. Typisches Jesus-Wort: "Wer unter euch der Erste sein will, sei aller Knecht." Als symbolische Handlung hat sich die Fußwaschung erhalten, die Jesus bei seinen Jüngern vorgenommen haben soll. Es gab eine Vielzahl verschiedener Aufgaben, die von den Christen größtenteils nebenberuflich ausgeübt wurden. Neben den Aposteln waren Propheten, Missionare, Lehrer, Diakone, Krankenpfleger und vor allem die Vorsteher tätig, die kollegial die Gemeinden leiteten. Privilegien wie Priester in anderen Religionen.
Erst im Laufe der Jahrhunderte wurde zwischen der Leitung der Gemeinden und den anderen Aufgaben getrennt. Der Dienst am Altar und in der Leitung der Gemeinde wurde zum exklusiven Beruf. Das Christentum formierte sich zur Großkirche und glich sich zugleich den anderen Religionen an. Der Begriff "Priester" wurde erstmalig zu Beginn des dritten Jahrhunderts zunächst auf Bischöfe, später auch auf andere Geistliche gemünzt.
Der Priester wurde wie in anderen Religionen mit besonderen Vollmachten und Privilegien ausgestattet und, zwar nicht in der Theologie, wohl aber in der Praxis, für einen unentbehrlichen Mittelsmann zwischen Gott und den Menschen gehalten. Und immer ähnlicher wurden die Aufgaben des christlichen Geistlichen den Funktionen, die von den Priestern anderer Religionen ausgeübt werden: das Beten vorgeschriebener Texte, das Darbringen von Opfern, das Weihen und Segnen von Menschen, Orten und Gegenständen, das Bewahren und Deuten der Glaubenslehre und das Hüten von Heiligtümern.
Wie vor ihnen jüdische und heidnische Religionsdiener wurden auch die christlichen Priester zur Kaste. die für die Aufnahme in ihre Reihen besondere Bedingungen und Riten vorschrieb.
Beeinflußt wurde die Entwicklung auch durch das Bündnis, das seit Kaiser Konstantin christliche Kirche und römischer Staat eingegangen waren. Aus den Führern der Christen wurden allmählich Beamte, die auf Titel und Würden bedacht waren. Die besondere Priesterkleidung blieb zunächst auf den Gottesdienst beschränkt, später wurde sie auch im Alltag üblich.
Gegen Ende des fünften Jahrhunderts übernahmen die Priester von den Mönchen die Tonsur: Auch sie ließen sich eine Stelle am Hinterkopf kahl scheren. Seit dem achten Jahrhundert kam als Priestersprache das Latein auf, das vom Volk nicht verstanden wurde und die Distanz zum Priester erhöhte. Später wurde das eigene Priestergebet, das Brevier, eingeführt.
Zu einem frommen Heer wurden die katholischen Priester aber erst seit dem Konzil von Trient (1545 bis 1563) formiert. Weil Luther und die anderen Reformatoren hervorgekehrt hatten, daß jeder Mensch durch die Taufe zum Priester werde und priesterlichen Dienst ausüben könne, gingen die Trienter Konzilsväter auf Gegenkurs. Gegenüber dem lutherischen allgemeinen Priestertum der Gläubigen betonten sie das Besondere des Priesterberufs.
Das Konzil von Trient sprach den Priestern die ausschließliche Vollmacht zu, das Meßopfer zu feiern und von den Sünden loszusprechen. Die Priesterweihe wurde zum Sakrament erklärt und die Ausbildung der Priester einheitlich geregelt.
Das Konzil von Trient sollte auch einen Schlußstrich unter eine Entwicklung ziehen, die bis dahin ungezählte Opfer gefordert hatte. Es verbot die Priesterehe und entschied: "Wenn jemand sagt, daß die Kleriker ... eine Ehe eingehen können und die eingegangene gültig sei, trotz dem Verbote des Kirchengesetzes ... so sei er verflucht" Doch diese Drohung mit dem Bann änderte nicht viel. Vor wie nach Trient bereitete den Kirchenoberen kein anderes Problem soviel Sorge wie die Keuschheit, die sie von ihren Untergebenen verlangten.
Vergebens haben eifernde katholische Exegeten zu allen Zeiten versucht, aus der Bibel Argumente für die Verpflichtung aller Priester zur Ehelosigkeit herauszulesen. Jesus hat sich zwar für die "Ehelosigkeit um des Himmels Willen" ausgesprochen. Doch er schränkte zugleich ein, daß "nicht alle dieses Wort fassen, sondern nur jene, denen es gegeben ist".
