18.10.1971

Hermann Weber über Heinz Lippmann: „Honecker“Der Nachfolger profiliert sich

Dr. Hermann Weber, 43, Universitätsdozent für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte in Mannheim, Verfasser zahlreicher Bücher über den Kommunismus, war von 1950 bis 1952 unter Honecker Chefredakteur der westdeutschen FDJ-Zeitschrift. -- Heinz Lippmann, 49, DDR-Experte in Köln, war von 1951 bis 1953 Stellvertreter des damaligen FDJ-Vorsitzenden Honecker.
Ulbrichts Nachfolger steht noch kein
halbes Jahr an der Spitze der SED. und schon liegt die erste Biographie über den saarländischen Bergarbeitersohn vor. Es ist bemerkenswert, wie sehr sich die Öffentlichkeit hierzulande für den Werdegang Honeckers interessiert. erschien doch die erste Ulbricht-Biographie (von Carola Stern), als Ulbricht die SED bereits 15 Jahre beherrschte. Heute werden also Probleme und Machtstrukturen der DDR ernster genommen.
Der Hauptgrund für das schnelle Erscheinen der Honecker-Biographie ist freilich simpel: Autor Lippmann kennt Honecker aus langjähriger Zusammenarbeit im Zentralrat der FDJ. Er hat aber keineswegs nur einen Erinnerungsband geschrieben (wer ein "Enthüllungsbuch" erwartet, kommt nicht auf seine Kosten), er hat vielmehr seine persönlichen Eindrücke durch zahlreiche Dokumente über den Aufstieg Honeckers abgesichert. Dabei kam ihm jene bedeutsame Änderung der DDR-Informationspolitik zugute: Bisher war jeder Versuch westlicher Wissenschaftler gescheitert, aus der DDR Material über die kommunistische Bewegung zu erhalten; ausgerechnet der von der SED verfemte Lippmann erhielt nun vom Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer Antwort auf 16 konkrete Fragen (SPIEGEL 40/1971).
Zunächst beschreibt Lippmann Honeckers Kindheit, seine Tätigkeit als kommunistischer Jugendfunktionär und beim antifaschistischen Widerstandskampf, die harten Jahre im Zuchthaus Brandenburg. Der wichtige zweite Teil schildert Honeckers Aufstieg in der DDR-Hierarchie, vor allem die Zeit, in der der damalige Stalinist Honecker die FDJ führte (1946 bis 1955). Hier kann Lippmann Interna aus eigenem Erleben berichten, der Quellenwert seiner Darstellung ist enorm, die Details über die FDJ geben wesentliche Einblicke in das Funktionieren des Apparats. Der dritte Teil schließlich zeigt Honecker als Parteiführer. Anhand seiner Reden und Artikel (manchmal etwas weitschweifig zitiert) entsteht ein Porträt des SED-Führers, das bis in die unmittelbare Gegenwart reicht. Zum Schluß analysiert der Autor Stärke und Schwächen, Arbeitsstil und Führungsmethoden Honeckers. Fazit: Honecker ist zwar Schüler Ulbrichts, repräsentiert aber breitere Schichten als sein Vorgänger. Da er jedoch nicht Ulbrichts Autorität genießt, ist er -- wenigstens vorläufig -- auf die "kollektive Führung" angewiesen.
Den Apparat der SED, den Honecker unter seine Kontrolle gebracht hat, beschreibt Lippmann kenntnisreich. Seine Reflexionen über die "Hausmacht" des SED-Chefs sind allerdings spekulativ. Es ist zu sehr in Apparatkategorien gedacht, die zahlreichen ehemaligen FDJ-Funktionäre im SED-Apparat als Anhänger, die Honecker geistig überlegeneren Politbürogenossen aber als potentielle Gegner zu charakterisieren. Sowohl der Fall Dubcek wie die Absetzung Chruschtschows durch seine "Hausmacht" (1964) haben die Schwäche solcher Personalisierung gezeigt.
Insgesamt aber sieht Lippmann die wesentlichen Probleme. er verweist auf die Wechselwirkung von Apparat und Persönlichkeit, und mit Recht konstatiert er. daß nicht nur der Kommunismus wandelbar ist, sondern auch seine Repräsentanten sich positiv ändern können. Der Eindruck, den der Leser dieser Biographie gewinnt, ist dennoch zwiespältig. Der SED-Chef ist einerseits ein geschickter Taktiker und erfahrener Funktionär, der rasch handelt und komplizierten Situationen gewachsen ist, laut Lippmann fähig, "Linientreue mit Flexibilität ... zu verbinden". Andererseits scheint Honecker manches zu fehlen, was den erfolgreichen Parteiführer oder Staatsmann auszeichnet. Sein von Lippmann beschriebener sozialer Habitus ist zwar ideologisch verwurzelt, hindert ihn aber keineswegs daran, die neue Leistungsgesellschaft der DDR zu forcieren, die sozial schwache Schichten benachteiligt. Diese Widersprüchlichkeit reflektiert letztlich die Differenzen der DDR-Gesellschaft selbst, etwa die zwischen marxistischer Theorie und der Praxis des bürokratischen Systems.
Festzuhalten bleibt, daß Honecker der bisher einzige kommunistische Jugend-Führer ist, der den Sprung an die Spitze der Partei schaffte. Das liegt wohl nicht nur am "preußischen Sozialismus" der DDR, in dem Rangfolgen genauer genommen werden als anderswo, es ist auch auf Honeckers Persönlichkeit zurückzuführen, auf seine Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit. Unverändert blieb bei ihm eigentlich nur seine Ergebenheit gegenüber der Sowjet-Union; diese hatte für ihn schon Priorität, als ich ihn vor 25 Jahren in der Programmkommission des 1. Parlaments der FDJ kennenlernte. Nationalkommunistische Neigungen, wie sie der alternde Ulbricht zeigte, sind von Honecker schwerlich zu erwarten. Im Gegensatz zu Ulbricht ist er aber sachbezogener, er orientiert sich am täglichen Leben der Menschen und stellt seine Person hinter die Sache.
Wie viele andere war ich überzeugt, daß der DDR keine lange "Ära Honecker" bevorstehen würde, der "Nachfolger" schien zu blaß und farblos. An dieser Auffassung weckt Lippmanns neues Buch Zweifel. Honecker wurde offenbar schon öfter unterschätzt. Freilich dürfte sein zukünftiges Schicksal nicht so sehr von seiner Persönlichkeit als vielmehr von der Entwicklung der DDR -Gesellschaft abhängen, vor allem der Meisterung gravierender ökonomischer Schwierigkeiten. Wieweit Hon -- ecker flexibel genug ist, auch notwendige Reformen durchzuführen, bleibt vorerst noch offen.
Von Hermann Weber

DER SPIEGEL 43/1971
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