15.06.1970

Datum: 15. Juni 1970 Betr.: Dementis

Jürgen Tern, der entlassene Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen -- Zeitung für Deutschland", ist, nach dem Urteil der "Zeit", "das erste personelle Opfer der Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel geworden. Seiner Sache nehmen sich vorwiegend diejenigen an, denen sein Stil nicht so sehr lag und die seine Meinung, vor allem früher, häufig nicht teilten". Das mag wohl stimmen. Die jähe Entlassung Terns, an einem Freitagabend und vierzehn Tage vor den wichtigen Wahlen in drei Bundesländern, ohne Beratung oder auch nur Diskussion mit allen seinen Herausgeber-Kollegen, ohne Information der Redaktion (die las von der Sache in der "Welt") -- dieser sonderbare Frankfurter Fenstersturz eines Journalisten hat in der Tat besondere Aufmerksamkeit bei jenen Redaktionen provoziert, die in der Konstruktion der "Frankfurter Allgemeinen", getragen von einer Stiftung, ein vielleicht praktikables Modell für journalistische Unabhängigkeit vermuteten. Zwei SPIEGEL-Redakteure -- Heinz Höfl aus dem Münchner Büro, zuvor in der Hamburger Zentrale für Presse-Sachen zuständig, und Wolfgang Bayer aus dem Frankfurter SPIEGEL-Büro -- veröffentlichten im vergangenen Heft (24/1970) die Ergebnisse ihrer Recherchen. Sie zitierten dabei recht ausführlich Werner G. Hoffmann, eines der drei Vorstandsmitglieder der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung GmbH", der die Entlassung dem betroffenen Tem mündlich vorgetragen und schriftlich-verbindlich ausgesprochen hat -- zitierten einige Worte Hoffmanns, die seitdem in den Redaktionszimmern an der Mainzer Landstrasse Flügel bekommen haben (Hoffmann: "Meine Redakteure haben durch die Bank keine Zivilcourage").
Auf diese SPIEGEL-Geschichte hat die "FAZ" am vergangenen Dienstag unter der Überschrift "In eigener Sache" reagiert. In einer von den noch übrigen fünf Herausgebern unterzeichneten Erklärung steht: "Die Äusserungen über die Redaktion und die Herausgeber, die im SPIEGEL einem Vorstandsmitglied der Verlagsgesellschaft in den Mund gelegt wurden, können nicht zutreffen." Und die drei Vorstandsmitglieder des Verlags unterzeichneten: "Bei diesem Sachverhalt können die Mitteilungen ... des SPIEGEL ... nicht zutreffen." Können nicht zutreffen? Oder treffen nicht zu? Werner Hill sagte es im Norddeutschen Rundfunk so: "Mit Dementis ist das so eine Sache. Manchmal wirken sie gegen ihre erklärte Absicht eher bestätigend. Das der "FAZ' wirkt am ehesten komisch. Denn zweimal hintereinander bedient es sich der Morgensternschen Logik, dass nicht sein kann, was nicht sein dürfe " Auf eine Rückfrage der "Süddeutschen Zeitung" antworteten die SPIEGEL-Redakteure Höfl und Bayer: "So ein literarisches Dementi hat man sogar in der "FAZ' lange nicht gelesen. Die Zitate stimmen alle im Wortlaut, wir haben sogar noch mehr von der Sorte.
Kostprobe? Hoffmann zum SPIEGEL über Journalisten: "Am liebsten sind mir verkrachte Existenzen", aber wohl nicht durch die Bank. Der Spezialist für Handwerk in der "FAZ", so lobte Hoffmann, sei "gelernter Schneider".

DER SPIEGEL 25/1970
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