Daß sogar Petrus -- nach katholischer Lehre erster Papst -- verheiratet war, geht aus der Bibel hervor, und Kardinal Suenens erinnerte in der vergangenen Woche auf der Synode daran. Die Schwiegermutter des Petrus wird im Neuen Testament erwähnt: "Als Jesus in das Haus des Petrus kam, sah er, daß dessen Schwiegermutter am Fieber daniederlag. Er nahm sie bei der Hand. und das Fieber verließ sie, und sie stand auf und bediente ihn."
Jahrhundertelang konnten alle Priester frei zwischen Ehe und Ehelosigkeit wählen. Bis ins zwölfte Jahrhundert hinein waren die meisten Priester verheiratet. Erst auf dem Zweiten Lateran-Konzil wurde 1139 der Zölibat zum Kirchengesetz erhoben: Alle Ehen von Priestern wurden für ungültig erklärt. "Viele sind mit tausend Dingen verheiratet."
Die Wirklichkeit entsprach dem noch lange Zeit nicht. Nach der Reformation herrschte in den katholischen Pfarrhäusern sogar mehr Zweisamkeit als Einsamkeit. Trotz des Bannfluches. den das Konzil von Trient den Anhängern der Priesterehe androhte. breitete sich bis in das 17. Jahrhundert hinein die "Krebskrankheit des Konkubinats" aus, wie der katholische Kirchenhistoriker Georg Denzler (München) es nennt. Auch im 18., 19. und 20. Jahrhundert gab es mehr Verstöße gegen den Zölibat, als die katholische Kirche es wahrhaben wollte. Allerdings gab es vor allem in der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Vatikanischen Konzil. also zwischen 1869/70 und 1962/1965. auch erheblich weniger, als Kirchengegner gemeinhin mutmaßen.
So diskret und so durchgreifend wie möglich hat jede Generation von Kirchenoberen versucht, mit einer Fülle von Vorschriften die Priester vor Unkeuschheit zu bewahren. Ungeeignete Kandidaten sollten von vornherein ferngehalten werden, für die Priester sollte die Gefahr der Versuchung gemindert werden.
Aus Konvikten und Priesterseminaren wurde in der Bundesrepublik. wie die deutschen Bischöfe beschlossen hatten, jeder entfernt, der auch nur einen
* Bei der Heilung durch Jesus.
einzigen Koitus gesteht. Denn "selbst bei guter Willenshaltung", so wurde in den internen bischöflichen "Richtlinien für die Beurteilung und Förderung der Priesterberufe" erläutert, sei "die Gefahr des Rückfalls in den oft heiklen Lagen des Priesterlebens sehr groß".
Bis vor wenigen Jahren wurden künftige Kleriker dem anderen Geschlecht so fern wie möglich gehalten. In einem Lehrbuch "Priesterliche Umgangsformen" " das sich lange Zeit bei Seminarprofessoren großer Beliebtheit erfreute, mahnt der heute in Wien lebende Jesuit Ludwig Hertling beispielsweise sogar, auf der Straße lieber an Hilfsbedürftigen vorüberzugehen als in Verdacht oder Versuchung zu geraten.
Das Beispiel des Jesuiten; "Wenn in der Großstadt auf der Straße ein Unfall passiert. eine Dame ohnmächtig wird oder dergleichen, wird es in den meisten Fällen das beste sein, den sonst nicht vorbildlichen Leviten im Evangelium zum Vorbild zu nehmen; Er sah sie und ging vorüber. Es werden schon andere Leute helfen. Ja, aber vielleicht gilt es Sterbesakramente zu spenden? Macht nichts. Die Rettungsabteilung ist im Augenblick zur Stelle, und in ein paar Minuten ist der Verunglückte im Krankenhaus, und dort ist ein Priester, der das Nötige besorgt."
Nüchterner als dieser Anschauungsunterricht sind die Canones, die zum Schutz der Keuschheit im kirchlichen Gesetzbuch stehen, und die Paragraphen, mit denen in den Diözesen die Details geregelt werden sollen.
