15.06.1970

BOTSCHAFTER-ENTFÜHRUNGNach Plan

Beim Umtrunk nach der Fernsehsendung "Journalisten fragen, Politiker antworten", In der Nacht zum Freitag letzter Woche, witzelte der um Wahlprofil besorgte Außenminister Walter Scheel im Bonner ZDF-Studio über die Diskussionsfairneß seiner Kollegen Brandt und Kiesinger, die schon gegangen waren: "Wir sind eine feine Gesellschaft."
Da, um 2.23 Uhr, klingelte das Telephon. Legationsrat Erster Klasse Helmut Hehenberger, Wachhabender im AA-Kristenstab, meldete Kriminelles: "Botschafter von Holleben Ist entführt worden."
Bonns Mann in Rio war -- wie Gesandter Georg Roehrig im Telegramm an das Außenamt später mitteilte -- von brasilianischen Guerrilleros auf seiner Fahrt im Dienst-Mercedes vom Amtsgebäude in die Residenz im Stadtteil Santa Teresa trotz starker Bewachung durch brasilianische Sicherheitsbeamte zwei Stunden zuvor (20.21 Uhr Ortszeit) überfallen und in einem Chevrolet verschleppt worden.
Zum zweitenmal in Scheels Amtszeit hatten sich lateinamerikanische Revolutionäre zur Durchsetzung ihrer Ziele einen deutschen Diplomaten als Geisel ausgesucht. Am 21. März hatten sich guatemaltekische Rebellen des Bonner Missionschefs Graf von Spreti bemächtigt und ihn getötet, als sie ihre Forderungen nach Freilassung politischer Gefangener von der Regierung Guatemalas nicht erfüllt bekamen.
Damals zog sich der deutsche Außenminister den Vorwurf zu, nicht energisch und rechtzeitig genug eingegriffen zu haben. Denn Scheel, der zu dieser Zeit in seinem salzburgischen Ferienidyll Hinterthal Winterfreuden genoß, war auf wohlmeinenden Ratschlag des Inzwischen in Pension geschickten AA-Staatssekretärs Georg Ferdinand Duckwitz In Osterreich geblieben. Scheel später: "Ich gebe zu, daß ich Im Falle Spreti die öffentliche Meinung falsch eingeschätzt habe. Das darf nicht wieder vorkommen.
Die Situation war da. Nun handelte Scheel nach einem Plan, den eine eigens gebildete Arbeitsgruppe nach dem Spreti-Mord ausgetüftelt hatte, um für den Eventualfall vorbereitet zu sein.
Der Plan enthält auch Präventiv-Vorschriften. Er weist Botschafter in Staaten der Gefahrenzonen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas an,
* sich außerhalb der Botschaft nur in Begleitung von Sicherheitsbeamten des Gastlandes oder (auf Anforderung) der Bundesrepublik zu bewegen;
nur Fahrtstrecken zu benutzen, die zuvor mit den Sicherheitsbehörden abgesprochen wurden;
* Residenz und Botschaft nur zu festgelegten Zeiten zu verlassen. Für den Notfall sah der Mobilisierungs-Plan, nach Ländern unterteilt, gezielte Maßnahmen vor. Wer wann, wo und wie für Appelle, Proteste oder Aufforderungen zu Hilfeleistungen kontaktiert werden sollte, stand im einzelnen fest. Auch mögliche Verbindungsleute zu Untergrundorganisationen hatten die AA-Detektive ausfindig gemacht.
Nach Schema benachrichtigte Scheel letzten Freitag zunächst den Bundeskanzler. Scheel zu Brandt: "Es ist etwas Furchtbares passiert. Unsere Sicherheitsvorschriften haben nicht ausgereicht."
Dann beorderte der Außenminister die 20 Krisenstäbler seines Amts ins Lagezentrum im sechsten Stock des Hochhauses an der Bonner Wörthstraße. Zugleich bat Adlatus Guido Brunner noch zur Nachtzeit Brasiliens Botschafter Sergio Armando Frazao ins AA, und Scheels Personalchef Hoppe stellte für seinen Boß Verbindungen mit Rio her.
Bonns Gesandter in Rio bestätigte dem Minister, daß sich Ehrenfried von blieben pedantisch an die "Standing Order" des AA für seine Sicherheit gehalten habe. Aber, so Roehrig, "die Revolutionäre schrecken vor nichts zurück".
Wie bereits bei der Verschleppung des US-Botschafters in Brasilien (im September 1969) und des japanischen Generalkonsuls in São Paulo (im März dieses Jahres) wollen die Kidnapper offenbar auch mit ihrer jüngsten Aktion die Welt auf die immer schärfere Repression des brasilianischen Militärregimes aufmerksam machen.
Schritt für Schritt haben die Generale -- derzeit ist Kavallerie-General Emilio Garrastazú Médici Präsident -- seit ihrer Machtergreifung 1964 dem Land die härteste Diktatur Südamerikas aufgezwungen. 12 000 politische Häftlinge sitzen nach den Angaben der Internationalen Vereinigung Demokratischer Juristen in den Gefängnissen des Militärregimes.
Systematisch foltern politische Polizei und die Geheimdienste von Marine, Heer und Luftwaffe alle, die auch nur in den Verdacht regierungsfeindlicher Betätigung geraten; selbst Frauen und Kinder werden zu Geständnissen gepreßt.
Die Kenntnis brasilianischer Verhältnisse veranlaßte Scheel, nach den offiziellen Kontakten mit der Regierung in Brasilien auch geheime Verbindung zu möglichen Mittelsmännern aufzunehmen. Hilfreiche Drähte zu den Untergrund-Organisationen vermutete das AA im nordbrasilianischen Recife und in Bonn: bei dem katholischen Erzbischof Helder Pessôa Câmara, der wegen seiner sozialreformerischen Ideen als Kommunist verdächtigt wird, und bei dem brasilianischen Deutschland-Korrespondenten Mauro Santayana. Den Kirchenmann trieben die AA-Fahnder in Paris, den Pressemann in Bonn, Endenicher Straße 12, auf.
Bonns neuer AA-Staatssekretär Paul Frank verglich seine Krisenaktivität mit der seines Amtsvorgängers Duckwitz im Guatemala-Fall: Das Auswärtige Amt könne "diesmal mit gutem Gewissen sagen", alle hätten "das Menschlich-Mögliche getan".

DER SPIEGEL 25/1970
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