15.06.1970

KIEL IST KONTRAZEPTIV

Es gibt Pointen, die sind gar keine. Eine davon ist Stoltenbergs Abgang nach Kiel. Das liegt weniger am Abgang als an Stoltenberg.
Denn Gerhard Stoltenberg ist mit Haut und Haaren ein Nordmensch: so ungeheuer blauäugig im Wesen und irgendwie zu gerade für Europens übertünchte Höflichkeit, wie sie im Bonner Hinterhalt nun mal der Brauch ist. Da oben aber, in der meerumschlungenen Scholle, sind die wahren Wurzeln seiner Kraft.
Er hat, was dem Ministerpräsidenten Lemke längst abhanden gekommen ist: zumindest das Image der Effektivität. Und verglichen mit Lemkes Manier, seinen "liem schleschollscheinschn Lannsleuten" im Vorübergehen vermittels verschiedener Brummtone großväterliches Wohlwollen zu bekunden, hat Stoltenberg als Redner mindestens die mittlere Druckreife.
Außerdem haben Ihm die Kieler Parteifreunde, die er bei den Landtagswahlen 1971 vor einem Machtwechsel bewahren soll, Umfrage-Ergebnisse unter die Nase gehalten, denen zufolge Stoltenberg als einziger Politiker In Schleswig-Holstein genauso bekannt Ist wie der Landesvater Lemke; rund 80 Prozent der Bevölkerung wissen, wer er ist, während selbst unter den SPD-Anhängern nur rund 50 Prozent seinen künftigen Kontermann Jochen Steffen kennen.
Aber zum "Strauß des Nordens" (Jochen Steffen) wird Stoltenberg wohl nicht werden. So rechts ist er gar nicht, er wirkt bloß so. Er könnte das kommunistische Manifest vorlesen und würde dennoch den Eindruck hinterlassen, eine konservative Rede gehalten zu haben. Graublond wie er selber ist auch seine Theorie. Das pseudopolitische Grundmuster der CDU ist hineingewoben: Aufhebung der Konflikte durch guten Zuspruch.
Auch unter einem Krupp-Direktor stellt man sich etwas anderes vor. Stoltenberg offenbart da eher einen gewissen Nachholbedarf. Es kann wohl vorkommen, daß er seinen Dienstwagen mit Fahrer über hundert und mehr Kilometer schickt, um einen vergessenen Schirm zu holen. Andererseits verschmäht er Oberhemden nicht, die dort, wo der feine Mann sein Monogramm anbringen läßt, nur über eine schwarze Rose verfügen. Und zumindest für Ästheten haben seine Tischsitten, wie seine Hände, etwas faszinierend Ungepflegtes.
Oberhaupt erinnert er immer ein bißchen an das "hölzerne Bengele". dessen großer Bruder er sein könnte -- nur daß er halt nicht aus Rebenholz ist wie der pokulierende Diadoche Helmut Kohl aus Mainz. Aber in Kiel ist man ohnehin mehr für deutsche Eiche.
Knorrig freilich ist Gerhard Stoltenberg noch nicht. Und nie hat er seine Jugendlichkeit (ganze 41 Lenze) so dankbar als Vorzug empfunden wie eben jetzt: Torschlußpanik ist nicht sein Problem. Er hat viel Zeit, selbst noch nach 1973. Er verläßt Bonn, wie eine Zwanzigjährige einen Liebhaber verläßt: Man muß ja nicht gleich ans Heiraten denken. Lieben läßt sich derweil auch anderswo, und passieren wird schon nichts. Kiel ist für Stoltenberg kontrazeptiv.
Bonn hingegen ist auf absehbare Zeit einfach unfruchtbar. Als Anti-Schiller ist Stoltenberg schon deshalb keine optimale Besetzung, weil er den kühlen Karl viel zu gut leiden mag. Und wenn es auf Hauen und Stechen geht, mit konstruktivem Mißtrauensvotum und Regierungssturz, hat im Augenblick doch nur Barzel ernsthaft Kanzler-Chancen. Wenn es aber länger dauert mit dem Regierungssturz (und das glaubt nicht nur Stoltenberg), dann lebt es sich für den Nachwuchs solange viel angenehmer auf dem Lande; vom Regieren ganz zu schweigen.
Und zum Opponieren geht Stoltenberg ja nicht nach Kiel. Das ist bei ihm, meint er, anders als bei Heinrich Köppler, der Bonn mit Düsseldorf vertauscht hat: Der sei von vornherein darauf programmiert worden, gegebenenfalls auch den Oppositionsführer in Nordrhein-Westfalen abzugeben. Diese Order aber müßte Stoltenberg von der Partei erst noch gegeben werden.
Apropos: Ein Krupp-Direktor verdient, nach SPD-Schätzungen, um die 200 000 Mark im Jahr, der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein immerhin noch 100 400. Der Oppositionsführer, den die Kieler besolden, kriegt bloß 40 000.

DER SPIEGEL 25/1970
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