Nach Canon 133 Paragraph 1 dürfen Geistliche keinesfalls Frauen in ihren Haushalt aufnehmen oder auch nur besuchen oder empfangen, wenn "zum Beispiel wegen ihrer Vergangenheit, Jugend, körperlichen Reize Verdacht entstehen könnte" (Kirchenrechtler Professor Klaus Mörsdorf, Universität München). Zusammenwohnen darf ein geweihter Junggeselle nur mit nahen Verwandten (Mörsdorf: "z. B. Mutter, Schwester, Tante, Nichte") oder mit Frauen, die "wegen ihrer ehrbaren Lebensführung in Verbindung mit einem vorgerückteren Alter" über jede Verdächtigung erhaben sind. So steht es im Canon 133 Paragraph 2. Kirchenintern wird vom "kanonischen Alter" gesprochen. In Mitteleuropa ist man allgemein mit 35 bis 40, in Köln schon mit 30 Jahren hinreichend vorgerückt. Dafür ist der Kölner Klerus aber gehalten, Tischgemeinschaft mit einer nicht blutsverwandten Haushälterin zu meiden und auch nicht "mit der Haushälterin allein gemeinsame Spaziergänge. Ausflüge und Reisen zu machen".
Laut Mörsdorf bedeutet der Zölibat die "Verpflichtung zur vollendeten geschlechtlichen Enthaltsamkeit, sowohl im äußeren Tun wie im inneren Denken und Wollen". Wer dagegen verstößt, macht sich einer "persönlichen Entweihung" und unter Umständen eines Sakrilegs schuldig.
Wie und wieviel Priester gegen die Keuschheits-Regeln verstoßen, hält die Kirche -- soweit sie es überhaupt selber erfährt streng geheim. Die Sexualität der Priester ist noch immer so tabuisiert, daß sie aus vielen Lehr- und Sachbüchern gänzlich ausgespart wird. Als sich der Ex-Benediktiner Edmund Steffensky, Ehemann der evangelischen Theologin Dorothee Sölle, in einem Interview über das Sexualverhalten der Priester äußerte, rief Kölns Kardinal Höffner nach dem Staatsanwalt. Dabei hatte Steffensky nur gesagt, was auch nach Ansicht katholischer Theologen keine Beleidigung, sondern eine Feststellung ist: "Es ist ja nicht wahr, daß katholische Priester nicht "verheiratet" sind. Viele sind mit tausend Dingen verheiratet; angefangen vom guten Essen und Trinken über viele andere Dinge bis hin zur Selbstbefriedigung, zur Freundin und zur Homosexualität."
"Heftige Einbrüche unterdrückter Triebkräfte."
Nur bei Kandidaten für das Priesteramt hat die Kirche in jüngerer Zeit vereinzelt Untersuchungen auch über das Sexualverhalten zugelassen. Der Züricher Psychotherapeut Karl Guido Rey kam zu dem Ergebnis, daß zwei Drittel der von ihm befragten Priesterkandidaten aus Familien mit stark dominierender Mutter stammen. Eine krankhafte Mutterbindung, wie sie sich dann ergeben könne. sei häufig die Ursache für eine lebenslange kindhafte Abhängigkeit von der Mutter oder der Mutter-Ersatzfigur, zu der laut Rey die "Mutter Kirche" ebenso werden könne wie die Pfarrhaushälterin.
Psychische Fehlentwicklungen werden in der Priesterausbildung oft noch verstärkt, wenn die Sexualität der Kandidaten unterdrückt wird. Sogar Jakob Crottogini, Autor des 1955 erschienenen. von der Kirche zunächst mit Druckerlaubnis versehenen und später bekämpften Buches mit den ersten empirischen Daten über den Priesterberuf. begrüßte es noch, "daß in unseren Gegenden von den Anwärtern auf den Priesterberuf auch heute noch ein großer Teil (rund die Hälfte), ohne zu onanieren oder sich sonst geschlechtlich zu entweihen, durch die Reifezeit hindurchschreitet". Erst neuerdings hat sich auch unter Theologen die Erkenntnis verbreitet, daß -- so der belgische Religionspsychologe Antoon Vergote -- "das Fehlen derartiger Schwierigkeiten, besonders in dem Alter vor und um 20 Jahre ... das Ergebnis einer vorzeitigen und gewaltsamen Unterdrückung oder einer Verdrängung ist". Häufig gebe es dann bei Priestern im Alter zwischen 30 und 40 "heftige Einbrüche unterdrückter oder verdrängter Triebkräfte".
