15.06.1970

DEVISEN-SPEKULATIONKleine Delle

Karl aus Frankfurt tröstete Karl aus Bonn. "Das halten wir noch eine ganze Weile aus", versicherte Bundesbank-Präsident Karl Klasen, als sein Freund, der Bonner Wirtschaftsminister Karl Schiller, sich am letzten Donnerstagmorgen bei ihm nach dem Stand der Dollarschwemme erkundigte.
Am Tag zuvor hatte die Frankfurter Zentralbank nach Bonn einen sich stündlich steigernden neuen Run auf die Mark gemeldet. Bis Geschäftsschluß um 16 Uhr hatten Spekulanten aus aller Welt rund 650 Millionen Dollar zum Tausch gegen Mark präsentiert. Schuld an der Dollar-Flut, so vermuten die Währungshüter, war ein Gerücht, das die Londoner Nachrichtenagentur Reuter in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch verbreitet hatte. Reuter hatte behauptet, Bonn plane die Bandbreite, innerhalb deren die Mark um die feste Kursrelation zum Dollar schwanken darf, zu erhöhen. Statt um 0,826 Prozent solle die Mark-Notierung des Dollars künftig um ein Prozent von der amtlichen Parität abweichen dürfen.
Der Dollar hätte dann statt zwischen 3,6300 Mark und 3,6900 Mark zwischen den Margen 3,6234 und 3,6966 hin- und herpendeln können. Die Veränderung hätte den Spekulanten für jede au deutsche Konten transferierte Dollar-Million 6600 Mark Profit gebracht.
Als am Donnerstag offenbar wurde, daß diese Rechnung nicht aufging, endete der Zustrom. Der Dollar-Kurs, der zuvor auf den unteren Interventionspunkt von 3,6300, zu dem die Bundesbank jede Devisenmenge ankaufen muß, gesackt war, stieg bis zum Freitag wieder auf 3,6344 Mark an. "Es war doch nur eine kleine Delle", frohlockte Karl Schiller. Dennoch behauptete er, der Ansturm fremder Millionen auf die deutschen Devisenplätze sei nun "eine dringendere Gefahr als die Preiswelle".
Denn schon vor der Reuter-Ente waren Woche für Woche Millionenbeträge in die Bundesrepublik geschwemmt. Schuld daran sind nicht allein die "völlig unsinnigen" (Bundesbank-Vizepräsident Otmar Emminger) Aufwertungsgerüchte, die unter den Devisenhändlern grassieren und von Schillers Staatssekretär Klaus Dieter Arndt, der seit Monaten eine neue Wechselkursänderung "nicht ausschließen mag", noch angeheizt wurden. Auch die hohen Zinsen und die starke Kreditnachfrage der Wirtschaft locken Auslandsgeld ins Land.
In der vergangenen Woche gerieten sogar die öffentlichen Hände in den Verdacht, der Bundesbank in den Rücken gefallen zu sein. Die "Frankfurter Allgemeine" hatte behauptet, verschiedene Bundesländer, darunter "auch sozialdemokratisch regierte", hätten einige hundert Millionen Mark in Zürich geliehen, um damit Ihre Konjunkturausgleichs-Rücklage zu finanzieren.
Die Meldung scheuchte die Beamten der Abteilung Geld und Kredit im Bundeswirtschaftsministerium auf. Referent Dieter Gammerdinger telephonierte alle Länder-Finanzministerien von Kiel bis München ab und erkundigte sich, ob neue Kredite aufgenommen worden seien. Doch alle Länder meldeten Fehlanzeige.
Schließlich kamen auch noch Bundesbahn und Bundespost ins Gerede. Die Verdächtigten beteuerten jedoch, daß sie nur bei inländischen Banken geborgt hätten. Sie konnten freilich nicht ausschließen, daß ihre Banken sich das Geld am Eurodollar-Markt besorgt haben.
"Die Mittelzuflüsse aus dem Ausland", so konstatierte Bundesbankier Emminger, "haben unsere Politik schon etwas beeinträchtigt, aber noch keineswegs durchkreuzt." Der Zentralbankier hofft, daß "wir den bestehenden Restriktionsgrad dennoch aufrechterhalten können". Notfalls müsse der Zentralbankrat eben die zugeflossene Liquidität wieder abschöpfen.
Schiller dagegen fürchtet, daß auch die einzigen Bremsen, die den Preisauftrieb noch dämpfen könnten, reißen. Die Bundesbank werde, so Schiller am letzten Freitag, möglicherweise gezwungen, ihre Politik aufzugeben, weil die hohen Zinsen und die Liquiditätsverknappung immer noch mehr Geld anlocken und dadurch den Preisauftrieb verschärfen könnten. Schiller: "Es ist möglich, daß wir umrüsten müssen auf eine neue Policy-Mix."
Wie die Mixtur aussehen müßte, ließ er im Halbdunkel. Er orakelte nur, dann sei eben etwas weniger Aktivität aus Frankfurt und etwas mehr aus Bonn vonnöten. Weil jedoch keineswegs feststeht, daß Schiller in den nächsten Wochen mit Steuerplänen im Kabinett reüssiert, funktionierte sein Staatssekretär Arndt die Devisen-Misere vorsorglich in eine Erfolgs-Meldung um.
Arndt über die Dollarschwemme: "Es gibt wohl keinen besseren Vertrauensbeweis der Welt für die Stabilitätspolitik der Bundesregierung."

DER SPIEGEL 25/1970
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