Heutzutage wird in manchen deutschen Priesterseminaren dieses Thema auf die Kurzformel gebracht, erst nach einem Jahr ohne Masturbation sei man reif für den Zölibat,
"Kirchliches System zwingt zu heimlicher Ehe."
Aber sosehr die Kirche bemüht ist, solche Leitsätze geheimzuhalten, sosehr ist sie sogar in der Tabu-Zone der Sexualität der Priester darum bemüht, das Verhalten zu normieren. Bis zum März vergangenen Jahres war im Missale Romanum, dem liturgischen Handbuch für Priester, geregelt, wann ein Priester nach einer nächtlichen Pollution die Kommunion empfangen oder die Messe zelebrieren dürfe. Das eine wie das andere solle unterbleiben, "wenn ein nächtlicher Samenerguß erfolgt ist, der verursacht wurde durch vorangegangene, schwer sündhafte Gedanken oder aus unmäßigem Weingenuß". Das eine wie das andere dürfe stattfinden, "wenn es sicher ist, daß der Samenerguß nicht durch schwer sündhafte Gedanken verursacht ist bzw. solche Gedanken überhaupt nicht vorgekommen sind, sondern durch eine natürliche Ursache oder durch teuflisches Blendwerk".
Kommentar des Paderborner Dogmatik-Professors Heribert Mühlen in seinem jetzt erschienenen Buch "Entsakralisierung": "Das sind genau jene pseudosakralen Vorstellungen, die auch die Eheleute jahrhundertelang am Empfang der Eucharistie gehindert haben."
Masturbation und Koitus gelten für Priester als schwere Sünde, die gebeichtet, allerdings nicht dem kirchlichen Vorgesetzten gemeldet werden muß. Erst neuerdings werden unter Universitätstheologen Zweifel an dieser undifferenzierten Morallehre laut. Im kirchlichen Gesetzbuch ist lediglich geregelt, wie bei einem Konkubinat -- Mörsdorf: "Wiederholt gepflegter Geschlechtsverkehr mit einer weiblichen Person" -- verfahren werden soll. Es gilt als schweres Vergehen und soll mit Enthebung vom Weihedienst nebst stufenweisem Entzug von Geld, Amt und Würden bestraft werden.
Solange allerdings das Institut des Zölibats nicht gefährdet ist, verfahren zahlreiche Bischöfe nicht so streng. wie es ihnen der römische Kodex gebietet. In den letzten Jahren hat sich in deutschen Ordinariaten die Praxis eingebürgert, nur noch auf Anzeigen zu reagieren.
Daß die Auseinandersetzung um den Zölibat zur Mißachtung römischer Regeln führen könnte, haben die deutschen Bischöfe frühzeitig, im Dezember 1968, angedeutet: "Es geht nicht an, daß in der Gemeinschaft der Kirche in dieser Frage eine Unklarheit besteht und daß so eine Atmosphäre wächst, die das Leben in der Ehelosigkeit erschwert." Die Solidaritäts- und Priestergruppen äußerten sich bei einer Tagung in Chur offen über die Konsequenzen der derzeitigen Situation: "Immer mehr Priester, wenn sie im Amt bleiben wollen, sehen sich durch das kirchliche System gezwungen, eine heimliche Ehe zu führen. Das widerspricht der persönlichen Freiheit und Würde des Menschen und ist erniedrigend, besonders für die betroffenen Frauen,"
Bart und Waffen, Jagd und Bälle verboten.
Wie viele Priester sich heute größere Freiheiten nehmen als noch vor wenigen Jahren, vermag niemand zu sagen. Halbwegs kundige Kleriker mutmaßen, daß sich die Minderheit derer, die trotz Kodex den Koitus nicht meiden, erheblich vergrößert hat, aber noch immer unter zehn Prozent liegt.
Die Versuchung ist auch deshalb größer, weil zu der Welt, die sich gewandelt hat, auch die Frauen gehören, mit denen der Priester zusammenkommt. Früher bedeutete es für Schwestern und andere Verwandte, aber auch für andere Mädchen und Frauen vor allem vom Lande einen sozialen Aufstieg, wenn sie Haushälterin bei Hochwürden wurden. Solchen Frauen genügte es oft, kaum mehr als eine Hausmagd bei ihrem Dienstherrn zu sein.
Mittlerweile ist nicht nur die Zahl der Frauen gesunken, die sich gegen noch immer kargen Lohn verdingen. Es sind überdies die Ansprüche gestiegen, die an die Haushälterin gestellt werden, wenn sie auch selten dem Idealbild entsprechen, das der "Rheinische Merkur" zeichnete: "Die Raushälterin soll getreue und verschwiegene Mittlerin zwischen Gemeinde und Pfarrherrn sein, gewandte und zugleich diskrete Hausfrau und Gastgeberin, mütterliche Partnerin für jung und alt innerhalb und außerhalb des Hauses."
Zudem hat sich der neue Beruf der Seelsorgehelferin entwickelt, den mittlerweile in der Bundesrepublik 2000 Mädchen und Frauen ausüben. Sie sollen den Priestern in der Alltagsarbeit zur Hand gehen. Frage eines Autors in einem Priesterbuch: "Was aber, wenn aus diesem geistlichen Neben- und Miteinander eine zusätzliche seelische Bindung erwacht?" Kommt noch eine körperliche hinzu, bleibt nur die Wahl zwischen Trennung, heimlichem Bund und Heirat bei Verzicht des Priesters auf sein Amt.
Die Ehefrauen ausgeschiedener Priester kommen allerdings, wie der Bochumer Soziologe Friedhelm Luthe in einer Doktorarbeit festgestellt hat, vornehmlich aus anderen Berufen. Am häufigsten heiraten Ex-Priester Lehrerinnen oder Sekretärinnen, in großem Abstand folgen Krankenschwestern und Studentinnen. Von 76 Ex-Priestern, die Luthe befragte, hatten 55 schon vor dem Ausscheiden aus dem Amt mehr oder minder engen Kontakt mit ihrer künftigen Frau.
Ebenso antiquiert wie die Keuschheits-Regeln sind die zahlreichen anderen Vorschriften, mit denen Dienst und Freizeit der Priester geregelt werden sollen. Das war so 1817, als in Wien jeder "Diöcesan-Cleriker" sich "Backenbart und ins Gesicht fallende Haare" ebenso versagen mußte wie "gefärbte Beinkleider", auch durfte er sich "nicht in Wirtshäusern, Kellern, bey Trinkgelagen oder Schmausereyen etc. etc, aufhalten". Das ist zumindest dem Buchstaben nach auch in allen deutschen Diözesen noch ähnlich geregelt. Deren Statuten zufolge darf ein Priester weder Bart noch Waffen tragen, weder Bälle noch Treibjagden besuchen, weder im Freien rauchen noch irgendwo tanzen. Ins Theater darf ein Priester der Diözese Trier nur gehen, "soweit es sich um klassische oder andere wirklich bedeutende Werke handelt". Und noch immer hat er Gaststätten fernzubleiben, "sofern es sich nicht um gelegentlichen Besuch einer ehrbaren Gaststätte handelt und ein vernünftiger Grund vorliegt".
So steht es in den Synodalstatuten des Bistums Trier aus dem Jahre 1959. Werden solche Vorschriften heute auch von konservativen Priestern schon häufiger belächelt als befolgt, so werden andere von ihnen noch streng eingehalten.
Täglich hat jeder Trierer Priester "würdig und fromm" das Stundengebet zu verrichten, einem weiteren "betrachtenden Gebet ... auch bei großer Fülle der Arbeit täglich wenigstens eine Viertelstunde" zu widmen, den Rosenkranz zu beten, eine "Besuchung des Allerheiligsten Sakramentes" vorzunehmen, in der Bibel zu lesen und abends sein Gewissen zu erforschen. Monatlich soll er (mindestens) einmal beichten und an der gemeinsamen "Geisteserneuerung" aller Priester seines Dekanats teilnehmen. "Wenigstens jedes dritte Jahr" sind Exerzitien erwünscht.
Zu den Standespflichten zählt auch der Gehorsam gegenüber den Oberen, der in der Diözese Essen des Ruhrbischofs Franz Hengsbach sogar die Vorschrift einschließt: "Im Papst und im Bischof erblicke der Priester die Stellvertreter Christi." Diese Gehorsamspflicht begründet der Münchner Kirchenrechtler Klaus Mörsdorf mit der "Notwendigkeit, daß in der hierarchischen Führung der Kirche Ordnung herrschen muß. Der Übergeordnete hat Befehlsmacht über die ihm Untergebenen, und diese müssen den gegebenen Befehlen Folge leisten".
Aber die Zeit, in der die Priester wie Soldaten kommandiert werden konnten, ist vorüber. Auch das schwarze Habit, das nach einem Beschluß der Kölner Diözesansynode für den Priester unter anderem als "Bekenntnis des Gottesglaubens" und als "Schutz seiner priesterlichen Unbescholtenheit" gedacht war, gehört der Vergangenheit an, wenn es auch offiziell noch immer vorgeschrieben ist.
Sieben-Tage-Woche ist für viele die Norm.
Der Kleiderwechsel ist eine der zwar auffälligsten, im Grunde aber nebensächlichsten Folgen des Konzils. Es widmete zwar den Bischöfen, deren kollegiale Mitverantwortung für die Kirche zusammen mit dem Papst hervorgehoben wurde, und den Laien, die es für mündig erklärte, mehr Aufmerksamkeit als den Priestern. Und es gestand nur den Diakonen -- Geistlichen minderen Ranges -- die Ehe zu, die es den Priestern verweigerte. Im Klerus kursierte denn auch der Spott-Spruch, das Konzil habe den Bischöfen mehr Macht, den Laien mehr Rechte, den Diakonen mehr Vergnügen, den Priestern aber nur mehr Arbeit gebracht.
Doch im Laufe der Jahre wirkte sich das Konzil positiv auf die äußeren Lebensbedingungen der Priester aus. In fast allen Ländern wurde versucht, die Ausbildung aus starren Schemen zu befreien und der Zeit anzupassen. In den Konvikten und Seminaren wurde die bis dahin strenge Zucht gelockert. Gab es bis zum Konzil selten Einzelzimmer, nie Damenbesuch und abends keinen Hausschlüssel, so leben heute viele Priesterkandidaten fast so frei wie andere künftige Akademiker. Manche Konvikte unterscheiden sich kaum noch von Studentenwohnheimen, und auch in etlichen Seminaren dürfen -- noch immer höchstes Zeichen der Freiheit für künftige Zölibatäre -- Damen mit aufs Zimmer. Geistliche Lesungen und fromme Übungen, früher oft sogar beim Essen Pflicht, sind fakultativ geworden.
Auch das Leben nach Studium und Weihe ist freier geworden. Zwar ist kaum eine der strengen römischen und bischöflichen Vorschriften offiziell aufgehoben worden, doch stehen sie nach stillschweigender Übereinkunft oft nur noch auf dem Papier.
Der Priestermangel führt allerdings dazu, daß für viele Geistliche nach eigenen Angaben bei Umfragen die Sechs- oder Sieben-Tage-Woche und der Zehn-Stunden-Tag (Gebet und Meditation eingeschlossen) die Norm sind.
Obwohl Paul VI. noch während des Konzils erklärt hatte, das Zölibatsgesetz sei "außergewöhnlich zweckmäßig" und er wolle es "mit allen Kräften bewahren", verbreiteten sich Zweifel und Ablehnung unter den Priestern in aller Welt. Schon früher hatte es zwei kleine Gruppen verheirateter katholischer Geistlicher gegeben: Priester in den mit Rom unierten Ostkirchen und ehemalige protestantische Pfarrer, die sich zu Priestern weihen ließen. Nun wurden als weit größere Gruppe die Diakone eingeführt, die nur nicht die Messe zelebrieren und Beichte hören, im übrigen aber genau wie Priester amtieren dürfen.
Junge Katholiken, die weder auf die Ehe verzichten noch sich mit dem niedrigen Rang eines Diakons begnügen wollen, haben in der Bundesrepublik wie in anderen Ländern einen Ausweg gefunden: Sie werden "Laientheologen" und verzichten von vornherein darauf, sich zum Priester weihen zu lassen. Vom Dienst am Altar und im Beichtstuhl abgesehen, können sie trotzdem fast alle kirchlichen und sozialen Dienste antreten, die früher Priestern vorbehalten waren. In Deutschland hat denn auch nur jeder zweite, an manchen Universitäten sogar nur jeder dritte katholische Theologiestudent überhaupt die Absicht, Priester zu werden.
Nach dem Ausscheiden aus dem Amt ohne Mühe in den Zweitberuf.
Der Wandel in der katholischen Kirche wird auch daran deutlich, daß kein Priester mehr zu fürchten braucht, beim Ausscheiden aus dem Amt ins Nichts gestoßen zu werden. Obwohl das Durchschnittsalter beim Berufswechsel. wie Doktorand Luthe in seiner Untersuchung feststellte, bei 35 Jahren liegt. haben fast alle Ex-Priester ohne große Schwierigkeit einen Zweitberuf gefunden. Die meisten sind nach vier, selten fünf oder sechs Zusatzsemestern Lehrer oder Studienräte geworden, etliche gingen in Buchverlage, Redaktionen und Funkhäuser.
Die meisten ausscheidenden Priester verheimlichen auch in ihrer neuen Umgebung ihren alten Beruf nicht. Etliche Fälle, etwa des früheren Olympiateilnehmers Helmut Lebert in Deutschland und des Studentenpfarrers Jos Vrijburg in Holland, kamen in die Schlagzeilen.
Wer im Frieden mit seiner Kirche von dannen ziehen will, erhält fast immer Dispens und darf dann kirchlich getraut werden. Ohne Diskriminierung geht es allerdings nicht ab. Die Kirche verlangt von jedem ausscheidenden Priester einen Ortswechsel und verpflichtet die Bischöfe, für mindestens zwei Jahre die Missio canonica, die für den Religionsunterricht notwendige Lehrerlaubnis. zu entziehen (was neuerdings oft nicht mehr geschieht). Auch sucht und findet sie die Schuld für den Berufsverzicht nie bei sich, sondern stets nur bei ihren ungetreuen Söhnen und deren Frauen.
Viele Ex-Priester lassen sich trotzdem kirchlich trauen, und sie tun es oft nicht nur ihrer Familien wegen. Jeder dritte der von Luthe Befragten wäre bereit. in sein Amt zurückzukehren, wenn er Frau und Kind mitbringen dürfte.
Sie würden von vielen wahrscheinlich auch als Seelsorger akzeptiert. Jedenfalls ist auf ihren Amtsverzicht in ihren Gemeinden und von ihren Amtsbrüdern unterschiedlich reagiert worden. Sie erhielten Briefe. in denen sie beschimpft wurden, teils derb und anonym ("Du bist ein Sauhammel. Du gehörst erschossen"), teils vornehm. beispielsweise von einem Weihbischof: "Und nun leben Sie glücklich und zufrieden mit dem Menschen, mit dem Sie sündigen: wenn Sie können!?" Aber ihnen wurde auch gratuliert. Einem scheidenden Pfarrer wünschte ein Ehepaar "alles Gute und eine hübsche Frau".
Die Reaktion richtet sich vor allem danach, ob der ehemalige Geistliche um kirchliche Dispens nachgesucht hat oder nicht. Ein Ex-Priester schilderte die Behandlung so: "Als Dispensierter wie ein Held des Protestes gegen eine veraltete Kirche, als Nichtdispensierter dagegen wie ein Aussätziger".
Die Zahl der Helden und Aussätzigen wird sich weiter erhöhen. Bis 1975 werden, wie im Vatikan der für solche Prognosen zuständige Monsignore Emilio Colagiovanni errechnete und intern verbreitete, weitere 20 000 Priester ihr Amt aufgeben.
Papst Paul VI. hat diesen Ausmarsch in Divisionsstärke offenbar schon einkalkuliert. Jedenfalls ist so gut wie sicher, daß es während seines Pontifikats für bereits geweihte Priester nur entweder Amt oder Ehe, nicht beides geben wird. Und auch gegen eine Zulassung älterer, verheirateter Männer zum Priesteramt in Gebieten mit besonders großem Priestermangel hat er Bedenken, wie er seinem Kardinalstaatssekretär Villot anvertraute: "Wäre es nicht eine Illusion, eine sehr gefährliche Illusion zu glauben, eine solche Änderung der traditionellen Disziplin beschränke sich in der Praxis auf örtliche Fälle wirklicher und dringlicher Notwendigkeit?"
Ein verheirateter Jesuit zelebrierte die Messe.
Als am vergangenen Wochenende auf der Synode eine erste Bilanz der Debatte über das Priestertum gezogen wurde, breitete sich Ratlosigkeit aus. Pressesprecher Fischbach: "Die Stimmung ist sehr trüb." Weitaus die meisten der 130 Redner hatten nur für oder gegen eine Lockerung ·des Zölibatsgesetzes gesprochen, als gebe es kein anderes Priesterproblem.
Etliche Bischöfe fragten, ob die Tagung der Synode "überhaupt einen Sinn habe. Und einige befürchten, daß der Papst sich auf die Uneinigkeit der Bischöfe berufen und jede Zölibats-Reform verweigern könnte.
Das Risiko freilich, das Paul VI. bei strengem Kurs läuft, ist nicht kalkulierbar. Die Ruhe zum Beispiel, die in den Niederlanden hergestellt wurde, ist trügerisch. Zwar wurde die Gefahr des Abfalls der holländischen Kirchenprovinz, die noch zu Beginn des Jahres 1970 zu drohen schien, abgewendet. Doch es wächst die Zahl der holländischen Katholiken, die heiratende Priester weiterhin in ihrer Gemeinde dulden würden oder sich sogar wünschen. Und Hollands Bischöfe sind selbst in Konfliktfällen kaum zu administrativen Eingriffen bereit. Als in der Amsterdamer Studentengemeinde der verheiratete Ex-Jesuit Huub Oosterhuis die Messe zelebrierte, erklärte der zuständige Bischof nur, daß Oosterhuis sein Amt "nicht mehr unter meiner Verantwortung" ausübe. Aber er verhängte nicht die eigentlich fällige Exkommunikation. Und der zuständige Generalvikar bekräftigte, "daß Oosterhuis sich nicht außerhalb der Kirche stellt".
Noch immer geben sich Papst und Kurie der trügerischen Hoffnung hin, sie könnten die Priesterkrise durch beschwörende Reden und belanglose Reformen beheben.
Doch sie wird so nur verschärft. Je unfähiger sich die Kirchenspitze erweist, die Priester-Probleme zu lösen oder auch nur zu begreifen, um so stärker werden Unzufriedenheit und Unsicherheit im Klerus. Und je stärker sich die Reihen der Geistlichen lichten, um so häufiger müssen sich die Priester auf Sakristei und Altar beschränken. Der Geistliche aber, dessen Dienst fast nur noch aus Taufe und Trauung. aus Beichtchören und Messelesen besteht und der sozusagen im Kircheninnern verschwindet, ist für viele Priester nur noch eine Karikatur ihres Berufes. Bevor sie sich so von der Welt absondern lassen, würden viele lieber auf ihren Beruf verzichten.
Nur im Widerstand gegen den Papst meinen die Priester- und Solidaritätsgruppen jenes Bild von Kirche und Priester verwirklichen zu können, das nach ihrer Überzeugung allein Zukunftschancen hat.
Urkirche als Modell für die Zukunft.
Sie wollen nicht den nach innen gekehrten Priester, der für eine immer kleiner werdende Gemeinde den religiösen Trost- und Notdienst versieht. Sie berufen sich auf die Anfänge des Christentums und wünschen den künftigen Priester als Vorsteher der Gemeinde, der die Gläubigen vielfältig anregt und anleitet.
Wie einst unter den Urchristen soll es auch für die Christen der Zukunft viele Ämter geben. Der Unterschied zwischen Geistlichen und Laien würde dann schwinden und die Frage nach dem Zölibat sich erübrigen.
Es soll Priester geben, die nach einigen Jahren in einen weltlichen Beruf überwechseln, und andere, die nur im Nebenberuf Priester sind. Es soll Geistliche geben, die nicht studiert haben, und sogar Frauen, die geweiht werden und kirchliche Dienste ausüben. Autorität würde nicht durch das Amt oder die Berufung auf höhere Eingebung, sondern aus überzeugendem Argument und aus der Wahl von unten nach oben erwachsen. Wie die Gemeinde ihren Pfarrer, so sollen die Diözesen ihren Bischof, die Bischöfe den Papst wählen.
Gezeichnet haben dieses Bild der künftigen Kirche vor allem zwei Tübinger Theologieprofessoren, Norbert Greinacher in einer Vielzahl von Aufsätzen und Hans Küng in seinem jetzt erschienenen Buch "Wozu Priester?" (siehe Auszug Seite 94).
Auch dieses Konzept der Kirche wird in diesen Wochen, während im Vatikan die Synode tagt, in Rom entwickelt. Einige Steinwürfe weit vom Petersdom, der Basilika des Papstes, und vom Synodalen-Saal entfernt hält die oppositionelle "Operation Synode" der Priester- und Solidaritätsgruppen ihre Treffen in einem Hotel und im Café "San Pietro" ab.
"In zehn Jahren spätestens", so prophezeite Greinacher, der in Rom dabei ist, "wird alle Welt wissen, daß man der Zukunft in der "Operation Synode" näher war als auf der Synode, im Café "San Pietro" näher als in der Basilika "San Pietro"."

DER SPIEGEL 43/1971
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